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Leuchtturmschule

Deine Lieblingsfächer? – Herausforderung und Verantwortung!

Eine Leuchtturmschule wird vorgestellt, die selbstständiges und eigenverantwortliches Lernen in jahrgangsübergreifenden Lerngruppen fördert. Mit erstaunlichem Erfolg für die Persönlichkeitsentwicklung Ihrer Schüler.

Leuchtturmschule: Deine Lieblingsfächer? – Herausforderung und Verantwortung! Eine Schülergruppe arbeitet an einem selbst gewählten Thema © highwaystarz - stock.adobe.com

Fina ist 15 Jahre alt und besucht die 10. Klasse der evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ). Wenn sie mit Freunden aus anderen Schulen über die ESBZ spricht, sagt sie immer „Unser Schwerpunkt sind Projekte, weil wir so viele (...) Sachen machen, neue Sachen, die an anderen Schulen gar nicht bekannt sind“, erzählt die 15-Jährige in einem Schulporträt der Deutschen Welle, das als Titel den Schulslogan der Leuchtturmschule trägt: „Mutig, protestantisch, weltoffen“.

In der von Eltern gegründeten Schule lautet die Maxime „Lernen durch Selbstverantwortung“. Radikal setzen Schulleitung und Lehrkräfte dieses übergeordnete Erziehungsziel um und beschreiten dabei außergewöhnliche pädagogische Wege. 

Jahrgangsübergreifend lernen in der Gemeinschaftsschule

Bis zum Ende der Sekundarstufe 1 lernen die Schüler überwiegend in jahrgangsgemischten Lerngruppen, immer drei Jahrgangsstufen der neunzügigen Gemeinschaftsschule zusammen, eine siebte, eine achte und eine neunte Klasse. Diese drei Klassen werden dann – je nach Lernformat – jahrgangsgemischt in mehrere Lerngruppen aufgeteilt.

Das jahrgangsübergreifende Lernen bringt viele Vorteile mit sich: Jeweils zwei Lehrer sind für eine Klasse zuständig, wodurch die drei Klassen von den insgesamt sechs Lehrkräften konstant betreut werden. Die sechs Pädagogen bilden ein eng kooperierendes Team, das sich nahezu ausschließlich auf die Schüler seiner drei Klassen konzentrieren kann. Da die Lehrkräfte nicht ständig wechseln, lernen sie ihre Schüler auch immer besser kennen und können eine tragende Lehrer-Schüler-Beziehung aufbauen. Die Schüler ihrerseits haben nicht nur im Elternhaus, sondern auch im schulischen Kontext feste Bezugspersonen. 

In den verschiedenen Lernformaten gilt die Regel, dass bei Fragen vor der Lehrkraft immer zuerst Schüler der Klasse angesprochen werden. Auf diese Weise übernehmen die älteren bzw. leistungsstärkeren Schüler Verantwortung für ihre Mitschüler, dazu kommen noch die positiven Lern-Effekte von Peer-Teaching und Peer-Learning.

Im Lernbüro selbstständig Grundwissen erarbeiten

Montag, erste Stunde Mathe, das gibt es nicht in der ESBZ. Hier beginnen die Schüler der Mittelstufe an fünf Vormittagen der Woche mit einer Doppelstunde „Lernbüro“. Dabei erwerben sie „Basiskompetenzen wie Sprach- und Lesekompetenz, Rechtschreibung, mathematisches Grundwissen“ und „Arbeits-, Lern- und Kommunikationstechniken“. Auch systematisches Lernen und Üben finden hier statt. Wann sie sich aber dort mit Deutsch, Mathematik, Englisch oder Natur & Gesellschaft befassen, entscheiden sie selbst. 

Das „Grundprinzip“ bei der Arbeit im Lernbüro ist die innere Differenzierung: Jeder Schüler arbeitet selbstständig in seinem Tempo und gemäß seinem individuellen Lernstand. Die Themengebiete und Lernbausteine der verschiedenen Fachbereiche – entsprechend der Vorgaben des Curriculums – legen die Lehrkräfte fest. Sie übernehmen bei diesem Lernarrangement die Rolle eines Lernbegleiters und besprechen jeweils mit den Jugendlichen, mit „welcher Art von Aufgaben und mit welchen Materialien sie sich die nächste Kompetenzstufe erarbeiten oder welche Lücken sie aus älteren Lernbausteinen schließen wollen.“ (Vgl. dazu die Erläuterungen zu „Tagesrhythmus & Lernformaten“ auf der Schulwebsite). 

Zertifikate statt Ziffernoten

Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen bedeutet natürlich auch, sich Lernzielkontrollen zu unterziehen und das mit den Lehrern abgesprochene Pensum einzuhalten. Es gibt jedoch „keine Klassenarbeiten ‚Morgen um elf Uhr wird Mathe geschrieben‘“, betont Rektorin Margret Rasfeld in einem Video von „Bildungs-tv“ (ca. Min. 6:23). Die Jugendlichen bestimmen eigenverantwortlich, wann sie sich für eine Leistungskontrolle gut genug vorbereitet fühlen. Erst dann unterziehen sie sich beispielsweise einem schriftlichen Test. 

Ähnlich wie in der Universität erwerben die Schüler im Lernbüro „Zertifikate, die bestätigen, welche Themen bereits erfolgreich bearbeitet wurden“. Zertifikate bekommen die Jugendlichen dabei nicht nur für schriftliche Arbeiten, sondern auch für Präsentationen, „kleine Vorführungen“ oder selbst gestaltete Mappen (ebd.). Sie werden dann im „Portfolio“ jedes Schülers gesammelt.

Überhaupt gibt es in der 7. und 8. Klasse noch gar keine Noten. „Wir kriegen einfach immer eine persönliche schriftliche Rückmeldung vom Lehrer“, sagt eine Schülerin im Video von „Bildungs-tv“. Und da stehe dann eben nicht einfach „du hast ‘ne Drei“, sondern sie bekomme ein ausführliches Feedback mit Anerkennung und konstruktiver Kritik. Dann wisse sie genau, an welcher Stelle sie noch arbeiten sollte bzw. Unterstützung braucht. Außerdem fällt die Angst weg und „dieses ganze Sich-Vergleichen, das ist einfach aus dem System genommen“, erläutert Margret Rasfeld.

Weil die Schüler ab der neunten Klasse einen Schulabschluss erwerben können, gibt es von da an dann auch Noten, doch die Lehrkräfte geben trotzdem weiterhin schriftliches Feedback.  

Herausforderung: drei Wochen auf sich allein gestellt

Verantwortung zu tragen, das lernen Jugendliche am besten, wenn sie auf sich allein gestellt sind. Und das sind die Schülerinnen und Schüler der ESBZ beim Lernformat „Herausforderung“: „Drei Wochen lang stellen sich alle Schüler*innen der Jahrgänge 8 bis 10 außerhalb Berlins in einer Gruppe einem Abenteuer“, so heißt es dazu auf der Schulwebsite („Tagesrhythmus & Lernformate“, Link s. o.). Ohne Lehrer oder andere Erwachsene und ausgestattet mit nur 150,00 Euro pro Nase müssen sie sich selbst um Verpflegung, Fahrtkosten und Übernachtung kümmern und in allen alltäglichen Lebenssituationen zurechtkommen. 

„Wir haben eine Fahrradtour gemacht, von Bayreuth nach Mainz immer am Main entlang“, erzählt Lilly im Video der Deutschen Welle. Die fünfköpfige altersgemischte Schülergruppe hatte im Vorfeld „nicht so wahnsinnig viel geplant“, sondern lediglich die Zugtickets besorgt und drei Übernachtungsmöglichkeiten organisiert. Unterwegs mussten die Kids deshalb dann „sehr offen auf die Leute zugehen und sie fragen: ‚Können wir nicht bei Ihnen übernachten?‘, (...) aber es hat erstaunlich gut geklappt“, sagt die Zwölfjährige und schwärmt davon, „wie nett die Leute doch noch waren“ und „dass man einfach bei denen schlafen konnte“. 

Wenngleich die Kids die Herausforderung in der Regel sehr gut meistern, trägt Schulleiterin Caroline Treier doch letztlich die Verantwortung für das Projekt. Für sie zählt jedoch nicht das Risiko, sondern dass die Schüler „ihre Selbstwirksamkeit“ erleben und „dass sie es schaffen, so ein großes Projekt zu verwirklichen, und zwar als Teil einer Gruppe mit ihren Unterschiedlichkeiten“, sagt sie im Video der Deutschen Welle (ab Min. 11:43).

Die Schüler nehmen sehr unterschiedliche Herausforderungen in Angriff: Entweder sind sie per Fahrrad, Kanu oder zu Fuß unterwegs, oder „sie unterstützen soziale oder ökologische Projekte, arbeiten auf dem Bauernhof, sind in Klöstern, ernten Weintrauben oder gründen eine Band.“ (Schulwebsite: „Tagesrhythmus & Lernformate“, Link s. o.). – Kein Wunder, dass die Herausforderung „das beliebteste Lernformat in der Mittelstufe“ ist (ebd.).

Verantwortung für andere und für die Erde

Immer mittwochs steht eine Doppelstunde Verantwortung auf der Stundentafel der Sekundarstufe 1. In dieser Zeit engagieren sich die Jugendlichen „sozial, ökologisch oder politisch“ in einem selbst gewählten Projekt oder auch in einem „angebotenen PV-Format“ (PV = Projekt Verantwortung). Der ehrenamtliche Einsatz sollte „sinnvoll“ sein und möglichst in Schulortnähe stattfinden, denn das ESBZ möchte auch „als Stadtteilschule wirksam“ werden. (Schulwebsite: „Tagesrhythmus & Lernformate“, Link s. o.).

Das pädagogische Team der ESBZ versteht das Projekt Verantwortung auch als „Potenzialentfaltungsprojekt, bei dem die Jugendlichen ihre eigenen Fähigkeiten einsetzen und möglicherweise neue entdecken“ (ebd.). Zugleich geht es dabei darum, dass die Schüler „die Erfahrung machen, gebraucht und anerkannt zu werden“. Darin sehen die Pädagogen der ESZB nämlich eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Und diese Kompetenz ist tragend für eine „demokratische, friedfertige und nachhaltige Gesellschaft“, in die die Jugendlichen hineinwachsen sollen und die sie mitgestalten können.

Es lohnt sich in jedem Fall, sich ein wenig Zeit für die beiden verlinkten Videos zu nehmen: Denn mit Worten lässt sich gar nicht beschreiben, wieviel Spaß es den Schülern macht, Verantwortung für das eigene Lernen, für andere und für Umwelt und Umfeld zu übernehmen. Und übrigens: Auch ohne Notendruck liegen die Leistungen der ESBZ-Abiturienten weit über dem Berliner Schnitt. – Seit sieben Jahren in Folge!

Martina Niekrawietz

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