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Classroom-Management

Was tun, wenn Abstandsregeln nicht eingehalten werden?

Abstandhalten ist oberstes Gebot, wenn die Schule wieder beginnt. Nicht einfach, auch für ältere Schüler. Was aber kann man tun, damit die Regeln eingehalten werden? Classroom-Management bietet Ihnen effektive Handlungsoptionen.

Classroom-Management: Was tun, wenn Abstandsregeln nicht eingehalten werden? Jugendliche ignorieren die Abstands- und Hygieneregeln gern. Hier hilft es, die Sinnfrage zu stellen © Pond Saksit/Shutterstock.com

Mit der Abstandsregel kommt eine neue enorme Herausforderung auf Schulen zu. Hier kann Classroom-Management Schulen und Lehrpersonen helfen, den Neustart in der Schule möglichst konfliktfrei zu gestalten. Denn: Knackpunkt sind die Abstandsregeln, nicht nur bei jüngeren, sondern auch bei älteren Schülern. Es reicht häufig nicht, die Regeln gleich zu Beginn nach der ersten Begrüßung einzuführen. Es wird immer wieder Schüler geben, die sie einfach ignorieren. Was ist also zu tun? – Im Folgenden zeigen ich Ihnen ein paar Handlungsoptionen, denn eines der wichtigsten Tools im Classroom-Management ist, sich im Voraus auf schwierige Unterrichtssituationen einzustellen.

Tipp 1: Die Sinnfrage stellen

Bei schwierigen Klassen älterer Schülerinnen und Schüler und bei Klassen mit Schülern mit herausforderndem und oppositionellem Verhalten bietet sich folgende Frage an: „Warum ist die Abstandsregel wichtig? Bitte nennt mindestens zwei Gründe“. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten anschließend dazu in Kleingruppen – sofern die Abstandsregeln eingehalten werden können –, recherchieren eventuell selbst dazu im Internet und präsentieren dann ihre Ergebnisse. Die Lehrperson bringt ihre Erkenntnisse mit ein. 

Es bietet sich an, eine schriftliche Zusammenfassung der Arbeitsergebnisse an einem extra dafür eingerichteten Ort vorn im Klassenzimmer anzubringen – um jederzeit darauf zurückkommen zu können. 

Literatur zum Thema

Brophy, J. (2004): Motivating students to learn. 2. Aufl. Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum Associates Publishers. 

Emmer, E. / Sabornie (2015): Handbook of Classroom-Management. Routledge, 2. Aufl.

Rutter, M./ Maughan, B. / Mortimer, P. / Ouston, J. (1980): Fünfzehntausend Stunden – Schulen und ihre Wirkungen auf Kinder. Weinheim und Basel.

Wong, H. / Wong, R. (2018): THE Classroom Management Book

Damit ist aber die Sinnfrage nicht für immer geklärt. Neue Informationen, Erkenntnisse und Falschmeldungen zu Covid-19 tauchen fast täglich auf. Die Sinnfrage sollten Sie also nach mehreren Tagen bzw. Wochen ein weiteres Mal aufgreifen. Dann lautet die Aufgabe für die Kleingruppen/Schüler beispielsweise, ihre beim ersten Mal erarbeiteten Befunde auf den neuesten Stand der Forschung zu bringen, z. B. mit der Frage: „Was an den neuen Befunden ist für dich interessant und wichtig?“

Tipp 2: Entspannt und ruhig bleiben bei Provokation

Ganz reibungslos wird es nicht immer zugehen, denn Schüler mit herausforderndem Verhalten werden sich der Aufgabenstellung womöglich widersetzen. Hier ein paar Beispiele aus der Praxis und wie Sie darauf reagieren können

  1. Einige Schülerinnen und Schülern bringen Fake-News ein: Sie sind von deren Richtigkeit überzeugt. Was tun? Sie treffen sich mit diesen eventuell zu einem späteren Zeitpunkt, um sich dann mit Zeit und Ruhe mit ihnen auszutauschen. Dabei ist sinnvoll im Hinterkopf zu behalten, dass es älteren Schülerinnen und Schüler ein Bedürfnis ist, dass wir sie auf Augenhöhe behandeln. Das bedeutet, dass wir sie auch dann ernst nehmen und uns mit ihren Argumenten befassen, wenn diese unrealistisch sind oder ganz eindeutig dem aktuellen Stand der Wissenschaft widersprechen. Mit diesem Vorgehen erhöhen wir die Chance, dass diese Schülerinnen und Schüler damit beginnen, ihre bisherige Ansicht infrage zu stellen. Dann werden sie sich eher an die entsprechenden Abmachungen halten.
  2. Störungen – Hypothetisches Fallbeispiel 1: Stellen Sie sich bitte folgende Szene vor: Als eine Lehrperson einer siebten Klasse ihre Erkenntnisse zu Covid-19 einbringt, ruft ein Schüler, nennen wir ihn Ruben, der schon früher durch herausforderndes Verhalten auffiel, in die Klasse: „Das stimmt ja überhaupt nicht, was Sie da erzählen!“ Oder ein Schüler kommentiert auf diese Weise die Präsentation einer Kleingruppe. Was jetzt?                                                                                                                                                                                              Je nach Klasse und Schüler müssen wir mit solchen Vorkommnissen rechnen. Im Internet finden wir ja auch ganz unterschiedliche und sich teilweise widersprechende Informationen zum Thema Covid-19. Die Classroom-Management Position zu solchen Vorkommnissen ist eindeutig: Auf jeden Fall ist wichtig, selbst in solchen Situationen entspannt und ruhig zu handeln. Wir könnten beispielsweise zum Schüler sagen: „Ruben, wir haben abgemacht, dass man sich meldet, wenn man etwas sagen möchte.“ Und dann unterrichten Sie sofort weiter. Wir können uns merken, dass Ruben schnell dazwischenruft. Falls das weiterhin vorkommt, laden wir ihn zu einem Einzelgespräch ein, mit dem Ziel, ihn dabei zu unterstützen, es in Zukunft besser zu machen. 
  3. Störungen – Hypothetisches Fallbeispiel 2: Und wenn Ruben zur Lehrperson sagen würde: „Sie reden ja einen Schwachsinn!“ Auch dann gilt, ruhig und entspannt vorzugehen. Wir könnten sagen: „Ruben, das geht hier nicht – wir haben abgemacht, dass wir uns mit Respekt behandeln.“ Eventuell fügen Sie hinzu: „Ich möchte dich später sprechen.“ Auch in dem Fall unterrichten wir sofort weiter, um die Störung nicht selbst noch mehr aufzubauschen.                                                                                                                                                Mit diesem Vorgehen signalisieren wir unserer Klasse, dass wir nicht bereit sind, solches Verhalten hinzunehmen und dass wir in der Lage sind, sogar bei solchem Stören eindeutig und souverän zu handeln. Später führen wir mit Ruben ein Einzelgespräch. Auch da geht es darum, ihn dabei zu unterstützen, sich angemessen zu verhalten. Mehr zu dieser Interventionsform – es handelt sich dabei um die Zwei-Phasen-Intervention – erfahren Sie in Eichhorn (2018 A). 

Tipp 3: Betroffene zu Beteiligten machen

Dieser Ansatz bietet sich ganz besonders bei älteren Schülerinnen und Schülern an. Die Schülerinnen und Schüler bearbeiten in Kleingruppen oder einzeln die Fragen: Wie können wir die Abstandsregel gut umsetzen? Wichtig ist, diese Frage weiter zu präzisieren, also z. B. wenn wir durchs Schulhaus ins Klassenzimmer gehen, wenn wir das Klassenzimmer betreten, wenn wir auf die Toilette gehen, während der großen Pause usw.

Zum Autor

Christoph Eichhorn ist Autor zum Thema Classroom-Management. Er arbeitet als Lehrbeauftragter an Universitäten und Pädagogischen Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und gibt Workshops und hält Vorträge zum Thema.
Sein wichtigstes Buch: Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören (2018)

Natürlich hat die Schule schon eigene konkrete Vorstellungen, was die Abstandsregel betrifft. Diese müssen wir zunächst bekannt geben. Oft gibt es dann aber noch Spielräume, was deren konkrete Umsetzung anbelangt. Genau dazu ist es sehr sinnvoll, gerade ältere Schülerinnen und Schüler mitbestimmen zu lassen und damit ihrem gewachsenen Autonomiebedürfnis Rechnung zu tragen. Wir wissen, dass unsere Schülerinnen und Schüler besser mit uns kooperieren, wenn wir sie mitbestimmen lassen. Das machen wir ja auch schon in vielen anderen Situationen. Dazu zwei Fallbeispiele, wie Beteilung im Anschluss gewürdigt werden kann:

  • Fallbeispiel: Einigen Lehrpersonen, die in höheren Klassen unterrichten, ist es bei ähnlichen Fragestellungen gelungen, die Besprechung der Schülerbeobachtungen in ein von allen begehrtes Event umzuwandeln. Zunächst gaben sie an ihre Klasse den Auftrag, eine Hymne oder einen Song auszuwählen, mit dem diese Einheit eingeleitet und dann wieder abgeschlossen wird.         Bevor der erste Schüler seine Beobachtungen mitteilt, rollen zwei Beauftragte den „roten Teppich“ aus. Das ist ein kleines Stück Stoff auf den sich der Schüler, der gleich ein Lob erhalten wird, stellt. Dann sagt der Beobachter, was sein Mitschüler, der jetzt auf dem roten Teppich steht, gut gemacht hat. Dann gibt es Applaus. Dann folgt der nächste Schüler.                                                                  Wir können auch unseren Schülerinnen und Schülern den Auftrag geben, sich in Kleingruppen zu überlegen, welchen Rahmen sie ihren Beobachtungen geben möchten. So hatte beispielsweise eine andere Klasse die Idee, Urkunden an diejenigen zu verteilen, die gelobt wurden. Das kam in dieser Klasse gut an, die meisten zeigten sie stolz zu Hause.                                                                      Am einfachsten ist es, wenn die Schule Erinnerungsblätter und Urkunden im Voraus entwickelt, mit denen alle Lehrpersonen dieser Schule arbeiten können. 
  • Fallbeispiel: Ken ist ein Schüler, der einer Lehrperson wegen seines herausfordernden und aggressiven Verhaltens große Sorgen gemacht hat. Dann hatte ihn ein Mitschüler dabei beobachtet, wie er etwas gut gemacht hat. Es kam zu der gerade oben beschriebenen Szene mit Hymne und rotem Teppich. Das kam bei Ken gut an. Er sei stolz gewesen, berichtete mir die Lehrerin, die bei mir in Beratung war. Ich schlug ihr vor, dass wenn Ähnliches wieder vorkäme, sie Ruben eine Anerkennungskarte überreichen könnte. Auch das verfehlte seine Wirkung nicht.

Tipp 4: Bei Regelverstoß eingreifen

Was aber tun, wenn Schüler die Vereinbarungen zur Abstandsregel nicht einhalten? – Sofort handeln und den Schüler darum bitten, die Abmachungen einzuhalten. Also bei jedem Regelverstoß eingreifen. 

Was geschieht, wenn wir bei Regelverstößen nicht eingreifen? Darin ist sich die Forschung einig (Emmer and Sabornie, 2015): Das sehen einige Schüler als eine Art Erlaubnis an, gegen die Regel zu verstoßen. Sie halten diese dann im Weiteren weniger ein. Damit wird es für uns immer schwieriger, diese Schüler dazu zu bringen, die Regeln doch noch zu befolgen.

Im Classroom-Management ist schon lange klar, dass wir zu Beginn eines neuen Schuljahres – und wir haben ja jetzt eine ganz neue Situation, die dem Beginn eines neuen Schuljahres ähnelt – den meisten Einfluss auf jeden einzelnen unserer Schülerinnen und Schüler sowie auf die ganze Klasse haben. Schon in den ersten Schultagen stellen wir die Weichen für das gesamte Schuljahr (Wong, 2018) – ganz besonders bei der aktuell vorhandenen Ausnahmesituation.

Natürlich müssen wir unsere Schülerinnen und Schüler ermahnen und zurechtweisen. Zu viel Ermahnen und Zurechtweisen kann aber nicht nur zu einem Abstumpfungseffekt aufseiten der Schülerinnen und Schüler führen, sondern zusätzlich auch in ein Überwiegen negativer Kommunikation aufseiten der Lehrperson. In dem Fall richtet eine Lehrperson ihre Aufmerksamkeit – meist unbewusst – auf das, was ihre Schülerinnen und Schüler falsch machen und reagiert unverzüglich mit Ermahnen und Zurechtweisen (Brophy, 2004). Damit steigt das Risiko, dass negative Kommunikation im Klassenzimmer überhandnimmt. Es kommt zu einem schlechten Klassenklima und dazu, dass einige Schülerinnen und Schüler immer weniger mit ihrer Lehrperson kooperieren. – Was tun? Setzen Sie mehr auf Einzelgespräche – statt vor allem zu ermahnen. Sie erreichen mehr und schützen Ihre Beziehung zu Ihren Schülerinnen und Schülern.. Die Details dazu finden Sie in Eichhorn (2018).

Christoph Eichhorn

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