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Differenzierung GE

Nicht alle Schüler müssen das gleiche Lernziel erreichen

Schüler lernen in unterschiedlichem Tempo und auf unterschiedlichem Niveau — ganz besonders im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Um diese Schüler individuell optimal zu fördern, sind verschiedene Formen von Unterrichtsdifferenzierung hilfreich.

Differenzierung GE: Nicht alle Schüler müssen das gleiche Lernziel erreichen Schüler sind unterschiedlich: Sie sollten daher ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert werden © Annibell82 - Fotolia.com

Wenn ein Elefant im Wettbewerb mit einer Giraffe auf einen Baum klettern soll (so ein Cartoon), dann würde niemand sagen, dass es hier gerecht zuginge. In der Schule aber wird das zuweilen genauso gehandhabt.

Gleichmacherei ist im schulischen Zusammenhang nicht gerecht, denn nicht alle Schüler sind gleich. Besonders im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung wird der Unterricht stärker aus den individuellen Förderzielen heraus geplant als über einen allgemein verbindlichen Lehrplaninhalt. Auf intensive Weise befassen sich Sonderpädagogen mit der Verschiedenartigkeit ihrer Schüler hinsichtlich der Lern- und Leistungsfähigkeit und der jeweils individuellen Ausprägung der Persönlichkeit. Differenzierung und Individualisierung als zwei Seiten derselben Medaille sind immanente Unterrichtsprinzipien. Sie prägen das Menschenbild von Sonderpädagogen, die die Unterschiedlichkeit und Vielfalt aller Menschen als selbstverständlich und wertvoll ansehen.

So findet der Unterricht entweder in Klassen oder in individuellen Lerngruppen bzw. in Einzelförderung statt. Die passende Sozialform wie Klassenunterricht, Gruppen- oder Einzelarbeit wird entsprechend organisiert. Nicht alle Schüler müssen das gleiche Lernziel erreichen. Sie arbeiten vielmehr am gleichen Lerngegenstand, wenngleich mit individuell verschiedenen Zugangsweisen. Dies gelingt vor allem mit zielführenden Maßnahmen in der Differenzierung. Das bedeutet, es werden Hilfen in unterschiedlicher Ausprägung angeboten, der Umfang und Schwierigkeitsgrad der Aufgabenstellungen wie auch der Einsatz von Unterrichtsmedien werden in Variationen eingesetzt. Differenzierung bezieht sich also auf alle organisatorischen Maßnahmen beim Lernen, um jedem Schüler auf seinem eigenen Lernweg möglichst gerecht zu werden.

Innere und äußere Differenzierung

Unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer Schulklasse werden Schüler in sogenannter äußerer Differenzierung nach einem bestimmten Merkmal zusammengefasst. Dies kann sich auf die Leistungsfähigkeit beziehen, zum Beispiel in einer Lernschiene Deutsch auf den Leselernstand. Es kann sich auch auf besondere Interessen oder Lernbedürfnisse beziehen, beispielsweise in einer Lerngruppe Psychomotorik. Auch die Einzelfördersituation kann in äußerer Differenzierung, zum Beispiel in einem Nebenraum, stattfinden und dort Aspekte spezifischer Wahrnehmungs- und Bewegungsförderung aufgreifen.

Die innere Differenzierung ermöglicht es, Schüler auf ihrem jeweiligen Entwicklungsniveau zu fördern, ohne dabei die soziale Einheit einer Schulklasse im gemeinsamen Lernen zu stören. Die individualisierten Lernangebote und -anregungen werden an die sachstrukturellen Voraussetzungen angebunden. Die Einzelleistung eines Schülers erfährt hier hohe Akzeptanz und bindet ihn gleichzeitig stark in das soziale Geschehen ein. Das Ziel und der Kernpunkt innerer Differenzierung soll also die optimale Förderung aller Schüler sein, die zugleich die Partizipation an der Gemeinschaft aufrechterhält (vgl. Walter Strassmeier: Didaktik für den Unterricht mit geistigbehinderten Schülern. München 2000).

Möglichkeiten zur Umsetzung innerer Differenzierung

Differenzierung weist viele unterschiedliche Facetten auf, sodass der Begriff als solcher inzwischen fast zu einer pädagogischen Worthülse geworden ist. Wie kann man systematisch im Unterricht Maßnahmen zur inneren Differenzierung umsetzen?

Jacob Muth nennt sieben verschiedene Möglichkeiten, innere Differenzierung in der Praxis durchzuführen (vgl. Muth, Jacob: Integration von Behinderten. Über die Gemeinsamkeit im Bildungswesen. Essen 1986).

  1. Differenzierung in der Lehrerhilfe: In methodischer Abwendung vom klassischen Frontalunterricht differenziert die Lehrkraft die Lernprozesse. Damit ist sie nicht mehr Wissensvermittler, sondern Initiator und Lernhelfer, gibt Hilfe zum selbstständigen Lernen und schafft passende Rahmenbedingungen. Der Klassenraum wird angepasst und in verschiedene Lernzonen aufgeteilt, es werden Lernmaterialien bereitgestellt und unterschiedlichste Arbeits- und Sozialformen eingeübt.
  2. Differenzierung durch zwei Lehrkräfte: Unterrichten und Fördern im Team bietet unterschiedliche Möglichkeiten, je nach Kompetenzen der Beteiligten. Im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung arbeiten meist Heilpädagoginnen, Erzieherinnen oder Kinderpflegerinnen mit der Lehrkraft zusammen. So kann der Unterricht interdisziplinär geplant, durchgeführt und reflektiert werden.
  3. Differenzierung im Anforderungsniveau — qualitative Differenzierung: Die Schüler arbeiten am gleichen Lerninhalt bzw. Thema. Die Lehrkraft nimmt hierbei je nach individueller Voraussetzung eine förderzielorientierte Reduktion im Anspruchsniveau vor.
  4. Differenzierung in der Anzahl der Aufgaben — quantitative Differenzierung: Schüler arbeiten in unterschiedlichem Tempo. Daher ergibt sich immer wieder die Notwendigkeit, für schnellere Schüler mehr Aufgaben bereitzustellen („abkoppeln“). Auf diese Weise werden langsamere Schüler nicht von vornherein von der Menge der Aufgaben überwältigt, während schnellere Schüler sich nicht langweilen, wenn sie früher fertig geworden sind. Es empfiehlt sich, unterschiedlich ausgeprägte Zusatzaufgaben bereitzustellen, um auf diesen Tempounterschied jeweils möglichst genau eingehen zu können.
  5. Differenzierung durch Medieneinsatz: Der Einsatz von Medien wie Computer, Arbeitsblatt, Visualisierung etc. erleichtert die Individualisierung von Lernprozessen. Medien ermöglichen es, einen Sachverhalt von verschiedenen Zugängen her zu erschließen. Im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung werden in diesem Zusammenhang häufig vor allem Mittel und Medien zur Unterstützten Kommunikation hinzugezogen.
  6. Differenzierung in flexiblen Lerngruppen: Unterschiedliche Arbeitsweisen und Methoden steuern die Zusammensetzung von Lerngruppen. So lernen Schüler in der Partnerarbeit beispielsweise, sich auf einen Partner einzustellen und mit ihm konstruktiv zusammenzuarbeiten statt zu konkurrieren. Helfersysteme „stark-schwächer“ können wieder andere Teamaspekte fördern. In der arbeitsteiligen Gruppenarbeit wiederum wird ein Höchstmaß an Teamzusammenarbeit gefordert.
  7. Differenzierung in der Einzelarbeit der Schüler: In einem offenen Lernangebot lernen die Schüler, sich innerhalb einer bestimmten Auswahl zu entscheiden, zum Beispiel in der Lerntheke/am Lernregal/ in der Wochenplanarbeit. Sie können selbst festlegen, womit aus dieser Auswahl sie sich in welcher Reihenfolge beschäftigen möchten. Dabei lernen sie, sich an bestimmte Regeln, Arbeitsweisen und Methoden zu halten, die Arbeitsergebnisse auch selbst mit in den Blick zu nehmen bzw. sich beim Lehrer entsprechende Hilfen zu holen.

Wenngleich Maßnahmen der Differenzierung für die Lehrkraft eine erhöhte häusliche Vorbereitung mit sich bringen, so bieten sie für den einzelnen Schüler sehr viele Vorteile. Das Lernen kann über individuell angepasste, genau ausgewählte Angebote sehr stark auf den einzelnen zieloptimiert zugeschnitten werden. Während der Unterrichtssituation hat die Lehrkraft dann wesentlich mehr Zeit, die Schüler zu beobachten und förderzielorientierte Diagnostik zu betreiben. Damit stellt Differenzierung ein machtvolles Instrument in modernen Unterrichtsformen dar, über das sich wieder neu nachzudenken lohnt.

Claudia Omonsky

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