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Kompetenzorientierte Lernangebote

Komplexe Lernarrangements ermöglichen inklusiven Unterricht

Alle Schüler individuell fördern und fordern – dieser vermeintlich eindeutige Grundsatz pädagogischen Handelns ist nicht neu, stellt Lehrkräfte aber immer wieder vor große Herausforderungen. Angesichts heterogener Lerngruppen, die auch im Zuge der Inklusion einen neuen Anspruch entwickeln, ist dieser Grundsatz äußerst anspruchsvoll.

Kompetenzorientierte Lernangebote: Komplexe Lernarrangements ermöglichen inklusiven Unterricht Das individuelles Lernen wird in heterogenen Gruppen durch spezielle Aufgabenstellungen wesentlich erleichtert © Alexander Raths - Fotolia.com

Eine heterogene Lerngruppe mit einer passenden Aufgabe zu bedienen, kann vieles bedeuten und gehört inzwischen zum Alltag von Lehrkräften. In vielen Schulen bedeutet heterogen mittlerweile auch inklusiv, denn Lernende an inklusiven Schulen haben sonderpädagogischen Förderbedarf. Die Beschreibung „heterogen“ erfährt hier einen brisanten inhaltlichen Zusatz.  Eine einzige Aufgabenstellung, die für alle „passt“,  scheint  oft unmöglich.  Und dennoch: Dieser kurze Erfahrungsbericht soll zeigen, wie ein Format gefunden wurde, das den Bedürfnissen und dem Leistungsniveau aller Schüler gerecht werden kann.

Eine gemeinsame Aufgabe — viele verschiedene Lösungswege

Das Thema einer Mathematikstunde in der 5. Klasse einer Hamburger Stadtteilschule lautete „Diagramme erstellen“. Dazu sollten die Häufigkeiten, die durch eine Umfrage der Schüler zustande kamen, in einem Diagramm dargestellt werden. Das Thema der Umfrage wurde teilweise von den Schülern selbst bestimmt. Die Ergebnisse dieser Stunde: Einige Schüler erstellten vollkommen selbstständig ein Balken – oder Säulendiagramm, wählten dazu sinnvolle Achsenlängen, Beschriftungen und Einheiten. Ein Teil der Schüler verwendete eine Vorlage in der nur noch die Balken korrekt eingezeichnet werden mussten, eine weitere Vorlage forderte nur die Ergänzung eines Diagramms. Hier mussten fehlende Balken, Säulen oder Beschriftungen ergänzt werden. Zwei Schüler stellten ihre Umfrage zu der Häufigkeit von Links- und Rechtshändern in ihrer Klasse mit Bauklötzen dar oder „häuften“ die Namensschilder aller Mitschüler entsprechend an der Tafel. Fazit: eine gemeinsame Aufgabenstellung — verschiedene Lösungswege. Alle waren individuell erfolgreich.

Weitere Informationen zum Thema:

Josef Leisen ist Leiter des Staatlichen Studienseminars für das Lehramt an Gymnasien in Koblenz und Professor für Didaktik der Physik an der Universität Mainz. Aus seinen eigenen Erfahrungen als Fachlehrer gehen praxisnahe didaktische und methodische Ausführungen hervor, die durch ihre Aufbereitung in der eigenen Praxis oft konkret ihre Anwendung finden können.
Unter www.aufgabenkultur.de finden sich zahlreiche Artikel, Vorträge und konkrete Anregungen für den eigenen Unterricht.

In solchen Aufgabenformaten äußert sich letztendlich ein kompetenzorientierter Unterricht, da dieser „(...) in den Aufgabenstellungen und den Lernmaterialien systematisch angelegt (ist)“. (Leisen, Josef: Unterricht Physik, Nr. 123/124. München: 2011, S. 13)

Die alltägliche Umsetzung solcher komplexen Aufgaben kann verstärkt gelingen, wenn sie in engem Zusammenhang mit der geplanten Unterrichtsstruktur steht.

Schritt 1: Eine Aufgabe ergibt sich aus einer Problemstellung

Josef Leisen liefert mit seinen didaktischen Ausführungen über die Kompetenzorientierung brauchbare Anstöße für die Praxis und bestätigt in einigen Artikeln seine Modelle durch konkrete Unterrichtsbeispiele. Das ist selten und sehr hilfreich.

Auch für Leisen besteht der erste Lernschritt darin, dass die Schüler eine Problemstellung entdecken und sie eine Frage formulieren, die z. B. im Laufe der Stunde beantwortet werden soll. Zum Beispiel: „Wie viele Tische können wir in unserem Klassenraum stapeln?“, „Gibt es mehr Rechts- oder Linkshänder in unserer Klasse?“, „Wie kann ein schwerer Gegenstand besonders leicht angehoben werden?“ und „Warum sind Rollstuhlrampen nicht so kurz wie die Treppe?“. Es gibt viele solcher Fragen und sicherlich haben Sie mit solchen Fragen auch schon gearbeitet. Fragen in Form von Problemstellungen, die die Schüler in ihrer Lebenswelt betreffen, können interessant und ansprechend dargeboten werden. Das motiviert – auch nicht so leistungsstarke.

Schritt 2: Eine Bühne für erste Vorstellungen

Das Zeigen von stark verdrecktem Wasser verbunden mit der Frage, „Wie können wir es heute schaffen, dieses Wasser zu reinigen?“, löste in einer Grundschulklasse sofort eifrige Diskussionen an den Gruppentischen aus. Erste Vorstellungen und Ideen wurden formuliert – es sprudelte aus ihnen heraus. Diese Erfahrung zeigt, dass selbst Grundschüler oft sofort und unmittelbar ihr Vorwissen aktivieren. Im zweiten Schritt sollte diesen Vorstellungen eine Bühne gegeben werden. Ideen können aufgeschrieben oder im Plenum genannt werden. Die ersten Vorstellungen zur der Fragestellung, „Warum sind Rollstuhlrampen nicht so kurz wie die Treppen?“, wurden beispielsweise in einer Mindmap an der Tafel gesammelt.

Schritt 3: Lernmaterial und neue Informationen

Nach dem Sammeln von Ideen und Vorstellungen folgt eine intensive Arbeitsphase, die es den Schülern ermöglicht,  „neue“ Informationen zu sammeln, um die Frage beantworten zu können. Im Falle der genannten Fragestellung, „Warum sind Rollstuhlrampen nicht so kurz wie Treppen?“, wurden verschiedene Experimente zur Simulation der Rampen-Situation angeboten und durchgeführt. Dabei wurde ein Zusammenhang zwischen der Kraft, dem Weg und der Arbeit herausgearbeitet. Also: Neue Informationen, Daten, Erfahrungen und Anstöße für den Lernenden in Hinblick auf die Leitfrage. Das Lernmaterial kennt in diesem Schritt viele verschiedene und vielfältige Formen. Es ist aber dem Schüler vorbehalten auszuwählen, welche er selbstständig bearbeiten möchte. Auch im Zuge der Forscherfrage um das verdreckte Wasser konnten die Schüler selbstständig aus verschiedenen Lernmaterialien wählen, die das praktische Lösen der Aufgabe ermöglichten. Dabei gab es viele Möglichkeiten und die Auswahl war nicht immer leicht.

Schritt 4: Die Ergebnisse im Kontext der Fragestellung

Den einzelnen Gruppen der Grundschulklasse wurden verschiedene Materialien angeboten, um das dreckige Wasser zu reinigen. Zur Auswahl standen u. a. Papiertücher, Trichter, Becher, Kieselsteine, Filterpapier, Watte, Löffel, ein Sieb usw. In den Gruppen konnten jeweils verschiedene Möglichkeiten zur Reinigung präsentiert und gemeinsam diskutiert werden. Im Plenum wurden Vor- und Nachteile sowie Optimierungsmöglichkeiten besprochen, leidenschaftlich diskutiert und verglichen. Durch solche Diskussionen „(...) gerinnen die Erkenntnisse und Lernzuwächse zu einem Konzentrat“. (Leisen, Josef: Unterricht Physik, Nr. 123/124. München: 2011, S. 14) Die Frage in Hinblick auf die Rollstuhlrampe konnte auf der Grundlage verschiedenster Gruppenergebnisse diskutiert werden. Während eine Gruppe ihre Messergebnisse in Form einer Tabelle präsentierte, führte eine andere Gruppe ein Simulationsexperiment vor. Eine weitere Gruppe wiederum probierte kurzerhand eine kurze Rampe mit einem Rollstuhl aus und konnte so direkte Vergleiche gegenüber langen Rampen anstellen.

Schritt 5: Lernzuwachs benennen und Wissen anwenden

Die vorab genannten Vorstellungen/Ideen der Schüler können sich am Ende der Lerneinheit bestätigen, aber auch den Erkenntnissen und Ergebnissen im dritten Schritt widersprechen. Es bietet sich demnach an, die Vorstellungen noch einmal mit den Lernprodukten zu vergleichen. Schüler, so zeigt die Erfahrung, können auf der Grundlage ihrer neuen Erfahrungen oft sehr gut begründen, warum sie ihre Vorstellung oder Idee revidieren müssen. Ihr neues Wissen, ihren Lernzuwachs, müssen die sie nun erproben. Dazu bieten sich Aufgabenstellungen an, in denen das Wissen angewandt wird.

In dieser Fünf-Schritt-Folge hat der Lehrer nach Leisen (2011) den Lernprozess zu steuern. Das bedeutet, Aufgabenformate zu finden und entsprechend aufzubereiten, den gesamten Lernprozess zu moderieren, zu diagnostizieren und schließlich in eine Feedbackkultur einzubetten. Durch diese komplexen und kompetenzorientierten Lernarrangements kann es gelingen, einen  Unterrricht zu gestalten, der dem Anspruch heterogener Lerngruppen gerecht wird und Schüler so fürs Lernen  begeistern kann.

Timm Fuhrmann

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