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Natur als Lernort

Naturanalphabetismus: lila Kühe, gelbe Enten und Bambi-Syndrom

Viele Schüler haben ein buchstäblich ver-rücktes Bild von der Natur. Sie kennen Tiere und Pflanzen vorwiegend aus den Medien und halten sich immer seltener in der Natur auf, wie der aktuelle Jugendreport Natur zeigt. Der Schule fällt die wichtige Aufgabe zu, dieser Entfremdung entgegenzuwirken.

Natur als Lernort: Naturanalphabetismus: lila Kühe, gelbe Enten und Bambi-Syndrom Viele Schüler haben ein verzerrtes Bild von der Natur, die eben nicht nur Bami-Idylle oder gefährliche Wildnis ist © VisionOfVictor/Pixabay

Stimmt „es wirklich, wie man immer wieder hört, dass Großstadtkinder aufgrund der Fernsehwerbung glauben, Kühe seien lila?“, fragte im Jahr 2007 Leserin Andrea Kreutz York in der ZEIT und bezieht sich dabei auf eine Meldung, die Mitte der 1990er-Jahre durch die Medien ging: Als bayerische Schüler bei einem Malwettbewerb eine Kuh ausmalen sollten, hatten 30 Prozent der 40.000 teilnehmenden Kinder die Farbe Lila gewählt, vermutlich mit Blick auf die Werbung eines bekannten Schokoladenherstellers.

Wissenschaftsredakteur Christoph Drösser von der ZEIT ging der Frage auf den Grund. Er stieß dabei auf zwei soziologische Studien zum Naturbild von Kindern, die zumindest bezüglich der lila Kuh „Entwarnung geben“ konnten: „Praktisch alle Kinder“ sahen „den Unterschied zwischen Werbung und Wirklichkeit“. Das Auseinanderhalten von Realität und Disney-Film fiel da schon schwerer: Kinder und Jugendliche neigten dazu, die Natur „zu einer idyllischen, harmonischen Parallelwelt“ zu idealisieren, die vom Menschen eher bedroht wird. „Bäume zu pflanzen ist gut, Bäume zu fällen ist böse, und der Jäger ist sowieso ein Mörder.“ Diese vereinfachende Sichtweise auf die Natur umschrieben die Soziologen mit dem Begriff „Bambi-Syndrom“.

Wie steht es mit dem Naturwissen von Kindern und Jugendlichen heute? Und wie können Sie im Unterricht und bei der Elternarbeit einer möglichen Naturentfremdung Ihrer Schüler entgegenwirken? Diesen Fragen widmet sich der folgende Beitrag.

Naturwissen ungenügend!

Seit 1997 befragten Natursoziologen der Universität Marburg im „Jugendreport Natur“ insgesamt sieben Mal Schüler der Jahrgangsstufen 6 bis 9 zu ihrem Naturwissen und registrieren einen „mittlerweile ständig fortschreitenden Entfremdungsprozess“ (vgl. dazu: Website natursoziologie.de): Während beispielsweise im Jahr 2010 noch 59 Prozent der Kinder und Jugendlichen wussten, dass die Sonne im Osten aufgeht (wenig genug!), waren es bei der jüngsten Befragung von 2016 nur noch 35 Prozent der Schüler (S. 5).

Naturerlebnis contra Naturentfremdung

Naturerfahrungen sind für alle Schüler wichtig. Doch viele Schüler haben seltener Gelegenheit dazu, z. B. weil sie in der Stadt wohnen oder überängstliche Eltern haben. Hier kommt der Schule eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Naturwissen im Freien zu. Schließlich bildet sich auch das Bewusstsein für einen nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen am besten dadurch, dass Kinder und Jugendliche sich häufig in der Natur aufhalten. Das ist eine wesentliche Botschaft des Jugendreports Natur 2016, und das betonen die Autoren auch in der oben verlinkten Antwort auf die Presseanfrage der Redaktion von spektrum.de: Diejenigen Schüler, die im Sommer fast täglich im Wald sind, waren erheblich häufiger in einer Naturschutz- oder Umwelt-Initiative aktiv.

Nur 12 Prozent der Kids konnten drei essbare Früchte nennen, die im Wald oder am Waldesrand wachsen, wobei unter den „zahlreichen falschen Antworten (...) Früchte aus dem Supermarkt“ dominierten. Das waren neben Äpfeln, Birnen und Weintrauben auch „Exotika“ wie Mango, Kokosnuss, Ananas und Zitrone (S. 7).

Trotzdem halten sich drei von fünf befragten Schülern „nach eigenen Angaben wöchentlich oder mindestens einmal im Monat“ im Wald auf (S. 6). Kinder und Jugendliche, die auf dem Land aufwachsen, verfügen dabei „über deutlich mehr Naturerfahrung“: 65 Prozent hatten sogar im letzten Sommer einen Dachs oder Fuchs gesehen, bei den Bewohnern der Stadtmitte waren es nur 39 Prozent (S. 10).

Verklärtes Naturbild durch Medien

Unabhängig von der Naturerfahrung der Kids hält sich das eingangs beschriebene Bambi-Syndrom hartnäckig. Wie schon die Befragung im Jahr 1997 diagnostiziert auch der Jugendreport Natur 2016 ein verklärtes Naturbild bei den Schülern: So stimmten der pauschalen Aussage „Was natürlich ist, ist gut“ 73 Prozent der Befragten zu, und 56 Prozent der Kinder und Jugendlichen glauben, „ohne Mensch wäre die Natur in Harmonie und Frieden“ (S. 12).

Leicht an Zustimmung verloren hat die Überzeugung, dass Tiere „die gleichen Lebensrechte wie Menschen“ haben. 2003 waren davon noch 85 Prozent überzeugt, 2016 waren es nur noch 77 Prozent.  Inwieweit diese letztere Überzeugung überhaupt ein Indiz für ein verklärtes Naturbild ist, kann und sollte im Unterricht diskutiert werden. Als Aufhänger könnten zum Beispiel die (m. E. zweifelhaften) Thesen des Ethikers Norbert Hoerster dienen, die er in einem Interview mit der taz umreißt. Tenor: Nutztiere leben überhaupt nur, weil der Mensch Interesse am Fleischverzehr hat. Deshalb dürfen Menschen diese Tiere töten und essen.

Die Farbe von Enten war 2016 kein Thema. Doch beim ersten Jugendreport Natur 1997 waren immerhin 9 Prozent der Schüler der Überzeugung, dass Enten gelb sind (vgl. S. 14). Bei einer neueren Studie zum Naturwissen in Großbritannien glaubte gar „ein knappes Drittel der Kinder und 23 % der Eltern, das [sic!] Enten gelbe Federn haben — was unter anderem auf die TV-Sendung ‚Peppa Pig‘, eine britische Zeichentrickserie, zurückgeführt wird“. (vgl.: Rainer Brämer, „Wie weit geht die Naturentfremdung? Das Problem im Fokus britischer Kindheitsstudien“, S. 15). Tatsächlich haben Entenküken ja eine gelbe Farbe, und die Protagonisten in Kindertrickfilmen oder auch Spielzeuge für Kinder (z. B. Quietschenten in der Badewanne) entsprechen meist dem Kindchenschema und bewirken zudem — bei fehlender Gelegenheit zur Beobachtung der realen Natur — eine „bambihafte Infantilisierung der Natur“, wie es Rainer Brämer in seinem Beitrag „Natur infantil? Die Bambisierung hat die Erwachsenen erreicht“ umschreibt (S. 1).

Mediennutzung contra Naturerfahrung

„Ich spiele lieber drinnen, weil da die ganzen Steckdosen sind“, so zitiert der US-amerikanische Autor Richard Louv in seinem Buch „Das letzte Kind im Wald“ einen Neunjährigen. Dieses Zitat führen auch die Autoren des Jugendreports Natur an, denn 57 Prozent der befragten deutschen Schüler sitzen „mindestens 3 Stunden pro Tag vor Bildschirmen“ (S. 11). 78 Prozent dieser Medien-Junkies verbringen ihre Freizeit lieber im eigenen Zimmer als draußen im Grünen.

In der zunehmenden Mediennutzung sehen die Naturpädagogen eine der möglichen Ursachen für die zunehmende Naturentfremdung: Im „Vergleich zur hohen Reizdichte der Medien erscheinen die langsameren Veränderungen in natürlichen Szenerien als ‚langweilig‘“, so heißt es in den Erläuterungen zu einer Presseanfrage der Onlineredaktion von spektrum.de.

Ängstliche Eltern verhindern Naturerfahrungen

Als weiteren Grund für die zunehmende Naturentfremdung nennen die Autoren der Studienauswertung „elterliche Ängste vor dem Buhmann im Wald (englisch ‚stranger danger‘)“. Vor diesem Hintergrund ist klar, dass naturpädagogische Arbeit seitens der Schule immer auch die Eltern einbeziehen sollte, um zum Beispiel unbegründeten Ängsten entgegenzuwirken.

Bei einem Elternabend könnten reale Gefahren in der freien Natur und mögliche sinnvolle Schutzmaßnahmen thematisiert oder naturpädagogische Einrichtungen und betreute Veranstaltungen in der Nähe vorgestellt werden. Die Lehrkraft könnte den Eltern vor allem auch aufzeigen, wie wichtig es für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen ist, dass sie ihre eigenen Erfahrungen in der freien Natur machen dürfen. Impulse und gute Argumente für die Elternarbeit liefert Katrin Hörnleins Beitrag „Wo ist das Abenteuerland“ auf der Website ZEIT ONLINE. Und der Jugendreport Natur 2016 zeigt klar: Kids, die sich häufiger in den Wäldern aufhalten, sitzen weniger vor den Bildschirmen (JRN, S. 11) — ein Argument, das sicherlich viele Eltern überzeugt.

Martina Niekrawietz

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