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Unterrichtsideen

Virensicher in der „Draußenschule“

Verlegen Sie den Klassenraum ins Freie. Die Draußenschule schafft ganz neue Lernerfahrungen und fördert den Zusammenhalt der Lerngruppe. Positiver Nebeneffekt: Das Ganze ist auch noch virensicher.

Unterrichtsideen: Virensicher in der „Draußenschule“ Unterricht draußen in der freien Natur begeistert die meisten Kinder und kann ausgesprochen lehrreich sein © Halfpoint - stock.adobe.com

Nach dem Corona-bedingten Shutdown eröffnete Dänemark als erstes europäisches Land bereits in der dritten Aprilwoche 2020 wieder seine Grundschulen und Kindergärten. Laut Berliner Zeitung setzten die Schulen dabei „auf einfache, aber originelle Maßnahmen“: Einige Klassen werden „aus Sicherheitsgründen (...) im Freien“ unterrichtet. Zudem teilte man in „vielen Teilen des Landes“ die Klassen in zwei Gruppen, wobei – traumhafter Personalschlüssel! – „auf zehn oder elf Schüler ein Lehrer kommt“. Auch verkürzte man den Schultag „für einige Schüler“ (ideal für die Leistungsstarken mit guten Homeschooling-Bedingungen), um Kapazität für andere zu gewinnen, zum Beispiel Kinder aus eher bildungsfernen Familien mit höherem Förderbedarf. – Eine gute Idee, die sich auch an deutschen Grundschulen leicht umsetzen ließe. Genauso wie der Unterricht im Freien, der aus virologischer Sicht ja auch erheblich weniger Ansteckungsrisiken birgt. 

Der folgende Beitrag liefert Ihnen Infos und Ideen für regelmäßige „Draußenschul-Tage“, die in skandinavischen Ländern bereits gang und gäbe sind.

Draußenschule setzt Akzente in der Stadt und auf dem Land

Ursprünglich stammt die Idee der Draußenschule aus Norwegen, „wo die ‚uteskole‘ [= Outdoor-Ausbildung] auf der langen, identitätsstiftenden Tradition des ‚friluftsliv‘ (Freiluftleben) aufbaut“, erläutert Fabian Busch in der Süddeutschen Zeitung. Doch lässt sich das Konzept auch in deutschen Schulen umsetzen? Das erprobten Wissenschaftler der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität (JGU) mit drei Modellschulen im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojekts von 2014 bis 2017. 

Je nach Standort setzen die Schulen beim Draußen-Lernen ganz eigene Akzente, wie das Video auf dieser Webseite der JGU zeigt: In der Ahrbach-Grundschule am Rand einer kleinen Gemeinde im Westerwald unternehmen die Schüler/-innen immer mittwochs Wanderungen in die Umgebung: In einer „urwüchsigen Waldlandschaft“ auf dem nahegelegenen Malberg treffen sie den Förster. Mit den Kindern erkundet er, was ein abgestorbener Baum „erzählen“ kann (Sachunterricht), dann demonstriert er den Schülerinen/Schülern den Klang verschiedener Steine (Musik). Die Schüler/-innen klettern auch auf kleine Felsen, balancieren auf liegenden Bäumen (Sport) und lauschen den Geschichten und Sagen der Gegend (Heimat- und Sachunterricht, Deutsch). 

In der Grund- und Werkrealschule Hohenstein in Stuttgart-Zuffenhausen setzt die Lehrerin ganz andere Prioritäten: Sie übt mit ihren Schülerinnen/Schülern, sich eigenständig und aufmerksam im komplexen Streckennetz des öffentlichen Nahverkehrs der Großstadt zu bewegen. Bevor es in die Mitmachausstellung „Naturdetektive“ geht, bespricht sie in der Klasse erst einmal den Weg dorthin: Fußweg, Straßenbahn, U-Bahn und dann das letzte Stück wieder zu Fuß ins Museum. Dort angekommen bilden die Kinder zunächst einen Sitzkreis und klatschen und sprechen einen kurzen „Schulrap“. – Solche Rituale geben den Schülerinnen/Schülern eine klare Struktur, und das sei „sehr wichtig“, wenn die Kinder „in Räume eintreten, die sie noch nicht kennen“, erklärt die Lehrerin im Video.

Die dritte Projektschule liegt wieder im ländlichen Raum, in Lichterfelde. Hier hat die Lehrerin heute einen MINT-Tag geplant: Sie besucht mit ihrer Klasse ein solargetriebenes Forschungsboot auf dem nahegelegenen Werbellinsee. Unterwegs baut sie ein kleines Kopfrechenspiel ein, das Mathematik mit Bewegung verbindet. Auf dem Schiff, einem schwimmenden Forschungslabor, erfahren die Schüler/-innen eine Menge über erneuerbare Energien. Und sie erforschen eigenständig mit dem Mikroskop, was im Wasser des Sees so alles „kreucht und fleucht“. 

Unterrichtsideen für jede Jahreszeit

Anregungen für Ihren eigenen Draußen-Lern-Tag fasst die Website schulwandern.de zusammen. Hier erfahren Sie, wie die Modellschulen ihre Tage im Einzelnen gestaltet haben. Allen voran und exemplarisch sei hier die Grundschule Lichterfelde vorgestellt, die ihre Unterrichtsaktivitäten besonders detailliert in Wort und Bild in ihrem „Tagebuch“ dokumentiert. Sie geben Ihnen Impulse – und Materialien – für vielfältige Aktivitäten in jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter: 

Im Winter etwa erforschen die Kinder einheimische Singvögel oder suchen Tierspuren im Schnee, sie bauen Eichhörnchenkobel und verstecken mitgebrachte Nüsse – wie Eichhörnchen – an verschiedenen Orten. Das ist eine gute Gedächtnisübung, denn später müssen die Kinder die Nüsse auch wiederfinden, was ja bekanntlich auch für die Eichhörnchen gar nicht so einfach ist. 

Im Frühling erkunden sie mit Bestimmungsbüchern und Becherlupen einen nahegelegenen Wald oder sie funktionieren kurzerhand den Lichterfelder Park zum grünen Klassenzimmer um und lesen an zwei Tagen im Mai „eine Ganzschrift“ mit dem Titel „Geschichten über Julia“. Dabei teilt die Lehrerin Textabsätze auf einzelne Gruppen auf, die dann jeweils ihre Passagen einüben. Anschließend lesen sich die Kinder gegenseitig die komplette Geschichte vor.

Eine abwechslungsreiche Naturexpedition zum Buckowsee unternehmen die Kinder im Juli mit dem Förster. Beim Wandern entdecken sie Wildpflanzen wie Silberdistel, Wildmöhre oder Riesen-Bärklau, aber auch Kulturpflanzen auf Gersten- und Rapsfeldern. Am See gibt es wieder eine themenbezogene Geschichte „vom Wimmeln und Treiben im Wasser“. Und wenn die Kinder auch ein wenig enttäuscht sind, weil „im Wasser wenig von dem angekündigten Gewimmel“ zu merken ist, haben sie doch einen abwechslungsreichen Tag mit viel Bewegung, entdeckendem Lernen und Bezügen zu unterschiedlichen Fächern (Deutsch, Sachunterricht) erlebt.

Für Draußenschul-Tage im Herbst liefert die Lichterfelder GS übrigens besonders viele Beispiele, sodass Sie sich bei einer möglichen Einführung der Draußenschule am Schuljahresanfang eine Menge Vorbereitungsaufwand sparen können: Da erkunden die Kinder verschiedene „Erfindungen zur Zeitmessung“: Feuer-, Wasser-, Sonnen-, Sand-, Blumen- oder auch Kerzenuhr. Und natürlich bauen sie eigene Uhren aus Naturmaterialien. Im nahegelegenen Park machen sich die Schüler/-innen auf die Suche nach verschiedenen Laub- und Nadelhölzern. Sie schraffieren „ausgewählte Baumrinden“ mit Bleistift und Papier und „beschnuppern“ eine Douglasie, indem sie ein oder zwei Nadeln zwischen den Fingern zerreiben. In einem „Wettertagebuch“ halten sie an jedem Draußenschul-Tag „die Bewölkung, den Niederschlag, den Wind und die Temperatur“ fest. Und der Besuch von Pferden und Kühen auf der Weide lässt sich wunderbar mit Übungen „in der vierer Malfolge“ [sic!] verbinden: 8 Kühe und 3 Pferde haben zusammen wie viel Beine?

Draußenschule auch im Fachunterricht höherer Klassen

Das Projektteam der Mainzer Uni arbeitete lediglich mit Grundschulen. Der Grund: In der Grundschule wird der Unterrichtsstoff überwiegend von nur einer Lehrperson vermittelt. Und da „lässt sich die Draußenschule eher in den Lernalltag integrieren“, erklärt Sarah Sarahkhiz, die Koordinatorin des Projekts auf der JGU-Website (Link s. oben).

Doch das Prinzip lässt sich ohne Weiteres auch im Fachunterricht in der weiterführenden Schule umsetzen, wie die 5g des Anna-Essinger-Gymnasiums in Ulm beweist: „Jeden Donnerstag marschieren zwei Lehrer mit den 25 Schülern in den Wald, um dort zu lernen“, berichtet Fabian Busch in Focus online. Dann unterrichtet jeder Fachlehrer jeweils eine Klassenhälfte eine Doppelstunde lang im Wald: im ersten Halbjahr stehen Deutsch und Biologie auf dem Stundenplan, im zweiten Mathematik und Geografie. – Fast normaler Fachunterricht, mit genau demselben Quantum an Stoff – das war für Schulleiter Dieter Greulich eine wichtige Voraussetzung für die Einführung der Outdoorklasse. 

Lehrer Christian Rettich, der am Anna-Essinger-Gymnasium die Draußenschule angestoßen hat, findet, der Waldunterricht bietet viele Vorteile: Die intrinsische Lernmotivation der Schüler/-innen sei größer und sie könnten im Wald „ganz konzentriert arbeiten“, einfach, weil es stiller ist. Auch seine Kollegin Kerstin Grevel ist von dem Konzept überzeugt: Beim Wandern in den Wald sei es für sie leichter, eine enge Beziehung zu den Schülerinnen/Schülern aufzubauen. Und davon profitierten sowohl die Fünftklässler als auch die Lehrerin, als sie die Outdoorklasse während der Schulschließung nur noch digital unterrichten konnte.

Martina Niekrawietz

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