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Montessori

Mit Montessori nach Great Britain

Die Curricula des Fremdsprachenunterrichts zielen oft am Alltag der Schüler vorbei. Der Lehrer kann ihr Interesse dennoch wecken, wenn sie über eigene Schwerpunkte selbst entscheiden und „es selbst tun” dürfen.

Montessori: Mit Montessori nach Great Britain Ein London-Plakat gibt Impulse für die Schüler/-innen, sich ein Thema selbst zu wählen © saint_antonio - stock.adobe.com

Im Fach Englisch ist eine der wichtigsten Maxime, das Sprechen zu lernen, also das zweckgebundene Kommunizieren. Und das am besten noch grammatikalisch angemessen und mit dem richtigen Register. Doch was hat das mit Montessori zu tun? 

Ein Beispiel aus dem Alltag: Thema Klasse 7 – Great Britain. Genauer gesagt: die Sehenswürdigkeiten in London und Umgebung. Als Erstes müssen wir als Lehrer feststellen, dass unser Thema – wie so oft – recht wenig mit der Bezugswelt der Schüler zu tun hat. Unsere Schüler reisen selten nach London und haben womöglich auch nur wenig Bestreben, diese Stadt (in Klasse 7) näher kennenzulernen. Die intrinsische Motivation meiner Schülerin Jacky und ihrer Klassenkameraden dürfte also eher gering sein. Nun steht das Thema aber auf unserem Lehrplan und wir müssen es unterrichten.

Als gute Lehrer ahnen wir, dass der frontale Weg nur wenig Hoffnung birgt, die Schüler könnten sich tiefergehend mit dem Inhalt beschäftigen. Wir wissen auch, dass Projektarbeit zu diesem Thema schwierig ist, da die Resultate wegen des geringen Bezuges wahrscheinlich stark gelenkt sein würden. Das Ganze in Gruppenarbeit bearbeiten zu lassen, erscheint ebenso wenig effizient. 

Schüler bestimmen ihre Lerninhalte selbst

In diesem Moment kann es hilfreich sein, sich das zentrale Postulat Montessoris ins Gedächtnis zu rufen: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Lasst den Schüler Schüler sein und gebt ihm die Chance, selbst zu entscheiden, was er wie und wo und wann lernen will. Die Schwierigkeit hierbei ist, dass der Schüler den Fokus des Lehrens bildet, nicht mehr das Curriculum. Wir überlegen uns also, wie wir das didaktisch umsetzen können − ohne die Inhalte außer Acht zu lassen. Und genau hier bietet Montessori große Chancen für den Englischunterricht. 

Anders als bei der klassischen Projektarbeit könnte sich der Lehrer, angelehnt an Montessoris Grundsätzen, schon im Vorfeld der Unterrichtseinheit Gedanken darüber machen, wie er die Inhalte gliedern will. Dies könnte z. B. so aussehen, dass wir die verschiedenen Sehenswürdigkeiten Londons nicht einfach aufteilen und dazu geografische und historische Aspekte darstellen lassen, sondern vielmehr auf eine Metaebene gehen, von der die Schüler eigenständig wählen dürfen. So ließe sich beispielsweise das Londoner Zentrum in seiner Struktur historisch betrachten und zeitstrahlartig rekonstruieren. In diesem Kontext böte es sich an, verschiedene Lerninhalte als eine Art Liste anzubieten, aus der die Schüler dann wählen dürften.

Arbeitsaufträge und Ergebnisse müssen sich ergänzen

Entscheidend bei unserem Vorgehen ist, dass wir den Schülern keine dogmatischen Vorgaben geben. Ähnlich wie mit einem Advanced Organizer bieten wir den Schülern eher eine Art Geländer zum Abstützen. Im Gegensatz zum Advanced Organizer jedoch versuchen wir, mit Montessori keine Verpflichtungen und keine Zwischenergebnisse zu kreieren und zu prüfen. Wir geben das Zepter in die Hand des Schülers und helfen ihm nur, „es selbst zu tun“. Der Schüler soll erkennen, dass er autark arbeiten kann. 

Nichtsdestotrotz sollen am Ende aber Ergebnisse stehen, die präsentiert und ausgewertet werden können. So muss in der Planung strengstens darauf geachtet werden, dass die Arbeitsaufträge konzise und zielführend sind und die einzelnen Aspekte inhaltlich so aufeinander abgestimmt werden, dass sie am Ende homogenisiert werden können. Der entscheidende Unterschied zur herkömmlichen Projektarbeit besteht darin, dass das Lernen und vor allem der Weg zum Produkt im Vordergrund stehen. 

Die eigene Entscheidung führt zum Ziel

Zurück zu unserem Beispiel. Die Schüler könnten also frei und ohne vorher den Lehrer zu konsultieren wählen, welche der in der Liste angebotenen Inhalte sie bearbeiten und wie sie das Ganze am Ende zusammenführen wollen. So kann sich also Jacky, die normalerweise gar keine Lust auf Englisch hat, selbst einteilen, wie sie ihr Projekt innerhalb einer gewissen Zeitspanne fertigstellt. Diese muss im normalen Unterricht allerdings − unmontessorimäßig − vorgegeben werden. Jacky wird sich überlegen, auf welche inhaltlichen Aspekte sie Lust hat und was sie motivieren könnte. 

Der Montessori-Ansatz wird hierbei mit Sicherheit auch keine motivationale Revolution ausbrechen lassen, jedoch ist er ein sinnvoller und konkret umsetzbarer Weg, auf eine neue und den Schülern meist unbekannte Weise zu lernen und zu produzieren. Wichtig ist dann ferner, dass die Schüler ihre Leistung anerkennen. Sie müssen verstehen, dass der Weg zum Ziel von ihnen selbst gelegt wurde und ihre eigene, individuelle Entscheidung zielgebend war. Sie können mit einem Ergebnis „um die Ecke kommen“, mit dem der Lehrer gar nicht unbedingt rechnen mag. Und das ist in Ordnung, solange der Lehrer bei seinen Vorüberlegungen entsprechendes Material und entsprechende Arbeitsaufträge geliefert und formuliert hat. 

Jacky sieht sich in diesem Prozess als handelnder und Entscheidungen treffender Mensch und eben nicht als unmündige Schülerin, die das zu tun hat, was der Lehrer vorgibt. Probieren Sie es einmal aus und lassen Sie ein Stück Montessori in Ihren Englischunterricht. Sie werden erstaunt sein.

Tim Heidemann

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