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Schulsystem Ukraine

Was Lehrkräfte über das ukrainische Schulsystem wissen sollten

Zum Verständnis für die geflüchteten Schüler/-innen aus der Ukraine ergibt es Sinn sich mit dem ukrainischen Schulsystem zu beschäftigen. Die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschieden erfahren Sie hier.

Schulsystem Ukraine: Was Lehrkräfte über das ukrainische Schulsystem wissen sollten Das deutsche und ukrainische Schulsystem haben viel gemeinsam © Halfpoint - stock.adobe.com

Vergleicht man das deutsche mit dem ukrainischen Schulsystem, lassen sich viele Gemeinsamkeiten entdecken: Hier wie dort werden die Kinder mit sechs Jahren eingeschult. Die Grundschulzeit dauert – wie hierzulande fast überall – vier Jahre, danach geht es für mindestens fünf Jahre auf die weiterführende Schule. Wer dann noch zwei Jahre länger zur Schule geht, kann Abitur machen und „zur Universität gehen“, erfährt man auf der interaktiven Website kinderweltreise.de. Und genau wie in Deutschland gibt es zum einen Gemeinschaftsschulen, in denen „alle drei Schulstufen in einem Gebäude zusammengefasst“ sind, zum anderen „Gymnasien“ mit Mittel- und Oberstufe“ (ebd.).

Abschlussprüfungen 

Wann finden jeweils die Abschlussprüfungen statt? Diesbezüglich sorgt eine Infografik auf dem Deutschen Schulportal für den schnellen Überblick: Nach der 9. Klasse machen die Jugendlichen die mittlere Reife und können damit eine Berufsausbildung beginnen. Oder sie drücken die Schulbank noch zwei Jahre, bzw. zukünftig sogar drei Jahre länger, wobei diese erweiterte Oberstufe erst für diejenigen relevant sein wird, die derzeit noch die Primarstufe besuchen.

Am Ende der Oberstufe steht ein „Zentral-Abitur mit einheitlichen Prüfungsaufgaben“, das mit „externen Prüferinnen und Prüfern an dafür vorgesehenen Schulen“ zu einheitlichen Terminen ukraine-weit stattfindet. Die schriftlichen Prüfungsfächer Mathematik und Ukrainisch sind verpflichtend, dazu kommen mindestens zwei weitere Fächer mit schriftlichen Aufgaben. Die Anmeldung zu den Abschlussprüfungen erfolgt „auf einer Plattform der Schulbehörde“ (ebd.).

Ausnahmen bei Prüfungen während des Krieges

Die Prüfungen nach der 9. Klasse entfallen in diesem Jahr nach dem Kriegsausbruch, doch die Abiturprüfungen finden statt, allerdings „in anderer Form als üblicherweise“, so Olena Kovalchuk, die Leiterin des ukrainischen Programms an der Deutschen Schule Kiew (ebd. auf dem Deutschen Schulportal).

Ausnahmsweise
  • wird es verschiedene Termine mit unterschiedlichen Aufgaben innerhalb eines Zeitraumes von 10 bis 15 Tagen im Juli geben;
  • wird die Prüfung „in der Ukraine online in speziell ausgestatteten Prüfstellen mit Schutzraum“ durchgeführt;
  • wird es nicht etwa Prüfungen in mehreren Fächern an mehreren Tagen geben, sondern nur einen „Multifachtest“ mit insgesamt 60 Aufgaben: je 20 Aufgaben in den Fächern Ukrainisch, Mathe und Geschichte der Ukraine. Dieser Test ist für alle verpflichtend, die in der Ukraine ein Hochschulstudium beginnen möchten.
  • Alle anderen ukrainischen Elftklässler und Elftklässlerinnen erhalten in diesem Jahr ausnahmsweise „auch ein Abschlusszeugnis, ohne an den Prüfungen teilzunehmen, basierend auf den Noten, die sie vorher bekommen haben“ (ebd.). 

Anerkennung der ukrainischen Abschlüsse in Deutschland

Und wie werden die ukrainischen Abschlüsse hier in Deutschland anerkannt? Dazu finden Sie eine laufend aktualisierte Übersicht mit den detaillierten Regelungen und KMK-Beschlüssen auf der Website der Kultusministerkonferenz.

Unterrichts- und Fremdsprachen 

Die Unterrichtssprachen in ukrainischen Bildungseinrichtungen sind vielfältig, wie statistische Übersichten auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung zeigen: Ukrainisch (2015/2016: 15475 Schulen) ist gegenüber Russisch (614 Schulen) an den Schulen die klar dominierende Unterrichtssprache, wobei z. B. in den östlichen Regionen im Unterricht wesentlich häufiger auf Russisch unterrichtet wird.

Bei den Fremdsprachen ist Englisch die „häufigste 1. Fremdsprache ab Klasse 1“, so das Deutsche Schulportal, und die „häufigste 2. Fremdsprache ab Klasse 5“ ist Deutsch (ebd.), sodass viele in deutschen Schulen zumindest schon mal eine gute Verständigungs-Grundlage haben. 

5 Ressentiments, die unbegründet sind

  1. „Viele verstehen keine lateinischen Schriftzeichen.“
    Das ist falsch: Die Kinder lernen bereits mit der ersten Fremdsprache in der Grundschule die lateinischen Schriftzeichen.
  2. „Frontalunterricht ist in ukrainischen Schulen die Regel.“
    Stimmt nicht, Projektarbeit, außerschulische Projekte, Beobachtungen, Binnendifferenzierung – all das gibt es bereits in der Grundschule. Es ist aber nicht die Regel, wie Frau Kovalchuck erklärt: Der Unterricht an ukrainischen Schulen setze „oft sehr theoretisch auf reine Wissensvermittlung“. 
    Mithilfe von Online-Plattformen versucht man aber bereits, den MINT-Unterricht „interaktiver zu gestalten“, wie die Redaktion des Deutschen Schulportals recherchiert hat. Hier sind auch einige Lernplattformen direkt verlinkt: Matific (Mathe für GS-Kinder), Mozaweb (MINT von Klasse 5 bis 11) und Phet (interaktive Simulationen für naturwissenschaftliche Fächer inklusive Geografie). Damit hat sich praktisch auch schon das dritte Vorurteil erledigt.
  3. „Ukrainische Schüler und Schülerinnen können nicht mit digitalen Medien umgehen.“
    Das ist eine irrige Annahme: Aufgrund der Schulreform und der Pandemie ist die Digitalisierung in ukrainischen Schulen weit fortgeschritten. Zudem laufen genau wie in Deutschland zahlreiche Pilotprojekte, z. B. Tablet-Klassen.
  4. „In der Ukraine gibt es nur Ganztagsschulen.“
    Falsch: Es gibt sie zwar vereinzelt, allerdings sind das nur Privatschulen. An Grundschulen ist aber eine zweistündige Hausaufgabenbetreuung nach dem Unterricht Usus, für Sekundarstufler gibt es nachmittags verschiedenste, frei wählbare, oft kostenfreie Angebote in verschiedenen Sportarten, Schach etc..
  5. „Kürzere Schulzeit bedeutet weniger gelernt?“
    Auch diese Annahme trifft nicht zu. Wenngleich die Anzahl der Wochenstunden in den einzelnen Fächern vergleichbar mit Deutschland ist, lernen ukrainische Jugendliche in Sekundarstufe I und II nicht weniger. Denn sie haben „meist viel mehr Hausaufgaben als hier“, sagt Frau Kovalchuck (DS).

Dass die Unterschiede zwischen dem ukrainischen und dem deutschen Schulsystem sich in Grenzen halten, bestätigt auch Frau Dr. Maria Schlitt in diesem Video aus der Reihe „Schule im Gespräch“. Sie ist selbst als 13-Jährige aus Odessa nach Deutschland gekommen und arbeitet heute hier als Realschullehrerin. Natürlich gibt es bei den zwischen deutschen und ukrainischen Oberstufen-Schulabgängern einen Altersunterschied von einem Jahr. Den könne man z. B. durch ein freiwilliges soziales Jahr kompensieren, schlägt Frau Schlitt vor. 

Vielleicht wäre in dieser Zeit auch ein vertiefender Intensiv-Kurs sinnvoll, der die Schülerinnen und Schüler noch einmal so richtig fit in der deutschen Bildungssprache macht. Das ist ja schließlich die wichtigste Kompetenz für angehende Studenten und Studentinnen.

Viele Infos und Materialien zur Ukraine-Krise finden Sie unter: 

Martina Niekrawietz


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