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Leistungsbewertung

Ist eine gerechte Bewertung von Schülerleistungen möglich?

Schüler wünschen sich eine gerechte Bewertung ihrer Leistungen. Lehrer müssen sie beurteilen – und das ist gar nicht so einfach. Denn es spielen viele Faktoren eine Rolle bei der Notenvergabe bzw. Leistungsbeurteilung.

Leistungsbewertung: Ist eine gerechte Bewertung von Schülerleistungen möglich? Ein Zeugnis ist nur eine Momentaufnahme und spiegelt nicht immer das Leistungspotenzial wider © VRD - Fotolia.com

„Befragt man Schüler, welche Lehrereigenschaften ihnen besonders wichtig sind, so steht an erster Stelle fast immer der Wunsch nach dem gerechten Lehrer — und die Gerechtigkeit des Lehrers kommt für die Schüler in besonderer Weise in der Notengebung zum Ausdruck.“ (Wengert 2008, 324) Mit diesen Worten beginnt Hans Gert Wengert seinen Aufsatz zum Thema „Leistungsbeurteilung in der Schule“ und er folgert daraus: „Bei der Beurteilung der Schülerleistungen handelt es sich um einen hochsensiblen Bereich im Lehrer-Schüler-Verhältnis.“ (ebd.) Und doch wird die Leistungsmessung und -beurteilung von Lehrern erwartet. Denn sie sollen mithilfe der Leistungsbeurteilung „über den Stand des Lernprozesses der Schülerinnen und Schüler Aufschluss geben“ (§48 I SchulG NRW). Gleichzeitig aber soll diese auch „Grundlage für die weitere Förderung“ sein (ebd.). Berücksichtigt man jedoch, „dass Zensuren in mancherlei Hinsicht höchst fragwürdig und, wie jegliche Messung, fehler-haft sind“ (Wengert 2008, 324) und Lehrer sich hierbei im Zwiespalt ihrer „Doppelrolle als Helfer und Richter“ (ebd.) befinden, kann man das Unbehagen, das viele Lehrer hier verspüren, nachvollziehen. In diesem Kontext lässt sich vielleicht erklären, warum — ausgehend von den 1970er-Jahren — immer mal wieder die Forderung nach einer Abschaffung des herkömmlichen Notensystems aufkam.

Funktionen der Notengebung

Im Laufe des 19. Jahrhunderts setze sich in Preußen zunehmend der Gedanke durch, dass die alte Führungsschicht des Adels nicht mehr ausreiche, um Leistungspositionen des modernen Staates adäquat zu besetzen. Nicht Geburt, Religion oder Geschlecht sollten den Zugang zu gesellschaftlichen Positionen bestimmen, sondern die individuelle Leistung. Aus diesem Ansatz hat sich unser heutiges schulisches Berechtigungswesen entwickelt: Es kommt ausschließlich auf die individuellen Leistungen an, welche auf Noten- oder Punkteskalen abgebildet und mit verschiedenen Leistungen verglichen werden. Jahres- und Ab-schlusszeugnisse sind dann maßgeblich für die Versetzung in die nächsthöhere Klasse oder als Qualifizierung für weiterführende Bildungs- oder Ausbildungswege. „Stehen den ‚Abnehmern‘ zu viele Aspiranten zur Verfügung […], können auf der Grundlage von Noten Auswahlentscheidungen getroffen werden.“ (ebd., 326)
Der Ausgangspunkt unseres heutigen Notensystems war somit nicht das Ergebnis pädagogischer Auseinandersetzungen, sondern ausschließlich diese Berechtigungs-, Zuteilungs- und Selektionsfunktion. Und auch wenn Lehrer und (Fach-)Didaktiker diesen Umstand gern unter den Tisch fallen lassen, so muss doch deutlich gesagt werden, dass diese Funktionen weiterhin Bestand haben. Aus pädagogischer Sicht stehen heute jedoch eher die Sozialisierungs-, Rückmeldungs-, Berichts- sowie Anreiz- und Disziplinierungsfunktion im Vordergrund.

Mit dem Eintritt der Kinder in die Schule lernen diese, dass „nicht die gute Absicht, das Bravsein oder Sympathie und Liebe“ (ebd.) über die Noten bestimmen, sondern individuell erbrachte Leistungskriterien Berücksichtigung finden (sollen). Damit lernen die Kinder neue Leistungsnormen außerhalb ihres bekannten Sozialgefüges (Familie, Kindergarten, Freundeskreis) kennen (Sozialisierungsfunktion).

Zitierte Literatur:

Weiss, Rudolf: Aufgaben der Zensuren und Zeugnisse. In: Ingenkamp, Karlheinz (Hrsg.): Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung. Weinheim, Berlin, Basel 1971, S. 52-55.

Wengert, Hans Gert: Leistungsbeurteilung in der Schule. In: Bovet, Gislinde / Huwendiek, Volker (Hrsg.): Leitfaden Schulpraxis — Pädagogik und Psychologie für den Lehrberuf, 5. überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin 2008, S. 324-349.


Die Einsicht, dass Leistungen selbst verursacht sind, entsteht jedoch erst allmählich. Somit muss auch die Einsicht, dass unterschiedliche Leistungen mit unterschiedlichen Beurteilungen einhergehen, und somit als „gerecht“ empfunden werden, langsam entstehen. Gerade in jüngeren Klassenstufen werden schlechte Noten oft noch als „Liebesentzug“ gewertet. In höheren Klassen hingegen haben Schulnoten immer größeren Einfluss auf die Entwicklung und Stabilisierung eines Leistungsselbstbildes und Selbstwertgefühls. Hier ist Vorsicht geboten: Denn einerseits kann das sich hier stabilisierende Leistungsselbstbild zu einem eher zuversichtlichen Verhalten in Leistungssituationen führen, aber auch Vermeidungsstrategien oder Angst innerhalb solcher (vermeintlicher) Bewährungssituationen befördern.

Von besonderer Bedeutung erscheint aus pädagogischer Sicht hingegen die Rückmeldefunktion für Schüler und Lehrer sowie die Berichtsfunktion für die Eltern. Der Schüler sowie seine Eltern erhalten Auskunft über den erreichten Leistungsstand, der Lehrer — und hier ebenfalls eingeschränkt die Eltern — hingegen über die Effektivität des Unterrichtes.

Bewusst oder unbewusst werden Noten auch gern im Sinne einer Anreiz- und Disziplinierungsfunktion genutzt: Allein die Aussicht auf Belohnung durch gute oder die Furcht vor Bestrafung durch schlechte Noten sollen die Schüler „anregen“, sich mit den Lerninhalten zu beschäftigen. Aber Vorsicht: „Grundsätzlich ergibt sich bei der Motivierung durch Ziffernnoten die Gefahr, dass das Streben nach der guten Note über das Streben nach der guten Leistung gestellt wird.“ (Weiss 1971, 55)

Es gibt verschiedene Bezugsnormen

Für die Beurteilung schulischer Leistungen können unterschiedliche Maßstäbe herangezogen werden. Im Wesentlichen werden hierbei die soziale, individuelle sowie die kriteriengeleitete Bezugsnorm unterschieden. Außerdem sollten nur die Leistungen beurteilt werden, die auch mithilfe einer adäquaten Messung überprüft wurden.

Um jedoch von einer angemessenen Beurteilung sprechen zu können, müssen somit Gütekriterien der Leistungsmessung Verwendung finden. Die Fachliteratur nennt hierbei i. d. R die Kriterien der Objektivität, Reliabilität und Validität. Nicht zuletzt sollten sich Lehrkräfte die Schwächen von Ziffernnoten bewusst machen und sich außerdem bemühen, subjektive Einflüsse der Notengebung sowie Halo- und Reihenfolgeeffekte auf ein mögliches Minimum zu reduzieren.

Fazit

Insgesamt stellt sich somit die Frage, welche Konsequenzen sich aus den dargestellten Aspekten ziehen lassen. Unbestreitbar sollte die Feststellung sein, dass nur das geprüft werden sollte, was auch im Unterricht behandelt wurde und hieran anknüpfend muss formuliert werden, dass es eben auch eine Passung zwischen Vermittlung und Bewertung geben muss. Mit Blick auf die Validität und Reliabilität sollten möglichst mehrere Leistungsüberprüfungen mit mehreren voneinander unabhängigen Aufgaben erfolgen. Im Gegenzug sollten aber auch bewertungsfreie Räume geschaffen werden, um den Schülern das Entdeckenwollen und -können neuer Zusammenhänge zu ermöglichen. Die Aufgabenstellungen sollten klar und eindeutig formuliert sein und sich wiederrum am Unterrichtsgeschehen orientieren. Außerdem sollte eine zu enge Zeitbegrenzung vermieden werden (außer es geht um die Beurteilung des Verhaltens während Stresssituationen, das wird aber im schulischen Rahmen eher selten der Fall sein).

Um Reihenfolge-Effekte zu vermeiden sollten die Arbeiten vor der Korrektur nicht sortiert werden. Manche Kollegen korrigieren auch Aufgabenweise, um möglichst ähnliche aufgabenbezogene Entscheidungen bei allen Schülerarbeiten zu erreichen. Sinnvoll erscheint auf jeden Fall die Erstellung eines Erwartungshorizontes vor der Korrektur der Arbeiten. Strittig muss hier die Frage bleiben, ob ein solcher Erwartungshorizont während der Korrektur noch einmal angepasst werden dürfe. U. U. merkt die Lehrkraft ja erst während der Korrektur, dass die gestellten Erwartungen die Schüler über- oder unterfordert haben. Und doch sollten die Erwartungen m. E. nicht vorschnell über den Haufen geworfen werden, denn es ist ja davon auszugehen, dass diese bewusst getroffen wurden. Aber sicherlich sollten die Schüler nicht für eine Fehlplanung des Lehrers verantwortlich gemacht werden.

Zu guter Letzt sollten noch folgende drei Aspekte berücksichtig werden:

  1. Formen der Leistungsbewertung müssen sich den neueren Lehr-Lern-Arrangements des offenen Unterrichts anpassen. Hier bieten sich u. a. Lerntagebücher, Portfolios, Bewertungsraster für Gruppenarbeiten o. Ä. an.
  2. Leistungsbewertung sollte stets transparent erfolgen. Schüler können sich nur dann angemessen auf Leistungsüberprüfungen vorbereiten, wenn ihnen die Formen derselben auch transparent gemacht werden. Andernfalls entsteht — nicht zu Unrecht — der Eindruck einer ungerechten Beurteilung. Dies schließt m. E. „spontane“ Leistungsüberprüfungen als Bestrafung für Fehlverhalten aus.
  3. Leistungsbeurteilungen sollten niemals der letzte Schritt sein, sondern die Grundlage für weitere (Förder-)Maßnahmen bilden. Wenn davon ausgegangen wird, dass das Ziel sein sollte, dass alle Lernenden das festgelegte Lernziel erreichen, so muss die vorgenommene Leistungsmessung die Grundlage für weitere zielgerichtete und individuelle Rückmeldungen für den Lernenden sein, wie er das Lernziel — wenn er es denn noch nicht erreicht hat — erreichen kann oder wie er von hier aus — wenn er das Lernziel schon erreicht hat — weiterdenken kann, um seine Kompetenzen zu erweitern.

Frank Lauenburg

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