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Benotung

Lernförderliches Feedback statt Ziffernoten

Das Thema Leistungsbewertung bekommt nach dem Corona-Lockdown noch einmal einen ganz neuen Schub. Statt „altertümlicher“ Ziffernnoten kann ein lernförderliches Feedback die Schüler weit mehr anspornen, ihre Leistungen zu verbessern. Leuchtturmschulen machen es vor.

Benotung: Lernförderliches Feedback statt Ziffernoten Ein persönliches Feedback über Leistungen und Arbeitsverhalten, mit Vereinbarungen für die Zukunft, ist nachhaltiger und motiviert Schüler zum Lernen © Monkey Business Images/Shutterstock.com

An der PRIMUS-Schule in Minden entscheiden die Schüler morgens selbst, was sie in der alltäglichen zweistündigen „Trainingszeit“ lernen wollen. „Ghassan?“ – „Deutsch!“ „Jaan?“ –„Mathe!“ „Maxi?“ – „Englisch!“ – Zwei Klassenkameraden tragen die jeweiligen Fächer in die Übersicht am Schwarzen Brett ein. Dann geht es los: In Stillarbeit arbeitet jedes Kind konzentriert in seinem Fach und in seinem Tempo an seinen individuellen Aufgaben. Wer nicht weiter weiß, stellt gut sichtbar ein Schild mit der Aufschrift „HILFE!“ auf das Pult. Und schon ist die Lehrerin da und beantwortet die Fragen des Schülers. Frontalunterricht, in dem die Lehrerin allen Schülern gleichzeitig denselben Stoff vermittelt, gibt es nicht. „Ich würde sagen, ich bin eher eine Lernbegleiterin“, sagt die Lehrerin in einem Video-Porträt des WDR-Magazins „Quarks“. Als „eine Art Navigationssystem“ unterstützt sie jeden einzelnen auf seinem Lernweg, vereinbart mit den Schülern Ziele und Lerninhalte und gibt ihnen Leistungsfeedback.

In der inklusiven PRIMUS-Schule gibt es keine Ziffernoten: „Zensuren / Ziffernnoten verlieren wegen ihrer geringen Aussagekraft bzgl. der vielschichtigen Kompetenzen und der Entwicklung unserer Schüler*innen an Bedeutung“, so die Begründung auf der Schulwebsite. Deshalb halten die Schulverantwortlichen „neue Formen der Leistungsbewertung für unverzichtbar“. Und so wurden die „traditionellen Formen der Leistungsbewertung durch lernwirksame Feedback-Instrumente ersetzt, die die individuelle Lernentwicklung der Schüler widerspiegeln und voranbringen.

Mehrere Säulen der Leistungsrückmeldung und -bewertung

„Wenn Lernen herausfordernd, konstruktiv und kooperativ sein soll, gehören Selbst- und Fremdeinschätzung mit vielfältigen Instrumenten und Verfahren in den Kern der Unterrichtsentwicklung“, sagt Bildungsforscherin Silvia-Iris Beutel im Interview mit Florentine Anders auf der Website „Das Deutsche Schulportal“.

Auch in der PRIMUS-Schule spielt die Selbsteinschätzung der Schüler eine wichtige Rolle: In den sogenannten Logbüchern halten sie ihre Lernfortschritte und ihr Verhalten fest und bewerten sich. Einmal pro Woche kontrolliert die Lehrerin die Logbücher und fügt ihre Einschätzung hinzu, wobei sie immer wieder feststellt, dass die Schüler über sich selbst wesentlich kritischer urteilen, als ihre Lehrer es tun.

Nach jedem Lernbaustein erhalten die Schüler ein „Lernzertifikat“, eine „kompetenzorientierte Rückmeldung darüber, was sie gelernt haben und woran sie noch üben müssen“, so heißt es auf der Schulwebsite. Ihre Lernzertifikate lassen die Schüler von den Eltern unterschreiben, bevor sie im Portfolioordner gesammelt werden. So sind auch die Eltern kleinschrittig über die Lernentwicklung informiert.

Drei Mal im Jahr, im Herbst, zum Halbjahresende und im Frühjahr, ziehen Lehrer, Eltern und Schüler Bilanz über die vergangene Lernperiode. In Bilanzbögen schätzen die Schüler zunächst ihren Lernerfolg ein und treffen sich dann am sogenannten Beratungstag mit der Lehrkraft und den Eltern zum 15-Minuten-Gespräch. Dabei formulieren sie gemeinsam die Ziele für das kommende Quartal, die als verbindliche Lernvereinbarung auf der Rückseite des Bilanzbogens festgehalten und von allen Beteiligten unterschrieben werden.

Am Ende des Schuljahres bekommen die Schüler dann einen Lernentwicklungsbericht mit einer ausführlichen Rückmeldung zum Arbeits- und Sozialverhalten und zu ihren Kompetenzen in den einzelnen Fächern. Ab dem 1. Halbjahr der 9. Klasse gibt es zusätzlich ein Ziffernzeugnis, damit sich die Jugendlichen bewerben können.

Viele gute Gründe sprechen gegen Noten

„Es gibt kaum ein ungeeigneteres Kompetenzbeurteilungsverfahren als Noten“, sagt Prof. Hans Anand Pant in einem Video über das Forum der Deutschen Schulakademie. Weder seien Noten ein gutes Abbild von dem, was jemand kann, noch kitzelten sie das Potenzial heraus, was jemand vielleicht in sich trägt. Und Schulpädagogin Prof. Silvia-Iris Beutel, mit der Hans Anand Pant das Buch „Lernen ohne Noten“ geschrieben hat, findet, dass Noten, „diese überkommenen Instrumente aus dem 19. Jahrhundert (...) dringend in Frage gestellt werden müssen und auch verändert werden müssen“ (ebd.).

Außerdem ist die Notengebung nicht objektiv: Wird beispielsweise die gleiche Mathematikarbeit von dem gleichen Lehrer nach einigen Wochen noch einmal korrigiert, kommen oft sehr unterschiedliche Ergebnisse heraus. Hinzu kommt, dass Noten eine Rückmeldung sind, die „komplett inhaltsarm sind“, betont der Schulpädagoge Prof. Thomas Häcker: Sie lieferten weder eine Information darüber, was gekonnt oder nicht gekonnt wird, „und schon gar nicht, was getan werden muss, damit etwas besser wird“ (ebd.).

Auch Heike Schmidt-Heinecke von der Jenaplan-Schule in Jena sieht Noten kritisch: „Es macht einfach das Lernen kaputt, die Motivation kaputt, wenn zum Schluss nur die Note relevant ist“ (ebd.). An ihrer Schule gibt es bis zum 6. Schuljahr keine Noten, sondern einen Brief, der sich an die Schüler richtet. „Und in dem Brief wird das Kind gewürdigt, stark gemacht und gesehen.“ Wenn die Kinder diese Briefe dann lesen und sichtbar „wachsen“ vor Stolz oder vielleicht auch aufgebaut werden müssen, weil „vielleicht doch so ein paar Hinweise drin‘ sind“, dann sei das „etwas ganz Lebendiges“ und man sei „ganz nah an den Kindern dran“, erzählt sie.

Martina Niekrawietz

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