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Multireligiöse Feiern in der Schule: Darauf sollten Sie achten

Längst ist das Christentum nicht mehr die alleinige Religion an unseren Schulen. Soll zu besonderen Anlässen der spirituelle Aspekt dennoch nicht fehlen, dann bieten multireligiöse Feiern eine Möglichkeit, alle zu beteiligen und einzubeziehen.

Vielfalt leben: Multireligiöse Feiern in der Schule: Darauf sollten Sie achten Alle Glaubensrichtungen können sich auf einer Schulfeier gleichberechtigt einbringen © jenny.illustrations - stock.adobe.com

Vergleicht man die Mitgliederzahlen von Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften in Deutschland, so sind die Christen mit weit über 46 Millionen der deutschen Bevölkerung die größte Gruppe. Demgegenüber ist die Gesamtzahl der Muslime in Deutschland mit 4,4 bis 4,7 Millionen gering. Die Anzahl der Buddhisten schätzt der religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst REMID auf etwa 270.000. Und nur etwa 100.000 Juden leben noch in Deutschland, etwa ebenso viele Hindus und Yeziden. Die Anzahl der Menschen ohne Religion oder Weltanschauung stieg von 2016 auf 2017 um 400.000 auf 27,1 Millionen. — Übertragen auf eine Klasse von 30 Schülern sind das dann grob geschätzt 15 oder 16 christliche, drei bis vier muslimische und 9 bis 10 Kinder oder Jugendliche ohne Religionszugehörigkeit.

Längst ist das Christentum also nicht mehr der „Normalfall“ an deutschen Schulen, und auch der christliche Schulgottesdienst zum Schuljahresanfang oder bei anderen festlichen Anlässen im Verlauf des Schuljahres entspricht nicht mehr der multireligiösen Zusammensetzung der Schülerschaft.

Doch wie gestaltet man am besten eine religiöse Feier, die alle Schüler gleichermaßen anspricht, die weltanschauliche und religiöse Vielfalt in der Schule respektiert und dabei doch den Gepflogenheiten der jeweiligen Religionen Rechnung trägt? Dieser Frage widmet sich der folgende Beitrag, der Ihnen zudem praktische Anregungen und Handreichungen an die Hand gibt.

Die vier Grundformen gemeinsamen Feierns

Der evangelische Theologe, Pfarrer und Hochschullehrer Bernhard Leube beschreibt im ersten Teil seines Vortrags zum Thema „Liturgische Aspekte religiöser Feiern von Christen und Muslimen“ vier verschiedene Grundformen von religiösen Feiern (S. 2 f. des Vortragsmanuskripts):

  1. Die „liturgische Gastfreundschaft“: Dabei lädt eine Kirchengemeinde, Moschee oder Institution andere zu ihrem „gewohnten Gottesdienst in ihren eigenen Räumen“ ein. Der Gottesdienst hat „einen klaren Charakter, christlich, jüdisch oder muslimisch“, nimmt jedoch Rücksicht auf den Gast, wenn das „offizielle Bekenntnis der Religion (...) nicht in den Mittelpunkt gerückt“ wird.
  2. Eine „multireligiöse Feier“ wird von einer gemischtreligiösen Gruppe vorbereitet. „Vertreter verschiedener Religionen kommen nebeneinander bzw. nacheinander zu Wort, (...), gemeinsame Gebete werden nicht gesprochen“ (ebd.) Wenn die Teilnehmer einer Religion beten, hören die anderen respektvoll zu.
  3. Auch die „interreligiöser Feier“, abgehalten meist an einem neutralen Ort, bereitet ein gemeinsames Team vor. Differenzen treten in den Hintergrund: „Gesucht wird das Verbindende, das sich dann in Texten, Gebeten, auch gemeinsamen Liedern äußert“, schreibt Bernhard Leube. Problematisch dabei: Die religiösen Gefühle einiger Glaubender können verletzt werden und Akteure, „die in kirchlichem Dienst stehen“ geraten womöglich in Konflikt mit ihrem Arbeitgeber.
  4. Bei der „religiösen Feier für alle“ stehen nicht die Religion, sondern „die gemeinsamen Fragen an das Ganze des Lebens“ im Fokus: Tod, Schuld, Krankheit, vielleicht auch konsensfähige Werte.

Die katholische Bischofskonferenz und der Rat der EKD präferieren die multireligiöse Feier.

Bei der Vorbereitung alle beteiligen

Einen praktischen Leitfaden für Vorbereitungsteams findet sich in der Broschüre „Religiöse Feiern im multireligiösen Kontext der Schule“, im Folgenden abgekürzt mit „RFimKdS“. Hier kurz die wichtigsten Punkte (RFimKdS, S. 14 ff.):

Das Team sollte paritätisch mit Mitgliedern aller beteiligten Religionen besetzt sein, auch die Sprechzeiten mit Redebeiträgen, Gebeten und Lesungen aus den Heiligen Schriften sollten paritätisch verteilt werden. Bereits im Vorfeld sichten und besprechen die Teamer Texte, Lieder, Gebete und Gestaltungselemente, wobei Vorbehalte einzelner grundsätzlich ernst zu nehmen sind.

Es empfiehlt sich ein neutraler Ort für eine multireligiöse Feier, zum Beispiel die Aula oder Turnhalle der Schule. Wichtig: „Die Raumgestaltung hat (...) alle an der Feier beteiligten Religionen und deren zentrale Elemente zu berücksichtigen“: Man könnte zum Beispiel zwei bzw. drei Tische für die jeweiligen Heiligen Schriften aufstellen, dazu Blumen und Kerzen und für jede Religion die Möglichkeit, ihr „besonderes Symbol“ zu präsentieren, wobei auf „ein würdiges Arrangement“ geachtet werden sollte, „das den feierlichen Rahmen unterstreicht“.

Ist eine Feier in einer Kirche, Moschee oder Synagoge geplant, sollte vorher unbedingt die Erlaubnis der Eltern eingeholt werden, da nicht alle Muslime oder Christen damit einverstanden sind, dass ihre Kinder eine Kirche bzw. Moschee betreten.

Beispiel für einen Ablauf einer multireligiösen Feier

Das Team bespricht im Vorfeld den Ablauf der multireligiösen Feier, wobei eine kurze Liste möglicher Feierelemente (RFimKdS, S. 15) bei der Planung hilfreich ist.

Zunächst begrüßen die Vertreter der verschiedenen Religionen jeweils „ihre“ Teilnehmer und sprechen — getrennt nach Religionen — die „Eingangsformeln/Voten“. Es folgt Musik oder ein Lied, bevor aus den Heiligen Schriften gelesen wird. Dann „Anspiele“ (kurze von einigen Teilnehmern gespielte Szenen zu verschiedenen Themen) oder eine gemeinsame Meditation bzw. Stille. Anschließend „Ansprachen“, Fürbitten und Segensformeln. „Symbolische Gesten“ wie ein Friedensgruß oder das Verteilen von Blumen oder Gastgeschenken fördern das Gemeinschaftsgefühl.

Wenn aus Heiligen Schriften in der Originalsprache zitiert wird, ist auch die deutsche Übersetzung vorzutragen, um niemanden auszuschließen. Das gilt auch für Gebete und andere Texte.

Die klare Trennung der verschiedenen religiösen Praktiken sollte sich auch in der Sprache niederschlagen: Also kein „Wir wollen nun zusammen beten ...“ oder „Wir wissen alle ...“, sondern „Ich lade alle Muslime dazu ein ...“ oder „Als Christen/Muslime beten wir nun ...“.

Besonders auch bei den Gebeten „ist mit besonderer Sorgfalt darauf zu achten, dass in der gemeinsamen Feier alle ihrem Glauben auf die je eigene Weise Ausdruck verleihen können“ (ebd.). Speziell bei der Gottesbezeichnung sind die Eigentümlichkeiten der Religionen zu beachten: Die Autoren der Broschüre raten etwa dazu, im christlichen Gebet „bei einer durchgängigen Gottesanrede zu bleiben“. Vermischt man hier z. B. „Vater“, „Herr“ und „Jesus“, könnte für Muslime der falsche Eindruck entstehen, dass zu verschiedenen Göttern gebetet wird. (ebd.) — In jedem Fall sollte das Planungsteam die Anmerkungen zum Gebet in der Broschüre „Religiöse Feiern im multireligiösen Kontext der Schule“ sehr genau studieren, um niemanden vor den Kopf zu stoßen.

Ähnlich wie bei der Gottesansprache sind auch bei Segenshandlungen die Besonderheiten der jeweiligen Religionen zu beachten. Für Einschulungsfeiern schlagen die Autoren der Broschüre vor, dass sich die „Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften“ am Schluss „an unterschiedliche Stellen des Raumes begeben und dort — wenn erwünscht auch nacheinander — die Angehörigen ihrer Religion segnen oder für sie bitten.“ (RFimKdS, S. 15)

Im Gegensatz zu den Gebeten können Fürbitten für ein gemeinsames Anliegen durch alle vertretenen Religionen vollzogen werden. Bernhard Leube schlägt folgende Vorgehensweise vor: „Gottesdienstteilnehmer schreiben auf Zetteln ihre Bitten auf, Pfarrer und Imam lesen abwechselnd vor.“ („Liturgische Aspekte religiöser Feiern von Christen und Muslimen“, S. 6, Link s. o.)

Themen und fertige Bausteine für multireligiöse Feiern

Besonders Schuleingangsfeiern sind ein beliebter Anlass für multireligiöse Zeremonien. Naturgemäß müsste sich das Vorbereitungsteam dann allerdings schon am Ende des vorhergehenden Schuljahres beziehungsweise in den letzten Tagen der großen Ferien zusammensetzen. Das ist in der Praxis zeitlich nicht immer für alle Beteiligten machbar.

Eine Alternative bieten hier direkt übernehmbare Bausteine für multireligiöse Feste, mit denen sich der Vorbereitungsaufwand minimieren lässt. In der Broschüre „Gemeinsam feiern — voneinander lernen“ des Erzbischöflichen Generalvikariats Paderborn finden Sie eine Variante für eine christlich-muslimische Schuleingangsfeier in der Grundschule (S. 14 ff.), die auch die Eltern der Kinder einbezieht. Die Gebete des muslimischen und des christlichen Vertreters sind ausformuliert, Vorschläge für gemeinsame Lieder und Texte aus den Heiligen Schriften (Psalmen und bestimmte Suren aus dem Koran), die mit beiden Religionen kompatibel sind. Auch die „guten Wünsche für die Schulzeit“, die Fürbitten, können direkt übernommen werden. — Sie werden von den Eltern vorgetragen.

Materialien für eine Schuleingangsfeier in der Grundschule bietet auch die Broschüre „Religiöse Feiern im multireligiösen Kontext der Schule“ (Link s. o.). Bei der Auswahl der Lesungen greifen die Autoren auf eher säkulare Texte aus Bilderbüchern oder „Der kleinen Prinz“ von Antoine Saint-Exupéry zurück. Mit der 67-Seiten-starken Handreichung sind auch multireligiöse Feiern für ältere Schüler schnell geplant: Anlässe sind in der Sekundarstufe etwa die Einschulung in die weiterführende Schule, der Schuljahresabschluss oder die Entlassung aus der Schule. Auch zwei Praxisbeispiele zum Thema „Trauern und Erinnern“ sowie ein Konzept für ein multireligiöses Friedensgebet können genutzt werden.

Bei all den genannten Vorschlägen werden auch die Schüler aktiv: Sie gestalten Kollagen, führen Rollenspiele auf, übernehmen Lesungen oder präsentieren thematisch passende kreative Arbeiten. — An dieser Stelle sei noch auf eine Quelle für gute Anregungen aus dem Netz hingewiesen: die Website jugendgottesdienste.de des Württembergischen Evangelischen Jugendwerks versammelt im Downloadbereich außergewöhnliche Ideen für jugendgerechte Feiern: „Unter Druck! — Stress, Leistung, Gnade“, „“Medial genial! — Mediengestützte Gottesdienste feiern“ oder „Flucht und Zuflucht — mit und für Flüchtlinge Gottesdienst feiern“ sind Beispiele für die spannenden Themen, die alle Schüler gleichermaßen interessieren.

Martina Niekrawietz

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