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Natur als Lernort

Steine zum Klingen bringen — Instrumente aus Naturmaterialien

In Wald und Wiesen gibt es mehr zu entdecken als Schüler ahnen. Man findet dort jede Menge Naturmaterialien für den Bau einfacher Musikinstrumente. Mit ihnen kann man nicht nur trefflich musizieren, sondern sie eignen sich auch perfekt als Untersuchungsobjekt in Biologie oder Physik.

Natur als Lernort: Steine zum Klingen bringen — Instrumente aus Naturmaterialien Es ist ein besonderes Erlebnis, auf einer selbst gemachten Flöte Töne zu erzeugen © yevgeniy11 - Fotolia.com

Für ein „Naturmusikorchester“ braucht man nicht viel, wie ein YouTube-Video des gemeinnützigen Vereins „Erdschützer“ zeigt: Sechs 12- und 13-jährige Mädchen sitzen verteilt an einem Abhang im Wald und erzeugen rhythmische Klänge und Geräusche. Sie verwenden dazu alle möglichen Dinge, die man im Wald findet: zwei große Äste mit Blättern, die rauschen, wenn man sie schüttelt, einen klingenden Stein, der mit einem Holzstück rhythmisch geschlagen wird, einen trockenen Tannenzapfen, den man mit einem Stöckchen ähnlich wie eine „Gurke“ „spielen“ kann, und zwei große flache Steine, die aneinandergerieben werden.

Die etwas unkoordinierte Performance im Video zeigt, dass beim Zusammenspiel einige Basics beachtet werden sollten: Alle Spieler sollten so nahe zusammensitzen oder stehen, dass sie sich gegenseitig gut hören können. Zum Einstieg arbeiten sie am besten mit einem simplen Takt, z. B. vier Viertel und acht Achtel in Dauerschleife: tak tak tak tak / tak-ke tak-ke tak-ke tak-ke ... Zunächst spielen alle unisono. Erst wenn das klappt, kommen einfache Varianten dazu: etwa Solo-Instrumente im Wechsel mit Tutti-Passagen oder rechte Seite schlägt Viertel, linke Seite Achtel und dann wieder alle Viertel und Achtel im Wechsel usw.  In jedem Fall eignet sich das Naturmusikorchester wunderbar als Einstieg in ein fachspezifisches oder auch fächerübergreifendes Unterrichtsprojekt zum Thema „Naturinstrumente“.

Grashalm-Musik für naturwissenschaftliche Experimente

„Auf kleinen und großen Grashalmen und Buschblättern blasen die Kinder, indem sie dieselben zwischen die zusammengefalteten Hände legen. Sie wollen damit das Krähen der Hähne nachahmen.“  Dieses Zitat stammt aus Johann Lewalters 1911 in Kassel erschienener Sammlung „Deutsches Kinderlied und Kinderspiel“ und findet sich auf der Website volksliederarchiv.de. Wie das genau geht, haben Kinder früherer Generationen selbstverständlich von älteren Spielgefährten oder den Erwachsenen gelernt. Heute, wo Kinder immer weniger Zeit im Freien verbringen, geht dieses Wissen bei vielen allmählich verloren. Es sei denn, die Kids stoßen im Web auf ein Video-Tutorial, das „in einer Minute“ zeigt, wie es geht.

Bauanleitungen für einfache Instrumente:

Der Schweizer Instrumentenbauer Andreas Kleindienst baut in seiner Klangwerkstatt kunstvolle Instrumente aus Stein, Holz und anderen Naturmaterialien. Für den Instrumentenbau mit Kindern und Jugendlichen hat er eine Sammlung von Bauanleitungen für „Achtzig Instrumente zum Musizieren, die wir selbst bauen können“ zusammengestellt. Pate stand dabei das derzeit vergriffene Buch von Ad Heerkens „Musikinstrumente selbst bauen selbst spielen“, Kassel 1990.

Nusstrommel, Zischer und Schilfgeige sind mit wenig Aufwand schnell hergestellt. Wie das geht, zeigen Rebecca und Barbara Kreilaus auf ihrer Website.

Regenstab, Bumbass, Rasseltrommel und Kazoo bringen rhythmischen Pep und eine exotische Note ins Orchester. Zum Bau benötigt man allerdings zusätzliche Materialien wie Luftballons, Schrauben und ein Versandrohr aus Pappe. Details dazu auf der Website GeoLino. Rasseln und Schellenstab brauchen Materialien, die „scheppern“. Der Bezirksverband Oberbayern für Gartenkultur und Landschaftspflege e. V. verwendet in seinen Bauanleitungen Kronkorken und andere metallische Schraubverschlüsse.

Das Blasen auf einem Grashalm bereichert das Orchester der Naturmusik nicht nur um die Bläserkomponente, sondern eröffnet auch Zugang zu akustischen Experimenten, die dann im Physik- oder fächerübergreifenden Natur- und Technikunterricht ausgewertet und vertieft werden können. Jörg Rudolf, Lehrer in Baden-Württemberg, nutzt Grashalme zum Beispiel, wenn er seinen Fünftklässlern verschiedene Möglichkeiten der Tonerzeugung vermittelt. Wie er dabei vorgeht, skizziert er auf seiner Website.

Die physikalischen Grundlagen der Tonerzeugung spielen auch im Musikunterricht eine Rolle, z. B. im Zusammenhang mit Kategorien von Musikinstrumenten (Luftklinger, Saitenklinger, Fellklinger ...), wie die Website Lernhelfer.de zeigt.

Mithilfe des schwingenden Grashalmes verstehen die Schüler im Biologie- oder Musikunterricht auch ganz leicht, wie die menschliche Stimme funktioniert: Der schwingende Grashalm entspricht dabei den Stimmlippen als Schwingkörper und die zusammengedrückten Daumenknochen den Schließmuskeln im Kehlkopf. Auch der Unterschied zwischen Kinder- und Erwachsenenstimmen kann sehr schön veranschaulicht werden: Längere Grashalme verursachen tiefere Töne. So wird die Stimme des Menschen tiefer, wenn die Stimmlippen wachsen.

Maipfeife und Waldhorn „bespielen“ verschiedene Fächer

Beim „Naturmusikorchester“ bestehen die „Instrumente“ aus im Wesentlichen unbearbeiteten, natürlichen Fundstücken. Anders verhält es sich bei Maipfeife und Waldhorn, zwei selbst gebauten Blasinstrumenten aus frisch geschnittenen Zweigen bzw. Ästen.

Wie eine Bauanleitung der Bayerischen Forstverwaltung zeigt, spielt dabei die Rinde eine wichtige Rolle. Sie löst sich am besten im Mai vom Holz, wenn der Baum in vollem Saft steht. Für den Pfeifen- und Hornbau eignen sich auch nur ganz bestimmte Hölzer, weshalb sich die Suche nach geeigneten Bäumen auch gleich mit einer kleinen Baumkunde-Lektion im Fach Biologie verbinden lässt.

Für die Maipfeife werden in vielen Regionen Weidenzweige verwendet. Das Thema „Weide“ bietet verschiedene unterrichtliche Bezüge zu anderen Fächern, wie der pensionierte Lehrer Jürgen Köller auf seiner Website mathematische-basteleien.de demonstriert: Er greift u. a. das Thema „Kopfweiden“ auf und erläutert dabei die ökologische Bedeutsamkeit der regelmäßig beschnittenen Bäume als „Rückzugsort vieler Tierarten“ (Bildung für nachhaltige Entwicklung). Außerdem erklärt er, wofür Weidenholz und -ruten in früherer Zeit genutzt wurden (Geschichte). Interessant für den Englischunterricht sind einige Flötenbauanleitungen in englischer Sprache, die auf der Website ganz unten verlinkt sind. Und noch eine kleine Anregung für den Deutschunterricht: Die Schüler verfassen parallel zum Bau der Maipfeife oder zu einem Video-Tutorial eine eigene Bauanleitung mit Handy-Fotos, die sie sicherlich einer klassischen Vorgangsbeschreibung vorziehen.

Das Waldhorn Marke Eigenbau erfordert einiges handwerkliches Geschick und einen hohen Betreuungsaufwand. Die Autoren der Bauanleitung der Bayerischen Forstverwaltung (Link s. o.) raten deshalb, den Bauvorgang zuvor erst einmal selbst auszuprobieren. Sinnvoll ist es auch, mit einer Schülergruppe zu arbeiten, die nicht allzu groß ist. „Im Optimalfall kommt ein Betreuer auf fünf Teilnehmer“, so die Empfehlung (ebd.). Bei dieser komplexen Aufgabe könnte man — neben den Fachkollegen für Kunst & Werken — auch handwerklich ambitionierte Mütter oder Väter einbeziehen.

Musikalische Reise in die Steinzeit

Das Thema „Steinzeit“ steht im Unterricht der Sekundarstufe in verschiedenen Klassenstufen und Fächern im Lehrplan. Da auch die damaligen Menschen mit Naturmaterialien Musik gemacht haben, liegt diese thematische Verbindung nahe.

Wie und womit musiziert wurde, beschreiben die Autoren der Website steinzeitmusik.com. Hier finden sich nicht nur Fotos und Klangbeispiele, sondern auch Anregungen für den Bau von einfachen Instrumenten aus Naturmaterialien, die sich in kürzester Zeit herstellen lassen: Für ein Schwirrholz etwa braucht man nur ein flaches, lanzettförmiges Holzstück, das an einer Schnur befestigt um eine Längsachse gedreht wird (Achtung: Verletzungsgefahr!). Auch der steinzeitliche Bumbass lässt sich — mit einer kleinen Abwandlung — leicht selbst herstellen: Statt der damals üblichen Rinderblase kann man, wie in der unten unter „Weiterführende Hinweise“ verlinkten Bauanleitung auf geolino.de vorgeschlagen, einen Luftballon als Resonanzkörper verwenden.

Andere Instrumente, wie steinzeitliche Lithophone (hier ein Beitrag über ein in Mittelvietnam gefundenes Exemplar), erforderten damals wie heute großes (kunst-)handwerkliches Geschick. Die Klangsteine für das xylophonartige Instrument „wurden von den damaligen Menschen aus dem in Vietnam auffindbarem Gestein kunstvoll geschliffen und waren nur von sehr talentierten Steinmetzen herstellbar“, so der Autor des oben verlinkten Beitrages.

Steine behauen und schleifen übersteigt natürlich die Möglichkeiten im Unterricht, wenngleich eine Exkursion mit Fokus „Klangsteine“ zu einem Steinmetz in der Region sicherlich interessant wäre. Die Schüler könnten jedoch im Rahmen einer Unterrichtseinheit über Steinzeitmusik mit Hölzern versuchen, ein einfaches Melodie-Instrument zu bauen, zum Beispiel eine Klangleiter aus trockenen, klingenden Hölzern in verschiedenen Größen.

Zum Abschluss: Wald aufräumen — und musizieren

Eine kleine Aufräumaktion im Wald wäre ein schöner Abschluss des Unterrichtsprojekts. Verwertet man die dafür geeigneten und vorher gereinigten Fundstücke dann für Instrumente aus Abfallprodukten (Flaschenxylophone, Konservendeckelklapper, Kistentrommel etc.), erleben die Schüler, dass Engagement für Umweltschutz richtig Spaß machen kann. Getreu dem Motto von Favio Chavez, dem Direktor eines Orchesters aus Müllfundstücken in Paraguay: „The world sends us garbage ... we send back music.“ (Vgl. dazu den Trailer zum Dokumentarfilm „landfillharmonic“, der über das Projekt berichtet.)

Martina Niekrawietz

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