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Montessori

Wie Montessori den Deutschunterricht beflügelt

Eine Doppelstunde Deutsch wird schnell langweilig, wenn die Schüler nur zuhören sollen. Sobald sie das Lernen aktiv mitgestalten, erwachen ihre Lebensgeister und ihre Motivation. Viele Ideen der Montessori-Pädagogik können den Unterrichtsalltag lebendiger machen.

Montessori: Wie Montessori den Deutschunterricht beflügelt In Gruppenarbeit erschließen sich Schüler/-innen selbstständig ein Thema © SpeedKingz/Shutterstock.com

Deutschunterricht, Klasse 8, 4. Stunde, kurz vor Mittag. Sophie sitzt auf ihrem Stuhl und kann nicht mehr. Sie hat lange nichts gegessen, weil die Stunden an ihrer Schule im 90-Minuten-Modell ablaufen und ihr Lehrer es strengstens verbietet, während des Unterrichts zu essen. Dabei ist es die vorletzte Stunde vor der Klassenarbeit, vor der Sophie sowieso schon Angst hat. Deutsch ist ihr Hassfach, dort steht sie 4 minus. Immer alles frontal, ein Maximum an Input, vor dem sie müde kapituliert. Sie schaltet den Kopf aus und gibt auf. 

Vielleicht ist Sophies Situation etwas überspitzt geschildert, aber unter dem Strich ist dies ein bekanntes Szenario für unser Fach. Wenn wir einmal ehrlich sind, ertappen wir uns doch allzu oft dabei, besonders in Stunden vor Klassenarbeiten, einfach zuzusehen, dass der Stoff irgendwie noch „reingeprügelt“ wird. Und nein, Montessori-Pädagogik bietet hier keine Generallösung, aber sie kann uns helfen. 

Schüler nehmen direkten Einfluss auf ihr Lernen

Zunächst einmal sei daran erinnert, dass Montessoris Hauptthese ist: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Das dürfen wir nicht als „Alles geht, nichts muss“ missverstehen, sondern wir können uns von dieser Doktrin einiges abgucken. Für ein gesellschaftswissenschaftliches Fach wie Deutsch ist es unabdingbar, dass Schüler aufnahmefähig sind und Lust haben, das zu tun, was sie tun sollen. Wie schwierig das ist, wissen wir. Auch dass wir in einem bestimmten Raster zu unterrichten haben, das uns vorgegeben wird. Was wir aber von Montessori lernen und mitnehmen können, ist die Erkenntnis, dass Schüler unterschiedlich lernen und funktionieren. Das mag nach einer Selbstverständlichkeit klingen, jedoch – sind wir einmal ehrlich zu uns selbst – bedenken wir diese Erkenntnis viel zu selten.

Zurück zu Sophie. Stellen wir uns doch einmal vor, dass der Lehrer offener unterrichtet hätte. Er hätte Phasen in seine 90 Minuten eingebaut, in denen die Schüler beispielsweise aus einer Kiste Aufgaben ziehen müssen (Zufallsprinzip), wobei ihnen ein „Weiterjoker“ zufällt. Damit wäre die Bereitschaft und die Aufnahmefähigkeit gleich eine ganz andere. Warum? Weil der Schüler das Gefühl bekommt, selbstbestimmt zu handeln und direkten Einfluss auf sein Tun zu nehmen. Denkbar wäre auch, dass der Lehrer eine Aufgabensammlung präsentiert, die die Schüler in einer gewissen Zeitspanne zu erledigen haben. Aus dieser Sammlung können sie dann selbst wählen, womit sie anfangen wollen. Auch so haben sie direkten Einfluss auf ihre Tätigkeit und – gemäß Montessori – steigern ihre Aufnahmefähigkeit und ihre Effizienz. 

Selbstständiges Arbeiten fördert die Motivation

Sie werden wahrscheinlich erkannt haben, dass diese Beispiele auffallend nach Projektarbeit klingen. Stimmt. Die projektorientierte Arbeit ist pädagogisch eng mit den Montessori-Gedanken verknüpft, zumindest lässt sich diese Verknüpfung leicht herstellen. Haben Schüler die Option, selbstständig, also „lehrerfrei“, zu arbeiten, so steigt ihre Motivation. Sicherlich gibt es auch hier schwierige Fälle, doch wir reden vom Normalfall. Sophie hätte also in den vorangehenden Stunden mehrfach die Möglichkeit gehabt, Inhalte, die sie nicht verstanden hat, selbstständig zu erarbeiten oder mit Mitschülern zu klären. Oder vielleicht sogar einfach den Lehrer zu fragen. Im Frontalunterricht trauen sich die meisten Schüler das nicht. 

Wie kann uns Montessori also helfen, effektiver und schülerfreundlicher zu unterrichten? Indem wir unseren Unterricht variabel gestalten. Indem wir uns immer wieder bewusst machen, dass Schüler Individuen sind, die ihre eigenen Lerntempi und ihre eigenen Interessen haben. Und vor allem: Sie wollen sich eigenständig entwickeln. Montessori-Pädagogik kann das Fach Deutsch nur bereichern, wenn wir uns klar darüber sind, welche Baustellen unser Unterricht hat. Auch wir als Lehrer möchten uns ständig weiterentwickeln. Daher sollten wir so unterrichten, dass der Schüler im Fokus steht und nicht das Curriculum oder das bloße „Das muss ich unbedingt vor der Arbeit noch behandeln!“-Prinzip. 

Wenn ich mich selbst unwohl fühle mit der Montessori-Pädagogik, dann habe ich sie wahrscheinlich nicht verstanden. Es geht ja nicht darum, eine bloße Laissez-faire-Mentalität in den Unterricht zu tragen. Es geht vielmehr darum, bestimmte Aspekte und Ideen zu entwickeln und über diesen Weg den Schülern das Lernen zu vereinfachen und zu erleichtern.

Tim Heidemann

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