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Integration und DaZ

Migration als Normalfall im Schulalltag

Migration ist fester Bestandteil der Geschichte Europas. So sind Schüler mit Migrationshintergrund an Schulen inzwischen der Normalfall. Dennoch sind Lehrer mehr denn je gefordert. Es bedarf noch erheblicher Anstrengungen auch durch Institutionen, damit Integration wirklich gelingt.

Integration und DaZ: Migration als Normalfall im Schulalltag Schüler mit Migrationshintergrund sind an Schulen der Normalfall und keinesfalls die Ausnahme © Monkey Business - Fotolia.com

Die Anzahl der Migranten war zu verschiedenen Zeitpunkten unserer Geschichte ebenso unterschiedlich wie der Umgang mit ihnen auf politischer und sozialer Ebene. Ebenso vielfältig sind die Ursachen für Migration: Abenteuerlust, Umsiedlungen, religiöse oder wirtschaftliche Gründe, Krieg oder Vertreibung. So sind z. B. zwischen 1680 und 1800 rund 740 000 Deutsche nach Siebenbürgen und Russland ausgewandert. Nach dem Zweiten Weltkrieg flohen 14 Millionen Deutschstämmige nach Westen. Seit 1950 kamen weitere rund 4,5 Millionen sogenannte (Spät-)Aussiedler, besonders viele nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu Beginn der 90er-Jahre. Zwischen 1949 und 1961 flohen 2,7 Millionen Menschen aus der DDR in die BRD.

Nach dem Mauerbau (1961) fehlten der boomenden westdeutschen Wirtschaft Arbeitskräfte. So schloss die BRD Anwerbeabkommen für sogenannte „Gastarbeiter“ mit Italien, Spanien, Jugoslawien, der Türkei und anderen Staaten. Nach dem Anwerbestopp 1973 kehrten von den 14 Millionen „Gastarbeitern“ ca. 11 Millionen zurück. Doch sorgte der Familiennachzug für eine weitere Zuwanderung in die BRD.

Seit den 1980er-Jahren stieg die Zahl der Asylbewerber in der Bundesrepublik Deutschland. 1992 beantragten z. B. 438 191 Menschen Asyl. Die meisten waren damals Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien sowie Roma aus Rumänien und Bulgarien. Nach einer Grundgesetzänderung im „Asylkompromiss 1993“, einer Verschärfung des Asylrechts mit „Drittstaatenregelung“ und der Auflistung von „sicheren Herkunftsstaaten“ sank die Zahl der Asylsuchenden. Der Bürgerkrieg in Syrien, der Irakkrieg, der Afghanistankrieg, Not und Kriege in Afrika und anderen Regionen der Welt ließen die Flüchtlingszahlen und die Zahl der Asylsuchenden ab 2014 wieder stark anwachsen.

Biografien der Schüler prägen ihre Motivation

Die in der Europäischen Union gegebene Freizügigkeit und die wirtschaftlichen Ungleichgewichte innerhalb der EU führten zudem zu einer steigenden Binnenwanderung von Arbeitskräften. Auch trägt die zunehmende Globalisierung der Wirtschaft zu Migrationsbewegungen bei. Für Lehrkräfte heißt dies, dass rein muttersprachliche Klassen zunehmend die Ausnahme sind und sein werden. Mehrsprachigkeit im Unterricht mit Schülern unterschiedlichster Lebens- und Lernbiografien ist der Normalfall im 21. Jahrhundert.

Da Lehrkräfte es — unabhängig von der Schulform, in der sie unterrichten — immer mit einzelnen Schülern und ihren individuellen Lebens- und Lernbiografien zu tun haben, hängen deren Motivation und Lernbereitschaft oftmals auch von Faktoren ab, die im Unterrichtsgeschehen nicht sichtbar werden, z. B. vom jeweiligen Aufenthaltsberechtigungsstatus der Familie oder deren Bereitschaft und Möglichkeit zu bleiben, weiterzuziehen oder ins Herkunftsland zurückzukehren.

Das „Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“ unterscheidet für die Bundesrepublik Deutschland im jährlichen Migrationsbericht (vgl. BAMF: „Migrationsberichte“)  zurzeit vier verschiedene Zuwanderungswege, wobei für jede Gruppe unterschiedliche gesetzliche Regeln und Wanderungsmotive gelten: 1. Wanderungen im Rahmen der EU-Freizügigkeit, 2. Arbeitsmigration aus „Drittstaaten“, 3. Familiennachzug und 4. Schutzsuchende wie Asylanten und Flüchtlinge. Eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung hilfreicher Maßnahmen zur Integration von Schülern ist es daher, sich ein differenziertes Bild von der Lebens- und Sprachbiografie jedes einzelnen Schülers zu machen und dieses zu dokumentieren. (Siehe hierzu z. B. Vogel, Klaus: DaZ-Kinder im Unterricht — was tun?, Hamburg 2017, 15/16)

Erstsprache hilft beim Lernen von Fremdsprachen

Die große Mehrzahl der Lehrkräfte war in ihrer Schulzeit Fremdsprachlerner und hat dabei neben dem Erlernen einer Fremdsprache auch Erfahrungen zum Sprachlernen gesammelt. Fremdsprachlerner sind es gewohnt, dass ihnen die gewünschte Fremdsprache von einer kompetenten Lehrperson strukturiert in „mund- und hirngerechten“ Happen gereicht wird. Bei Unklarheiten steht als Hilfe und zur Erläuterung die Erstsprache (z. B. Deutsch) zur Verfügung. Sie wird von Schülern und Lehrkraft beherrscht und kann für das Erlernen der Fremdsprache und das Sprechen über die Sprache eingesetzt werden.

Anders erfolgt der Erwerb der Muttersprache. In Interaktion mit Personen, die dem Kind positiv zugewandt sind, erwirbt es das komplexe sprachliche System seiner Umgebung altersgemäß in relativ kurzer Zeit. Zum einen lernt es, Lauten Bedeutungen und Inhalte zuzuordnen, zum anderen erwirbt es über die Muttersprache auch ein gesamtes Weltbild. Es erschließt sich seine Sicht auf die Welt gedanklich. „Humboldt erkannte die Welt der ‚inneren Sprachform‘, die zu jeder Sprache gehörigen und nur in ihr lebenden Sprachinhalte, die insgesamt das Weltbild einer Sprache ausmachen. Dieses Weltbild ist zweifellos das Entscheidende an der Sprache“, wie Weisgerber hervorhebt. (Weisgerber, Leo: Das Tor zur Muttersprache, Düsseldorf 1951, 14).

Zweitsprachlerner schaffen sich Interimssprachen

Zweitsprachlerner verfügen über eine Muttersprache mit ihren spezifischen phonetischen, syntaktischen und semantischen Besonderheiten und ihrer immanenten Sicht auf die Welt, die ihnen für ihr Leben in Deutschland und für die Bewältigung sprachlicher Situationen meist wenig nützt. Deutsch als Fremdsprache haben sie im Herkunftsland häufig nicht gelernt. Sie müssen daher in einem Land zurechtkommen, dessen Sprache sie erst durch das Erleben und Bestehen in kommunikativen Situationen, vom Einkaufen bis zur Fortbewegung im öffentlichen Raum, anwenden und beherrschen lernen. Wie Forschungen zum ungesteuerten Zweitspracherwerb zeigen, erwerben die Lerner die Zweitsprache mit ihren vielen Facetten ganzheitlich, indem sie für sich Interimssprachen schaffen. Diese Sprachen entwickeln sich in permanentem Regelerwerb und -verlust weiter und folgen gewissen Gesetzmäßigkeiten, die auch von der Individualität des Lerners, seinem Alter, der Motivation und Begabung sowie seiner Muttersprache und seinen Fremdsprachenkenntnissen beeinflusst werden.

Sprachunterricht mit Zweitsprachlernern kann als intentionales Handeln den Sprachlernprozess positiv beeinflussen, indem er den Lernern in einer angstfreien Atmosphäre ihre bereits erworbene Sprachkompetenz bewusst macht. In offenen, möglichst selbstgesteuerten Unterrichtssituationen sollte es den Lernern ermöglicht werden, ihre individuellen Lernstrategien zu entwickeln und sich die unterschiedlichen Aspekte der Zielsprache Deutsch anzueignen. Faktenwissen über Sprache und grammatikalische Begrifflichkeit spielen hierbei eine nachgeordnete Rolle. Sprache zu entdecken, d. h. eine Fragehaltung gegenüber sprachlichen Phänomenen auch im Vergleich mit der jeweiligen Muttersprache zu entwickeln und Freude am Lernprozess zu haben, ist eine gute Basis für ein lebenslanges Weiterlernen.

Lernlabyrinth Schule

Kinder wachsen in die Sprachgemeinschaft ihrer Umgebung mit der gleichen Selbstverständlichkeit hinein, wie sie atmen oder sich bewegen. Während der Spracherwerb in den ersten Lebensjahren seinen natürlichen Lauf nimmt, kommt dem individuellen Sprachgebrauch ab dem sechsten Lebensjahr auf einmal eine ganz andere Bedeutung zu. In der Schule wird Sprache zu einem festen Bestandteil des Unterrichts. Je nachdem aus welchem sozialen und sprachlichen Umfeld ein Schüler kommt, kann dies Schüler und Lehrer vor kleinere oder größere Herausforderungen stellen. Dass es manche Kinder mit Migrationshintergrund aus unterschiedlichen Gründen in der Schule besonders schwer haben, hat viele Ursachen, die auch in der Art und Weise liegen, wie Schule in Deutschland betrieben wird. Problembereiche sind hier das gegliederte Schulsystem, die Ideologie „homogener Lerngruppen“, die Jahrgangsklassen sowie die Selektions- und die Benotungskultur. In der allgemeinen Diskussion bisher noch wenig bedacht, aber trotzdem äußerst wirksam, ist die Schul- und Bildungssprache für viele Migranten eine weitere Hürde.

Für Lehrkräfte, Bildungspolitiker oder Schulbuchautoren ist die Bildungssprache logischerweise eine Selbstverständlichkeit. Doch „ein zunehmender Anteil von Schülern deutscher wie nichtdeutscher Muttersprache bringt die vorausgesetzten Sprachkompetenzen (…) nicht in die Schule mit.“ (Feilke, Helmuth, Bildungssprachliche Kompetenzen — fördern und entwickeln, in: Praxis Deutsch 233, Seelze 2012, 4) Denken wir nur an die im Unterricht üblichen und allgegenwärtigen Sprachhandlungsformen wie das Erklären, das Beschreiben, das Nennen, das Erläutern, das Beurteilen.

Sekundarstufe birgt besondere sprachliche Herausforderungen

Während der sehr anschauliche und handlungsorientierte Unterricht der Grundschule es bei entsprechender Kompetenz und Zuwendung den Kindern mit Migrationshintergrund relativ leichter macht, die Schulsprache zu erwerben, haben es Schüler der Sekundarstufe aufgrund der umfangreicheren und abstrakteren Lerninhalte, der unterschiedlichen Fachsprachen und der von den Fachlehrkräften häufig nicht wahrgenommenen sprachlichen Herausforderungen ihres Fachs um vieles schwerer.

Nicht selten sind Menschen, die später in der Berufsausbildung Probleme haben, vorher bereits an der Schulsprache gescheitert. Die Zusammenhänge zwischen Sprache, Lernen und Wissen finden in der Fachlehrerausbildung bedauerlicherweise zu wenig Beachtung. Auch eine sprachliche Vorbereitung der Schüler für den „Lebensraum Schule“ erfolgt nur in Ansätzen. Da die Schul- und Bildungssprache stark an der Schriftsprache orientiert ist, müssen zu ihrem Verständnis Text- und Wortschatzkompetenzen sowie funktional-grammatische Kompetenzen ineinander greifen. Einige Leitfragen, die in die Konzeption jedes (Fach-)Unterrichts einbezogen werden sollten, sind:

  • Welche sprachlichen Mittel sind zur Bewältigung dieses speziellen Unterrichtsgegenstandes erforderlich?
  • Wie können die Schüler dieser konkreten Klasse oder Gruppe die sprachlichen Mittel erwerben, reflektieren, üben und für die Weiterarbeit nutzbar machen?
  • Wie kann das Vorwissen der Schüler aktiviert und genutzt werden?
  • Wodurch können Formulierungsbarrieren bei einzelnen Schülern vermindert und Formulierungshilfen geboten werden?
  • Wodurch kann der bildungssprachliche Anteil der Lehrkraft im Unterricht reduziert und die Beteiligung der Schüler erhöht werden?

Die Lehrkraft beeinflusst das Miteinander aller Schüler

Wie viele Biografien von Menschen mit Migrationshintergrund zeigen, ist eine erfolgreiche Integration nicht nur an die sprachliche Kompetenz gebunden, sondern setzt auch eine generelle Teilhabe an Bildung, Ausbildung und sozialem Miteinander voraus. Hier kann jede Lehrkraft durch ihr Handeln und ihr berufliches Selbstverständnis, durch Gespräche mit einzelnen Schülern, Beratung der Eltern, Information über schulische Wege und Möglichkeiten usw. entscheidend dazu beitragen, dass auch Schüler mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem erfolgreich sind. Jede im Bildungsbereich tätige Person kann durch ihr Tun einen wesentlichen Beitrag zu einem menschlichen Umgang leisten, trotz politischer Versäumnisse und eventueller Fehlentscheidungen. In diesem Sinne ist das Handeln der Lehrkräfte ein politisches Handeln, indem es auf das konkrete Miteinander der Menschen wirkt. Wie eine Lehrkraft die neuen Schüler im Unterricht an- und aufnimmt und wie sie ihnen begegnet, hat Auswirkungen auf alle Schüler – mit und ohne Migrationshintergrund.

Klaus Vogel

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