Fach/Thema/Bereich wählen
Hygieneregeln

Hygieneregeln während Corona einhalten: Ein positive approach

Schon das Wort Regeln kann bei Schüler/-innen Abwehr hervorrufen. Ein positiver Ansatz in Form von Corona-Master-Trainings hilft dabei, dass Schüler/-innen Hygieneregeln einhalten.

Hygieneregeln: Hygieneregeln während Corona einhalten: Ein positive approach Gemeinsam positive Regeln gegen Corona entwickeln © AIDAsign - stock.adobe.com

Weltweit ist es für Lehrpersonen eine Herkulesaufgabe, ihre Schüler/-innen dazu zu bringen, die Hygieneregeln einzuhalten. Vor allem auch, weil diese Regeln – wie Gebote im Allgemeinen – für viele, vor allem ältere, Lernende nicht attraktiv sind. Schon das Wort „Regeln“ kann bei einigen Schülern Widerstand, in der Fachsprache, Reaktanz auslösen. Ein positive approach hat das Ziel, die Einhaltung der Hygieneregeln für unsere Schüler/-innen attraktiv zu machen, sodass sie diese besser einhalten. Dieser Beitrag gibt dazu praxisnahe Anregungen. Viele davon lassen sich auf das Thema Klassenregeln übertragen.

Kurz-Exkurs: Reaktanz

Eine Schulregel lautet „Es ist verboten, im Schulhaus auf den Boden zu spucken“. Reaktanz bedeutet, dass gerade dieses Verbot einige Schülerinnen und Schüler dazu veranlasst, auf den Boden zu spucken. Im Zusammenhang mit Corona lautet eine Regel: „Es ist Pflicht, auf dem Schulgelände Gesichtsmasken zu tragen“. Einige verstoßen jedoch immer wieder gegen diese Regel. Auf die Nachfrage, weshalb sie das machen, sagen die Kinder dann: „Die wollen uns alles vorschreiben ...“ und ähnliches. Vermutlich veranlasst sie Reaktanz, gegen diese Regel zu verstoßen, was ihnen natürlich nicht bewusst ist. Wir erkennen an diesen Beispielen schnell die hohe Bedeutung der Reaktanztheorie gerade im pädagogischen Bereich. Mehr dazu finden Sie z. B. bei Wikipedia.

Um Reaktanz abzuschwächen, bieten sich folgende Aspekte an:

  • Begrifflichkeiten: Das Wort Regeln sollte durch andere Begriffe, die für die Schüler/-innen positiver besetzt sind, ausgetauscht werden: z. B. statt „die Klassenregeln der 9a“ - „unser Fairness-Code“. Beziehen Sie die Schüler/-innen in den Prozess mit ein. In Kleingruppen denken diese über alternative Begriffe nach und wählen dann schließlich den aus, der in der Klasse die meiste Zustimmung erhalten hat.
  • Sinnhaftigkeit: Lassen Sie die Sinnfrage von den Schüler/-innen bearbeiten. Dabei besprechen sie beispielweise in Kleingruppen, warum Abmachungen sinnvoll sind. Sie notieren die wichtigsten Aspekte auf einem großen Plakat, das sie in der Klasse aufhängen.
  • Abmachungen einhalten: Die Einhaltung von Abmachungen zu etwas Attraktivem machen – siehe dazu weiter unten in diesem Beitrag.
  • Schüler einbeziehen: Die Schüler beim Aufstellen der Absprachen einbeziehen, was in vielen Schulen schon geschieht. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Fallbeispiel: Eine Lehrperson kam wegen einer schwierigen Klasse in meine Beratung. Auch ihre Vorgängerinnen erlebten diese Klasse als Herausforderung. Wir besprachen unter anderem, dass die Schüler/-innen die Klassenregeln, deren Sinn und deren Vorteile am Elternabend vorstellen sollten. Das Ziel war es, eine stärkere Identifikation der Schüler/-innen mit den getroffenen Absprachen zu erreichen. Wir besprachen, dass möglichst jede Schülerin und jeder Schüler einen kleinen Beitrag am Elternabend leisten sollte. Zusätzlich vereinbarten wir, dass die Lehrperson diese Vorstellung besonders hervorheben würde. Das tat sie unter anderem damit, dass sie allen Schüler/-innen am Schluss ihrer Präsentation eine kleine Aufmerksamkeit überreichte und die Eltern dazu veranlasste, großzügig zu applaudieren. Es entstand eine gute Stimmung. Auch bei den Eltern, die sehr stolz auf ihre Kinder waren. Einer der wichtigsten Aspekte von Elternarbeit.

Fehler-Konferenzen und Corona-Master-Trainings

In immer mehr Bereichen, wie z. B. in der Medizin, finden Treffen statt, in denen die Beteiligten darüber nachdenken, wie sie Fehler vermeiden können. Schon lange gibt es in Dänemark einen “failure day” – Finnland hat sogar einen „National Day Of Failure“. Diese Herangehensweise, bzw. Varianten davon, bietet sich auch bezüglich der Einhaltung von Corona-Hygieneregeln an. Eine Variante davon ist das “Corona-Master-Training.” In ihm besprechen die Schülerinnen und Schüler, was ihnen schon gut gelingt und wo sie sich noch verbessern können.

Ein Corona-Master-Training erfolgreich gestalten

Die Leitidee ist, derartige Trainings zu einem attraktiven Anlass für unsere Schüler/-innen zu machen. Im ersten Training besprechen die Schüler/-innen beispielsweise in Kleingruppen, was sie schon alles über Corona wissen. Ein effektives Training beginnt mit einem für die Schüler/-innen ansprechenden Namen.

Fallbeispiel 1:
In einer 7. Klasse wählten die Schüler/-innen die Bezeichnung „Corona austricksen“. Im Rahmen eines schulweiten Wettbewerbs entwarfen die Schüler/-innen Corona-austricksen-T-Shirts. Die fünf attraktivsten Entwürfe erhielten Preise und die T-Shirts wurden produziert. Diese T-Shirts werden immer häufiger in der Schule getragen.

Fallbeispiel 2:
Für die Lehrperson einer schwierigen 8. Klasse mit mehreren oft aggressiv auftretenden männlichen Schülern war klar, dass der Begriff „Hygieneregeln“ bei ihrer Klasse auf große Ablehnung stoßen würde. Die Klasse wählte stattdessen: „Wir machen Corona gemeinsam fertig“, was die Schüler positiv motivierte, der Ausbreitung von Corona keine Chance zu lassen. „Andere fertig machen“ gehört bei vielen Schülern dieser Klasse zu etwas, dass sie innerlich anspricht und motiviert. Einige Schüler/-innen entwickeln eine Internetseite zum Thema “Corona fertig machen”. Dort beschreiben sie wie sie Corona vermeiden.

Fallbeispiel 3: 
In einer 9. Klasse in einem Gymnasium entschied sich die Klasse für „our getting better and better meeting“ – und eine andere Klasse für den “Corona-Master Kurs”. Um ihren Schülerinnen und Schülern Anregungen zu geben, schlagen Lehrpersonen Begriffe vor, von denen sie annehmen, dass sie bei ihren Schüler/-innen positiv besetzt sind. Das kann im Rahmen einer Lehrerkonferenz vorbereitet werden. Damit kommt auch die Expertise aller Lehrpersonen dieser Schule zum Tragen.

Wenn wir bei Gesprächen im Zusammenhang mit Hygieneregeln auf Begriffe setzen, die bei unseren Schülern und Schülerinnen positiv besetzt sind, erleichtern wir ihnen damit, eine positive emotionale Bindung zur Einhaltung der Hygieneregeln aufzubauen. Das wiederum erleichtert Lehrkräften die Arbeit erheblich.

Trainingssitzung im Corona-Master-Kurs

Die nächsten Trainingssitzungen können dann folgende Struktur haben: Die Schüler/-innen besprechen, was ihnen beim Einhalten der Hygieneregeln schon gut gelingt und was ihnen bei ihren Mitschüler/-innen positiv aufgefallen ist. Ältere Schüler/-innen können dazu eine eigene Beobachtungsurkunde entwerfen und nutzen (bei jüngeren macht dies die Lehrperson). Darin werden die Beobachtungen notiert.
 

Beobachtungsurkunde
Beobachter/-in  Mia (Name fiktiv)
Wen ich beobachtet habe Carolin
Datum  01. Februar
Was ich beobachtet habe Du hast Deine Hände richtig gewaschen! 

Fallbeispiel: Nachdem Mia ihre Beobachtung in der Klasse vorgetragen hat, überreicht sie Carolin ihre Beobachtungsurkunde. Die Lehrperson achtet darauf, dass alle Schüler/-innen in den Genuss eines derartigen Lobes kommen und führt es ein Stück weit herbei. Indem sie beispielsweise betroffene Schüler/-innen anspricht, was sie tun können, um eine Beobachtungsurkunde zu erhalten. Sie sagt beispielweise zu Dario, einem Schüler, der noch keine Beobachtungsurkunde erhalten hat: “Gell, du willst doch nächstens auch mal eine Beobachtungsurkunde? Dann lass uns zusammen überlegen, wie du das schaffen kannst – ich bin zuversichtlich. Du hast ja schon viel gut gemacht, z. B. (hier erwähnt sie eine von ihr gemachte positive Beobachtung). Das zeigt, dass du auf einem guten Weg bist.” Später bittet sie einige Mitschüler/-innen besonders auf die Schüler/-innen der Klasse zu achten, die noch keine Beobachtungsurkunde erhalten haben.

Dieses Vorgehen hat oft positive Konsequenzen für die Elternarbeit der Lehrperson, denn die Schüler/-innen zeigen ihre Beobachtungsurkunde stolz zu Hause. Die Eltern sehen, dass sich die Schule auf positive Weise dafür einsetzt, dass die Kinder die Hygieneregeln einhalten, was viele als sehr wichtig ansehen.

Im Classroom-Management nennen wir das Vorgehen der Lehrperson „Erfolge ermöglichen”. Das ist nicht nur hinsichtlich Schulnoten wichtig, sondern auch in Bezug auf andere Aspekte, die den Schüler/-innen wichtig sind, wie z. B. Anerkennung und Aufmerksamkeit durch Mitschüler oder Mitschülerinnen zu erhalten. Sie überlegen, was sie noch besser machen können und wie sie sich dabei gegenseitig unterstützen. Jede Trainings-Sitzung sollten Sie als Lehrkraft positiv ausklingen lassen.

Wohlfühl-, bzw. Arbeitsregeln einführen

Ein Schüler einer 7. Klasse gab zu, das Händewaschen nach der Toilette vergessen zu haben. Da lachten ihn einige Mitschüler aus. Um ähnliches zu verhindern, besprechen die Schüler/-innen in Kleingruppen Fragen wie „Wie muss es sein, dass ich mich während unserem „Corona-Master-Training“ wohlfühle und mich steigern kann?“ Sie sammeln alles und fassen die erarbeiteten Punkte in Überbegriffen zusammen. Das kam zum Beispiel in einer 6. Klasse heraus:

  • Ich verhalte mich respektvoll.
  • Ich höre anderen zu und lasse sie aussprechen.
  • Wenn jemand zugibt, eine Hygieneregel nicht eingehalten zu haben, bedanken wir uns bei diesem Mitschüler oder der Mitschülerin für seine Ehrlichkeit und seinen Mut.
  • Ich unterstütze andere beim Einhalten unserer Abmachungen. Dazu besprechen die Schüler/-innen, wie sie konkret vorgehen, um ihre Mitschülerinnen und Mitschüler beim Einhalten der Absprachen zu unterstützen.

Die Wohlfühl-, bzw. Arbeitsregeln mit einer Präambel einleiten

Eine Lehrperson einer siebten Klasse hat ihren Schüler/-innen folgenden Kleingruppenauftrag gegeben: „Ihr wisst ja, dass wir alle Fehler machen. Welche Vorteile hat es, wenn man Fehler, die einem passieren, zugibt?“ Die Schüler/-innen visualisieren ihre Ergebnisse an einer großen Pinnwand und fassen die wichtigsten Aspekte zusammen. Gemeinsam haben sie daraus eine Präambel mit folgendem Wortlaut erarbeitet: „Es ist sehr wichtig, dass wir alle die Hygieneregeln einhalten – aber es wird auch vorkommen, dass jeder von uns einmal vergisst, eine Regel einzuhalten. In dem Fall überlege ich mir, wie ich es in Zukunft besser machen kann. Mit diesem Vorgehen werde ich viel größere Fortschritte machen, als wenn ich einen Fehler, der mir leider unterlaufen ist, leugnen würde.“

Eine Lehrperson als Vorbild

Fallbeispiel: Frau Hansen (Name fiktiv gewählt), Lehrerin einer 8. Klasse, berichtet zu Beginn der ersten Fehlerkonferenz ihrer Klasse wie sie selbst gegen eine Hygieneregel verstoßen hat, obwohl sie das gar nicht wollte. Sie hatte beim Einkaufen vergessen, den Mundschutz anzuziehen. Jetzt erklärt sie ihrer Klasse im Detail, was sie daraus gelernt hat. Sie sagt, „als mich die Verkäuferin darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich gegen die Hygieneregel „Mundschutz aufziehen“ verstoßen habe, war mir das zuerst richtig peinlich. Aber ich war auch dankbar, denn sie hatte Recht. Mir ist ja wichtig, den Mundschutz zu tragen. Ich war in Gedanken und habe das deshalb vergessen. Schließlich habe ich zu mir gesagt, „überlege, wie du es in Zukunft besser machen kannst.“ Habt ihr eine Idee, was ich tun könnte?“, frägt sie dann ihre Schüler/-innen.

Den eigenen Lernzuwachs betonen: Danach berichtet sie über den für sie entstandenen Lerngewinn. Sie betont, wie wichtig der für sie ist: „Ich habe etwas sehr Wichtiges gelernt, nämlich es aufzuschreiben. Den Zettel habe ich in unserem Badezimmer an den Spiegel geklebt. Wer von euch macht das schon, um z. B. die Namen der Elemente besser lernen zu können?“ Es bietet sich an, mit den Schüler/-innen über deren Erfahrungen mit diesem Vorgehen zu sprechen. Frau Hansen erklärt Ihrer Klasse immer wieder, dass Fehler machen, etwas ganz Normales ist. Es bringt sogar unsere Entwicklung voran, wenn wir zu unseren Fehlern stehen und sie als Lernanlass sehen.

Über Fehler sprechen

Eine Lehrperson sagte zu ihrer Klasse: „Ich wünsche mir, dass ihr Fehler als Lernanlässe seht“. Dann bat sie ihre Schüler/-innen darum, in Kleingruppen darüber nachzudenken, welche Fehler oder Missgeschicke ihnen schon geschehen sind und was sie daraus lernen konnten. Erst sollten es Themen aus dem privaten Bereich sein wie Straßenverkehr, bei einem Fußballspiel, beim Schreiben einer SMS oder ähnliches. Später wurde nach schulischen Aspekten gefragt wie z. B. das Verstoßen gegen eine Klassen- oder Schulhausregel, die Hausaufgaben nur unvollständig gemacht zu haben und so weiter.

Positiv abschließen

Eine Lehrperson einer 5. Klasse verteilt am Ende ihrer Corona-Master-Trainingseinheit hin und wieder an alle eine kleine Süßigkeit. In einer 9. Klasse endet diese mit einer kurzen Hip-Hop-Dance Einlage von etwa 5 Minuten. In dieser Klasse existieren Kleingruppen, die die Verantwortung dafür übernehmen. Sie sind zuständig für die Musikauswahl, für die Choreographie, die Technik und die Durchführung vor Ort. Alle vier Wochen übernimmt eine andere Kleingruppe die Zuständigkeit.

In einer anderen Klasse endet diese Einheit mit dem Video der Woche, das die Schüler/-innen selbst aussuchen dürfen. Es darf aber nur maximal 5 Minuten dauern, keine Gewalt oder sexuelle Szenen enthalten und muss von der Lehrperson genehmigt werden.

Lob- und Anerkennungskarte

Liebe Corona Austrickser/-innen der 7a,

das habt ihr klasse gemacht. Die meisten von euch haben möglicherweise an ihren Händen vorhandene Viren durch sorgfältiges Händewaschen konsequent ausgetrickst – die haben dann keine Chance mehr. Gut gemacht!!!

Viele Grüße Deine Lehrerin

Lob und Anerkennungs-Karte für die ganze Klasse

Einige Schüler/-innen der 7. Klasse waschen sich immer noch nicht richtig die Hände. Die meisten machen es aber schon sehr sorgfältig. Statt diejenigen Schüler/-innen zu kritisieren, die es noch nicht richtig machen, entscheidet sich Frau Hansen für die Classroom-Management Intervention „narrating positive behavior“. Das heißt, sie gibt denen Lob und Anerkennung, die es schon gut machen. Dazu bietet sich der Standard-Sentence-Starter “Die meisten…” an... Also “die meisten machen XY (hier im Detail beschreiben, um was es sich handelt) schon prima …”.

Fazit

Statt auf Sanktionen setzen wir mit diesem Vorgehen auf Eigenverantwortung und darauf, die emotionale Bindung unserer Schüler/-innen an die Hygieneregeln zu fördern.

 

Weitere Hinweise um schwierige Unterrichtssituationen zu bewältigen:
Eichhorn, Christoph 2018: Classroom-Management – Basiswissen Kompakt: Stören
2. Überarbeitete Auflage -  siehe auch: www.classroom-management.ch

Christoph Eichhorn


Mehr zu Ratgeber Schulorganisation
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×