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Rechtsstreit

Wenn die Fünf ein Fall fürs Gericht wird

Schlechte Zensuren machen schlechte Laune. Wenn die Fünf in Mathe gar dazu führt, dass die Versetzung scheitert, erwägen nicht wenige Eltern, vor Gericht zu gehen. Um Ärger vorzubeugen ist es wichtig, dass die Notenvergabe transparent und gut begründet ist.

Rechtsstreit: Wenn die Fünf ein Fall fürs Gericht wird Wenn das Zeugnis nicht so ausfällt wie gewünscht, dann schalten manche Eltern einen Rechtsanwalt ein © Marco2811 - Fotolia.com

Maja Stein findet es schade, wenn Schüler eine Klassenstufe wiederholen müssen, ihr Mitleid mit Sitzenbleibern hält sich dennoch in Grenzen: „Meist ist es ja vorher abzusehen, dass das Klassenziel möglicherweise nicht erreicht wird. Viele werden allerdings erst aktiv, wenn es zu spät ist“, sagt die Realschullehrerin. Besonders, wenn die Eltern des Betroffenen nicht unbedingt damit gerechnet haben, kann es zu unschönen Situationen kommen: „Da wird schon mal mit Klagen und Dienstaufsichtsbeschwerden gedroht.“

Schlechte Noten allein sind noch kein Klagegrund

Die Voraussetzungen für das Aufrücken ins nächste Schuljahr variieren nach Bundesland und Schulform.

Die ungeliebte „Ehrenrunde“ muss meistens dann gedreht werden, wenn zwei Fächer mit „mangelhaft“ bewertet werden und nicht durch gute Noten in Fächern mit ähnlicher Wochenstundenzahl ausgeglichen werden können. Je nach Vorgeschichte des Schülers droht dann möglicherweise auch eine „Abschulung“. Es wird ein Wechsel auf die nächstniedrigere Schulform verlangt.

Links zum Thema:

Laut einer — nicht ganz unumstrittenen — Studie der Bertelsmann-Stiftung ist Sitzenbleiben pädagogisch unwirksam und teuer. Hier lesen Sie, weswegen.

Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes, begründet in einem Interview die Gegenposition.

Nach welchen Regeln bei der Zensurenvergabe vorgegangen werden muss, ist in den Zeugnisverordnungen der Bundesländer festgelegt. Als Beispiel sei hier auf die Vorschriften für Schleswig-Holstein verwiesen, in anderen Ländern gelten ganz ähnliche Normen.

Bleibt eine schlechte Note folgenlos, haben Schüler und Eltern kaum eine Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen. Zwar steht es jedem frei, das Gespräch zu suchen oder sich beim zuständigen Schulleiter zu beschweren, doch einen Rechtsanspruch auf eine genauere Inspektion der strittigen Zensur gibt es nicht. Hat sie hingegen Auswirkungen auf die rechtliche Stellung des Betroffenen, sieht das anders aus. Schulrechtsexperte Günther Hoegg sagt in einem NTV-Interview: „Ist eine Note entscheidend für das Sitzenbleiben eines Schülers, kann diese gerichtlich überprüft werden.“

Richter rechnen keine Matheaufgaben nach

Dabei kommt es vor allem darauf an, ob die formalen Vorgaben erfüllt wurden. Wurden genügend Klassenarbeiten geschrieben? Wurden mündliche und schriftliche Teilnoten im vorgegebenen Verhältnis gewichtet?

Werden hier Fehler offenbar, kann das gravierende Folgen haben: Wenn zum Beispiel zu wenig Arbeiten geschrieben wurden und der klagende Schüler durch eine gute Note in einer zusätzlichen Klausur seinen Durchschnitt auf „ausreichend“ verbessern hätte können, hat die schlechte Jahresendzensur keinen Bestand.

Fällt mit ihr auch der Grund für die Nichtversetzung weg, darf dem Betroffenen nicht verwehrt werden, in die nächste Jahrgangsstufe aufzurücken. Wie sich die Teilnoten ergeben, wird dagegen in der Regel nicht diskutiert, hier genießen Lehrer einen Vertrauensvorschuss. Hoegg sagt: „Die Richter rechnen nicht die Matheaufgabe nach.“

Zensuren müssen nicht rein mathematisch ermittelt werden

Auch müssen Zensuren nicht rein arithmetisch ermittelt werden, ein Aufwerten aus pädagogischen Gründen ist ebenso zulässig, wie die Vergabe einer schlechteren Note aufgrund einer ungünstigen Leistungsentwicklung.

Das sicher prominenteste Urteil hierzu ist eine Entscheidung, die 2010 vom Braunschweiger Verwaltungsgericht gefällt wurde (Aktenzeichen: 6 B 149/10). Ein Siebtklässler stand am Ende des Schuljahres in Französisch auf 4,41. Unter mathematischen Gesichtspunkten ein klarer Fall, die Zensur hätte zu einer Vier abgerundet werden müssen. Seine Lehrerin wollte jedoch auch das Nachlassen seiner Leistungen und seine laxe Arbeitsauffassung berücksichtigt sehen und gab ihm eine Fünf.

Da es nicht seine einzige schlechte Note war, wurde er nicht versetzt. Seine Eltern klagten dagegen, doch die Bewertung erfolgte zu Recht, entschieden die Braunschweiger Richter „Die Lehrkräfte sind bei der Vergabe von Zeugnisnoten nicht strikt an die […] rechnerische Gesamtnote gebunden. Sie haben bei der Notenvergabe in pädagogischer Verantwortung eine Gesamtbewertung vorzunehmen, die die Beobachtungen im Unterricht sowie die Lern- und Leistungsentwicklung berücksichtigt“, heißt es in der Urteilsbegründung.

Nachvollziehbarkeit ist entscheidend

Deutlich wird hier jedoch auch: Die Notenvergabe muss transparent sein. Nur wenn nachvollziehbar gemacht werden kann, wie sich eine Zensur zusammensetzt und welche pädagogischen Überlegungen ihr zugrunde liegen, besteht die Chance, dass sie einer gerichtlichen Überprüfung standhält.

Stefan Hirsch

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