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Modellschule

Mit Begeisterung lernen — Schule der Zukunft im Fokus

„Wir brauchen Schulen, in die Kinder und Jugendliche so gerne gehen, dass sie weinen, wenn Ferien sind“, fordert Prof. Gerald Hüther. Er glaubt, dass die gängigen Konzepte von Bildung und Erziehung gescheitert sind und beschreibt in Vorträgen und Büchern, wie die Schule der Zukunft aussehen sollte.

Modellschule: Mit Begeisterung lernen — Schule der Zukunft im Fokus Wenn Schüler experimentieren und entdecken dürfen, stellt sich Begeisterung fürs Lernen fast von selbst ein © contrastwerkstatt - Fotolia.com

Ein klotziger Plattenbau, bei dem die graue Farbe von Außenwänden und Fenstern blättert — die „Evangelische Schule Berlin-Zentrum“ sieht von außen trostlos aus. Trotzdem sind acht ihrer Schüler so begeistert, dass sie quer durch Deutschland touren, um andere von ihrem Lernkonzept zu überzeugen: „Sie werben für eine Schule, in der man nicht nur Mathe und Deutsch, sondern auch Verantwortung lernt — und das ohne ständigen Notendruck“, so beginnt ein Schulportrait des ARTE-Magazins Xenius.

Schulleiterin Margret Rasfeld, die gemeinsam mit Prof. Gerald Hüther die Schüler auf ihrem Werbefeldzug für das Schulkonzept begleitet, möchte die Schüler dabei unterstützen, zu mündigen Bürgern zu werden. Ihre Überzeugung: „Das geschieht NICHT, wenn man nur im 45-Minuten-Takt Wissen ‚einschüttet‘“.

Auf ihrer „Tournee“ erzählen die Schüler von ihrer selbstbestimmten Arbeit in einem Projekt, bei dem sich die Schüler in Klasse 8, 9 und 10 jeweils drei Wochen lang eine persönliche Herausforderung suchen: „Ich hab mit neun anderen (…) Jugendlichen drei Wochen lang im Wald überlebt“, erzählt ein Junge begeistert, in dieser Zeit im Wald hätte er so viel gelernt, wie noch nie in seinem Leben zuvor.

Das Gegenmodell: Drill und Lernzwang

Ganz anders läuft es an der katholischen Schule San Giuseppe de Merode in Rom, die Xenius ebenfalls vorstellt: Die Bildungsanstalt genießt einen außergewöhnlich guten Ruf, und das merkt man auch am Schulgeld: Etwa 5000 Euro bezahlen die Eltern pro Schuljahr. Frontalunterricht und Abfragen sind hier die zentralen Lernmethoden. Siebtklässlerin Francesca hat wenig Lust zum Lernen und bekommt jeden Nachmittag Hilfe bei den Hausaufgaben – bis zu vier Stunden täglich! Prof. Hüther dazu: Eine der wesentlichsten Erfahrungen der Schüler an der römischen Schule sei es „offenbar, dass sie dort etwas lernen SOLLEN und aus diesem ursprünglichen Lernmodus herausfallen, der (…) heißt „ich WILL etwas lernen“. Das Hirn sei kein Muskel, man könne es nicht trainieren. Das Hirn merke, ob es ihm wichtig sei oder nicht. „Und wenn’s nicht wichtig ist, wird’s auch nicht verankert“, sagt Hüther.

Mit Begeisterung gelingt Lernen am besten

Was lernen wir wirklich? „Es muss bedeutsam sein und unter die Haut gehen“, so Hüther in einem kurzen Video zum Thema „Lernen“. Wenn uns etwas begeistert, würden im Hirn die „emotionalen Zentren“ aktiviert: „Das ist die Gießkanne im Hirn mit dem Dünger“, damit das Gelernte hängen bleibt. Begeisterung führe dazu, dass man sich „für die Welt öffnet, dass man sich selbst als kleiner Entdecker und Gestalter dieser Welt fühlt“. Auch Bestrafung und Belohnung brächten emotionale Zentren in Gang. Doch das seien dann „die üblichen Abrichtungs- und Dressurmethoden“, mit denen Kinder nicht mehr aus sich selbst heraus lernten, sondern in Abhängigkeit von Belohnung oder Bestrafung.

Das gegenwärtige Schulsystem beruhe auf einer Vorstellung aus dem vorigen Jahrhundert, als man glaubte, man könne andere Menschen unterrichten, sie bilden oder ihnen etwas beibringen. „Funktionalisierte Menschen bekommt man dann, wenn man sie möglichst gut abrichtet, das heißt mit Belohnung oder Bestrafung dazu bringt, dass sie sich auf (…) die gewünschte Weise verhalten. Das nennt man Unterricht oder Erziehung“, sagt Hüther in dem YouTube-Video „Schulen der Zukunft“. Das Ergebnis seien dann Menschen, die — ohne lange nachzudenken — bestimmte Aufgaben erfüllten. In den Schützengräben, in Auschwitz oder „in diesen furchtbaren Fabrikhallen“. Diese „Dressurmethoden“ hätten sich überlebt.

Ein günstiges Lernumfeld für die Entfaltung von Potenzialen

In einem Interview mit Monika Hebbinghaus im Nordwestradio beklagt er, dass das derzeitige Schulsystem viel zu selektiv sei und viel zu sehr auf die Abschlüsse fokussiert sei, sodass die Schüler darüber vergäßen, dass das eigentlich Wichtige die INHALTE der jeweiligen Fächer seien. Am Ende bekäme man dann aus diesem System junge Erwachsene, die „in erster Linie gelernt haben, wie man gute Zensuren bekommt“, und das sei „eine Katastrophe“. Dabei blieben die Talente der meisten Menschen unentdeckt, sodass sie die Lust verlieren, ihre Talente weiterzuentwickeln.

Um ihre Talente zu entfalten, brauchen Kinder jemanden, der „da ist, der merkt, dass dem Kind die Augen leuchten, wenn es Musik hört, oder wie es mit seinem ganzen Körper dabei ist, wenn es Sport macht“. Wichtig sei dazu auch ein Umfeld, in dem es möglichst vielfältige Möglichkeiten gibt, damit sich das Kind ausprobieren und zeigen kann. Am besten in FREIEM Spiel, gemeinsam mit anderen Kindern und mit Erwachsenen, die mit den Kindern singen, basteln, ihnen Märchen vorlesen etc. Das fehle in den meisten Elternhäusern, und auch die viele Zeit, die Kinder und Jugendliche mit Computern zubringen, stehe der freien Entfaltung entgegen. Außerdem erlebten die Kinder häufig, dass sie — „böse formuliert“ (Hüther) — eigentlich nutzlos sind und nicht gebraucht werden.

Lehrer als Potenzialentfaltungscoach

Wenn Lehrer viel wissen, reiche das „definitiv nicht“, so Hüther im oben verlinkten Video zum Thema „Lernen“, auch Sach-, Lese-, Kunst- oder sonstige Kompetenzen reichten nicht. Vielmehr bräuchten sie etwas, was im Hirn noch eine Stufe höher angesiedelt sei: eine gewisse Haltung und innere Einstellung: „Dass sie Freude daran haben, wenn es ihnen gelingt, Kinder (…) einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren, sich als kleine Weltentdecker auf den Weg machen zu wollen“. (ebd.)

Ein solcher Lehrer arbeitet nicht mehr „mit üblen Tricks“ wie Belohnung (gute Zensuren) oder Bestrafung (Nicht-Versetzung), sondern wird zum „Potenzialentfaltungscoach“, der sich durch zwei Fähigkeiten auszeichnet:

  1. Jeden beliebigen Menschen „für etwas zu begeistern, für etwas aufzuschließen, für etwas zu interessieren“ und
  2. aus einem zusammengewürfelten Haufen „ein leistungsorientiertes Team zu machen“ (Interview mit Monika Hebbinghaus, Link s. o.)

Kritik an Hüthers Kritik am Bildungssystems

In Vorträgen und Interviews lässt Hüther tatsächlich oft stichhaltige Belege aus der Hirnforschung ebenso vermissen, wie eine differenzierte Sicht auf Lehrer, Unterricht und Schule. Martin Spiewak kritisierte in der ZEIT harsch die Bildungsgurus (das sind: Jesper Juul, Richard David Precht und „allen voran der ‚Hirnforscher‘ Gerald Hüther“), wobei er sich bisweilen auch zu polemischen Äußerungen hinreißen ließ, die entrüstete Kommentare Hunderter von Lesern hervorriefen. (Zum Beispiel: „Befreit von den Mühen der Empirie, betören Hüther und andere Bildungskritiker ihre Zuschauer wie einst die fahrenden Wunderdoktoren mit gewagten Diagnosen und Vorschlägen für bizarre Kuren zur Rettung des angeblich todkranken Patienten Schule. Als letzte Begründung muss meist die Hirnforschung herhalten.“)

Trotzdem findet Hüther gerade unter Lehrern oft Zuhörer und Befürworter. Vielleicht auch gerade deshalb, weil sie schon erfahren haben, dass innerhalb von verknöcherten Strukturen nur Gehör findet, wer drastische Formulierungen wählt, um auf Missstände aufmerksam zu machen.

Letztlich kochen auch die „Vorzeigeschulen“ von Hüther nur mit Wasser, wie auch der eingangs verlinkte ARTE-Beitrag zeigt: Da hospitieren die beiden Xenius-Redakteure in einer 10. Klasse der „Evangelischen Schule Berlin-Zentrum“. Stundenthema ist eine seltene Erbkrankheit, die in Zypern durch Gendiagnostik und Abtreibung bekämpft wird. Die Lehrerin teilt die Schüler in verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Blickwinkeln ein (Familie mit betroffenen Kindern, ausländische Kritiker, Zyperns Finanzministerium, Priester der zypriotischen Kirche). Danach sammeln die Jugendlichen in ihren jeweiligen Rollen Argumente und diskutieren miteinander. — Eigentlich doch eine ganz normale Stunde mit Gruppenarbeit wie an vielen anderen deutschen Schulen auch.

Martina Niekrawietz

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