Fach/Thema/Bereich wählen
Straftaten

Strafrechtliche Konsequenzen bei jugendlicher Gewalt

Manchmal sind es gemeine Worte, manchmal aber auch ein blaues Auge: Gewalt unter Kindern und Jugendlichen gehört zur Schulrealität. Welche Konsequenzen hat das für die betroffenen Schüler und wie sollte sich eine Lehrkraft verhalten? Ein Fallbeispiel.

Straftaten: Strafrechtliche Konsequenzen bei jugendlicher Gewalt Schüler können ab 14 Jahren jugendstrafrechtlich belangt werden © iStockphoto.com/monjkeybusinessimages

Hauptschullehrer Matthias B. ist besorgt: Seit zwei Wochen versucht er, den Konflikt zweier Cliquen seiner Klasse 8 C zu lösen. Doch die Situation bleibt angespannt. Die Schüler beschimpfen und beleidigen sich gegenseitig. Einige Eltern beschweren sich, weil ihren Kindern Schulsachen entwendet oder Fahrradreifen zerstochen wurden. Schließlich kommt es zu einer Prügelei der beiden „Anführer“ auf dem Schulhof. Dabei schlägt der 14-jährige Mario so hart zu, dass er dem gleichaltrigen Jan die Nase bricht. Klassenlehrer B. hat Pausenaufsicht und stellt Mario sofort zur Rede. Wütend erklärt der Junge: „Jan hat absichtlich mein neues Smartphone kaputt gemacht!“ Am selben Tag erstatten die Eltern beider Jungen Strafanzeige.
Dieser Fall birgt eine ganze Reihe von Straftaten, für die alle Achtklässler jugendstrafrechtlich belangt werden können, die bereits 14 Jahre alt sind. Dann nämlich sind Jugendliche strafmündig – für sie gelten die Verbotsnormen des Strafgesetzbuches. Folgende Bestimmungen kommen in Betracht: beim Smartphone und bei den zerstochenen Fahrradreifen Sachbeschädigung (§ 303 StGB), bei der Schlägerei in der Pause Körperverletzung (§ 223 StGB) und Beleidigung (§ 185 StGB), möglicherweise verbunden mit übler Nachrede (§ 186) oder Verleumdung (§ 187). Wer anderen die Schulsachen wegnimmt, kann wegen Diebstahls verfolgt werden (§ 242 StGB).
Die Altersgrenze von 14 Jahren im deutschen Strafrecht gilt auch bei schwerwiegenden Taten: Selbst Delikte wie Tötung oder schwerer Raub werden bei bis zu 13-Jährigen strafrechtlich nicht verfolgt. Zivilrechtlich allerdings schon: Kinder haften bereits ab sieben Jahren für Schäden, soweit sie bei der Tat „die zur Erkenntnis der Verantwortlichkeit erforderliche Einsicht“ (§§ 823 Abs. 1, 828 BGB) mitbringen. Für berechtigte Schadensersatz- oder Schmerzensgeldforderungen müssten folglich auch die 13-jährigen Achtklässler aufkommen.

Weiterführende Informationen:

Die Publikation „Herausforderung Gewalt: Von körperlicher Aggression bis Cybermobbing“ informiert Lehrer und pädagogische Fachkräfte über Strategien zur Gewaltintervention und –prävention. Für die praktische Arbeit gibt es eine umfangreiche Sammlung von Materialien für Unterricht und Schule.

Juristen kritisieren immer wieder die immensen Unterschiede bei den Diversionsraten in den verschiedenen Bundesländern – so auch Prof. Dr. Wolfgang Heinz bei einem Vortrag zur aktuellen Sanktionierungspraxis im Jugendstrafrecht in der Evangelischen Akademie Bad Broll.

Coolness-Training, Sozial-Kompetenz-Training, Peer-Mediation, SchülerInnenstreitschlichtung, Krisenintervention: Den schnellen Überblick über „Maßnahmen zur Gewalt-Prävention“ gibt eine Broschüre der Münchner Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik e.V. und des Instituts für Gewaltprävention.

Mögliche jugendstrafrechtliche Sanktionen

Die wesentlichen Aspekte dieses Themas fasst die Rechtswissenschaftlerin Prof. Dr. Rita Bannenberg in der Broschüre „Herausforderung – Gewalt“ zusammen: Während das Erwachsenen-Strafrecht nur Geld- und Freiheitsstrafen vorsieht, bietet das Jugendgerichtsgesetz (JGG) wesentlich differenziertere Sanktionsmöglichkeiten. Werden jugendliche Straftäter verurteilt, ordnet der Richter formelle Maßnahmen an, entweder „Erziehungsmaßregeln“ (Weisungen, Hilfen zur Erziehung), „Zuchtmittel“ (Verwarnung, Auflagen, Jugendarrest) oder – als Ultima Ratio – eine „Jugendstrafe“ (Haftstrafe).
In der Mehrzahl der leichten Fälle beschränken sich die Gerichte jedoch auf informelle Sanktionen, die auch mit dem Begriff „Diversion“ umschrieben werden (Lateinisch: divertere = abschweifen, abbiegen, sich anderswohin wenden). Für jugendliche Straftäter bedeutet das eine Einstellung des Verfahrens (§ 47 JGG) bzw. Verzicht auf eine Anklage (§ 45 JGG). Dies ist allerdings meist mit erzieherischen Maßnahmen verbunden: gemeinnützige Arbeiten, therapeutische Gespräche oder Bemühungen um einen Ausgleich mit dem Opfer.
Jan und Mario, die beiden 14-jährigen Hauptschüler, sind bisher strafrechtlich nicht aufgefallen. Als Ersttäter haben sie gute Chancen auf eine informelle Lösung ohne Eintrag ins Erziehungs- oder Strafregister. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass sie geständig sind und sich bei möglichen Auflagen kooperativ zeigen.

Schulen, Kommunen und Polizei müssen zusammenarbeiten

Bei den informellen Maßnahmen des Jugendstrafrechts geht es vorrangig um die Erziehung der Jugendlichen und um das Vermeiden weiterer Straftaten. Rita Bannenberg betont jedoch, „dass das Strafrecht allein soziale Fehlentwicklungen und Gewaltkreisläufe nicht unterbrechen kann.“ Erfolg verspreche erst das Zusammenwirken von sozialer und strafrechtlicher Kontrolle durch vernetzte Strategien zwischen Schulen, Kommunen und der Polizei.
Im Fall von Jan und Mario bemühen sich Schul- und Klassenleitung um eine enge Zusammenarbeit mit der Jugendgerichtshilfe und der Staatsanwaltschaft. Ziel ist dabei zunächst, die schulischen Ordnungs- und Erziehungsmaßnahmen mit den Diversionsauflagen abzustimmen. Die Strafanzeigen gegen die beiden Schüler erweisen sich als heilsamer Schock für die übrigen Achtklässler. Einige befürchten, selbst angezeigt zu werden. Zwischen den beiden Cliquen herrscht „Waffenstillstand“. Trotzdem verwendet Lehrer B. nun mehr Zeit für Gespräche und Aktionen, die das Zusammengehörigkeitsgefühl der Klasse stärken sollen. Gemeinsam mit den Schülern erarbeitet er verbindliche Klassenregeln für einen respektvollen, gewaltfreien Umgang miteinander. Mit der Schulpsychologin und dem Schulleiter veranstaltet er einen Klassen-Elternabend, um die Vorkommnisse der vergangenen Wochen zu besprechen und Unstimmigkeiten auszuräumen.

Martina Niekrawietz

Dazu passender Ratgeber

Mehr zu Ratgeber Schule
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×