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Parallelbetreuung

Die Verantwortung liegt beim Schulleiter

Wenn ein Kollege überraschend weg bleibt, müssen Lehrer manchmal zwei Klassen gleichzeitig unterrichten. Doch ist das überhaupt erlaubt? Immerhin verlangt die Aufsichtspflicht nach einer kontinuierlichen Betreuung der Schüler.

Parallelbetreuung: Die Verantwortung liegt beim Schulleiter Eine Parallelbetreuung ist zulässig, wenn ein Lehrer Sichtkontakt zu der anderen Klasse herstellen kann © iStockphoto.com/Robert Mandel

Weil der Kollege aus dem Nachbarraum plötzlich krank geworden ist, soll Annette Kubisch seine Klasse mitunterrichten. An ihrer Schule hat es sich eingebürgert, dass die Kinder und Jugendlichen in so einem Fall Übungsaufgaben bearbeiten. Beaufsichtigt werden sie dabei vom Lehrer aus dem Klassenraum nebenan, der in unregelmäßigen Abständen nach dem Rechten sieht. Doch Kubisch weigert sich. Eine konstante Aufsicht sei so nicht möglich, argumentiert die 34-jährige Realschullehrerin. Sie wolle nicht die Verantwortung für zwei Klassen gleichzeitig übernehmen, von denen sie nur eine im Blick haben könne. Ihr Schulleiter hat dafür allerdings kein Verständnis.
Der Gesetzgeber verlangt, dass Schüler aktiv, präventiv und kontinuierlich beaufsichtigt werden. Besonders die Forderung nach Kontinuität wird häufig so verstanden, dass Kinder und Jugendliche unter Dauerbeobachtung stehen müssen. Doch das stimmt nicht: Einerseits reicht es aus, wenn die Schüler sich nicht unbeaufsichtigt fühlen, wovon ausgegangen werden kann, wenn theoretisch jederzeit ein Lehrer den Klassenraum betreten könnte. Anderseits soll Schule aber auch zu Verantwortungsbewusstsein und selbständigem Handeln erziehen, ein Auftrag, der nicht so recht mit einer durchgehenden Überwachung in Einklang zu bringen ist.

Mehr zum Thema:

Die Aufsichtspflicht leitet sich aus Gesetzen des BGB ab. Daher gilt sie deutschlandweit. Länderspezifische Abweichungen betreffen lediglich Details. Die Niedersächsische Landesschulbehörde erklärt, worauf es bei der Aufsicht ankommt.

Informationen zur Aufsichtspflicht, ihrem gesetzlichen Hintergrund und wichtigen Gerichtsurteilen finden Sie hier.

Die Landesverbände der Gewerkschaften bieten ihren Mitgliedern oft eine kostenlose Rechtsberatung.

Wenn etwas passiert, hilft in vielen Fällen die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung. Beim Bundesverband der Unfallkassen gibt es dazu weitere Informationen.

Sichtkontakt zur anderen Klasse

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes hält, die parallele Betreuung von zwei Schulklassen dementsprechend für legitim und nennt fünf Voraussetzungen, die hierfür gegeben sein müssen: „Eine solche Situation ist zulässig, wenn eine Aufsicht zumindest mit relativem Sichtkontakt gegeben ist (also die Lehrkraft mit einer geringfügigen Ortsveränderung Sichtkontakt zur anderen Klasse herstellen kann), wenn die Klassen nahe beieinander liegen oder gar einen gemeinsamen Raum belegen können, wenn den Schülern entsprechend ihrem Alter bzw. Reifegrad ein ordentliches Verhalten zuzutrauen ist, wenn es sich nicht um gefährliche Aktivitäten (gefährliche Sportarten, gefährliche Experimente) handelt und wenn den Klassen zuvor eindeutige Anweisungen gegeben wurden.“ Zu verantworten habe dies letztlich der Schulleiter.

Kaum gesetzliche Vorgaben

Ebenso wie bei den meisten anderen Problemen aus dem Bereich der Aufsichtspflicht sind auch in diesem Fall konkrete gesetzliche Vorschriften kaum vorhanden. Ob eine Parallelbetreuung von zwei Klassen vorgenommen werden darf, ist also Ermessensache und muss unter Berücksichtigung von räumlichen Gegebenheiten, typischem Verhalten der Schüler und Art des Unterrichts individuell eingeschätzt werden.
Heidemarie Schuldt, Juristin bei der GEW Niedersachsen, weist zudem darauf hin, dass es nur in Ausnahmefällen vorkommen darf, eine Klasse aus dem Nachbarraum zu unterrichten. Nämlich dann, wenn ein Verlassen des Unterrichtsraums „aus zwingenden dienstlichen oder persönlichen (plötzliches Unwohlsein) Gründen nicht zu vermeiden ist“. In diesem Fall sei anzuraten, „sofort Abhilfe über den Schulleiter – und damit den Einsatz der in § 62 Absatz 2 des Niedersächsischen Schulgesetzes genannten Personen – sicherzustellen.“  Sollen zwei Klassen parallel unterrichtet werden, muss das also immer in Absprache mit dem Schulleiter geschehen. Dieser muss den jeweiligen Einzelfall mit beurteilen, und kann dementsprechend auch zur Verantwortung gezogen werden, wenn in der lehrerlosen Klasse etwas passieren sollte.

Stefan Hirsch


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