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Unterrichtsstörungen

Praktische Regelarbeit mittels Trainingstisch-Methode

Es gibt sie immer wieder - Schüler die häufig Regeln brechen. Sie sorgen für Unruhe in der Klasse und stecken Mitschüler mit ihrem Verhalten häufig an. In solchen Situationen ist es gefährlich falsch zu handeln. Sie könnten sich die Arbeit mit der Klasse auf Dauer erschweren. Mit der richtigen Methode beugen Sie den Anfängen vor.

Unterrichtsstörungen: Praktische Regelarbeit mittels Trainingstisch-Methode Konsequente und gemeinsame Regelarbeit hilft Störungen im Unterrichtsalltag zu vermeiden © Woodapple - Fotolia.com

In Anlehnung an die Trainingsraum-Methode von Bründel und Simon habe ich für Schüler, die Regeln häufig brechen - Not macht in der Schule bekanntlich erfinderisch – die Trainingstisch-Methode erfunden.

Wenn Ihre Schule keinen mit geeignetem Personal besetzten Trainingsraum hat - diese bedauerliche Tatsache trifft leider auf sehr viele Schulen zu - dann kann mit der ebenso effektiven aber weniger aufwendigen Methode des Trainings-Tisches gearbeitet werden.

Ich bin vor einiger Zeit dazu übergegangen, vor meinen Unterrichtsräumen jeweils einen Trainings-Tisch samt Stuhl stehen zu haben, der mir den Trainingsraum ersetzt. Es handelt sich dabei um ein pädagogisches Hilfsprogramm für permanent regelbrechende Schüler/innen.

Die sieben Stufen der Konfrontation

Diese für den täglichen Konfliktbearbeitungsbedarf in der Schule abgewandelte Methode beruht auf den sieben Stufen der Konfrontation nach Grissom/Dubnow und ist der Konfrontativen Pädagogik entliehen.

Vorwarnung:
Verletzt ein Schüler zum erstem Mal in einer Stunde eine bestimmte Regel, so wird er von mir freundlich/nonverbal auf seinen Regelverstoß aufmerksam gemacht.

Die gelbe Karte:
Begeht er noch einen weiteren Regelverstoß, muss sich der betreffende Schüler beim Lehrer eine gelbe Karte abholen (ich habe immer eine bestimmte Anzahl laminierter Karten, Größe etwa wie die beim Fußball, dabei). Diese Karte legt der Schüler vor sich auf den Tisch. Das heißt, er ist verwarnt und weiß darum. Es ist gerade für Schüler, die sozial ungeübt agieren, eine pädagogische Hilfe, sich mittels der Karte die aktuelle Verhaltenssituation zu vergegenwärtigen. Die Visualisierung in Form der Karte kann dabei helfen.

Die orange Karte:
Bei fortgesetzten Regelverstößen erfolgt die nächste Konfrontationsstufe. Muss ich den Unterricht ein drittes Mal wegen desselben Schülers unterbrechen, gehe ich zu ihm und konfrontiere ihn mit folgenden drei Fragen:

  1. Was tust du gerade?
  2. Gegen welche Regel hast Du verstoßen?
  3. Was passiert, wenn Du noch einmal gegen eine Regel verstößt?

Der Schüler holt sich nun beim Lehrer die orangefarbene Karte ab (letzte Warnung vor Ausschluss). Er tauscht seine gelbe Karte gegen die orangefarbene und legt diese wieder vor sich auf den Tisch.

Er weiß nun, dass er beim nächsten Regelbruch die rote Karte erhält (wie Platzverweis im Fußball) und sich nach draußen zum Trainingstisch begeben muss, um sich mit seinen Regelverstößen auseinanderzusetzen und einen Rückkehrplan auszufüllen. Auch diese Pläne habe ich stets dabei.

Der Rückkehrplan - eine Auseinandersetzung der anderen Art

Bei Einigkeit im Kollegium liegen in jedem Raum Karten und Rückkehrpläne bereit. Dieser Plan sollte übersichtlich gestaltet sein und wenige Fragen beinhalten (Ein Muster finden Sie in unseren Arbeitshilfen). Er gilt mit der Unterschrift des Schülers auch als Vertrag, sich in Zukunft an die selbst erarbeiteten Vorsätze zu halten.

Bearbeitung des Rückkehrplans
Der Schüler muss den Rückkehrplan bearbeiten, ich biete ihm dabei meine Hilfe an, denn die Bearbeitung des Rückkehrplans ist keine Strafe im eigentlichen Sinn, sie ist vielmehr ein pädagogisches Hilfsangebot für Schüler/innen, die sozial ungeübt agieren und so die Möglichkeit bekommen, ihre mangelnde soziale Kompetenz in einem ganz bestimmten Bereich zu erweitern (so wie man für Mathe üben muss, wenn man beispielsweise Defizite bei bestimmten Rechenarten hat).

Vorstellung des Rückkehrplans
Nach Fertigstellung des Plans muss der Schüler diesen vor der Gruppe, die unter seinen mangelnden sozialen Kompetenzen in ihrer Arbeit gestört wurde, vorstellen. Die Schüler entscheiden, ob der Plan so angenommen wird. Dann darf der Schüler in die Gruppe zurückkehren und wieder am Unterricht teilnehmen. Versäumten Unterrichtsstoff muss er natürlich nachholen.

Natürlich ist dieses Prozedere gerade für Schüler/innen, die häufig Regeln brechen unangenehm, denn sie sind es normalerweise nicht gewohnt, sich in der Schule mit ihrem nicht tolerierbaren Verhalten auseinandersetzen zu müssen, meist bekommen sie Klassenbucheinträge, Tadel oder werden aus den Klassenräumen verwiesen. Bei all diesen leider immer noch weit verbreiteten „pädagogischen“ Maßnahmen lernen die Schüler leider bezüglich ihrer sozialen Kompetenzen nichts dazu, das einzige, was sie lernen, dass sie auf diese Weise persönlich abgewertet werden.

Einen Schüler, den ich der Klasse verweise, wird dadurch nicht besonnener agieren, er wird vielmehr innerlich kochen und spätestens in der nächsten Stunde wird er mich seinen Frust spüren lassen. Gerade in der Pädagogik aber sollte ich dort keine Zäune hochziehen, wo ich sie am wenigsten brauche. Weil ich als Lehrer auch für die Persönlichkeitsbildung des Schülers verantwortlich bin (Erziehungsauftrag), will ich den Kontakt gerade zu Schülern, die aus Mangel an sozialen Kompetenzen häufig auffällig werden, nicht verlieren.

Vorteile eines Rückkehrplans
Dafür ist diese Methode hervorragend geeignet, denn sie wirkt nicht destruktiv-ablehnend, also sanktionierend, sondern konstruktiv-unterstützend, sprich verhaltensförderlich. Deshalb halte ich stets freundlichen Blickkontakt mit dem bei geöffneter Tür am Trainingstisch Sitzenden und biete ihm bei Bedarf meine Hilfe beim Ausfüllen seines Rückkehrplans an. Mein freundlich-interessierter Ton untermauert mein Interesse an seiner persönlichen Entwicklung und meine persönliche Wertschätzung für sein Bemühen, eine Verhaltensänderung herbeiführen zu wollen.

Ist der Rückkehrplan zu meiner Zufriedenheit ausgefüllt, unterbreche ich den Unterricht, um dem Schüler die Möglichkeit zu geben, seine Überlegungen und Vorsätze vor der Lerngruppe zu präsentieren, die dann mehrheitlich darüber entscheidet, ob der Plan angenommen wird und der Schüler in den Unterricht zurück kehren darf. Abschließend dankt der professionelle Klassenmanager allen Beteiligten für deren konstruktive Unterstützung bei der Konfliktbewältigung und lobt auch den Regelbrecher für seine Lernfortschritte, denn durch seinem ungekonnt-unglückliches Sozialverhalten erhielt die gesamt Gruppe ein Lernszenario, das alle nutzen konnten.

Ein Aufwand, der sich für Sie schnell auszahlt

Das klingt beim ersten Lesen vielleicht nach ungeheuer viel Aufwand, der da für einen Regelbrecher inszeniert wird, die Erfahrung aber zeigt, dass der Aufwand lohnt, weil diese Methode recht schnell beginnt, für alle Gruppenmitglieder Früchte zu tragen. Vor einer Gruppe über das eigene Fehlverhalten zu sprechen, ist für keinen Schüler angenehm. Es fördert aber die eigene Auseinandersetzung mit dem Regelbruch und ist viel effektiver als moralische Belehrungen oder Klassenbucheinträge. Darüber hinaus übt sich der Schüler in seinen Präsentations-Kompetenzen.

Den Trainingstisch einzurichten kostet wenig pädagogischen Aufwand, diese Methode, Regelbruch zu bearbeiten, sollte mit dem Kollegium und den Klassen abgestimmt und von allen (möglichst) einheitlich angewendet werden. Dann lernen die Schüler schnell, mit diesem System umzugehen.

Mehr Handlungssicherheit im Umgang mit Regelverletzern

Auch die Lehrer merken, dass ein sensibler und verantwortungsbewusster Umgang mit den gelben, orangefarbenen und roten Karten keine Inflation an Karten nach sich zieht. Souveräne Fußballschiedsrichter mit gutem Standing können Menschen empathisch führen, und besitzen eine von allen Spielern anerkannter Autorität. Sie benötigen gelbe und rote Karten nur äußerst selten. Nur unsichere, in ihrer Persönlichkeit nicht gefestigte Schiedsrichter pflegen einen inflationären Umgang mit ihrem Kartenwerk.
Durch die Trainingsraum-/Trainingstisch-Methode verfügt die Schule über ein verlässlich verabredetes und für alle besser berechenbares und transparentes Instrumentarium im Umgang mit Regelbruch. Das verleiht allen beteiligten Akteuren, Lehrern wie Schülern, mehr Handlungssicherheit.

Der Aufwand und die Zeit, die Regelbrecher für sich beanspruchen, ist auch beim Anwenden traditioneller schulischer Maßnahmen immens, ich behaupte größer, weil jeder Regelbruch stets neu verhandelt werden muss und langfristig nicht zu den gewünschten Verhaltensänderungen beim Schüler führt.

Erfahrungsgemäß ereignen sich die meisten Fälle von Unterrichtsstörungen, die ein Bearbeiten des Rückkehrplans nötig machen,  kurz nach der Einführungsphase der Regeln. Das System spielt sich sehr schnell ein. Regelresistente Schüler bilden sich schnell heraus. Mit ihnen kann anhand der Rückkehrpläne individuell (im Trainingsraum/in der Schulstation/mit dem Klassenleiter) weiter gearbeitet werden.

Dabei hat sich aus meiner Erfahrung als positiv herausgestellt, dass mit diesen Schülern wöchentlich festgelegte Termine verabredet werden, bei denen sie zusammen mit einem sie längerfristig betreuenden Lehrer oder Sozialarbeiter  Wochenpläne (siehe Anhang) vorlegen müssen, auf denen von allen unterrichtenden Kollegen nach jeder Stunde vermerkt wird, gegen welche Regeln diese Schüler immer noch verstoßen. Halten sie Regeln ein, kann der Lehrer auch dies positiv vermerken, das gibt den Schülern zusätzliche Motivation beim Erlernen neuer Verhaltensmuster.

Quellen:

Heidrun Bründel/Erika Simon: Die Trainingsraum-Methode. Beltz Verlag Weinheim-Basel-Berlin, 2003

Grissom, G.R.:/Dubnow, W.L: Without locks and Bars. Reforming out Reform School, New York 1989

Anhand dieser Pläne kann mittels eines Regelbruch-Profils genau bestimmt werden, mit welchen Regeln oder bei welchen Kollegen der betreffende Schüler die meisten Probleme hat. Nun kann individuell und punktgenau mit Hilfe eines Pädagogen an speziellen Verhaltensänderungen gearbeitet werden. Gemeinsam können so konkrete beispielsweise praktische Signale, die der Schüler schon vor dem Regelbruch auf seinem Tisch visualisiert (Karte: Ich darf nicht reinreden/Mund mit Zeigefinger davor) oder bestimmte Atemübungen als praktische Hilfen für den Schüler entwickelt und verabredet werden, die im Unterricht leicht umzusetzen sind.

Die Wochenpläne geben dem Klassenleiter/Trainingsraum-Pädagogen konkrete aktuelle Rückmeldungen über das Schülerverhalten auch bei anderen unterrichtenden Kollegen.

So bekommen gerade die Schüler, die wiederholt Regeln brechen und im traditionellen Schulbetrieb häufig als Störenfriede stigmatisiert werden, weitere Unterstützungs- und Fördermaßnahmen in Form gezielter individueller Lernarrangements, um an ihrem defizitären Sozialverhalten arbeiten zu können. Die Trainingstisch-Methode ist aus meiner Sicht eine gute pädagogische Investition mit hoher sozialer Rendite.


Burkhard Günther


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