Fach/Thema/Bereich wählen
Entdeckendes Lernen

Dem Historiker auf die Finger geschaut

Entdeckendes Lernen lässt sich auch im Geschichtsunterricht der Sekundarstufe realisieren, wenn Schüler problemlösend wie ein Historiker an den Forschungsgegenstand herangehen — und eine große Portion Neugier mitbringen.

Entdeckendes Lernen: Dem Historiker auf die Finger geschaut Historische Gebäude wie die Wartburg sind geschichtliche Zeugen, die befragt werden wollen © olimeg - Fotolia.com

Geschichte ist die Rekonstruktion vergangener Ereignisse auf der Basis von Quellen. Aufgrund unserer unterschiedlichen (Vor-)Erfahrungen und Wertvorstellungen ist Geschichte immer standortgebunden. Es gibt somit nicht die eine Geschichte, sondern eben unterschiedliche Rekonstruktionen vergangener Ereignisse. Es gilt daher, das vergangene Ereignis mithilfe von Quellen jedes Mal neu zu entdecken. Entdeckendes Lernen als didaktischen Ansatz in die Schule zu holen, bedeutet, die Lernenden an geschichtswissenschaftliches Arbeiten heranzuführen.

Die Frage nach der Struktur entdeckenden Lernens wird von vielen Autoren sehr unterschiedlich beantwortet. Diese Unterschiedlichkeit vergrößert sich darüber hinaus, wenn verschiedene Fachdisziplinen in den Blick genommen werden. So ist der naturwissenschaftliche Ansatz wahrlich ein anderer als der der Gesellschaftswissenschaften.

Entdeckendes Lernen in den Geisteswissenschaften

Der Geschichtswissenschaftler Michael Sauer setzt entdeckendes Lernen weitgehend gleich mit problemorientiertem Lernen und sieht die realistischen Möglichkeiten vor allem bei einem entdeckenden Lernen in Form eines Projektunterrichtes, durch Anlehnung an einen handlungsorientierten Ansatz. (vgl. Sauer, Michael: Geschichte unterrichten — Eine Einführung in die Didaktik und Methodik, 3. Auflage. Seelze-Velber 2004)

Gerhard Henke-Bockschatz hingegen unterscheidet zwischen einem entdeckenden Lernen und einem (entdeckend-)forschenden Lernen. Unter entdeckendem Lernen versteht er eine an der Wissenschaft orientierte Form des Lernens, „bei der die Lernenden im Prozeß des Nachdenkens über ein Phänomen von sich aus auf grundsätzliche Fragen und Probleme stoßen, sie formulieren, selber über Lösungswege nachdenken und Antworten erarbeiten.“ (Henke-Bockschatz, Gerhard: Entdeckendes Lernen. In: Bergmann, Klaus [u.a.] (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik, 5. überarbeitete Auflage. Seelze-Velber 1997, S. 406—411,S. 406) Forschendes oder forschend-entdeckendes Lernen sei stärker auf den kreativ-pionierhaften Charakter des Tuns bezogen, das auf der Gewinnung neuer Erkenntnisse beruhe. (vgl. ebenda.) Die begriffliche Nähe — Henke-Bockschatz spricht vom „begrifflichen Umfeld“ (ebenda.) —, die sich zu anderen Begriffen, wie der Spurensuche, dem genetischen, explorativen oder eben dem problemlösenden Lernen aufzeigt, deutet die ungenaue Trennschärfe an, mit der der Ansatz des entdeckenden Lernens in der Geschichtsdidaktik verwendet wird.

Historische Sachverhalte und Zusammenhänge entdecken und rekonstruieren

Und doch scheint entdeckendes Lernen ein sinnvolles Lehr-Lern-Arrangement zu sein, eben weil die Lernenden weitgehend selbstständig eigene Erkenntnisse zu einem historischen Sachverhalt oder Zusammenhang sammeln, und damit den Weg eines Historikers — sie rekonstruieren vergangene Ereignisse auf der Grundlage historischer Quellen — selbst bestreiten.

Im weitesten Sinne kann entdeckendes Lernen als Herausfinden eines neuen Sachverhaltes oder Zusammenhangs verstanden werden, „weil auf der Basis des bisher Gewußten und Bekannten bestimmte Phänomene nicht erklärt und verstanden werden können — sei es, weil man auf eine Erklärungslücke stößt, sei es, weil sich Aussagen über ein Phänomen widersprechen, sei es, weil ein Phänomen als unnötig kompliziert erscheint.“ (Aebli, H.: Grundlagen des Lehrens — Eine allgemeine Didaktik auf psychologischer Grundlage. Stuttgart 1987, S. 279ff.)

Im Zentrum des entdeckenden Lernens steht somit das „Hervorrufen eines Bedürfnisses nach neuem Wissen und neuen Kenntnissen“ (Henke-Bockschatz 1997, S. 407.) Um die Erklärungslücke schließen zu können, muss bereits bekanntes Wissen neu geordnet, überdacht oder transformiert werden. Das entdeckende Lernen ist mit dem Finden der Problemlösung jedoch noch nicht abgeschlossen. „Es bleibt unvollständig, solange der Erkenntnisweg nicht noch einmal reflektiert, auf die Ausgangshypothese zurückbezogen und seinerseits bewertet wird.“ (ebenda.) Denn erst durch diesen Schritt wird eine über den eigentlichen Erkenntnisgewinn hinausgehende Problemlösungskompetenz angebahnt.

Prozess des entdeckenden Lernens im Fach Geschichte

Nach Wolfgang Hug gehören zu den Grundelementen des entdeckenden Lernens im Geschichtsunterricht der Bezug auf umstrittene und ungeklärte Themen, die Notwendigkeit der Wahrnehmung und Untersuchung unterschiedlicher Perspektiven, die Gruppenarbeit als Basis gemeinsamer Diskussion und Arbeitsteilung sowie die Reflexion der Erkenntnisse und Erkenntniswege (vgl. Hug, Wolfgang: Forschendes Lernen und Schulgeschichtsbuch. In: Schülerwettbewerb 1992, S. 65).
Idealtypisch lässt sich der Prozess des entdeckenden Lernens in Anlehnung an das Vorgehen der Geschichtswissenschaft wie folgt beschreiben (vgl. Knoch, P.: Entdeckendes Lernen im Geschichtsunterricht. In: Geschichte — Erziehung — Politik, Heft 6/1991, S. 518-528):

  1. Fragen an die Geschichte stellen bzw. das Problem wahrnehmen
  2. Hypothesen bilden oder vorläufige Erklärungsversuche entwickeln
  3. Arbeitsstrategien finden und einen Arbeitsplan entwerfen
  4. Arbeitsphase als Versuch der Problemlösung
  5. Berichte entwerfen und Ergebnisse präsentieren (hierzu zählt auch die Reflexion des Arbeitsprozesses)
  6. Hypothesen überprüfen
  7. Erkenntnisgewinn diskutieren
  8. Erkenntnisse auf neue Fragen und Probleme transferieren

Geschichte vor Ort bietet sich als Forschungsobjekt an

Michael Sauer erwähnt als potenzielle Themen vor allem den räumlichen und zeitlichen Nahbereich aus der jüngeren Regional- und Lokalgeschichte der Schüler. Dazu zählt die Geschichte eines Orts- oder Stadtteils, einer Schule, eines Sport- oder Gesangsvereins, eines Denkmals oder einer Straße. Diese Themen würden sich vor allem deshalb eignen, da sie zum Umfeld und Erfahrungsraum der Lernenden gehören, der Sachverhalt überschaubar und einschlägige Quellen vor Ort auffindbar seien. Wichtig wäre hierbei jedoch die Verbindung dieser Ereignisse mit der „großen Geschichte“. (vgl. Sauer 2004, S. 112) Einen ähnlichen Weg schlägt auch Henke-Bockschatz vor. Er fordert jedoch noch stärker die Verbindung zwischen regionaler und „großer“ Geschichte. „Vielmehr kommt es darauf an, die Schüler selbständig herausfinden zu lassen, welche Spuren die ‚große Geschichte‘ in ihrer unmittelbaren Nähe hinterlassen oder auch nicht hinterlassen hat.“ (Henke-Bockschatz 1997, S. 408)

Henke-Bockschatz zeigt einen weiteren interessanten Aspekt des entdeckenden Lernens auf, wenn er die anthropologisch-existenziellen Fragen in den Blick nimmt. Die Schüler sollten nicht nur herausfinden, warum etwas so war, wie es war, sondern auch darauf stoßen, was sie selber an der Geschichte objektiv und subjektiv angeht: „Wer etwas Gesuchtes schließlich entdeckt, entdeckt sehr häufig auch etwas über sich selbst: Warum er und andere die Lösung nicht gesehen haben, welches Vorurteil im Wege stand, welche Brille man trug.“ (ebenda, S. 409)

Konsequent, aber nicht ausschließlich, scheint entdeckendes Lernen im Projektunterricht durchführbar. Denn gerade dann bieten auch außerschulische Lernorte, wie Archive, Bibliotheken, Museen, Sachquellen vor Ort oder Zeitzeugen reizvolle Erkenntnisgewinne.

In diesem Zusammenhang scheinen Schülerwettbewerbe, und hier besonders der Schülerwettbewerb des Bundespräsidenten, besonders geeignet zu sein. Aber auch regionale Geschichtswerkstätten und Erinnerungsinitiativen bieten entdeckendes Lernen außerhalb von oder in Zusammenarbeit mit Schule an. Gemäß dem Motto „Grabe, wo du stehst“ (Lindquist, S.: Grabe, wo du stehst — Handbuch zur Erforschung der eigenen Geschichte. Bonn 1989) erforschen sie meist kleine Ausschnitte aus der Geschichte der unmittelbaren Umgebung, wobei oft der „Geschichte der kleinen Leute“ der Vorzug vor der „großen“ Geschichte gegeben wird.

Frank Lauenburg

Dazu passender Ratgeber
Dazu passendes Unterrichtsmaterial

Mehr zu Ratgeber Entdeckendes Lernen
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×