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Leistungsbewertung

Es kommt auf die Bezugsnorm an

Lehrer sind häufig verunsichert, wenn es um die Bewertung der Leistungen ihrer Schüler geht. Entscheidend ist, sich klarzumachen, nach welchen Kriterien und Bezugsnormen man vorgeht und wie sich daraus letztendlich eine Zensur generiert.

Leistungsbewertung: Es kommt auf die Bezugsnorm an Bei der Bewertung einer Klassenarbeit und der individuellen Schülerleistung kommt es auf die Bezugsnorm an © lamaip - Fotolia.com

Die Bewertung von Schülerleistungen stellt ein zentrales Aufgabenfeld der Lehrkräfte dar. Viele Kollegen fühlen sich hierbei unsicher und sehr unwohl dabei. Eine Bewusstmachung grundlegender Kriterien kann hier Abhilfe leisten, sodass die erfolgte Bewertung den Schülern und Eltern auch besser kommuniziert werden kann. Für die Beurteilung schulischer Leistungen können unterschiedliche Bezugsnormen herangezogen werden. Über diese sollte sich die Lehrkraft zuvor Gedanken machen und sich über die jeweiligen Vor- und Nachteile im Klaren sein. Im Wesentlichen werden hierbei die soziale, individuelle sowie die kriteriengeleitete Bezugsnorm unterschieden. Jede dieser Bezugsnorm hat ihre grundsätzliche Berechtigung und findet bei vielen Kollegen — oft unbewusst — Anwendung.

Verschiedene Bezugsnormen

Bei der sozialen Bezugsnorm wird die Leistung des Einzelnen mit der Leistung einer Referenzgruppe verglichen und vor diesem Hintergrund bewertet. Bekannt ist hierbei die „gaußsche Normalverteilung“, die unterstellt, dass es in jeder Lerngruppe einen festen Prozentsatz an guten, mittleren und schlechten Leistungen gäbe. In diesem Sinne würden bei jeder (!) Leistungsbewertung etwa 10 Prozent der Lerngruppe jeweils die Note 1 sowie weitere 10 Prozent die Note 5 bzw. 6 erhalten, während den mittleren 34 Prozent die Note 3 zustünde und die restlichen jeweils 23 Prozent würden sich auf die Noten 2 und 4 verteilen. Folglich würde jede Benotung — unabhängig von ihrem Schwierigkeitsgrad — immer „gleich gut“ ausfallen und es würde sich grundsätzlich der Notendurchschnitt 3,0 ergeben. Auch wenn es der allgemeinen Beobachtung entspricht, dass es in jeder Lerngruppe immer ein paar „gute“ und ein paar „schlechte“ Schüler bei einem großen Mittelfeld gibt, ist die generelle Übertragung solch eines Bewertungskriteriums unangemessen und widerspricht dem Ansatz der individuellen Förderung, die es ja gerade zum Ziel macht, dass jeder Schüler sein (ggf. individuelles) Lernziel erreicht.

Im eindeutigen Gegensatz dazu steht die individuelle Bezugsnorm, die auf die momentan erbrachten individuellen Leistungen schaut und diese mit vorherigen vergleicht. Die Leistungsbeurteilung erfolgt hierbei oft in verbaler Form, die für jeden Schüler einzeln erstellt wird. Somit können individuelle Lernfortschritte auch dann sichtbar gemacht werden, wenn sich die Rangposition des Schülers innerhalb der gesamten Lerngruppe nicht verändert hat. Trotz der immer mal wieder hierzu aufflammenden Diskussionen haben sich mit einigen Ausnahmen solche verbalen Beurteilungen auf Grundlage der individuellen Bezugsnorm mehrheitlich nicht durchgesetzt — vermutlich gerade aufgrund der geringeren Aussagekraft derselben mit Blick auf die Selektionsfunktion. Aber in vielen Fällen werden solche verbalen Beurteilungen als Ergänzung zur Notenskala herangezogen.

Bei der kriterienorientierten Bezugsnorm wird der Lernstand des einzelnen Schülers mit dem Lernziel als Kriterium verglichen. Die Distanz zum Lernziel gibt somit Rückmeldung über den Erfolg der bisherigen Lernbemühungen, aber auch Auskunft über die noch zurückzulegenden Lernschritte zur Erreichung desselben. Bei strikter Orientierung an dieser Bezugsnorm hat der Lehrer strenggenommen nur die beiden Beurteilungsmöglichkeiten „Lernziel erreicht“ oder „Lernziel (noch) nicht erreicht“. Sollte das Lernziel noch nicht erreicht worden sein, so müssten dieser Beurteilung konkrete Maßnahmen folgen, sodass auch dieser Schülergruppe zu einem anderen Zeitpunkt die Note „Lernziel erreicht“ gegeben werden kann. Viele Autoren vertreten im Hinblick auf die kriterienorientierte Bezugsnorm die Ansicht, dass auf die gängige Notenskala verzichtet werden müsste. Dem soll hier widersprochen werden, denn entscheidend ist m. E. nicht der konkrete Name der Note, sondern die daraus gezogenen individuellen Fördermaßnahmen mit dem Ziel der Erreichung der Note „bestanden“. Dabei spielt es m. E. keine Rolle, ob diese Note „gut“ (die Leistungen entsprechen den Anforderungen voll) oder „Lernziel erreicht“ heißt.

Fazit

Aus pädagogischer Sicht erscheint eine vornehmliche Orientierung an der individuellen Bezugsnorm wohl am sinnvollsten. In diesem Fall erhält der Schüler mithilfe der Bewertung eine Rückmeldung über seine bisher erbrachten Leistungen. Darüber hinaus erhält der Schüler aber auch konkrete Hinweise zur zielgerichteten Weiterarbeit. Viele Kollegen schrecken hier vor dem erhöhten zeitlichen Aufwand zurück und neigen somit zu Bewertungen mithilfe eines „Baukasten-Prinzips“. Dabei kann eine individuelle Rückmeldung u. U. verloren gehen.

Die Bewertungen einzelner Schülerleistungen münden schlussendlich in ein vermeintliches Gesamtergebnis in Form eines Zeugnisses. Dieses „Gesamturteil“ eröffnet oder verschließt wiederum Zugänge zu weiteren Bildungsmaßnahmen oder Berufskarrieren. Da aber weiterführende Schulen, Universitäten oder Firmenchefs, sicherlich auch aufgrund hoher Interessentenzahlen, eine schnelle Entscheidung bezüglich einer Zu- oder Absage treffen wollen, werden Bewertungen in der Realität mehrheitlich in einer Kombination aus sozialer und kriterienorientierter Bezugsnorm vorgenommen. Wichtig erscheint hier, ob der Schüler eine Leistung erfüllt hat oder nicht und inwiefern diese erbrachte Leistung vergleichbar mit der eines anderen ist. Hier ist jedoch mit Blick auf subjektive Einflüsse, Halo- oder Reihenfolgeeffekte, die gängige Schwächen der Leistungsbeurteilung darstellen, Vorsicht geboten.

Trotz alledem erscheint es sinnvoll zwischen einzelnen Unterrichtselementen, bei denen die individuelle Bezugsnorm im Vordergrund steht, und Abschlussergebnissen, bei denen die kriterienorientierte Bezugsnorm im Vordergrund steht, zu unterscheiden.

Frank Lauenburg

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