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Montessori

Freiarbeit als Motor für eigenverantwortliches Lernen

Freiarbeit steht für Montessori-Pädagogik. Sie motiviert zum selbstständigen Lernen und begegnet dem Schüler mit Respekt. Gerade auch an weiterführenden Schulen wirkt sich das eigenverantwortliche Handeln positiv auf den Lernerfolg aus.

Montessori: Freiarbeit als Motor für eigenverantwortliches Lernen Geografie selbst entdecken können die Schüler/-innen mit Montessori-Landkarten und -Steckfähnchen © Joaquin Corbalan - stock.adobe.com

In diesem Jahr wird der 150. Geburtstag der italienischen Ärztin und Pädagogin Maria Montessori (1870–1952) gefeiert. Die Montessori-Pädagogik wird in mehr als 20.000 Einrichtungen rund um den Globus praktiziert. Auch in Deutschland arbeiten etwa 600 Kitas, 300 Grund- und 100 Sekundarschulen nach ihren Prinzipien. Sie haben das pädagogische Denken und die allgemeine Unterrichtspraxis auch an Regelschulen nachhaltig beeinflusst. Selbst in weiterführenden Schulen bietet Montessori-Pädagogik viele Anregungen für eine zeitgemäße Unterrichtsgestaltung und Antworten auf aktuelle Herausforderungen. 

Dazu ein Blick in meine 5. Klasse, morgens um 8:15 Uhr:
Nachdem die Schüler im Stuhlkreis ihre heutigen Arbeitsvorhaben benannt haben, suchen sie sich Lernmaterialien aus den offenen Regalen und einen Arbeitsplatz im Klassenraum oder auf dem Flur. Nele und Ben beenden ihre gestern begonnene Geografiearbeit mit den Montessori-Landkarten und -Steckfähnchen. Sie erarbeiten sich Namen und Lage europäischer Hauptstädte und übertragen die Ergebnisse in ihre Hefte. 

Bastian erschließt sich mit den Geometrischen Körpern Begriffe wie Kubus, Quader und Prisma, während Yasmina sich schon mit deren Eigenschaften wie Seite, Ecke, Grundfläche etc. vertraut macht. 

Mahmud hat die Holztäfelchen des Tierkastens als Mindmap ausgelegt und schreibt ein Referat über sein Haustier, die Katze. Andere Schüler haben Materialien und Aufgaben für Deutsch, Englisch oder Arithmetik ausgewählt. Alle arbeiten konzentriert an unterschiedlichen Themen. Am Ende der Doppelstunde werden sie im Stuhlkreis über ihre Arbeit berichten und ihren Logbucheintrag vornehmen.  

Viele Besucher kommen in Montessori-Schulen, um diese konzentrierte Arbeitsatmosphäre – nach Maria Montessori die „Polarisation der Aufmerksamkeit“ − zu erleben. Diese ist kein Selbstgänger, sondern sehr voraussetzungsreich. Daher werfen wir nun einen Blick auf die Organisation der Freiarbeit, auf wichtige didaktische Prinzipien und die Rolle des Lehrers (vgl. Klein-Landeck, Michael / Pütz, Tanja: Montessori-Pädagogik. Einführung in Theorie und Praxis. Freiburg 4. Aufl. 2019).  

Freiarbeit muss geübt und gelernt werden

In der Freiarbeit einer Montessorischule können Schüler selbst entscheiden, mit welchem Fach, welcher Aufgabe, wie lange etc. sie sich befassen wollen. Wir alle wissen, dass wir dann erfolgreich und mit Ausdauer arbeiten und darüber gern die Zeit vergessen, wenn wir eine Aufgabe gewählt haben, die uns interessiert und Freude bereitet. Diese Arbeit fällt uns leichter als eine, die wir von außen „aufgebrummt“ bekommen. 

Auch in der Sekundarstufe lieben es Schüler, wenn sie nicht nur vom Lehrer „zwangsbeglückt“ werden, und das 30 Stunden pro Woche, sondern auch einmal wählen und selbst bestimmen dürfen. Das wirkt sich positiv auf Lernmotivation und Lernerfolg aus (vgl. Klein-Landeck, Michael u.a.: Mit Freiarbeit zu neuer Lernkultur. Berlin 2. Aufl. 2016).

Man muss das selbstständige und eigenverantwortliche Lernen aber lernen können, denn auch hier macht nur Übung den Meister. Dazu genügt nicht die hin und wieder eingestreute Stillarbeit kurz vor Mittag, wenn die Klasse nicht mehr „aufnahmebereit“ ist. Montessori-Schulen bieten täglich zwei bis drei Stunden Freiarbeit in den ersten Stunden am Morgen. Das fördert die Entwicklung von Arbeitshaltung und Lernkompetenzen und zeigt die zentrale Bedeutung dieser Arbeitsform. 

Nach Absprache geben die Fachkollegen Stunden aus ihrem jeweiligen Deputat in einen „Freiarbeitspool“, damit mindestens eine Doppelstunde Freiarbeit täglich gesichert ist. Sie erstellen zudem Aufgaben und Materialien, die in dieser Zeit bearbeitet werden sollen. Wichtig ist, den Schülern in diesem Rahmen auch Zeit zu geben für Planung, Reflexion und Vorstellung ihrer individuellen Arbeiten.  

Selbstständiges Lernen mit allen Sinnen

Allenthalben stellt sich heute die Frage, wie mit der zunehmenden Heterogenität der Lerngruppen so umgegangen werden kann, dass weder Schüler noch Lehrer überfordert sind. Seit Gründung der ersten Montessori-Einrichtung in Rom 1907 haben sich die Prinzipien der „Pädagogik vom Kinde aus“ als sehr hilfreich und wertvoll erwiesen und bewährt. Maria Montessori arbeitete von Anfang an mit sehr unterschiedlich begabten Kindern und nicht von ungefähr war die erste integrative Grundschule Deutschlands Ende der 1960er-Jahre eine Montessori-Einrichtung.

Montessori entwickelte Arbeitsmaterialien für das „Lernen mit allen Sinnen“, sprachliche und mathematische Bildung, sachunterrichtliche Themen, religiöse und musische Erziehung etc., das sogenannte Montessori-Material. Dieses wird von heutigen Pädagogen ergänzt, erweitert und ggf. aktualisiert, was den Einbezug weiterer Fächer wie etwa Englisch (vgl. Klein-Landeck, Michael: Fundgrube für die Freiarbeit Englisch. Donauwörth 4. Aufl. 2016) ausdrücklich einschließt. So steht auch für die Freiarbeit in der Sekundarstufe ein großer Fundus an vielfältigen Materialien zur Verfügung, die durch ihren Aufforderungscharakter zum aktiven, selbsttätigen Lernen motivieren und ein handlungsorientiertes Arbeiten ermöglichen. Kinder sollen auf diese Weise möglichst durch eigenes Tun und eigene Anschauung verstehen und lernen und weniger durch die Belehrung des Erwachsenen.  

Schüler gestalten Lernprozess selbst

Differenzierung und Individualisierung werden in der Montessori-Pädagogik großgeschrieben, da Lernen ein höchst individueller Prozess ist, wenngleich er auch in Gemeinschaft stattfindet. Da es für Lehrer aber schlicht unmöglich ist, für eine Klasse z. B. 25 unterschiedliche Lernprogramme zu entwerfen, wird dem einzelnen Schüler sehr viel Eigenverantwortung zugestanden und auch zugemutet. 

Bekanntlich lernen bereits Kleinkinder ständig, selbstständig und ohne jeden Unterricht (der Hirnforscher Manfred Spitzer spricht davon, dass das menschliche Gehirn gar nicht anders kann als zu lernen), indem sie ihre Aktivitäten wählen. Montessori überträgt dieses Prinzip auf schulisches Lernen, getreu dem Motto ihrer Pädagogik: Hilf mir, es selbst zu tun! Wahlfreiheit bedeutet daher, dass ein Schüler selbst entscheiden kann, was er wo, mit wem und wie lange lernen will: freie Wahl der Arbeit, des Arbeitspartners, des Ortes und der Zeitdauer. Um Überforderung durch ein unübersichtliches Angebot oder eine Unterforderung durch zu wenige oder unattraktive Anreize zu vermeiden, muss der Pädagoge eine pädagogische Lernumgebung vorbereiten.  

Eine gut vorbereitete Lernumgebung motiviert

Maria Montessori bezeichnete die vorbereitete Lernumgebung und den vorbereiteten Pädagogen als das „praktische Fundament“ ihrer Pädagogik. Freie Arbeit kann nur gelingen, wenn die Lernumgebung optimal für die Schüler vorbereitet ist.

Montessori-Klassen weisen eine sehr klare Strukturierung mit systematischer Einteilung in Fach- bzw. Funktionsbereiche auf. Diese Orientierungshilfe unterstützt die Wahlfreiheit und Selbstständigkeit der Schüler. Das Lernangebot muss umfassend und attraktiv sein, zugleich überschaubar bleiben. Aufgabe des Lehrers ist es, hier stets das richtige Maß zu finden. Er achtet zudem darauf, dass die Umgebung ästhetisch gestaltet und gepflegt ist, wohnlich und auf die Bedürfnisse der Schüler abgestimmt. Dies ist Ausdruck tiefen Respekts für die Würde des Kindes. 

Von einer ansprechenden Lernumgebung geht ein starker Aufforderungscharakter aus, denn schöne Dinge und interessante Materialien laden zur Aktivität ein. Der Begriff „Lernmaterial“ wird in Schulen leider oft überstrapaziert, wenn darunter primär „Paper-and-Pencil“-Aufgaben verstanden werden. Die gibt es in Montessori-Schulen auch. Aber Aufgabe der Lehrkräfte ist es, Lerninhalte zu „materialisieren“, d. h. Arbeitsmittel anzubieten, mit denen Schüler sich Inhalte eigenständig erarbeiten und ihren Lernerfolg kontrollieren können. Das nennt Montessori das Prinzip der Selbstkontrolle.

Neben der Vorbereitung und Pflege der Lernumgebung obliegt es dem Lehrer, die individuellen Lernprozesse der Schüler zu beobachten, zu begleiten und zu unterstützen, damit Wahlfreiheit nicht zur Beliebigkeit beim Lernen führt. Während heute die Idee des Lehrers als Lernbegleiter bei vielen in Ungnade gefallen ist, stellt dies an Montessorischulen mit ihrer Freiarbeit eine höchst anspruchsvolle Aufgabe dar, die die Lehrkraft auf sehr vielfältige und anspruchsvolle Weise fordert. Die schönste Bestätigung fand ich im Bericht des Vaters einer Fünftklässlerin: „Meine Tochter geht endlich wieder gerne zur Schule. Sie kommt jeden Morgen fröhlich pfeifend zum Frühstück und freut sich auf die Freiarbeit“.

Michael Klein-Landeck

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