Fach/Thema/Bereich wählen
Religiöser Fanatismus

Salafismus-Prävention: Aktuelle Projekte und Beratungsangebote

Projekte und Angebote zur Salafismusprävention setzen auf einen wertschätzenden Dialog mit den Schülern und bieten professionelle Hilfe im Umgang mit radikalisierten Jugendlichen an.

Religiöser Fanatismus: Salafismus-Prävention: Aktuelle Projekte und Beratungsangebote Dialogbereitschaft vonseiten der Schule kann dazu beitragen, jugendliche Muslime vor radikalen Ideen zu bewahren © Jasminko Ibrakovic - Fotolia.com

Kurt Edler war jahrelang Lehrer. Heute arbeitet er als Referent der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V. (kurz DeGeDe) an Hamburger Schulen. Im Rahmen einer Fachtagung zum Thema Salafismus der Bundeszentrale für politische Bildung (30.06. – 01.07.2014 in Bonn) erläuterte er Möglichkeiten pädagogischer Islamismusprävention an Schulen, speziell im Zusammenhang mit „konfrontativer Religionsbekundung“.

An den Schulen, an denen er tätig ist, spielte Salafismus „bisher nur vereinzelt eine Rolle“, trotzdem gäbe es viele religionsbedingte kleinere Konflikte und Reibungspunkte. Wenn etwa Jungen plötzlich nicht mehr neben Mädchen sitzen möchten, sich der Kleidungsstil unvermutet ändert, Schülerinnen und Schüler die Teilnahme an Klassenfahrten oder am Sportunterricht verweigern, der Ruf nach Gebetsräumen laut wird, religiöses Mobbing verübt wird oder gar Propaganda oder Rekrutierungsbemühungen für radikale Gruppen ans Tageslicht kommen. Genau hier sollte eine wirksame Prävention ansetzen.

Eine wichtige Voraussetzung dafür sei jedoch, dass der Lehrer bestimmte Anzeichen erkennt, frühzeitig thematisiert und dabei nicht überbewertet: Denn man sollte nicht dem Trugschluss erliegen, dass — abgesehen von Propaganda oder Rekrutierung — die genannten Anzeichen zwingend Hinweise auf eine Radikalisierung sind. „Wir müssen auch über die Diskriminierung von Muslimen sprechen“, betont Edler, „ein potenziell explosives Konflikt-Klima in der Schule“ entstehe vor allem „durch die auf beiden Seiten fehlende Empathie für die Lebenswelt des anderen“. (ebd.)

Konstruktive Dialoge statt Debatten über Glaubensdogmen

Anstatt sich mit religionsaffinen Schülern „in eine Debatte über Glaubensdogmen zu versteigen“, sollten Lehrer „lieber positiv argumentieren und sich um eine Stärkung demokratischer Haltungen bemühen“, so Edler (ebd.). Demokratie lebt ja vor allem aus einem Dialog, der von gegenseitiger Wertschätzung geprägt ist. An segregierten Schulen, wo der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund 50 oder mehr Prozent beträgt, ist das oft gar nicht so einfach.

Bei der Zielgruppe von präventiven Maßnahmen handelt es sich schließlich meist „um eine relativ heterogene Gruppe“, wie der renommierte Islamwissenschaftler und Präventionsexperte Dr. Michael Kiefer in seinem Tagungsvortrag anmerkte. Für eine wirksame Präventionsarbeit ist daher qualifiziertes Personal erforderlich. Die Ansprechpartner müssen laut Kiefer nicht unbedingt selbst Muslime sein, sollten jedoch unbedingt Erfahrung in der Jugendarbeit mitbringen, um „mit der spezifischen Problematik eines oftmals einschüchternd auftretenden Jugendlichen“ professionell umgehen zu können.

An der bekannten Berliner Rüttli-Schule beispielsweise wurde der interkulturelle Verein „Lichtjugend e. V.“ hinzugezogen, der unter anderem „islamische Aufklärungs- und Antigewaltseminare“ an Berliner Schulen anbietet. Die Mitarbeiter des 2003 gegründeten Vereins versuchen, „die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie stehen“ und diskutieren — gemeinsam mit einem Co-Moderator aus dem Kreis der Schülerinnen und Schüler — über Probleme an der jeweiligen Schule, die meist innerhalb eines sozialen Brennpunktes liegt, berichtete Gründer Chalid Durmosch in seinem Tagungsbeitrag.

Als „Dialogmoderatoren“ verstehen sich auch Hassan Asfour und Siamak Ahmadi. Die beiden Geschäftsführer von „Dialog macht Schule“ kommen zu Brennpunkt-Schulen in Berlin, Wuppertal, Stuttgart und bald auch in Hamburg und Hannover. Bis zu zwei Jahre lang behandeln jeweils immer vier Dialogmoderatoren mit den Schülern die Themen Identität, Heimat, Religion und Nahostkonflikt. 90 Minuten pro Woche besuchen sie die Klassen — wohlgemerkt während der Unterrichtszeit, denn „mit Fußball und Tischtennis am Nachmittag wollen sie nicht konkurrieren“, sagt Siamak Ahmadi auf seinem Vortrag auf der Fachtagung. Trotzdem bedeutet „Dialog“ dabei nicht nur einfach „reden“, sondern auch kreative Projektarbeit, zum Beispiel Produktion und Präsentation von eigenen Videos. — Eine Form von „Öffentlichkeitsarbeit“ in der Schule, die klassenübergreifend den konstruktiven Dialog fördert.

Weitere Informationen:

Glaube oder Extremismus? — Bei der Beantwortung dieser zentralen und besonders häufig gestellten Frage hilft eine Broschüre des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, die hier als Printversion bestellt beziehungsweise als PDF heruntergeladen werden kann. 

Auch das Düsseldorfer Modellprojekt „Ibrahim trifft Abraham“ des Kinder- und Jugendhilfeträgers AGB e. V. setzt auf eine „Stärkung der eigenen Toleranzfähigkeit, der Dialogkompetenz sowie [auf] die Erweiterung des interkulturellen und interreligiösen Handlungsspielraums“, so Projektleiter Dr. Michael Kiefer in seinem Tagungsvortrag. Das Projekt lief von 2010 bis 2013 und startete mit einem Wettbewerb an mehreren Schulen, bei dem „die Schüler nach 15 freiwilligen Treffen innerhalb und außerhalb des Schulunterrichts Aktionsvorschläge für ein gegenseitiges Verständnis der Religionen entwickeln sollten.“ Es gab zum Beispiel Besuche von Kirchen, Moscheen und Synagogen, Diskussionen, Rollenspiele und — der Gewinner des Jahres 2011 — einen beeindruckenden interreligiösen Flashmob.

Islamischer Religionsunterricht als Extremismusprophylaxe

Rund 10 000 muslimische Schülerinnen und Schüler in Nordrhein-Westfalen nehmen derzeit an islamischem Religionsunterricht teil. Bernd Ridwan Bauknecht, Religionspädagoge und Lehrer an einer Hauptschule, berichtete auf der Tagung von dem derzeit laufenden Modellversuch, der das „Wissen um die eigene Religion fördern“ und „die religiöse Artikulationsfähigkeit stärken“ will, um so eine „Reflexion aus der Innen- und Außenperspektive“ zu ermöglichen und einen „interreligiösen Blick zu schaffen“. Auch Dr. Michael Kiefer hält den islamischen Religionsunterricht für eine Maßnahme mit hohem Präventionspotenzial: Wenn Muslime bereits als junge Menschen lernen, Glaubenslehren zu reflektieren, sind sie weniger anfällig für die simplen Schwarz-Weiß-Dichotomien der Salafisten. 

„Wenn es hart auf hart kommt“ — Beratungsangebote

Präventionsarbeit „an der Schwelle zum Extremismus“ leisten die Mitarbeiter des Projektes „Wegweiser“, über das Hala Zhour vom Nordrhein-Westfälsichen Innenministerium berichtete. In Düsseldorf, Bochum und Bonn gibt es Beratungsstellen, die Menschen „mit Leidensdruck“ beraten: „Meist sind es Mütter, Lehrer/-innen, Sozialarbeiter/-innen oder Gemeindemitglieder. Immer geht es um den eigenen Sohn, den (Mit-)Schüler oder den jungen Koranschüler, der droht in den extremistischen Islamismus/gewaltbereiten Salafismus abzugleiten“. Wer die Beratungsstellen konsultiert, müsse keine Angst vor Strafverfolgung haben, sagt Zhour, auch würden „persönliche Daten nicht an die Behörden weitergeleitet“.

Die „Beratungsstelle Radikalisierung“, eingerichtet vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, berät besorgte Bezugspersonen (mutmaßlich) extremismusgefährdeter junger Menschen. Von Montag bis Freitag von 9 bis 15 Uhr ist eine telefonische Hotline erreichbar. Im Jahr 2012 sind hier 950 Anrufe eingegangen, berichtet der leitende Referent der Einrichtung, Florian Endres, auf der Fachtagung. Bei 270 davon sei eine weitergehende Beratung erforderlich gewesen, 30 dieser Fälle hätten „Syrienbezug“ gehabt. 

Doch was soll man Eltern raten, deren Kind tatsächlich radikalisiert ist? Repression sei in diesem Fall der falsche Weg, sagt Claudia Dantschke von der Gesellschaft für Demokratische Kultur. Ebenso falsch sei es jedoch, wenn die Eltern „zu Islamexperten ausgebildet werden und übermäßiges Verständnis entwickeln“ sollen, betont die Salafismusexpertin. Vielmehr sollen Väter und Mütter durch die Beratungsgespräche „in ihrem Elternsein gestärkt“ werden.

Martina Niekrawietz

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Schulorganisation
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×