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Erziehungsauftrag

Verhätscheln wir unsere Schüler?

Kinder und Jugendliche sollten in ihrem Verhalten positiv bestärkt werden, aber ebenso müssen ihnen die Grenzen bzw. falsches Verhalten aufgezeigt werden. Sie benötigen einen starken Orientierungsrahmen, gerade auch durch die Schule.

Erziehungsauftrag: Verhätscheln wir unsere Schüler? Auch das müssen Schüler lernen: den respektvollen Umgang mit Mitschülern © Syda Productions - Fotolia.com

In einem neuen Buch zu dem Thema, wie Kinder sich in der Schule verhalten und wie damit umgegangen wird und werden soll, wird die These aufgestellt, dass wir (z. B. die Lehrer) zu sehr die Schwächen der Schüler fokussieren, anstatt sie so zu akzeptieren, wie sie sind. Es ist ein „Ermutigungsbuch für Eltern“, das ihnen zeigen soll, dass ihre Kinder genau richtig sind, so wie sie sind.

Zunächst einmal soll hier eindeutig Position bezogen werden, dass jedes Elternteil auf dieser Welt sein Kind bedingungslos lieben sollte. Bedingungslose Liebe ist die Hauptzutat und das Fundament für eine glückliche Kindheit, für die Bildung von Selbstvertrauen und für das erfolgreiche Angehen einer Lebenszeit. Aber ist ein Kind „genau richtig, wie es ist“? Diese These erscheint mir schlichtweg falsch.

Nicht alles muss gutgeheißen werden

Ich beobachte immer stärker zwei Tendenzen bei Kindern: entweder (und das ist zum Glück die wesentlich seltenere) werden Kinder vernachlässigt und sich selbst überlassen oder Kinder werden in eine elterliche Schutzhülle gepackt, die für Außenstehende — und dennoch an der Erziehung der Kinder partizipierende Menschen — nur sehr schwer zu durchdringen ist.

Eltern lieben ihre Kinder, so wie sie sind. Und das ist auch nicht falsch. Es ist gut so. Doch das heißt doch noch lange nicht, dass alles, was sie tun, richtig ist. Kinder machen Fehler. Und auch das ist gut so. Kinder reizen, um ihre Grenzen zu finden. Und, sie werden es ahnen, auch das ist gut! Nur so lernen Kinder. Sie lernen ihr Potenzial auszuschöpfen, indem sie Grenzen aufgezeigt bekommen, die sie zu überschreiten versuchen. Sie lernen Verhalten, indem sie aufgezeigt bekommen, was richtig und was falsch ist. Erwachsene müssen sich dafür aber nicht verbiegen. Sie müssen nicht, nein, sie dürfen nicht versuchen, das Kind zu verhätscheln.

Lob, aber auch konstruktive Kritik fördern die Entwicklung

Mit Verlaub: Jeder normal funktionierende Mensch mit ein bisschen Menschenverstand, d. h. auch jedes Elternteil, wird doch verstehen und mit ein bisschen logischem Denken von selbst darauf kommen, dass wir Kinder positiv unterstützen müssen. Natürlich loben wie sie, wenn sie etwas Tolles erreicht haben. Wir loben sie, wenn sie eine Hürde überspringen, wenn sie in der Schule gute Leistungen erbringen oder wenn sie im Sportverein gut mitarbeiten. Und natürlich loben wir sie für gezeigte Empathie, für das Verständnis von Schwächen anderer Menschen, für gezeigten Respekt und für Barmherzigkeit. Wir fokussieren diese positiven Dinge und sind stolz auf unsere Kinder. Nebenbei bemerkt benötigen auch Eltern und Lehrer positive Rückmeldung.

Aber es ist ebenso unsere Pflicht, Kinder für „schlechtes“ Verhalten zu tadeln. Kinder (sicherlich ist es hier wichtig, in welcher Entwicklungsstufe sie stecken) können noch nicht wissen, was „richtig“, „angebracht“, oder „falsch“ respektive „unangebracht“ ist. Dafür sind wir, Lehrer und Eltern, da. Wir müssen diese Dinge mindestens genauso in den Blickpunkt rücken wie die guten Dinge. Selbst wenn unsere Kinder mal etwas „Schlechtes“ gemacht haben, lieben wir sie nicht weniger, wir denken auch nicht, dass sie böse sind oder „unrichtig“. Sie haben einfach etwas gemacht, das zur Entwicklung dazu gehört. Es ist unsere Aufgabe, sie darauf hinzuweisen, dass das, was sie gemacht haben, vielleicht einfach unpassend oder unangebracht war.

Zwei Beispiele aus der Praxis

Ich möchte zwei Beispiele liefern, durch die vielleicht etwas klarer wird, was genau ich damit meine.

Stellen sie sich folgende Situation im Klassenzimmer vor: Der kleine Peter ist in der fünften Klasse. Er fühlt sich in seiner neuen Klasse recht wohl. Er ging vorher in eine gute Grundschule, in der er schon sehr viel mehr gelernt hat als der ein oder andere Mitschüler aus seiner neuen Klasse. Er hat das Privileg, in einem Elternhaus aufzuwachsen, das ihm Wärme und Liebe gibt und er hat Eltern, die beide einen Universitätsabschluss haben. Es ist Englischunterricht und der Lehrer fragt Lisa, die zwei Plätze neben ihm sitzt, ob sie schon bis 20 zählen könne. Lisa schaut ihn verdutzt an und verneint. Peter lacht laut los, zählt schnell bis 20 und sagt, dass er sogar bis 1000 zählen könne. Das sei doch total einfach. Er lacht Lisa aus. Ist unser Peter also richtig so wie er ist?! Nein, natürlich nicht. Hier muss der Lehrer eingreifen, Peter sehr energisch und nachhaltig — evtl. mit erzieherischen Maßnahmen — vermitteln, dass dies ein klares Fehlverhalten war, dass er sich respektlos verhalten hat und dass zukünftiges, ähnliches Verhalten Konsequenzen für ihn hätte.

Peter meinte seinen Lacher wahrscheinlich nicht einmal böse. Er konnte einfach nicht verstehen, warum es jemanden gibt, der noch nicht weiß, wie man bis 20 zählt. Das ist auch nicht schlimm, schließlich hat Peter in der fünften Klasse eine sehr überschaubare Lebenserfahrung. Wir als Erwachsene haben diese allerdings und es ist unsere Pflicht, in solch einer Situation Peter zu spiegeln, dass sein Verhalten falsch war. Daran wird er nicht verzweifeln. Vielleicht wird er weinen, weil er „Schelte“ nicht gewöhnt ist. Solange wir ihm erklären, was er falsch gemacht hat, wird Peter lernen und verstehen, wie er sein Verhalten in Zukunft zu adaptieren hat.

Sportunterricht in Klasse 6, Fußball: Maurice hat nur einen Arm und ist nicht besonders sportlich. Die Kinder in seiner Klasse sind zwar verständnis- und respektvoll ihm gegenüber, sind jedoch skeptisch, ob Maurice ihnen in ihrer Mannschaft Punkte bringen kann. Der kleine Ahmed ist der sportlichste Junge der Klasse und ein Spitzenfußballer. Beim Auswählen der Mannschaften sind er und Anne, die schon seit 3 Jahren im Fußballverein spielt, dran. Anne fängt an und wählt einen fähigen Jungen. Ahmed wählt nun aber direkt als erstes Maurice, geht auf ihn zu und sagt: „Komm, wir packen das zusammen. Du kommst in die Abwehr und störst die Angreifer.“ Maurice ist verblüfft. Während des Spiels begeht Ahmed ein übles und absichtliches Foul an Anne. Der Lehrer sieht es, stellt Ahmed vom Platz. Er ermahnt Ahmed so stark, dass dieser anfängt zu weinen. Ahmeds Mannschaft gewinnt das Spiel trotzdem und die Jungs sollen sich umziehen gehen. Der Lehrer ruft Ahmed nach dem Spiel zu sich und lobt ihn für die gezeigte Empathie.

Lob und Kritik liegen zuweilen dicht beieinander

Ahmed hat hier sehr mitfühlend und sehr „gut“ gehandelt. Das muss ihm unbedingt gespiegelt werden. Für dieses Verhalten verdient er ein wirklich großes Lob. Aber heißt das auch, dass Ahmed genau richtig ist, wie er ist? Nein, er hat jemanden gefoult und sich klar falsch und gegen die Regeln verhalten. Sollen wir jetzt also nur das Gute fokussieren und Fehlverhalten vergessen? Mitnichten. Was würde Ahmed denn lernen? Dass es okay ist, Menschen zu verletzen, wenn das Ziel, nämlich zu gewinnen, positiv besetzt ist? Ahmed muss gemaßregelt werden und dennoch kann ihm aufgezeigt werden, dass sein vorheriges Verhalten sehr gut war.

Kinder sind eben nicht genau richtig, so wie sie sind. Kinder brauchen Erziehung, sie brauchen jemanden, der sie anleitet und der ihnen zeigt, welche Werte und Normen im Leben wichtig sind. Sie benötigen den Input von Lehrern, von Gleichaltrigen, von Älteren und nicht zuletzt auch von ihren Eltern als Richtschnur. Kinder sind das Wichtigste und Beste, was es in unserer Welt gibt. Sie sind unsere Zukunft Sie sind tolle Geschöpfe. Aber sie sind eben auch Geschöpfe, die Erziehung brauchen.

Tim Heidemann

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