Fach/Thema/Bereich wählen
Individualisierung

Wie offen ist der Offene Unterricht?

„Offener Unterricht“ zielt auf eine veränderte Lernkultur, die den Schüler im Zentrum sieht, starre Lehrpläne und rigide Außenkontrolle ablehnt und auf selbstbestimmtes Lernen setzt. Was Offener Unterricht bedeutet und wie eine schrittweise Öffnung in der Schule umgesetzt werden kann, zeigt der Erziehungswissenschaftler Falko Peschel.

Individualisierung: Wie offen ist der Offene Unterricht? Offener Unterricht geht von der Eigenproduktivität der Schüler aus, die ihren Lernfortschritt selbst gestalten © Woodapple - Fotolia.com

Zu Beginn jedes Schultages finden sich alle Kinder der jahrgangsübergreifenden Klasse in einem Kreis zusammen. Heute ist die 8-jährige Chimana Kreis-Chefin. Alle im Kreis müssen sich melden, das ist die Regel. Auch Lehrer Falko Peschel. Manchmal ist die Klasse so laut, dass sich einige der Kinder beschweren. Dann ist es Aufgabe von Kreisleiterin Chimana, für Ruhe zu sorgen.

Nach dem Kreis bespricht Chimana mit ihren Mitschülern, was sie an diesem Tag machen möchten. Jedes Kind entscheidet selbst, ob es rechnet, liest oder gar nichts tut. „Am besten macht man immer so viel wie man Lust hat, damit man nicht die Lust verliert“, sagt Lehrer Falko Peschel in dem Video „Ich lerne, was ich will. Freier Unterricht in der Grundschule“.

Er leitet die von ihm gegründete „Bildungsschule Harzberg“, in der insgesamt 20 bis 40 Grundschüler „in einer altersgemischten Gruppe mit festen Bezugspersonen lernen und arbeiten“, so heißt es auf der Website seiner Grundschule. Gemeinsam mit seiner Frau Stefanie Peschel setzt er an seiner Schule das von ihm definierte Konzept eines radikal „Offenen Unterrichts“ um: Vorgegebene Aufgaben, Aufträge oder Pläne gibt es nicht, die Schüler lernen absolut selbstverantwortlich und selbstbestimmt.

„Offener Unterricht“ — was bedeutet das eigentlich genau?

Diese Frage ist weder leicht noch eindeutig zu beantworten. „Offenen Unterricht definieren zu wollen, ist ein Widerspruch in sich selbst“, so wird die Pädagogin Hildegard Kasper dazu auf der Website „Methodenpool“ der Universität Köln zitiert.

Wulf Wallrabenstein sieht „Offenen Unterricht als Sammelbegriff für unterschiedliche Reformansätze“, die durch vielfältige „Formen inhaltlicher, methodischer und organisatorischer Öffnung“ auf einen veränderten Umgang mit dem Kind auf Grundlage eines veränderten Lernbegriffs zielen (ebd.).

Allgemein wird der „Offene Unterricht“ als Gegenmodell zum Frontalunterricht verstanden. Was genau diesen Gegenentwurf jedoch kennzeichnet, wird nicht näher bestimmt. Diesem unklaren Verständnis „ex negativo“ setzt Falko Peschel in seiner 2002 erschienen Dissertation eine klare Definition entgegen:

„Offener Unterricht gestattet es dem Schüler, sich unter der Freigabe von Zeit, Raum und Sozialform Wissen und Können innerhalb eines ‚offenen Lehrplanes‘ an selbst gewählten Inhalten auf methodisch individuellem Weg anzueignen.
Offener Unterricht zielt im sozialen Bereich auf eine möglichst hohe Mitbestimmung bzw. Mitverantwortung des Schülers bezüglich der Infrastruktur der Klasse, der Regelfindung innerhalb der Klassengemeinschaft sowie der gemeinsamen Gestaltung der Schulzeit ab.“ (Peschel 2002, S. 78, zitiert nach Methodenpool der Universität Köln, Link s. o.)

Die fünf Kriterien für „Offenen Unterricht“ nach Peschel

  1. Die Kinder bestimmen die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit selbst. (organisatorische Offenheit)
  2. Die Schüler folgen ihrem eigenen Lernweg. (methodische Offenheit)
  3. Die Schüler bestimmen ihre Lerninhalte selbst. (inhaltliche Offenheit)
  4. Die Klassengemeinschaft reguliert sich selbst, jeder einzelne Schüler hat ein Mitspracherecht bei Unterrichtsablauf und Regeln. (soziale Offenheit)
  5. Alle Kinder und Erwachsenen sind gleichberechtigt, es herrscht zwischen Lehrern und Schülern und bei den Schülern untereinander ein „positives Beziehungsklima“. (persönliche Offenheit) (ebd.)

Wie offen ist der Unterricht in deutschen Klassenzimmern?

In der schulischen Wirklichkeit gibt es einen in diesem Sinne offenen Unterricht extrem selten: „Nur 1 % (!) der Lehrer ermöglicht den Kindern überwiegend Aufgaben, die nicht direkt von ihm vorbereitetet oder eingeführt worden sind“, fasst Peschel die Ergebnisse mehrerer Studien in seinem Aufsatz „Individualisierung, Inklusion und Offener Unterricht“ zusammen (S. 5): Wenn überhaupt seien es engagierte Lehrer an Grundschulen, die ihren Unterricht zumindest zeitweise öffnen. Allerdings nicht sehr lange: „Weniger als 5 % (...) lassen mindestens eine Stunde Öffnung pro Tag zu.“

Hinzu kommt, dass sich hinter vermeintlich offenen Unterrichtsformen oft lehrerzentrierte Aufgabenstellungen verbergen: Peschel betont ausdrücklich, dass „Offener Unterricht“ etwas „ganz anderes“ ist als Freiarbeit, Wochenplanunterricht oder Werkstattlernen, die nicht auf „Eigenproduktionen“ der Schüler basierten und lediglich „die geballte Wochenplan- oder Werkstattausgabe der selben  Arbeitsaufträge“ seien, die „sonst häppchenweise im Frontalunterricht durchgenommen werden.“

Unterricht schrittweise öffnen

Wie lässt sich die Eigenproduktivität der Schüler fördern? Peschel rät, auf „Lehrgänge, Einführungen, Übungen etc.“ zu verzichten und den Schülern stattdessen eine freie „Eroberung großer Stoffgebiete“ zu ermöglichen. Anstatt einer Fülle von Materialien erhalten die Schüler Werkzeuge, mit denen sie „lehrgangslos eigenes Wissen in bestehende Konventionen einbetten“ können: beispielsweise eine Buchstabentabelle, die beim Schreiben hilft, Sach- und Lesebücher, Computer und Software zur Rechtschreibkontrolle, mathematische Übersichten und Vergleichbares (ebd.). Auch vorgegebene Arbeitsblätter sind tabu: „Das beste Arbeitsblatt ist das weiße Blatt“, sagt Peschel in Anlehnung an eine „Didaktik des weißen Blattes“ (ursprünglich von Hannelore Zehnpfennig).

Verpflichtende Lehrplanvorgaben, Vergleichsarbeiten oder auch Lehrkräfte und Eltern, die einem konsequent freien Unterricht kritisch gegenüber stehen — Offener Unterricht nach Peschel stößt in den meisten Schulen sicherlich auf viele  Widerstände und wird sich in der Radikalität von Peschel nicht verwirklichen lassen:. Trotzdem sollte den Schülern so oft wie möglich selbstbestimmtes Lernen ermöglicht werden.

Hilfreich dabei sind die graduellen Abstufungen von „nichtvorhandener“ bis zu „weitestgehender Offenheit“, die Peschel anhand seiner Kriterien genau beschreibt. Und wer seinen Unterricht sukzessive und konsequent in allen Aspekten (organisatorisch, methodisch, inhaltlich und sozial) öffnen möchte, kann dabei systematisch gemäß Peschels „Stufen der Öffnung von Unterricht“ vorgehen.

Martina Niekrawietz

Dazu passender Ratgeber

Mehr zu Ratgeber Unterricht
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×