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Leistungsbewertung

Schwachstellen der Notengebung

Leistungsmessung und -beurteilung gehört zu den Standardaufgaben einer Lehrkraft. Die gängige Nutzung von Ziffernnoten erscheint auf den ersten Blick transparent und objektiv. Und doch gibt es Schwachstellen, die nicht zu unterschätzen sind.

Leistungsbewertung: Schwachstellen der Notengebung Viele Faktoren spielen bei der Notenvergabe eine Rolle, das sollte man als Lehrkraft stets im Blick behalten © annekarakash/Pixabay

Die Existenz der Ziffernnoten suggeriert eine Intervallskala, die real nicht gegeben ist. Unbestreitbar existiert zwar eine Rangskala der Ziffernnoten (eine Eins ist besser als eine Zwei, eine Sechs schlechter als eine Fünf), faktisch sind die Abstände zwischen den einzelnen Noten jedoch nicht gleich (die Note Zwei ist nicht gleich weit von der Eins entfernt, wie die Fünf von einer Vier). Demnach ist die Berechnung von Notendurchschnitten für einzelne Schüler ungenau; man kann somit nicht sagen, dass ein Schüler, der in der ersten Klassenarbeit eine Eins und in der zweiten Klassenarbeit eine Drei geschrieben hat, genau Zwei steht. Wengert warnt deshalb vor einer „Überinterpretation des numerischen Aspekts von Noten“, denn „Ziffernnoten sind weit weniger exakt, als allgemein angenommen wird, sie gaukeln oft nur eine Scheingenauigkeit vor“. (Wengert, Hans Gert: Leistungsbeurteilung in der Schule. In: Bovet, Gislinde / Huwendiek, Volker (Hrsg.): Leitfaden Schulpraxis — Pädagogik und Psychologie für den Lehrberuf, 5. überarbeitete und erweiterte Auflage. Berlin 2008, S. 333) Bei Zwischennoten sollte deshalb nicht der „Dezimalfetischismus“ (ebd.) entscheiden, sondern die pädagogische Verantwortung des Lehrers.

Lerngruppe und Elternhaus beeinflussen Bewertung

Ein weitaus größeres und u. U. folgenschwereres Problem entsteht beim Versuch des Vergleichs von Schülerleistungen über eine Lerngruppe hinaus. Denn für die Noten eines Schülers kann die Zusammensetzung der Lerngruppe durchaus von Bedeutung sein: Während ein „mittelmäßiger“ Schüler in einer schwachen Lerngruppe durchaus zu guten Ergebnissen gelangen kann, muss er bei gleichen Leistungen in einer leistungsstarken Klasse vielleicht um seine Versetzung bangen. Streng genommen ist die Vergleichbarkeit von Schulnoten über Klassen hinaus eine Fiktion. Eine mögliche Lösung: Vergleichsarbeiten, Unterricht in parallelen Lerngruppen oder der Austausch mit den Fachkollegen können hier hilfreich sein und zu einer stärkeren Objektivierung führen.

Nicht zu unterschätzen sind auch die subjektiven Einflüsse, die Fehlerquellen der Beurteilung sein können. Studien weisen nach (vgl. Weiss, Rudolf: Die Zuverlässigkeit der Ziffernbenotung bei Aufsätzen und Rechenarbeiten. In: Ingenkamp, Karlheinz (Hrsg.): Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung. Weinheim, Berlin, Basel 1971, S. 90-102), dass Vor- und positive oder negative Zusatzinformationen, wie der soziale und berufliche Hintergrund der Eltern sowie die Leistungsstärke oder -motivation des Schülern, selbst bei so scheinbar problemlos zu bewertenden Bereichen wie der Rechtschreibung oder der Mathematik, Einfluss auf die Notengebung haben können.

Sympathie und Halo-Effekt

Die Untersuchung von Hadley (vgl. Hadley, S. Trevor: Feststellungen und Vorurteile in der Zensierung. In: Ingenkamp, Karlheinz (Hrsg.): Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung. Weinheim, Berlin, Basel 1971, S. 134-141) zeigt außerdem, dass Lehrer Schüler, die ihnen sympathisch sind, teils besser und Schüler, die ihnen weniger sympathisch sind, teils schlechter benoten. Daneben findet sich auch der Befund, dass Lehreinnen und Lehrer Schülerinnen bei objektiv gleicher Leistung teils günstiger benoten als Schüler. In diesen Studien zeigt sich aber auch, dass einige Lehrer gegenüber solchen Faktoren völlig immun sind.

Eine weitere Fehlerquelle liegt im sogenannten Halo-Effekt. Gemeint ist die Übertragung eines hervorstechenden Merkmals auf ein nicht direkt beobachtetes Merkmal. Wenn ein Schüler beispielsweise eine gute sprachliche Qualität aufweist, eine ordentliche Handschrift oder Heftführung hat oder besonders höflich oder motiviert auftritt, übertragen Lehrkräfte diesen Umstand auf die gesamte Leistungsfähigkeit und verteilen an diesen Schüler bessere Noten.

Daneben gibt es Fehlerquellen durch Reihenfolge-Effekte: Lehrer, die mehrere mündliche Prüfungen nacheinander abnehmen, neigen dazu, die Bewertungskriterien an der ersten Prüfung zu orientieren. Im Gegenzug weichen Lehrer unbewusst ihre Kriterien bei mehreren aufeinanderfolgenden schriftlichen Leistungsüberprüfungen schrittweise auf. Und nicht zuletzt gibt es auch Lehrer, die grundsätzlich sehr gute oder sehr schlechte Note vermeiden.

Fazit: Das Fazit scheint ernüchternd. Scheint die Notengebung doch wenig objektiv, wenn man sich der potenziellen Fehlerquellen bewusst macht. Und doch liegt genau hierin die Möglichkeit der stärkeren Objektivierung der Notengebung: Manche Kollegen codieren die Namen der Schüler bei schriftlichen Leistungen, um unbeabsichtigte „Sympathieeffekte“ reduzieren zu können. Andere Kollegen korrigieren aufgabenweisen, um Reihenfolgeneffekte zu verringern. Bei mündlichen Prüfungen wird oft auf Zweitkorrektoren zurückgegriffen, die die zu bewertenden Schüler nicht kennen. Und nicht zuletzt sollte vielleicht die pädagogische Funktion bei der Notengebung im Vordergrund stehen.

Frank Lauenburg

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