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Unfälle

Haftungsrisiko: Vorsicht bei Experimenten im Chemieunterricht

Der Umgang mit Gefahrstoffen im Chemieunterricht birgt Risiken. Wenn Schüler bei einem chemischen Experiment zu Schaden kommen, sind rechtliche Folgen oft nicht zu vermeiden. Dann ist es von Vorteil, über die gesetzlichen Regelungen informiert zu sein.

Unfälle: Haftungsrisiko: Vorsicht bei Experimenten im Chemieunterricht Die Sicherheit bei chemischen Experimenten muss großgeschrieben und die Schüler informiert werden © Monkey Business - Fotolia.com

Verglichen mit dem Sportunterricht ist die Unfallquote im Fach Chemie verschwindend gering. Wenn es aber passiert, kommt es oft zu schweren Verletzungen, z. B. durch Vergiftungen, Verbrennungen oder Verätzungen. Besonders häufig entstehen Verletzungen jedoch durch Splitter zerspringender Gefäße.

Nicht selten sind mehrere Personen betroffen, meist ist ein stationärer Krankenhausaufenthalt erforderlich und manchmal behalten die Unfallopfer auch bleibende Schäden zurück. Hinzu kommen möglicherweise noch Einsätze von Rettungskräften oder hohe Sachschäden — zusammengenommen also immense Kosten, die einen Lehrer im Haftungsfall schwer belasten würden.

Amtshaftung bei Experimenten im Unterricht

Für Unfälle im Schulunterricht haften Lehrer nur bei grob fahrlässiger oder vorsätzlicher Verletzung der Amtspflicht. Mögliche Schadensersatz- oder Schmerzensgeld-Ansprüche gehen grundsätzlich zunächst auf den Dienstherrn des Lehrers über (Amtshaftung). In diesem Fall übernimmt die gesetzliche Unfallversicherung die Kosten.

Weiterführende Hinweise:

Eine Möglichkeit für Chemielehrer, die Risiken bei Experimenten zu senken, sind qualifizierte Fortbildungen. Adressdaten von Lehrerfortbildungszentren in den verschiedenen Ländern bietet die Gesellschaft Deutscher Chemiker in diesem Flyer.

„Sicherheit im Chemieunterricht“ — die wichtigsten Regeln für Lehrende und Schüler im Überblick hat der Lehrstuhl für Didaktik der Chemie auf der Website der Uni Bielefeld veröffentlicht.

Typische Chemieunfälle fasst Professor Blume auf seiner Website chemieunterricht.de zusammen: Für Lehrer naturwissenschaftlicher Fächer eine nützliche Sammlung abschreckender Beispiele, z. B. bei den obligatorischen, turnusmäßigen Sicherheitsbelehrungen im Experimentalunterricht.

Mit ihrer Broschüre „Sichere Schule — Chemie“ informiert die Unfallkasse Nordrhein-Westfalen über die erforderliche Ausstattung von Unterrichts- und Vorbereitungsräumen, über Gefahrstoffmanagement, Tätigkeiten mit Gefahrstoffen und über notwendige Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Unfällen.

Die Gesetzesgrundlage dafür bietet das Grundgesetz. Dort heißt es in Art. 34: „Verletzt jemand in Ausübung eines ihm anvertrauten öffentlichen Amtes die ihm einem Dritten gegenüber obliegende Amtspflicht, so trifft die Verantwortlichkeit grundsätzlich den Staat oder die Körperschaft, in deren Dienst er steht.“ Dabei ist es unerheblich, ob die Lehrkraft verbeamtet oder angestellt ist, wichtig ist nur, dass sie „mit einem öffentlichen Amt betraut“ ist (Online-Lexikon der Website „Juraforum“).

Regresspflicht bei grob fahrlässigem oder vorsätzlichem Handeln

Die gesetzliche Unfallversicherung kommt selbst dann für die Haftungskosten auf, wenn ein Lehrer fahrlässig gehandelt hat. Bei einer grob fahrlässigen oder vorsätzlichen Verletzung der Amtspflicht kann die Versicherung jedoch Regressforderungen geltend machen, wie Art. 34 des Grundgesetzes in Satz 2 festlegt: „Bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit bleibt der Rückgriff vorbehalten.“

Doch was genau bedeutet „grob fahrlässig“? Der „Verband Bildung und Erziehung — VBE“ in Nordrhein-Westfalen erläutert das auf seiner Website folgendermaßen: „Grobe Fahrlässigkeit liegt vor, wenn die im Verkehr erforderliche Sorgfalt im besonders schweren Maße verletzt worden ist.“ Das bedeutet, dass schon „einfachste, ganz naheliegende Überlegungen nicht angestellt werden“ und dass „das nicht beachtet wird, was im gegebenen Fall jedem einleuchten musste.“ — Dies wäre z. B. im Chemieunterricht der Fall, wenn ein Lehrer zulässt, dass seine Schüler mit nicht handhabungssicheren Stoffen experimentieren und durch eine Explosion verletzt werden.

Um mögliche Regressansprüche aufzufangen, empfiehlt sich für Lehrer in jedem Fall eine Berufshaftpflichtversicherung. Bei vielen Anbietern lässt sich die private Haftpflichtversicherung für nur wenige Euro zusätzlich um den beruflichen Versicherungsschutz erweitern.

Mitverschulden von Schülern und die Verantwortung des Schulleiters

Für die Sicherheit bei chemischen Experimenten trägt die Lehrkraft die Hauptverantwortung. Verursacht aber ein Schüler einen Unfall, etwa weil er die Anweisungen des Lehrers mutwillig missachtet, kann sich dieses „Mitverschulden“ haftungsmindernd auswirken. Für die Sicherheit der schulischen Einrichtungen und Unterrichtsräume sind der Schulleiter und der von ihm benannte Sicherheitsbeauftragte zuständig.

Aufgrund von Sparmaßnahmen der Schulträger seien Chemieräume jedoch nicht immer optimal ausgestattet, bemängelt die Tageszeitung „Die Welt“ in einem Beitrag mit dem Titel „So gefährlich ist der Chemieunterricht“. Viele Räume seien außerdem in einem Zustand, der es erschwere, die Sicherheitsvorschriften einzuhalten. — Eine vertrackte Situation für Lehrer, die dann entweder ein erhöhtes Risiko in Kauf nehmen oder aber auf manche Unterrichtsexperimente verzichten müssen.  

Verhaltens-Tipps für den Ernstfall

Wer einen Unfall miterlebt hat, befindet sich in einer Ausnahmesituation und sollte dann besser keine Angaben zum Unfallhergang und zu Fragen der Aufsichtsführung machen. Die GEW betont in ihrem „Ratgeber Aufsichtspflicht“ (S. 3) eindringlich, zuerst eine Rechtsauskunft einzuholen und weder schriftlich noch mündlich ein Verschulden einzugestehen.

Martina Niekrawietz

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