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Hattie-Studie

Der Lehrer — Regisseur aus Leidenschaft

Gute Lehrer sind ein entscheidende Faktor für den Lernerfolg, sagt Bildungsforscher John Hattie. Sie unterrichten passioniert, sind klar, strukturiert und steuern die Lernprozesse. Und man erkennt sie vor allem daran, dass alle ihrer Schüler erfolgreich sind.

Hattie-Studie: Der Lehrer — Regisseur aus Leidenschaft Vorhang auf für den Lehrer! Er ist die entscheidende Person für den Lernfortschritt seiner Schüler © Sergey Nivens - Fotolia.com

Die Klasse 9a der Johannes-Schule in Malmö war bei den landesweiten Vergleichstests eine der schlechtesten Klassen Schwedens. Acht „Superlehrer“, deren Schüler regelmäßig weit überdurchschnittliche Leistungen bringen, sollten es richten. Ihr Auftrag: Die 9a zu einer der drei besten Klassen des Landes zu machen — in gerade einmal fünf Monaten und „mit nichts als pädagogischem Geschick.“ (GEO 02/2011, S. 32) Selbst die 15- und 16-jährigen Schüler der 9a waren skeptisch: „Das kann nicht klappen“, zitiert GEO einen von ihnen, man hätte „ihn und die anderen eigentlich längst aufgegeben. Zu schlecht, zu faul, zu dumm.“ Doch das Unglaubliche gelang: „Die 9a hatte sich tatsächlich zur drittbesten Klasse des Landes emporgekämpft.“ (ebd.)

Ein erstaunliches Experiment, das jedoch einen der derzeit bekanntesten Erziehungswissenschaftler kaum überraschen dürfte: John Hattie, der in seiner beispiellos umfangreichen Metastudie „Visible Learning“ die Lehrer als den wichtigsten Einflussfaktor für erfolgreiches Lernen ausgemacht hat. Genauer gesagt nicht alle Lehrer, sondern nur „die guten“. Woran erkennt man diese erfolgreichen Lehrer? Wodurch zeichnen sie sich aus und welche Haltung bringen sie mit?

Nur ein leidenschaftlicher Lehrer ist ein guter Lehrer

Wenn man auch Leidenschaft nicht messen kann, so ist sie doch eine zentrale Größe für „Visible Learning“. In einem Interview am 16.04.2013 in London sagt John Hattie dazu: „Lehrer, die mit Leidenschaft [Anm.: engl. „passion“) unterrichten, erkenne ich daran, dass alle ihre Schüler erfolgreich sind.“

In der umsetzungsorientierten Fortsetzung seiner großen Metastudie, „Visible Learning for Teachers“, beschreibt Hattie die Merkmale dieses leidenschaftlichen, inspirierten und besonders erfolgreichen Lehrers („expert teacher“):

  1. Er bringt die erforderliche fachliche und fachdidaktische Kompetenz mit und
  2. „versteht es, ein optimales Klassenklima herzustellen.“
  3. Zudem hat er die Lernprozesse im Blick und „stellt vielfältiges Feedback zur Verfügung.“
  4. Er glaubt, dass alle Lernenden mit ihren Leistungen den Erfolgskriterien entsprechen können und
  5. kann „die Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler sowohl auf der Oberfläche (Faktenwissen) als auch im Bereich der Tiefenstrukturen (Verständnis, Vernetzung)“ erfolgreich unterstützen. (Vgl. dazu die Zusammenfassung von „Visible Learning for teachers“ von Höfer & Steffens, 2012, S. 3)

Ein verändertes Selbstverständnis der Lehrperson

Sich selbst sollten Lehrer in erster Linie „als Evaluierende ihres eigenen Unterrichts“ begreifen. O-Ton Hattie: „Fundamentally, the most powerful way of thinking about teacher´s role is for teachers to see themselves as evaluators of their effects on students.” (Hattie: „Visible Learning for Teachers, London, New York 2012, S. 14, zit. nach Höfer & Steffens, Zusammenfassung 2012, S. 4) — Ein verändertes Selbstverständnis also, das fehlenden Unterrichtserfolg nicht durch Defizite auf Schülerseite zu erklären versucht („zu wenig intelligent“, „nicht fleißig oder engagiert genug“, „fehlende Unterstützung durch das Elternhaus“), sondern auf das Handeln der Lehrkräfte fokussiert, deren Unterricht Schülerleistung ermöglicht oder eben verhindert.

Martin Spiewak verortet in Hatties „Visible Learning for Teachers“ eine „Pädagogik der permanenten Selbstreflektion“ („Ich bin superwichtig!“, in: DIE ZEIT, 14.01.13). Wichtig ist dabei, dass der Lehrer seinen Unterricht mit den Augen seiner Schüler sieht, das heißt, die Perspektive seiner Schüler einnimmt. Und wenn seine Klasse beim Lernen nicht vorankommt, muss er sich fragen, was er falsch macht und einen anderen Weg einschlagen.

Regie führt der Lehrer!

Wie ein Regisseur steuert der Lehrer den Unterricht von der ersten bis zur letzten Minute. Hattie sieht ihn nicht etwa als bloßen Lernbegleiter, sondern als „activator“, der die Fäden in der Hand hält, klare Ziele vor Augen hat und vorgibt. Drei Einflussfaktoren sind in diesem Zusammenhang besonders wichtig für den Lernerfolg:

  1. Die „Klarheit der Lehrperson“ (Platz 9 auf der Hattierangliste mit 138 Faktoren!), umschreibt die „Fähigkeit (…), die Unterrichtsziele und die Vorstellungen, was ein Erfolg in Bezug auf diese Intentionen bedeutet, zu kommunizieren.“ (Hattie-Wiki, Faktoren A bis Z). Die Schüler verstehen also was sie lernen sollen und an welchen Kriterien sich der Lernerfolg festmachen lässt.  
  2. Als methodische Entsprechung dieser Klarheit kann die „Direkte Instruktion“ gesehen werden. Hattie-Kenner Prof. Dr. Klaus Zierer definiert die „Direkte Instruktion“ mit einer umfassenden Klarheit im Hinblick auf die Unterrichts-Ziele, -Inhalte, -Methoden und -Medien. „Direkte Instruktion“ ist dabei nicht zu verwechseln mit Frontalunterricht, wie Zierer ausdrücklich betont. Sie kann genauso gut eine intensive Gruppenarbeitsphase o. Ä. einleiten. (Vgl. dazu Klaus Zierers Vortrag „Lernen sichtbar machen“ auf der Website visible-learning.org ab Min. 35:48.
  3. Effektives „Feedback“ ist nicht einfach Lob oder Belohnung, sondern beantwortet lernzielorientiert drei Fragen:
  • Wohin gehst du? (Lernintentionen/Ziele/Erfolgskriterien)
  • Wie kommst du voran? (Selbst- bzw. Fremd-Bewertung/Selbst- bzw. Fremdeinschätzung)
  • Wohin geht es danach? (Fortschreiten, neue Ziele)

Feedback ist nach Klaus Zierer keine „Einbahnstraße“, sondern ist als „echter Dialog, als eine Begegnung von Mensch zu Mensch, als eine Interaktion“ zu verstehen (Vortrag Klaus Zierer, Link s. o., Min. 48:02). Und ein ideales Lernumfeld ist dann gegeben, wenn sowohl Lehrpersonen als auch Lernende Antworten auf alle diese Fragen suchen. Der Lehrer weiß dann, ob die Inhalte verstanden wurden, die Medien zielführend waren und die Methoden funktioniert haben und kann seine Unterrichtsplanung für die nächste Stunde entsprechend optimieren.

Martina Niekrawietz

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