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Lebensentwürfe

Supervision als Chance, den Blick auf sich selbst zu lenken

Selbstreflexion und Selbstfürsorge sind wesentliche Bestandteile einer professionellen Ausgestaltung der Berufsrolle, insbesondere in der pädagogischen Arbeit mit Menschen. Umso wichtiger ist es, immer wieder auch die eigenen Haltungen und Handlungen zu hinterfragen.

Lebensentwürfe: Supervision als Chance, den Blick auf sich selbst zu lenken Es hilft sehr, in einem Supervisionsgespräch die eigenen Bedürfnisse zu formulieren, um ggf. neue Lebensentwürfe zu entwickeln © Wavebreakmedia Micro - Fotolia.com

Erfüllt mich mein Beruf? Mache ich wirklich das, was ich immer machen wollte oder ist mein Alltag durch vermeintliche Notwendigkeiten bestimmt? Fragen wie diese lassen sich nicht immer so einfach beantworten, berühren sie doch womöglich Aspekte der eigenen Persönlichkeit, die man gar nicht wirklich verarbeitet hat. Sind sie nicht geklärt, kann sich das negativ auf das Berufsleben und die Work-Life-Balance auswirken.

Supervision hilft dabei, einen freundlich-kritischen Blick auf sich selber zu werfen und darüber nachzudenken, wie eigene Lebenserfahrungen und Lebensvorstellungen in die Ausgestaltung der professionellen Berufsrolle hineinwirken. Selbstreflexion lässt sich als eine Form von Selbstfürsorge ansehen, die hilft, im Rahmen der professionellen Berufsrolle geistig beweglich zu bleiben und Ermüdung und Erschöpfung entgegenzuwirken. Diese stellen sich ein, wenn geistige Haltungen erstarren, Dialoge sich mit ähnlichen Worten wiederholen. Der Blick auf sich selbst erhöht das Verständnis für sich selbst.

Persönliche Lebensthemen beeinflussen pädagogische Arbeit

Die eigene pädagogische Arbeit kann dabei unter den Aspekten der Selbstentwicklung und Selbstverwirklichung gesehen werden. Die Rolle des Lehrers mag aus persönlicher Sicht eng mit dem eigenen Lebenssinn und persönlichem Wachstum verknüpft sein. Die Auseinandersetzung mit Fachwissen und der pädagogischen Arbeit mit Schülern kann mit Lebensfreude, Lust am eigenen Wissenserwerb und dem Wunsch, Schüler für einen bestimmten Lernstoff zu begeistern, verbunden sein. Die vielfältigen Aufgabenbereiche  können von den Lehrern als für sie persönlich sinnstiftend erlebt werden. Beim Austausch mit anderen Lehrern wird die Arbeitswelt als wichtiger Teil des sozialen Netzes angesehen, das u. a. wechselseitige Unterstützung, Anregungen durch neue Ideen und soziale Nähe bereitstellen kann. Arbeit lässt sich auch als Strukturierung von Lebenszeit ansehen, als „Sinn- und Identitätsanker“ (Buer und Schmidt-Lellek 2008, S. 26). Aus psychologischer Sicht kann die Stabilisierung des Selbstwertgefühls im Rahmen des beruflichen Beziehungsgeflechtes eine aus subjektiver Sicht wichtige Bedeutung beigemessen werden. Die Berufswahl kann intrinsisch motoviert sein (Heckhausen und Heckhausen 2010) oder einem in den Vordergrund gerückten Wunsch nach Sicherheit entspringen.

Persönliche Lebensthemen schimmern immer wieder in die Begegnung zwischen Menschen hinein. Eine bewusste Reflexion hilft, diese Lebensthemen zu würdigen und ihnen einen angemessenen Platz im Rahmen der pädagogischen Arbeit einzuräumen.

Verdeckte Lebenswünsche nicht ignorieren

In einer Supervision äußert der Lehrer L.* (Name geändert): „Ich habe Mathematik und Physik studiert, weil ich mir so eine dauerhafte Festanstellung versprochen habe, auch wenn ich eher Lust gehabt hätte, Musik und Geschichte zu studieren und diese Fächer zu unterrichten.“

Literatur zum Thema:

Buer, Ferdinand / Schmidt-Lellek, Christoph: Life-Coaching. Über Sinn, Glück und Verantwortung in der Arbeit. Göttingen 2008

Heckhausen, Jutta / Heckhausen, Heinz: Motivation und Handeln. Berlin 2010

Hoffmann, Nicolas / Hofmann, Birgit: Selbstfürsorge für Therapeuten und Berater. Weinheim 2008

Watzlawick, Paul / Beavin, Janet H., Jackson, Don D.: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern 2011

Anlass zur Supervision war ein Gespräch des Lehrers mit einem älteren Schüler Roland*, der unbekümmert seine fest Absicht mitteilte, dass er Lust hätte, Musik und Tanz zu studieren. Der Lehrer hatte ihn „unter Hinweis auf die zu erwartende Lebensrealität“ auf die mangelnden Chancen hingewiesen, mit dieser Berufsausbildung seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das Gespräch wurde zunächst emotionaler (symmetrische Eskalation) und erstarrte sehr schnell. Schüler und Lehrer beharrten auf ihren Positionen, dann verstummten beide und gingen ihrer Wege.

Ohne es zu wollen, spiegelte Roland* mit seiner Unbekümmertheit den verhüllten und vernachlässigten Lebenswunsch des Lehrers nach Kreativität und seiner nur noch im Verborgenen flackernden Leidenschaft für Geschichte. Für den Lehrer war es sehr schwer, diese Konfrontation emotional auszuhalten und suchte für sich Sicherheit in der Rolle des lebenserfahrenen Lehrers.

Mithilfe der biografischen Reflexion Perspektiven entwickeln

Eine biographische Reflexion im Rahmen der Supervision kann dazu beitragen, in Vergessenheit geratene Lebenswünsche und Lebenseinstellungen wieder ins Bewusstsein zur rücken und Möglichkeiten zu entwickeln, diese  in die berufliche Lebensrealität einzugliedern. Die Verwendung von Symbolen, wie zum Beispiel ein Notizblock für den achtsamen Umgang mit eigenen Ideen, eine Spielzeugflöte für Musikalität, ein buntes Tuch für Kreativität, eine Brille für einen klaren Blick für andere Menschen, hilft, die Bedeutung von Haltungen auf einer über die Sprache hinausgehenden Klarheit darzustellen und ihnen eine Stimme zu geben. In einem fiktiven Dialog mit laut ausgesprochenen Sätzen können die unterschiedlichen Haltungen („Kreativität“ vs. „Lebensrealität“) ihre Argumente aus unterschiedlichen Blickwinkeln austauschen und einer Bewährungsprobe unterziehen. Das Einnehmen verschiedener Blickwinkel verändert dabei das Erleben, die Wahrnehmung. Neue Gedanken tauchen auf und verändern Einstellungen. 

Herr L.* entwickelte die Idee, einen zusätzlichen Kurs zur Geschichte von Mathematikern anzubieten (sein Interesse an Geschichte) und so eine neue, für ihn passende Balance zwischen den Erfordernissen des Berufes und seinen Lebenswünschen herzustellen. Danach fiel es dem Lehrer leichter, die Haltung des Schülers Roland* zu akzeptieren und seinen Weg gehen zu lassen, ohne korrigierend eingreifen zu müssen.

In entscheidenden Momenten innehalten

Bei Gesprächen zwischen Lehrern und Schülern über Themen der Lebensorientierung wie z. B. Berufswahl, Wahrnehmung und Ernstnehmen eigener kognitiver, emotionaler und sozialer Fähigkeiten erweist sich ein kurzer Moment der Selbstreflektion auf Lehrerseite als sinnvoll:

Über welche besonderen Fähigkeiten verfüge ich selber? Wie haben sich meine Fähigkeiten entwickelt? Habe ich meine Fähigkeiten achtsam gefördert oder habe ich mich an entscheidenden Punkten meines Lebens bewusst entschlossen, auf die eine oder andere Fähigkeit zu verzichten? Wie hat sich dieser Verzicht auf meinen beruflichen Lebensweg ausgewirkt? Bedaure ich meine Entscheidung oder hat meine damalige Entscheidung neue Pforten eröffnet, die ich zum Zeitpunkt der Entscheidung noch gar nicht absehen konnte?War meine damalige Entscheidung meine eigene Entscheidung oder wurden fremde Interessen und Lebenseinstellungen an mich herangetragen? Standen mir wohlwollende Menschen zur Seite, die die in mir schlummernden Fähigkeiten wahrnahmen und mir vor Augen hielten?

Eigene Erfahrungen an Schüler weitergeben

In der Supervision sprach Frau K.*, eine Musiklehrerin, über die musisch begabte junge Schülerin Melanie*, welche auf Drängen der Eltern auf ihr Instrumentenspiel verzichten sollte. Die Eltern verstanden die Begeisterung ihrer Tochter nicht und hielten ihr Musikspiel für Zeitverschwendung. Die Musiklehrerin bedauerte, dass es ihr in mehreren Gesprächen mit den Eltern nicht gelungen sei, diese von der musischen Begabung ihrer Tochter zu überzeugen. Dies habe sie tief getroffen. Sie selber lebe für die Musik und gönne dies der Schülerin Melanie* von Herzen. Im Rahmen einer kurzen biographischen Rückschau (Timeline) verwies die Musiklehrerin auf einen Moment, wo ihre Eltern versucht waren, ihre Begeisterung für Musik auf andere Wege zu lenken. Eine Tante habe sich damals sehr für sie eingesetzt und ihre „Angst in Hoffnung verwandelt“. Diese Hoffnung wolle sie jetzt  als Erwachsene weitertragen. Es fiel ihr schwer, in ihrem Bemühen zu scheitern. Eine kämpferische Haltung hatte sie in ihrer geistigen Beweglichkeit erstarren lassen.

Das Reflektieren der eigenen Biographie in der Supervision verhilft dazu, einen wohlwollend-kritischen Blick auf sich selbst zu werfen, die Beweggründe des eigenen Handelns zu verstehen und verfestigte Haltungen wieder in Bewegung zu bringen (Hoffmann und Hofmann 2008, S. 28). Die Erweiterung eigenen Blickfeldes erhöht das spontane Einfühlungsvermögen und das Verständnis für die eigene und auch die Lebenswelt der Schüler.

Andreas Schulz

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