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Feedback-Modell

Fremd- und Selbstwahrnehmung: Das Johari-Fenster

„Das war mir gar nicht bewusst“, entgegnen Schüler häufig, wenn sie ein Feedback erhalten. Den Grund dafür bilden Abweichungen von Fremd- und Selbstwahrnehmung. Dies zeigt auch das so genannte Johari-Modell, das den Sinn und Zweck von Feedback-Prozessen auf den Punkt bringt.

Feedback-Modell: Fremd- und Selbstwahrnehmung: Das Johari-Fenster Mitschüler sehen bei der vortragenden Schülerin Vieles, das der Referentin vollkommen unbewusst ist © iStockphoto.com/Goldfaery

Wenn Schüler ein Gruppenergebnis präsentieren oder ein Referat halten, konzentrieren sie sich in aller Regel auf das Inhaltliche. Schließlich sollen die richtigen und wichtigen Inhalte genannt werden, damit der Vortrag vom Lehrer auch für gut befunden wird. In anschließenden Feedbackrunden beziehen sich viele Rückmeldungen der Mitschüler hingegen auf Außerinhaltliches. Denn der Schüler, der sich mit einer bestimmten Materie besonders auseinandergesetzt hat, trägt schließlich vor einer Zuhörerschaft vor, für die das Thema in der Regel noch relativ neu ist.

Der „richtige“, anerkannte Experte für das Vortragsthema ist und bleibt der Lehrer. Denn letztlich muss dieser überprüfen, ob die aufbereiteten Inhalte sachlich-fachlich korrekt sind. Dementsprechend konzentrieren sich Mitschüler im anschließenden Feedback nicht selten lieber auf körpersprachliche oder stimmliche Aspekte und halten sich mit Rückmeldungen auf der inhaltlichen Ebene zurück.

Rückmeldungen können sich allerdings nur auf solche Punkte beziehen, die von zumindest einzelnen Mitschülern auch bewusst wahrgenommen werden. Da der vortragende Schüler jedoch der einzige im Raum ist, der sich aktuell nicht von außen beobachten kann, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Mitschüler Vieles sehen werden, das dem Referenten vollkommen unbewusst ist. Und genau darin liegt die große Chance von Feedback.

Die Mitschüler als Spiegel für den Vortragenden

Konzentration bedeutet, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Bereiche zu bündeln. Beim Vortragen bezieht sich unsere Aufmerksamkeit vornehmlich auf das Ausformulieren. Damit rücken etwa das Gestikulieren, unser Stand oder auch die Betonung in den Hintergrund unseres Bewusstseins. Wir greifen auf Automatismen zurück, die wir uns im alltäglichen Kommunizieren mit anderen angeeignet haben.

Allerdings stehen wir im Referat ja nicht nur einer oder zwei Personen direkt gegenüber, sondern mit einem gewissen räumlichen Abstand gleich einer ganzen Gruppe. Somit führen manche dieser Automatismen dazu, dass man einen Referenten nicht sonderlich gut verstehen kann oder er dem, was er sagt, wenig Nachdruck verleiht, da eine erhöhte Lautstärke oder eine sinnunterstützende Gestik im alltäglichen Miteinandersprechen zumeist nicht nötig sind.

Schüler müssen sich demzufolge neue Automatismen für die Vortragssituation aneignen. Hierfür bedürfen sie jedoch zunächst der Rückmeldungen darüber, welche Verhaltensweisen als günstig und beibehaltenswert erlebt werden und welche eher hinderlich sind beim Zuhören und Verstehenwollen. Die Klassenkameraden stellen in diesem Sinne eine Art Spiegel für den Vortragenden dar und zeigen ihm auf, was er wie sagt und tut.

Natürlich setzt dies wiederum voraus, dass die Schüler bereits in Sachen Feedback geschult sind – und das gleich im doppelten Sinne: Einerseits müssen sie für bestimmte Beobachtungskriterien sensibilisiert sein, um sie in der Vortragssituation überhaupt bewusst wahrnehmen und anschließend gezielt beschreiben zu können. Andererseits sollten sie auch hinsichtlich des Feedbackgebens im Bilde sein, worauf es bei den Formulierungen ankommt, um dem Mitschüler das Gefühl zu vermitteln, ihn tatsächlich unterstützen, und nicht, ihn verletzen zu wollen.

 

Das Johari-Fenster als Modell

Bereits in den 1950er Jahren wurde das sogenannte Johari-Fenster entwickelt, welches als Vier-Felder-Modell die Metapher des Spiegels aufgreift. Joseph Luft und Harrington Ingham nahmen zur Bezeichnung ihres Modells die Kurzformen ihrer jeweiligen Vornamen und kombinierten sie zum Neologismus „Johari“. Hierbei beschreiben zwei Achsen die Selbstwahrnehmung und die Fremdwahrnehmungen. Zwar zielt das Modell im Ursprung gar nicht auf Referatskontexte ab, doch es lässt sich hierauf sehr gut übertragen.

 

Demnach werden diejenigen Verhaltensweisen, die sowohl dem Referenten als auch den Zuhörern bewusst bzw. bekannt sind, als öffentliches Ich bezeichnet. Wenn der vortragende Schüler also beispielsweise eine Beamerpräsentation erstellt hat, ist dies allen Anwesenden bekannt. Ein Feedback, welches sich auf diese Tatsache bezöge, wäre demzufolge relativ überflüssig (etwa: „Mir ist aufgefallen, dass du eine PowerPoint-Präsentation genutzt hast.“).

Spannender wird es allerdings, sobald sich die Rückmeldungen auf solche Aspekte beziehen, die dem Zuhörer (oder Zuschauer) aufgefallen sind, die dem Referenten hingegen jedoch nicht bewusst sind. Dies können u. a. verwendete Füllwörter, wiederkehrende Floskeln, unkontrollierte Bewegungen, eine zu geringe Lautstärke oder auch ein zu schnelles Sprechtempo sein. Solche Rückmeldungen beziehen sich dann auf den blinden Fleck des vortragenden Schülers. Ein Feedback zielt darauf ab, durch die Perspektiven anderer den eigenen blinden Fleck sichtbar zu machen. Somit wird das Feld des blinden Flecks durch ein Feedback idealerweise geringer und das Feld des öffentlichen Ichs größer.

„Ich hab gesehen, dass du dich manchmal mit deiner linken Hand am Kopf gekratzt hast. Das wirkte auf mich so, als wüsstest du nicht mehr weiter.“ Eine solche Rückmeldung verweist höchstwahrscheinlich auf unbewusst abgelaufene Bewegungen, die sich unser Körper in einer angespannten Situation herauszunehmen gestattet, um Druck abzubauen oder anderen die eigene Unsicherheit anzuzeigen. Derlei Übersprungshandlungen beeinflussen also den Gesamteindruck, den ein Referent bei seinem Publikum hinterlässt. Dementsprechend wirkt man insgesamt sicherer, wenn man solche Übersprungbewegungen erfolgreich unterlässt. Dies setzt aber eben voraus, dass sich der Schüler dessen bewusst wird und künftig darauf zu achten versucht.

Blinde Flecken auch bei den Zuhörern

Ein drittes Feld spielt im Feedback ebenfalls eine gewisse Rolle: Die Selbstwahrnehmung unterscheidet sich nicht selten auch dahingehend von den Fremdwahrnehmungen, dass man sich selbst viel nervöser erlebt, als man nach außen gewirkt hat. Wenn der Schüler beispielsweise bei sich selbst feststellt, dass er aufgrund seiner Nervosität schwitzige Hände bekommt, ist dies ein Kriterium, welches in das Feld des privaten Ichs fällt.

Denn die Mitschüler bekommen es natürlich nicht mit. Im Feedback ist schließlich nicht nur wichtig, was zurückgemeldet wird, also wahrgenommen wurde, sondern auch, was NICHT zurückgemeldet wird, weil es NICHT wahrgenommen wurde. Dies kann den Vortragenden mitunter sehr beruhigen, wenn er immer wieder feststellt, dass er deutlich souveräner wirkt, als er tatsächlich ist. „Das war mir gar nicht bewusst“ kann demzufolge auch ein sehr erbaulicher Satz sein.

Dennis Sawatzki

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