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Rhythmisierung des Tages

Auch Jugendliche brauchen Rituale

Rituale geben dem Unterrichtstag eine klare Struktur, stärken die Beziehungen zwischen Lehrkraft und Jugendlichen sowie das Miteinander in der Klasse. Außerdem helfen sie bei der Rhythmisierung des Unterrichtstages.

Rhythmisierung des Tages: Auch Jugendliche brauchen Rituale Ein Ritual kann es sein, per Blitzlicht die Stimmung abzufragen © Kzenon - stock.adobe.com

Auf der Beziehungsebene muss es stimmen, sonst ist es mit dem Vermitteln von Lerninhalten Essig. Das weiß Lehrer Barry White Jr. aus North Carolina. Jeden Morgen begrüßt er seine Schülerinnen und Schüler an der Klassenzimmertür auf ganz besondere Weise: mit einem kleinen Tänzchen oder mit Abklatschen. Nicht etwa mit der ganzen Gruppe auf einmal, sondern mit jedem einzelnen Kind seiner 5. Klasse. 

Wie das dann aussieht, zeigt dieses Video: Es ist eine eher berührungsintensive Angelegenheit, die für Lehrkräfte hierzulande in dieser Form nicht infrage kommt. Trotzdem ist es unbedingt sinnvoll, immer wieder einmal morgens vor der ersten Stunde jeden einzelnen Schüler und jede einzelne Schülerin individuell zu begrüßen. Vielleicht mit einem freundlichen „Wie geht es dir heute“, mit einem Handschlag, High-Five oder – in Corona-Zeiten – mit einem Fuß- beziehungsweise Faust-Check. Ihre Schülerinnen und Schüler fühlen sich gesehen. Und das stärkt die Beziehung zwischen Lehrkraft und Jugendlichen und fördert unterm Strich die Lernbereitschaft. 

Offene Anfänge: Erst mal in Ruhe ankommen 

Nun müssen die Jugendlichen für eine individuelle Begrüßung auch nicht unbedingt in Reihe anstehen, es geht auch ganz zwanglos, wie Ann-Marie Backmann in ihrem Lehrerblog „beziehungsweise Schule“ schildert. 

Bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern ist sie morgens vor der ersten Stunde schon früher im Klassenraum. Die Kids haben Gelegenheit, mit ihr zu plaudern, in Ruhe auszupacken oder nochmal in ein Brötchen zu beißen. In ihrer eigenen Klasse lässt sie auch mal Musik laufen, und es darf dazu getanzt werden. 

Ab der Mittelstufe wäre das den meisten vermutlich „viel zu peinlich“. In den ersten Minuten vor Stundenbeginn tröpfeln die Jugendlichen meist mit einem „hallo“ oder „guten Morgen“ herein, und früher startete die Lehrerin mit einem „So, dann wollen wir mal!“, wenn die Klasse vollzählig war. 

Diese Eröffnungsformel war natürlich nicht besonders beziehungsstiftend, und Frau Backmann überlegte sich einen neuen Satz: Es wurde ein herzliches „Schön, euch zu sehen!“ daraus. 

Ein Energizer zum Stundenbeginn

Nach einem gleitenden Anfang könnte die gemeinsame Arbeitsphase dann mit einem schwungvollen Ritual starten. Zum Beispiel mit einem rhythmisch unterlegten Sprechchor, wie in dem Video „Begrüßung zum Mathematikunterricht einmal anders“. Um hierbei synchron zu sein, müssen die Ausführenden aufeinander hören und auf die anderen schauen – meist ein beglückendes Gemeinschaftserlebnis für die ganze Klasse. Zugleich agieren sie sich dabei lautstark und mit Bewegung aus. Danach sind garantiert alle wach, und es kann losgehen. Die einfache Choreografie dieses Energizers lässt sich auch ganz leicht für andere Situationen nutzen, z. B. für eine kleine Aufräumaktion oder für eine kurze Bewegungspause zwischen zwei Unterrichtsphasen. Ein weiterer Vorteil: Bei diesem Ritual können auch Schüler und Schülerinnen mit geringen Sprachkenntnissen ohne Einschränkungen mitmachen.

Schnelle Stimmungsabfrage 

Wenn pubertierende Kids morgens eher noch müde und zurückhaltend sind, rät Frau Backmann zu einem kurzen Blitzlicht oder zu einer schnellen Daumenabfrage, „um die Stimmung im Kurs einzufangen“ (ebd.). So fühlen sich die Jugendlichen gesehen, ohne dass sie dazu genötigt wären, allzu viel von sich preiszugeben. 

Wie und in welchen Situationen näher auf negative Rückmeldungen bzw. Beiträge oder Probleme eingegangen werden soll, könnten Sie mit den Jugendlichen gemeinsam aushandeln. Wenn beispielsweise der Großteil der Klasse „Daumen runter“ gibt, könnte eine kurze Abstimmung erfolgen, ob Redebedarf zwischen Lehrkraft und Schüler/-innen besteht. Falls das zeitlich nicht möglich ist, verabredet sich die Klasse/Gruppe mit der Lehrkraft auf einen späteren Termin. 

Feedbackinstrumente nutzen

Feedback-Rituale bieten sich auch am Ende oder während einer Unterrichtsphase an, zum Beispiel um von den Lernenden zu erfragen, wie sie mit bestimmten Zuständen, Aktivitäten oder Methoden klarkommen. Eine breites Spektrum von Methoden finden Sie in der Broschüre „Feedbackinstrumente Sekundarstufe I und II“. Die verschiedenen Optionen sind gestaffelt nach Zeitaufwand: So beansprucht etwa die Beantwortung der Frage „Wie schwer war die Aufgabe auf einer Skala von 1 (leicht) bis 10 (nicht zu schaffen)?“ nur wenig Zeit, während „der Stammtisch“ eine stundenfüllende Angelegenheit ist: Dabei stellen sich die Lernenden bei einem Rollenspiel vor, wie sie sich in 10 Jahren bei einem Klassentreffen über die zu beurteilende Unterrichtseinheit oder das Unterrichtsprojekt unterhalten.

Ganz wichtig beim Feedback: Es sollte konstruktiv und wertschätzend sein, es sollte die jeweilige Person persönlich ansprechen, präzise und nachvollziehbare Beobachtungen enthalten und nicht nur Kritik, sondern auch Lob enthalten.

Entspannungs- und Bewegungspausen

Auch sie helfen dabei, den Unterrichtstag lernförderlich zu rhythmisieren. Ideen dafür gibt Ihnen der Beitrag „Drei Minuten Pause — alle wieder voll da!“ an die Hand. Am besten kombinieren Sie Bewegung und Entspannung. Und wenn dann mit der Zeit eine kleine Sammlung von Übungen zusammen gekommen ist, mit denen die Klasse Spaß hat, lassen Sie die Pausen ruhig einmal von sportaffinen Schülern oder Schülerinnen moderieren.

Sitzkreis: Begegnung „ohne Visier“

Häufig sind die Schulbänke in der Sekundarstufe ohnehin so angeordnet, dass die Schülerinnen und Schüler im Halbkreis Blickkontakt miteinander haben. Trotzdem ist es etwas völlig anderes, wenn die Kids in einem Sitzkreis ohne Tische zusammenkommen. Noch einmal aufstehen, die Stühle in Kreisform anordnen, Platz nehmen und zur Ruhe kommen, sich direkt ansehen, keine ablenkenden Gegenstände um sich oder „schützende“ Tische vor sich haben – das alles macht einen großen Unterschied zum „normalen“ Stundenabschluss, wo es unruhig wird und alle nur darauf warten, aus der Klasse stürmen zu können. In dieser Situation sind die Jugendlichen eher noch einmal fokussiert und aufnahmebereit, zum Beispiel für ein schnelles Quiz zum Stoff der vergangenen Stunde, für Tipps, die die Hausaufgaben erleichtern oder für einen Ausblick auf die kommende Stunde. Natürlich sollte die Zeit hinterher nicht zu knapp werden, um die Stühle wieder an den Platz oder hochzustellen und sich zu verabschieden.

Martina Niekrawietz


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