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Misshandlung

Häusliche Gewalt: So können Sie eingreifen

Wenn Schüler in der Familie misshandelt oder vernachlässigt werden, geht das auch die Schule etwas an. Doch welche Stellen sind zuständig? Wie geht man bei einem begründeten Verdacht vor? Und was sollte man unbedingt vermeiden?

Misshandlung: Häusliche Gewalt: So können Sie eingreifen Sozialer Rückzug und plötzliches Schulversagen sind typische Reaktionen auf Misshandlungen © Stefanie B. - Fotolia.com

Seit zwei Monaten fällt der Lehrerin Frau B. auf, dass sich die 10-jährige Jessica stark verändert: Auf dem Pausenhof steht sie meistens allein, ihre Schulleistungen fallen ab, sie wirkt verängstigt und trägt selbst an heißen Sommertagen langärmlige T-Shirts. Als auch die Sportlehrerin auffallend viele blaue Flecken, Kratzer und Schürfwunden bei dem Kind feststellt, ist Frau B. fast sicher: Jessica wird zu Hause körperlich misshandelt.

Die Autoren der Broschüre „Kinderschutz geht alle an!“ erläutern die rechtlichen Grundlagen detailliert: Verbeamtete Lehrer schwören bei ihrem Diensteid auf die Rechtsordnung der Bundesrepublik Deutschland und auf eine gewissenhafte Erfüllung ihrer Amtspflichten. Dazu gehören die öffentlich-rechtliche Fürsorgepflicht (Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG) und der staatliche Erziehungsauftrag (Art. 7 GG). Sie verpflichten Lehrer dazu, die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen vor Schaden zu bewahren. Bei angestellten Lehrern ergeben sich Fürsorge- und Aufsichtspflichten direkt aus dem Arbeitsvertrag.

Wer passiv bleibt, kann sich strafbar machen

Auf Länder- und Schulebene gibt es weiter keine einheitlichen gesetzlichen Regelungen. Viele Bundesländer haben aber in den Schulgesetzen die Handlungs- und Informationspflichten für Lehrer und Schulleitung festgelegt. (Die betreffenden Paragrafen im Wortlaut stehen auf S. 33 der oben genannten Kinderschutz-Broschüre). Auch in den Satzungen und Schulprogrammen vieler Schulen ist die generelle Pflicht verankert, bei Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung aktiv zu werden. Bleiben Lehrer bei klaren Anzeichen für eine Gefährdung des Kindeswohls passiv, so drohen ihnen disziplinar- und arbeitsrechtliche Konsequenzen. Möglicherweise machen sie sich sogar wegen eines Unterlassungsdeliktes strafbar: unterlassene Hilfeleistung (§ 323c StGB), Misshandlung Schutzbefohlener durch Unterlassung (§§ 225, 13 StGB) oder Körperverletzung im Amt durch Unterlassen (§§ 340, 13 StGB).   

Weiterführende Links:

Die Website der „Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen“ zeigt in einem übersichtlichen Fließdiagramm, wie Lehrer beim Verdacht von häuslicher Gewalt vorgehen sollten und erläutert wesentliche Fragen: Wie sollten sich Lehrer gegenüber betroffenen Kindern verhalten? Was ist beim Gespräch mit der Mutter zu beachten und was bei einer Meldung beim Jugendamt?

„Kindeswohlgefährdung – Erkennen und Helfen“: Die Publikation des Kinderschutz-Zentrums in Berlin informiert vor allem Menschen in erzieherischen Berufen umfassend über alle Facetten des Kinderschutzes.

Auch bei begründetem Verdacht: Dienstweg einhalten

Bei allen wesentlichen Entscheidungen und besonders vor jeder nach außen gerichteten Aktion müssen Lehrer den Dienstweg einhalten und sich mit der Schulleitung abstimmen. Das gilt selbst dann, wenn schnelles Handeln geboten ist, um in einem akuten Fall einzugreifen. Eigenmächtiges Handeln käme einer Verletzung der Dienstpflicht gleich und kann disziplinarrechtliche – bei angestellten Lehrern arbeitsrechtliche – Folgen haben. Der Schulleiter seinerseits ist dazu angehalten, die Lehrer „bei der Erfüllung ihrer Pflichten bestmöglich zu unterstützen“ (Kinderschutz-Broschüre, S. 34).

Hinweise dokumentieren und Rat von Experten holen

Schon bei ersten Anzeichen sollten Lehrer alle Hinweise auf eine mögliche Misshandlung dokumentieren. Das erleichtert eine objektive Schilderung beim Jugendamt oder bei der Polizei. Unbewiesene Vermutungen, z. B. voreilige Schlüsse auf den Täter, könnten eine Anzeige wegen übler Nachrede (§ 186 StGB) oder Verleumdung (§ 187 StGB) nach sich ziehen. „In vielen Fällen ist es sinnvoll oder sogar notwendig, von außerhalb eine fachliche Expertise zur Gefährdungseinschätzung hinzuzuziehen“ betonen die Autoren der Kinderschutz-Broschüre (S. 22). Besteht bei Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung ein dringender Handlungsbedarf, „so sind die Jugendämter im Rahmen ihres Schutzauftrags (...) dazu verpflichtet, sich unverzüglich einen Überblick über die Gefährdungssituation zu verschaffen und die notwendigen Schritte einzuleiten, um eine (weitere) Kindeswohlgefährdung abzuwenden“ (S. 24). Auch die Schulgesetze derjenigen Bundesländer, die den Umgang mit häuslicher Gewalt berücksichtigen, verweisen in gravierenden Fällen immer auf das Jugendamt.

Daneben unterstützen auch viele private Einrichtungen im Bereich der Jugendhilfe betroffene Kinder und ihre Familien mit Rat und Hilfe. Über die Leistungen von Kinder- und Jugendnotdiensten, Kinderschutzzentren, Erziehungs- und Familienberatungsstellen informiert die Kinderschutz-Broschüre ab S. 28. Grundsätzlich sollte die Schule immer die Eltern auf die Verdachtsmomente hinweisen und sie auffordern, die Hilfe des Jugendamtes in Anspruch zu nehmen. Wenn aber zu befürchten ist, dass „durch die Beteiligung der Eltern der wirksame Schutz des Kindes infrage gestellt wird, ist die Schule befugt, das Jugendamt unmittelbar zu informieren“ (Kinderschutz-Broschüre, S. 34).

Wann sollte die Polizei eingeschaltet werden?

Bei „akuter Gefahr für Leib und Leben eines Kindes“ empfiehlt das Kinderschutz-Zentrum Berlin (Kindeswohlgefährdung. Erkennen und Helfen, S. 74), die Polizei zu informieren. Aber auch dann, „wenn mögliche Spuren oder Beweismittel im häuslichen Bereich gesichert werden müssen (...), wenn die Angaben der Bezugspersonen zur Entstehung von Verletzungen überprüft werden müssen (z. B. bei Verbrennungen und Verbrühungen) oder wenn andere Minderjährige potentiell Gefahren ausgesetzt sind“ (ebd., S. 74). Zum Schutz des Kindes kann auch eine Strafanzeige geboten sein. Eine gesetzlich bestimmte Anzeigepflicht wie bei Kapitalverbrechen besteht jedoch bei Körperverletzungen nicht. Wichtig: Es liegt im Ermessen des Schulleiters, ob die Schule Strafanzeige erstattet oder nicht.

Martina Niekrawietz

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