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Beziehung im Distanzunterricht

Best Practice: Beziehungsaufbau im Fernunterricht

Die Beziehung zwischen Lehrkräften und Schüler/-innen ist wichtig für ein gutes Lernklima. Beim Deutschen Schulpreis haben sich viele Schulen mit kreativen Konzepten beworben, wie auch im Fern- und Wechselunterricht eine gute Beziehung gepflegt werden kann. Wir stellen Ihnen einige davon vor. 

Beziehung im Distanzunterricht: Best Practice: Beziehungsaufbau im Fernunterricht Es gibt viele Best Practice Ideen für Beziehungsarbeit © insta_photos - Shutterstock.com

Für den Lernerfolg ist die Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler/-innen entscheidend, wie John Hattie in seiner großen Metastudie „Lernen sichtbar machen“ zeigen konnte: Auf seinerRangliste mit 138 Einflussgrößen für erfolgreiches Lernen steht dieser Faktor im Ranking ganz weit oben auf Position elf.

Doch in Phasen von Schulschließungen und Wechselunterricht fehlt eine wichtige Voraussetzung, um gelingende Beziehungen aufzubauen bzw. zu leben: der tägliche Kontakt zwischen Lehrer/-innen und Schüler/-innen.

Wie stellen Lehrkräfte auch in dieser besonderen Situation eine lebendige und vertrauensvolle Beziehung zu ihren Schüler/-innen her? Diese wichtige Frage beantworten viele Schulen, die sich für den „Deutschen Schulpreis 20/21 Spezial“ beworben haben, mit kreativen Ideen und probaten Impulsen für andere Schulen. Der folgende Beitrag liest die Konzepte dieser Schulen quer und fasst für Sie die besten Anregungen für eine lebendige „Beziehungsgestaltung“ im Distanzunterricht zusammen.

Beziehung und Kooperation haben Priorität

Die Anne-Frank-Schule im hessischen Raunheim „versteht sich als Ort der Begegnung und Wertevermittlung“, wobei insbesondere „intensives soziales Lernen“ eine wesentliche Rolle spielt (vgl.: Konzept der Anne-Frank-Schule). Als die Schule aufgrund des Lockdowns schließen musste, rückte die Pflege persönlicher Beziehungen gegenüber dem Fachunterricht sogar in den Vordergrund: Mit „verschiedensten Hilfsmitteln“ setzten die Lehrkräfte alles daran, „um jede Schülerin, jeden Schüler möglichst oft zu sprechen“. Sie drehten „kleine Lernvideos“ und sorgten mit „Bewegungsaufgaben“ für Abwechslung im eintönigen Homeschooling-Alltag der Kinder und Jugendlichen (ebd.).  

Vorhandene Unterrichtsstrukturen behielt das Kollegium möglichst in Distanzunterrichtsphasen bei: An dem bereits vor Corona eingeführten „Lerntag“ planten und reflektierten die Schüler/-innen ihren Lernprozess wie gewohnt eigenverantwortlich. Und bei den täglichen Videokonferenzen und bei der Arbeit mit Lernplattformen und digitalen Arbeitsmaterialien orientierten sich die Lehrkräfte am Stundenplan. Durch die Übernahme der vertrauten Fächer- und Zeiteinteilung gelang es den Schüler/-innen besser, mit der neuen Situation im Fernunterricht umzugehen.  

Doppelstundenkonzept: mehr Kontakt zur Lehrkraft  

Wie viele weitere Bewerber-Schulen blieb auch das Colegio Alemán Alexander von Humboldt in Huichapan, Mexiko, möglichst „nah am gewohnten Stundenplan“ (vgl. Schulkonzept auf der oben verlinkten Seite des Deutschen Schulportals). Schnell stellte sich aber heraus, dass den Schüler/-innen und Lehrer/-innen bei der Arbeit mit der Lernplattform „Google Classroom“ „die soziale Komponente fehlte“ (vgl. dazu die Beschreibung des Konzepts der Schule auf der eingangs verlinkten Seite des Deutschen Schulpreises). Da entwickelte die deutsche Auslandsschule kurzerhand ein zweiteiliges Doppelstundenkonzept, das den persönlichen Kontakt zwischen Lehrer/-innen und Schüler/-innen festigt: In der ersten Stunde unterrichtet die Lehrkraft per Videokonferenz, in der zweiten Stunde lernen die Schüler/-innen in Kleingruppen oder selbstständig und asynchron in ihrem eigenen Tempo, während die Lehrkraft als Ansprechpartner/-in für Fragen zur Verfügung steht. Videos mit Tipps zum selbstständigen Arbeiten nutzen die Schüler/-innen auf der Schulwebsite und technischen Support gibt es in einer regelmäßigen Mediensprechstunde – eine gute Idee, um zeitraubendes Troubleshooting während des Unterrichts zu vermeiden. 

Neue Fächer – mutige Stundenplan-Änderungen 

Schulschließungen und Distanzunterricht sind eine Ausnahmesituation und für alle Beteiligten mit großen Herausforderungen verbunden. Nicht alles geht, und manches fehlt, besonders mit Blick auf den Lehrplan, das Fächerangebot und die Stundentafel. Einige Bewerberschulen, wie z. B. das Kreisgymnasium in Neuenburg,gehen deshalb unkonventionelle Wege. Das Kollegium „traute sich“, „die Stundentafel zugunsten der Hauptfächer zu reduzieren und Nebenfächer erst zu einem späteren Zeitpunkt hinzuzunehmen“ (vgl. dazu das Schulkonzept auf der eingangs verlinkten Seite des Deutschen Schulportals). Außerdem implementierten die Lehrkräfte die beiden neuen Fächer „Medienstunde“ und „Weltkunde“, „um über die Pandemielage zu informieren und Sorgen zu teilen“ (ebd.).  

Wenngleich einige Nebenfächer für eine Weile nicht unterrichtet wurden, so entstand doch an anderer Stelle für die Schüler/-innen Gelegenheit für vielfältige, handlungsorientierte Aktivitäten: Bei der interaktiven Late-Night-Talkshow „KG’Nachsitzen“ [sic!] gestalten Schüler/-innen und Lehrkräfte ein abwechslungsreiches Programm mit „Musikstücken, Gästen und Themen wie ‚Familie‘, ‚Geschwisterkonflikte‘, ‚Influencer‘ oder ‚Ausflugsziele in der Umgebung‘. Und am Nachmittag finden kreative oder auch bewegungsintensive Workshops statt, wie das SWR-Fernsehen in einem Kurz-Portrait der Schule berichtet. 

Beziehungspflege mit Feedback- und Tutorensystem  

Das St. Pius-Gymnasium in Coesfeld setzt bei der Beziehungspflege mit den Schüler/-innen auf „ein ausgeprägtes Feedback- und (...) Tutorensystem“ (vgl. dazu das Schulkonzept auf der eingangs verlinkten Seite des Deutschen Schulportals). Jedes Kind und jede/r Jugendliche bekommt mindestens „zwei detaillierte Feedbacks“ pro Woche. Der Aufwand für die Lehrkräfte hält sich dabei dank der von den Fachschaften vorbereiteten Feedback-Masken in Grenzen. Begleitend dazu gibt es ein Tutorensystem: Zwei Klassenlehrkräfte betreuen gemeinsam mit einer Fachlehrkraft „jeweils etwa zehn Schülerinnen und Schüler“, die sie über verschiedene Kanäle kontaktieren: über Videokonferenzen, Telefon oder E-Mails. Auch die Schüler/-innen und ihre Eltern geben der Schule Feedback, und die „Rückmeldequoten sind hoch“ (ebd.). Eine gute Voraussetzung für „ein regelmäßiges Monitoring der Maßnahmen“, die optimal auf die Gegebenheiten an der Schule und in den Familien angepasst werden können. 

Am Berliner Gottfried-Keller-Gymnasium tauschen sich Schulsozialarbeiter/-innen, Lehrkräfte und Schulleitung allwöchentlich „im digitalen Open Space“ mit der Schüler/-innen-Vertretung aus (vgl. dazu das Schulkonzept auf der eingangs verlinkten Seite des Deutschen Schulportals). Sie erfragen die aktuellen Bedürfnisse der Schüler/-innen und entwickeln gemeinsam neue Projektideen. So möchte das Gymnasium beispielsweise künftig „digitale Mittel verstärkt nutzen“, um das Gemeinschaftsgefühl der Kinder und Jugendlichen an der Schule zu fördern. Geplant sind zum Beispiel ein „Podcast der Schülervertretung [sic!]“ und der Ausbau der Kommunikation über das Instagram-Profil der Schule“ (ebd.). 

Resilienzfördernde Maßnahmen 

„Well-Being-Tipps“ auf der Schulwebsite des Colegio Alemán stärken gezielt die Resilienz der Schüler/-innen und ihre Beziehungen untereinander. Hier gibt es zum Beispiel Impulse für Aktivitäten, die auch in Lockdown-Phasen möglich sind oder auch Berichte über gemeinsame Initiativen wie Wettbewerbe, Projekttage oder kreative Aktionen. Da organisieren etwa die Zwölfklässler/-innen am Valentinstag einen „witzigen und virtuellen Nachmittag für alle Schüler“, am Weltfrauentag engagieren sich die Jugendlichen bei Online-Aktionen für Gleichberechtigung und die Fachschaft Sport veranstaltet ein virtuelles Fitnessturnier.  

Am Kreisgymnasium in Neuenburg bietet der Yogalehrer der Schule täglichen „Frühsport“ an. Und das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Bergisch Gladbach setzt auf „unterhaltsame, aufbauende und teambildende Projekte“ (vgl. Schulkonzept auf der Website des Deutschen Schulportals): Bei „Stufen-Challenges“ überlegt sich jede Klasse eine Aufgabe für die Parallelklasse. Und beim regelmäßigen „Frei-Day“ arbeiten die Schüler/-innen in virtuellen Gruppen eigenständig an Zukunftsthemen. 

Mit Videobotschaften machen Lehrkräfte und Schulleitung der Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe ihren Schüler/-innen Mut in Lockdown-Phasen. Die Schule ist in ihrem Stadtteil gut vernetzt, sodass sich auch Menschen aus dem Umfeld der Schule an der Aktion beteiligen. Anderen Mut machen und helfen – das stärkt auch die eigene seelische Widerstandskraft. Die Schüler/-innen produzieren deshalb nicht nur eigene Mutmacher-Videos für die Schul- und Stadtteilgemeinde, sondern bieten in der Nachbarschaft für ältere Menschen Einkaufshilfe an oder musizieren für sie im Freien. 

„Seelensupport“ mit Videobotschaften und Sprechstunden  

Wenn Familien gezwungen sind, auf engstem Raum zusammenzuleben, kommt es häufiger zu Konflikten und – wie Studien zeigen – signifikant öfter zu Missbrauch oder häuslicher Gewalt. Viele Schulen bieten ihren Schüler/-innen daher Sprechstunden an. An der Deutschen Schule in Shanghai Yangpu etwa führen die Lehrkräfte über Zoom „Pausenhofgespräche“ und haben eine „Krisensprechstunde“ eingerichtet. An der Lobkowitz-Realschule in Neustadt an der Waldnaab können Jugendlichen im Rahmen der schulischen Telefonseelsorge „Offenes Ohr“ mit ihren Religionslehrer/-innen über ihre Sorgen und Ängste sprechen. Und an der Waldschule in Hatten erreichenSchüler/-innen in Not unter der „Nummer gegen Kummer“ ihre Schulsozialarbeiter/-innen. Sollte der organisatorische oder zeitliche Aufwand für feste Sprechzeiten die personellen Kapazitäten hrer Schule übersteigen, so könnten doch zumindest die kommunalen oder überregionalen Notrufnummern und Ansprechpartner/-innen für den Krisenfall auf der Schulwebsite kommuniziert werden.

Nicht vergessen sollte man auch die Eltern, die in Homeschooling-Phasen meist unter enormem Druck stehen. Viele von ihnen wünschen sich Unterstützung von Seiten der Schule und der Lehrkräfte. Die Deutsche Schule Villa Ballester in Buenos Aires bietet deshalb für sie spezielle Schulungen, Tutorials und einen täglichen technischen Support an. Auch dem „Wunsch nach mehr individueller Beratung wurde entsprochen“. Konkrete Praxistipps und Tools für Ihre Elternberatung finden Sie übrigens auch in dem Beitrag „So coachen Sie die Eltern“.

YouTube-Tipp: Dulsberg-Late-Night-Show

Nicht zuletzt noch ein Hinweis auf eine der Bewerber-Schulen, die die Jury mit ihrer vorbildlichen Beziehungspflege während des ersten Lockdowns überzeugt hat und die für den Deutschen Schulpreis nominiert wurde: die Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg in Hamburg. Mit seiner „Dulsberg-Late-Night-Show“ erreichte Schulleiter Jörg Lewenus nicht nur Lehrkräfte, Schüler/-innen und Eltern, sondern wurde auch zum viel-geklickten „YouTuber“. Die Tagesthemen berichteten über das engagierte Format, das im September 2020 überdies mit dem „Special Award“ beim YouTube GOLDENE KAMERA Digital Award 2020 ausgezeichnet wurde. Anschauen lohnt sich unbedingt! Die besten Anregungen aus den YouTube-Videos fasst übrigens der unten verlinkte Beitrag „Für die Schüler da sein – trotz Corona“ für Sie zusammen.

Martina Niekrawietz


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