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Distanz- und Wechselunterricht

Beziehung pflegen trotz Fernunterricht und Abstandsgebot

Schüler/-innen mit Förderbedarf benötigen Zuwendung und Nähe für erfolgreiches Lernen. Doch wie lassen sich diese trotz Fernunterricht und Abstandsregeln in Präsenzphasen gestalten? Hier erhalten Sie einige Praxisbeispiele.

Distanz- und Wechselunterricht: Beziehung pflegen trotz Fernunterricht und Abstandsgebot Abstandsregeln und Fernunterricht erschweren die Beziehungsarbeit © Mediteraneo - stock.adobe.com

Wenn Schüler/-innen sich die ideale Lehrkraft „backen“ könnten, wie sähe dann das Rezept aus? Die Jugendlichen der Klasse H10 der Schule zur Lernförderung in Radeberg haben da eine sehr konkrete Vorstellung von den Zutaten: „Zwei Fässer voller Erfahrung, einen ganzen Eimer Kreativität, eine große Prise Intelligenz, einen großen Sack Gerechtigkeit, zwei Handvoll Sympathie, dreieinhalb Tassen Humor, ein Pfund Freundlichkeit, einen Teelöffel Liebe, ein Schuss Interesse, ein Spritzer Witzigkeit, eine Prise Kritikfähigkeit, (...) und eine EU-Palette voller Geduld“. Lehrerin Heike Röhl würzt zuletzt noch mit etwas Strenge, Herzblut und Flexibilität. Nachhören und -sehen lässt sich die „Backmischung“ im Video „Traumberuf LEHRER an einer Förderschule“ ab min. 7:50; und wer dann auf der Schulwebsite einen Blick auf das Leitbild wirft, findet unter „Wie arbeiten wir?“ ganz oben die Prämisse „Aufbau einer tragfähigen Schüler-Lehrer-Beziehung“. Doch das ist zum einen durch Wechsel- und Fernunterricht und zum anderen durch Abstandregeln im direkten Kontakt schwierig. 

Wie kann man den Schüler/-innen in Präsenzunterrichtsphasen trotz Abstandsregeln die Nähe und Zuwendung geben, die bei Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf für erfolgreiches Lernen doch so wichtig ist? Und wie lässt sich die Beziehung zu den Schüler/-innen aufrechterhalten, wenn man sich nicht face-to-face im Klassenraum begegnen kann?  

Der folgende Beitrag gibt Ihnen Anregungen dazu und stellt Ihnen Schulen vor, die mit Kreativität und viel Engagement Antworten auf diese Fragen gefunden haben.  

Präsenzunterricht: Alle Schüler/-innen mitnehmen 

Am 27.11.2020 berichtet das Morgenmagazin MOMA, wie die Janusz-Korczak-Schule, ein Förderzentrum für geistig und körperlich behinderte Schüler/-innen im hessischen Langen, den Präsenzunterricht flexibel meistert. Klassenlehrer Philipp Demmler unterrichtet fünf Schüler im Klassenraum. Mitschülerin Jasmin muss als Hochrisiko-Patientin zu Hause bleiben, nimmt aber via Internettelefonie am Unterricht teil. Schon beim Morgenkreis bezieht der Lehrer das Mädchen mit ein: Mit seinem Tablet geht er von Tisch zu Tisch, und die Mitschüler begrüßen Jasmin und fragen sie, wie es ihr geht. Auch nach Unterrichtsschluss setzt sich der junge Lehrer für die Jugendlichen in seiner Klasse ein: „Ich hab‘ Schüler (...), wo ich [eine] Sprachnachricht nach Hause schicken muss, damit die abends Zähne putzen. Weil wenn ich das sage, machen die das, und zu Hause ist [sonst] ‘ne Riesendiskussion.“  

Die Verständigung im Unterricht ist durch die Maskenpflicht erschwert. Deshalb kommunizieren die Lehrkräfte mit ihren Schüler/-innen zusätzlich mit Hilfe von Gebärden. Überhaupt setzt das Kollegium alle Hebel in Bewegung, „um den Kindern so viel Zuwendung und Normalität wie möglich“ zu geben. Mit einem großen Maß an Flexibilität stellen sie die Weichen dafür, dass auch in Präsenzphasen möglichst viele Schüler/-innen gefahrlos die Schule besuchen können. Dabei entwickelten sie auch kreative Raumnutzungs-Konzepte: Die große Turnhalle etwa teilen sich zwei Schüler, die keine Masken tragen können.  

Ängste ernst nehmen und thematisieren 

In einem anderen Klassenraum der Janusz-Korczak-Schule betreut eine Lehrerin nur einen einzigen Schüler: Moritz. Ihm fehlen seine Klassenkameraden, und Corona macht ihm Sorgen: Er befürchtet, dass seine Familie oder seine Freunde sich infizieren und sterben könnten.  

Viele Kinder und Jugendliche leiden derzeit an ähnlichen Ängsten, und oft sind die Lehrer/-innen, die mit ihnen den ganzen Tag verbringen, hier die ersten Ansprechpartner/-innen. Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Susanne Walitza rät Lehrkräften und Eltern auf der Website „Das Deutsche Schulportal“  dazu, „dieses Thema nicht zu vermeiden“. Vielmehr sollten die Bezugspersonen „signalisieren, dass es möglich ist, auch über schwierige Themen zu sprechen“ oder auch aktiv „Gesprächsangebote“ zum Thema Corona machen.  

An dieser Stelle könnten gleich die Vorsichtsmaßnahmen (Abstand, Händewaschen, Desinfektion und Lüften) noch einmal besprochen werden. Sie bieten nämlich nicht nur körperlichen Schutz, sondern entlasten auch die Psyche. Denn, wenn „das Kind lernt, dass es selbst etwas zu seiner Sicherheit beitragen kann, so gibt das Sicherheit“, erläutert Susanne Walitza. Und gegen Verlustängste der Schüler/-innen hilft der Hinweis, dass die Menschen, die uns am Herzen liegen, sich mit diesen Maßnahmen aktiv schützen können. 

Leuchtturmschulen: Beziehungen im Fernunterricht 

Gerade im Umgang mit Schüler/-innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf ist es für Lehrkräfte eine große Herausforderung, auch in Distanzunterrichtsphasen den Kontakt aufrechtzuerhalten. Doch das ist das Wichtigste, sagt Susanne Geller, die Schulleiterin der Marburger Mosaikschule, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt geistige Entwicklung. Ihr Kollegium nutzte dabei jede Gelegenheit für ein persönliches Gespräch, wie sie auf der Website des Deutschen Schulportals näher ausführt: 

Während der Schulschließung versuchten die Lehrkräfte, möglichst oft mit den Schüler/-innen und ihren Eltern zu telefonieren oder über Video zu kommunizieren. Überall da, „wo die Erreichbarkeit schwierig [ist] oder die Eltern ihre Kinder nicht unterstützen können, haben sie  die ,Rotkäppchen-Tour‘ gemacht“, erzählt Susanne Geller: Dabei sind die Lehrkräfte „von Kind zu Kind“ gefahren und haben – statt Wein und Kuchen – individuelle Lernmaterialien übergeben.  

Weil Kinder und Jugendliche mit Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung „in besonderem Maße auf den persönlichen Kontakt zu den Lehrkräften angewiesen“ sind, stattete die Mosaikschule für den Videounterricht ihre interaktiven Tafeln mit Webcams aus, um „mit den Schülerinnen und Schülern wenigstens in Sichtkontakt zu bleiben“ (ebd.). Für einen gehörlosen Schüler wurde sogar die Assistenz dazu geschaltet, „die für ihn gebärdet hat“. 

Die Eltern unterstützen 

Persönliche Kontakte mit ihren Schüler/-innen suchen auch die Lehrkräfte der Bewerberschulen für den Deutschen Schulpreis: Die Lehrkräfte der Grundschule an der Bräugasse in Neumarkt/Opf. etwa besuchten die Familien ihrer Kinder zu Hause. Dabei sprachen sie mit den Eltern und versuchten, „das Verständnis für Lernabläufe zu festigen und Bindungen zu vertiefen“ (vgl. dazu das Konzept der Schule auf der oben verlinkten Seite des Deutschen Schulpreises). Auf dem Schulhof implementierte die Schule ein „Hol- und Bringsystem“, um „Arbeitsmaterialien auszutauschen und Korrekturen zu übermitteln.“ Weil auch die Kinder bei der Übergabe dabei waren, konnten sich die Lehrer/-innen dabeigleich einen Eindruck von der „Gefühlslage“ der Kinder verschaffen. Hintergrund: Viele der Schüler/-innen an der Schule sind durch Fluchterfahrungen traumatisiert. 

„Analog und digital lernförderliche Beziehungen stärken“ – das ist das Ziel des Förderzentrums „Clemens Winkler“ in Brand-Erbisdorf. Beim Lernen auf Distanz unterstützt das Kollegium besonders die Eltern der Kinder und Jugendlichen mit sozial-emotionalem Förderschwerpunkt: Sie werden „durch Fortbildungsveranstaltungen im Umgang mit digitalen Medien geschult, um ihren Kindern helfen zu können.“ Das entlastet sie beim oft nervenaufreibenden Homeschooling und senkt gleichzeitig die Hemmschwelle für den Austausch mit den Pädagog/-innen.  

16 Tipps zur professionellen Gestaltung von Beziehungen 

Wie kann es gelingen, mit den Schüler/-innen Nähe herzustellen trotz Distanzunterricht? Dr. Andrea Bethge und Dr. Andreas Jantowski haben dazu 16 erprobte Praxistipps  zusammengetragen. Viele der Empfehlungen lassen sich mit wenig Aufwand sofort umsetzen. Hier drei Beispiele: 

  1. Sprechen Sie Ihre Schüler/-innen möglichst beim Namen an – „Menschen lieben es, ihren Namen zu hören“, so die Autoren (ebd., S 6).
  2. Sie raten besonders auch Sonderpädagogen/-innen im „Gemeinsamen Unterricht“, feste persönliche Sprechzeiten einzuführen (ebd., S. 7). Die Schüler/-innen entscheiden, was sie in dieser Zeit ansprechen möchten, die Lehrkraft hört einfach nur zu, „ohne sich aufzudrängen“.  
  3. Bei persönlichen Rückmeldungen zu Aufgaben und Lösungen der Schüler/-innen sollte die Lehrkraft „ausschließlich freundliche Worte“ wählen. Gelungenes sollte man hervorheben und weniger Gelungenes sollte „erkennbar“ sein, aber als „Entwicklungsaufgabe oder Zielperspektive formuliert“ sein (ebd., S 12).

Unbedingt lesenswert ist auch die „Not-to-do-list“ (ebd., S. 13): „Fordern Sie nicht – erwarten Sie!“ heißt es da zum Beispiel. Oder: „Geben Sie sich nicht unnahbar“, was aber keinesfalls bedeuten soll, dass Sie Privates preisgeben. „Ihr Privatleben ist tabu“, so lautet ein anderer Grundsatz. Und das gilt natürlich auch für die Privatsphäre der Schüler/-innen, die von allen zu respektieren ist.  

Nicht zuletzt soll noch das Team der Grundschule an der Bräugasse zu Wort kommen. Es begrüßt auf seiner Schulwebsite die Kinder mit einer persönlichen Botschaft, die sehr anrührend ist: „Liebe Schüler! Wir glauben an euch. Wir vertrauen euch. Wir hören euch zu. Wir kümmern uns um euch. Ihr seid uns wichtig.“ So geht Nähe trotz Distanz, schöner kann man es nicht sagen. 

Martina Niekrawietz


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