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Flüchtlingskinder im Schulalltag

So meistern Sie die Eingliederung von geflüchteten Kindern

In Deutschland müssen viele Kinder und Jugendliche aus der Ukraine in den Schulen aufgenommen werden. Hier erfahren Sie, wie Sie als Lehrkraft dieser Herausforderung begegnen.

Flüchtlingskinder im Schulalltag: So meistern Sie die Eingliederung von geflüchteten Kindern Traumabewältigung steht bei geflüchteten an erster Stelle © bluedesign - stock.adobe.com

Seit Februar 2022 suchen immer mehr Menschen Schutz in europäischen Ländern vor dem Krieg in der Ukraine. Aus der Heimat flüchten zu müssen, ist für die Betroffenen eine ungeheure Belastung. Besonders Kinder leiden unter den traumatischen Erlebnissen der Bedrohung, Gewalt und Flucht. Sie zeigen körperliche und seelische Beeinträchtigungen, erhöhte Wachsamkeit und ein hohes Erregungsniveau. Dringend notwendige traumatherapeutische Interventionen sind für Flüchtlinge selten zugänglich. Daher ist es ungeheuer wichtig, möglichst schnell psychosoziale und niederschwellige Angebote zu machen. Abseits machtpolitischer Interessen brauchen die Kinder jetzt Hilfe und müssen integriert werden. Unabhängig davon, wie lange die Familien in Deutschland bleiben. Für diese Kinder geht es nicht darum, in unser Schulsystem gezwängt zu werden, sondern um das Zusammenwachsen und Hineinfinden in eine fremde Gruppe, ohne die eigene Individualität zu verlieren.

Auch in Deutschland sind viele Kinder und Jugendliche angekommen, die in den Schulen aufgenommen werden müssen. Dies bedeutet eine große Herausforderung für alle Lehrkräfte – und bedarf auch der Mithilfe und Toleranz von Kindern und Jugendlichen. Durch die Lernlücken während der Corona-Pandemie sind Schüler/-innen und Lehrer/-innen stark beansprucht. Die Flüchtlingswelle, die jetzt auch auf die Schulen zukommt, macht die Situation noch schwieriger. Nachrichten über den Krieg werfen Fragen auf oder machen Angst. Hier stehen Lehrkräfte vor der Herausforderung, wie sie das Thema Krieg und seine Folgen im Unterricht umsichtig implementieren können. Sie brauchen Motivation, Akzeptanz und Offenheit für eine intensive Vorbereitung, um die Situation meistern zu können.

Nicht alle Schulen haben genügend Räumlichkeiten für neue Klassen oder sind auf die Migrationsinfrastruktur vorbereitet. Die einzelnen Bundesländer bieten verschiedene Lösungen und Unterrichtsstrukturen an:

  • Willkommensklassen,
  • Vorbereitungsklassen,
  • Auskunftsklassen,
  • Intensivklassen
  • oder DaZ-Klassen.

Da man möglicherweise davon ausgehen kann, dass es (leider) nicht unbedingt genügend Lehrkräfte geben wird, ist ein gegenseitiger Austausch von Erfahrungen und Anregungen äußerst hilfreich. Zum anderen bieten Schüler/- innen mit neuem soziokulturellem Hintergrund eine Bereicherung für psychosoziales und kommunikatives Lernen. Kompetenzen, die für alle Kinder und Jugendliche wichtig sind. Stabile und psychisch gesunde Kinder lernen besser.

Ankommen und Sicherheit empfinden

Buchtipp

Praxisbeispiele für den Unterricht: Hentschel, Angela: „Psychische Erkrankungen bei Schülern“, AOL Verlag Hamburg 2020

Die Schule kann bedingt Möglichkeiten bieten, Schüler/-innen in ihrer belastenden Situation aufzufangen und sie in ihrer Salutogenese zu unterstützen. Dabei kann es im Schulalltag jedoch nicht um die Fokussierung auf das Trauma gehen, sondern um den Aufbau von Selbstvertrauen, das Stärken der Resilienzen und das Erleben von Selbstwirksamkeit.

Eine gelungene Kommunikation und bejahende Interaktionen können helfen, mit den eigenen Gefühlen in Kontakt zu kommen und in der Begegnung mit anderen Kindern Kraft zu schöpfen. Sich selbst zu entdecken und als handlungsfähig zu erleben, kann dazu führen, die Widerstandskraft zu stärken und wieder Selbstsicherheit zu finden. Dabei geht es zunächst darum, den Kindern Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln, damit sie sich mit Hilfe in unserem Schulsystem zurechtfinden können. 

Hilfen durch Rituale und Strukturen

  • Bei der Eingliederung von Flüchtlingskindern sind folgende Aspekte besonders wichtig:
  • Den Kindern muss das Gefühl vermittelt werden, dass sie willkommen sind. 
  • Ein geregelter Tagesablauf ist für die Sozialisation äußerst wichtig.
  • Wenn es sprachliche Barrieren gibt, helfen nonverbale oder kreative Kommunikationsmittel. Beispiele: Bildkarten, Pantomime, Kreistänze, Malereien, Gestaltungen.
  • Ein normaler Schulalltag ist eine wichtige Konstante im Leben der Schüler/-innen. 
  • Dabei sollte das Thema Krieg und Flucht nicht über den ganzen Tag vorherrschen.
  • Die Schüler/-innen brauchen Zeit und Raum für Kommunikation.
  • Rituale und Strukturen verhelfen dazu, sich sicher und beschützt zu fühlen.
  • Ein wichtiger Aspekt sind die Toleranz und Akzeptanz der Probleme der Flüchtlingskinder in Bezug auf deren emotionaler Belastung und sprachlicher Unsicherheit.
  • Der Fachunterricht kann dazu genutzt werden, thematische Bezüge herzustellen, um die Flucht-Situation zu verstehen und zu erfassen.
  • Mitschüler/-innen können sozial handeln, indem sie Schulmaterialien oder benötigte Kleidung für die Neuzugänge zusammentragen.

Der Unterricht muss angepasst werden

  • Je nach Voraussetzungen der einzelnen Schulen und der Anzahl an Flüchtlingen lassen sich verschiedene Unterrichtsmodelle umsetzen:
  • Die Kinder werden auf die Klassen verteilt und erhalten differenzierte vereinfachte Aufgaben. Ihre Deutschkenntnisse entwickeln sich in der Kommunikation mit den Mitschüler/-innen und im Unterricht. Zum Übersetzen können sie eine App benutzen.
  • Die Schüler/-innen werden in DaZ-Klassen unterrichtet und gehen nur zu den musisch-kreativen Fächern und zum Sportunterricht in eine ihnen zugeteilte Klasse.
  • Die Schule hat die Möglichkeit, Lehrkräfte aus der Ukraine einzustellen und die Schüler/-innen werden nach ukrainischem Lehrplan unterrichtet.
  • Die Schüler/-innen erhalten Online-Unterricht mit ukrainischem Lehrmaterial und werden von deutschen oder ukrainischen Lehrkräften betreut.

Manchmal fehlen die Worte

Die meisten Kinder, die mit ihren Eltern aus einem Kriegsgebiet flüchten müssen, sprechen nicht die Sprache des Landes, in dem sie aufgenommen werden. Die Sprachbarriere ist oftmals ein Hindernis, am regulären Unterricht teilzunehmen. Manche sind so traumatisiert, dass sie nicht sprechen wollen. Um das Eingliedern zu erleichtern, gibt es Übungen, die mit wenig Sprache durchgeführt werden können. Dazu eignen sich Rituale, die regelmäßig vor einer Unterrichtssequenz gemacht werden können. Hier geht es nur um einen Prozess und nicht um ein Ergebnis. Zur Bewusstmachung von Symbolhaftigkeit und Ausdrucksmitteln werden verschiedene Möglichkeiten genutzt, wie Bewegung, Bilder, Gesten, Mimik, Zeichnungen und Worte.

Ankommen und kennenlernen:
Einen Kreis zu bilden, unterstützt die Stabilität des Zusammenhalts. Ein Kreis erleichtert auch die Kommunikation zwischen den Teilnehmenden und ermöglicht, anderen besser zuzuhören und die Aufmerksamkeit zu erhöhen.

Im Kreis (stehend) nennen die Schüler/-innen der Reihe nach ihren Namen und machen dazu eine kleine Geste. Der Name und die Geste werden von allen wiederholt. Dies ermöglicht das Erleben der eigenen Persönlichkeit. Wenn der eigene Name von der ganzen Gruppe laut ausgesprochen wird, gibt dies ein Gefühl des Angenommenseins.

Bewegungskette:
Im Kreis werden Laute und eine Geste weitergeschickt. Eine/r beginnt und dreht sich zur nebenstehenden Person nach rechts, macht eine Bewegung und dazu ein Geräusch. Der/Die Angesprochene dreht sich auch nach rechts und gibt die gleiche Geste mit Geräusch weiter. Dies geht so lange, bis es wieder bei der ersten Person angekommen ist. Dann denkt sich der/die Nächste eine Bewegung und Geräusch aus und schickt es in die Runde.

Namensfluss:
Ein Ball wird im Kreis von einem zum anderen geworfen. Dazu muss Blickkontakt aufgenommen und der Name der-/desjenigen genannt werden, die/der den Ball erhalten soll. Die Reihenfolge wird immer beibehalten und mehrmals wiederholt, sodass jede/r immer von derselben Person den Ball bekommt und zu derselben wirft. 

So sehen wir aus:
In der Kreismitte liegen Bilder von Gesichtsmerkmalen. Zum Beispiel: blaue und braune Augen, schwarze und blonde Haare, ein Kopf mit oder ohne Brille, etc. Je ein/e Schüler/-in geht in die Mitte, nimmt sich eine Karte und ordnet diese einem Kind zu, das das gleiche Gesichtsmerkmal hat.

Pantomime:
Eine Bildkarte einer Sportart, eines Tieres oder einer Aktivität wird jeweils einem Kind gezeigt. Dieses stellt sich in die Mitte eines Kreises und versucht, den Begriff pantomimisch nachzustellen. Alle müssen raten, um was es geht.

Markt der Fähigkeiten:
Alle Schüler/-innen schreiben oder malen auf, was sie am besten können. Ein Kreis wird gebildet und alle bekommen die Gelegenheit, ihre Fähigkeiten in der Kreismitte zu zeigen oder davon zu berichten.

Kreistänze:
Zu Folkloremusik geben sie ein Gefühl des Zusammenhalts. Einfache Schrittfolgen, die jede/r sofort mitmachen kann, eignen sich gut (Folkloremusik findet man bei Spotify). 

Musikmalen:
Wenn es die Zeit erlaubt oder der Kunstunterricht eine andere Intention erhalten kann, hilft es traumatisierten (und auch anderen) Kindern, zu ruhiger Musik einfach zu malen oder zu zeichnen, was immer ihnen gerade einfällt. Die Bilder sollten nicht bewertet werden, sondern nur für sich stehen. Wer möchte, kann es im Klassenraum aufhängen.

Kalender:
Denken Sie daran, die neuen Geburtsdaten öffentlich in einen Kalender einzutragen. Für die meisten geflüchteten Schüler/-innen ist es wichtig, dass man an diesem Tag denkt und ihn in der Gemeinschaft zelebriert.

Die Familien müssen integriert werden

Für die Schüler/-innen ist es sehr wichtig, wenn die Familien in die Schulen integriert werden. Schaffen Sie den Angehörigen die Gelegenheit, in die Schule zu kommen, die Räumlichkeiten und Strukturen kennenzulernen. Ein Tag der offenen Tür mit internationalen Speisen und Getränken, die die Eltern verschiedener Nationen mitbringen, gibt ein Stückchen Heimat zurück. Vorbehalte und Ängste gegenüber dem Neuen – bei allen Beteiligten – können abgebaut werden.

Die Chance nutzen

Die Flüchtlingssituation kann ebenso als Wissenserweiterung für den Unterricht genutzt werden. Im Fachunterricht können - je nach Altersstufe - folgende Themen behandelt werden:

Was bedeutet Krieg? 
Das Thema wird durch Gespräche und Bildmaterial erarbeitet.

Ist Krieg ein Kinderspiel? 
Die Schüler/-innen berichten von ihren Spielsachen. Beispiel: Gewehr, Pistole, Soldaten, Panzer, etc.
Gespräche über die Gedanken und Emotionen beim Spiel mit diesem Spielzeug werden angeregt.

Was bedeutet Frieden und wie kann man Frieden spielen?
Die Schüler/-innen überlegen und notieren ihre Ideen in Gruppen. Austausch im Plenum über die Ergebnisse. 

Demokratisches Handeln stärken. 
Damit ist die soziale Verantwortung durch Helfen und Unterstützen gemeint. Die Achtung vor dem anderen kann durch Helferprojekte gefördert werden. Mitschüler/-innen melden sich, wem sie helfen wollen. Beispielsweise die Schule zu zeigen, Material zusammen zu suchen oder bei Problemen zu vermitteln.

Die Kinderrechte, die von den Vereinten Nationen 1989 verabschiedet wurden, gelten für alle Kinder. Einige davon können mit den Schüler/-innen durch Gespräche, Bilder, Gruppenarbeiten oder Arbeitsblätter erarbeitet werden.

  • Artikel 19, 32 und 34: Kinder haben das Recht auf Schutz vor Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung.
  • Artikel: 22 und 38: Kinder haben das Recht, im Krieg und auf der Flucht besonders geschützt zu werden.
  • Artikel 24: Kinder haben das Recht, gesund zu leben, Geborgenheit zu finden und keine Not zu leiden.

Psychische Gesundheit von Schüler/-innen

Beispiele für eine Projektwoche in: Hentschel, Angela: „Psychische Erkrankungen bei Schülern“, AOL Verlag Hamburg 2020, S.73 ff

Innerhalb einer Projektwoche werden verschiedene Themenfelder durch unterschiedliche Angebote zum Thema „Psychische Gesundheit“ bearbeitet. So können Schlüsselkompetenzen in den Bereichen Ernährung, Bewegung, Ressourcenerweiterung, Lösungsorientierung und gegenseitige Wertschätzung gefördert werden.

Lehrkräfte müssen sich vor Überforderung schützen

Durch aktuelle Konstellationen wie Inklusion, Migrations- und Flüchtlingsproblematik oder die Lernlücken der Pandemie ist der psychoemotionale Druck auf Lehrkräfte enorm gestiegen. Wahrnehmung und die Bewertung von Belastungssituationen spielen bei Stressempfinden allerdings eine wichtige Rolle. Achtsamkeit und eine innere Haltung der Realitäts-Akzeptanz können helfen, Stressoren zu widerstehen und sie nicht als bedrohlich zu empfinden.

Buchtipp

Hentschel, Angela, AOL Verlag Hamburg 2021: „Burn-out bei Lehrkräften

Versuchen Sie durch Entspannungsphasen, Ruhepausen und lösungsorientiertes Handeln, eine innere Gelassenheit zu entwickeln und sehen Sie die Situation als Herausforderung an, die Sie meistern werden. Probieren Sie die „5-G Methode (nach Hentschel) aus:

  1. „Gut ernähren“ – versorgen Sie sich mit wichtigen und gesunden Nahrungsmitteln.
  2. „Gut bewegen“ – bewegen Sie sich viel an der frischen Luft.
  3. „Gut atmen“ – atmen Sie in Stresssituationen gut und bewusst durch.
  4. „Gut abschließen“ ¬– schließen Sie jeden Schul-/Alltag gut ab und versuchen Sie, die Probleme in der Schule zu lassen.
  5. „Gut schlafen“ – versuchen Sie regelmäßig und ausreichend zu schlafen.

„Seien wir optimistisch und wünschen mit Alfred Adler "[...] dass in viel späterer Zeit, wenn der Menschheit genug Zeit gelassen wird, die Kraft des Gemeinschaftsgefühls über alle äußeren Widerstände siegen wird [...]“ (Adler 1933 b, 196).“ 
 

Angela Hentschel


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