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Lernmodule

Selbstgesteuertes Lernen — (k)eine Vision!?

Mathematikunterricht ist für viele Lehrer eine Herausforderung: Das Leistungsniveau ist unterschiedlich, der Lernfortschritt unterschiedlich schnell — und die Motivation ist auch nicht bei jedem gleich groß. Lenmodule und Lernkarten sind eine Möglichkeit, den unterschiedlichen Voraussetzungen gerecht zu werden.

Lernmodule: Selbstgesteuertes Lernen — (k)eine Vision!? Lernbausteine für den Mathematikunterricht ermöglichen es jedem Schüler, in dem ihm eigenen Tempo zu arbeiten © Nenov Brothers - Fotolia.com

Montag, 3. Stunde,  Klasse 9e, Zimmer 201 — 60 Quadratmeter groß, bei allen steht Mathematik auf dem Stundenplan — eine ganz normale Realschule.

10.05 Uhr: Yadigar liegt mit dem Kopf auf dem Tisch, er konnte heute Nacht irgendwie kaum schlafen, sagt er, außerdem sei es viel zu früh für ihn zu denken. Beyza redet mit ihrer Nebensitzerin, sie ist schon lange fertig mit der Aufgabe und sagt, sie langweile sich. Leon sitzt nach vorn gebeugt auf seinem Stuhl und starrt vor sich hin. Er sagt, er hasse Mathe und es hätte sowieso keinen Sinn. Marc in der letzten Reihe ist sehr ordentlich und genau. Er „malt“ seine Rechnung im Zeitlupentempo in sein Heft. In zwei Stunden wird er seine Aufgabe richtig gelöst haben. Vorn rechts sitzt Jessica. Sie hatte gestern Nachhilfe und die ganze Buchseite schon durchgerechnet. Sie fragt, was sie jetzt tun soll. Jennifer hat heute Geburtstag und muss jetzt bitte, bitte, bitte unbedingt ihren Einkaufszettel für ihre Geburtstagsfete schreiben. Ilenia? Sie ist mit  Giorgia draußen, weil sie Stress  zu Hause hat. Stimmt, die beiden sind eben im Gang blass an mir vorbeigehuscht. Ray will mit Murat an die Tafel, irgendwie versteht er es dort besser, sagt er. Tim und Yin Yin diskutieren angeregt und leise miteinander über die Matheaufgabe, schreiben und tippen auf ihrem Taschenrechner.

Jeder Schüler ist anders und lernt anders

21 Schüler —  jeder mit seiner eigenen Geschichte, einer anderen Tagesverfassung, einer persönlichen Affinität zum Fach, einem eigenen Arbeitstempo, eigenen Biorhythmus.

Wir sollten unsere Schüler damit ernst nehmen! Darüber hinaus sollen wir ihnen Gelegenheit geben, ihre Talente zu entdecken und Interessen zu entwickeln. Außerdem müssen wir der Verantwortung gerecht zu werden, die wir mit dem Bildungsplan und den Abschlussprüfungen haben. Nur wie?

Gehören Sie zu den Lehrern, die schon Versuche mit individuellem Lehren hinter sich haben?
Denken Sie auch manchmal an ihr schlechtes Gewissen, wenn sie 21-mal 20 Kopien durch den Kopierer jagen an verknitterte Arbeitsblätter in GGL-Handtäschchen — an Fußabdrücke auf dem Wochenplan, den Sie gestern ausgeteilt haben? Oder erinnern Sie sich an ihr skeptisches Lächeln, wenn Sie an ihre mit Lösungsblättern tapezierten Klassenzimmerwände denken — an ihre Hilflosigkeit, wenn fünf Schüler gleichzeitig rufen: „Ich raff’ das nicht und sie kommen ja eh nie!“ Kommt Ihnen ihr Kopfschütteln in den Sinn, wenn Sie an das Durcheinander im Matheheft ihrer Schüler denken — fühlen Sie ihre Unsicherheit, ob ihnen nicht grad Schüler verloren gehen?

Oder gehören Sie zu den Lehrern, die denken, das hört sich gut an für süße Grundschüler an einer Montessorischule, für Projektschulen mit offenem Unterrichtskonzept — in meiner Regelschule mit meinen Schülern halte ich das für unrealistisch.

Selbstgesteuertes Lernen in Modulen

Wir sollten nicht über die Köpfe unserer Schüler hinweg unterrichten! Darum ist folgendes Konzept  „Selbstgesteuertes Lernen in Modulen mit Lernkarten“ ein realistischer Versuch, …

  • ein bisschen mehr Offenheit  in eine Schule zu bringen, in der es nach 45 Minuten klingelt, ich mit einem ökologischen Gewissen kopiere, meine Tische in Reihen stehen und hinten kein Regal mit Materialsammlung steht,
  • eine neue Unterrichtseinheit in eine Klasse zu bringen, in der Schüler drei Wochen Zeit haben, um den Satz des Pythagoras zu verstehen, weil sie  in absehbarer Zeit eine Prüfung ablegen müssen und in der Schüler heute gut und morgen schlecht drauf sind und
  • der auch der Lehrergesundheit zugute kommt, denn es ist anstrengend in der Klasse, die Zügel so anzuziehen, dass keiner ausscheren kann. Darüber hinaus kann kein Lehrer für jeden einzelnen Schüler individuell vorbereiten.

Karteikarten für das Lernen in eigenem Tempo

Der Aufwand ist gering, die Durchführung einfach: Drucken Sie einmal alle Lernkarten zu einer Einheit aus und sortieren Sie sie nach Lernabschnitten in Ablagen ein. Die Schüler holen sich allein/zu zweit/... die Lernkarten vorn ab. Jede Lernkarte beinhaltet entweder einen kurzen Input/Merksatz, der am grauen Streifen zu erkennen ist oder eine Übungsaufgabe mit Lösung.

Auf die Lernkarten wird nicht geschrieben. Alle Aufgaben sind so vorbereitet, dass alles ins Heft gezeichnet bzw. gerechnet wird. Die Hefteinträge entwickeln sich strukturiert und sauber und sind zur Vorbereitung auf eine Klassenarbeit nutzbar. Der Schüler entscheidet selbst, wie lange er an einer Ablage/einem Lernabschnitt verweilt. Ist er der Meinung, er habe genug verstanden, wechselt er zur nächsten Ablage. So arbeitet  er sich in seinem Tempo die vorgegebenen 2 bis 3 Wochen durch die Einheit hindurch.

Es ist ratsam, die selbstständigen Arbeitsphasen mit kurzen frontalen Phasen, Spielen o. Ä. abzuwechseln, um die Schüler immer wieder zusammenzubringen. Manche Schüler werden am Ende der Einheit nicht bis zur schwierigsten Ablage durchgekommen sein. Jeder Schüler ist individuell, das werden wir respektieren müssen, egal mit welcher Unterrichtsform.

Lehrer sollten sich vernetzen

Viele Schulen, an denen individuelles Lernen groß geschrieben ist, arbeiten mit Lernkarten. Wir Lehrer müssen lernen, uns zu vernetzen und mehr zusammenzuarbeiten, damit nicht jeder das Rad neu erfinden muss. „Selbstgesteuertes Lernen in Modulen mit Lernkarten“ ist ein Beitrag dazu.

10.30 Uhr. Jenny schreibt ihren Einkaufszettel fertig, sie ist eine meiner besten Schüler und holt die Stunde locker wieder auf. Beyza und Jessica nehmen die Lernkarten der nächsten Ablage und freuen sich, dass sie vorarbeiten dürfen. Ray und Murat rechnen an der Tafel weiter. Ilenia und Giorgia unterhalten sich vor der Tür weiter. Sie haben versprochen, nachher die Lernkarten heimzunehmen und einige nachzuholen. Yadigar ist eingeschlafen. Er und auch Leon sind heute zu nichts zu bewegen — ich beobachte und respektiere das — heute.

Eva Brandenbusch

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