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Methodenkompetenz

Mit Sozialkompetenz zur Fremdsprache

Ein guter Englischunterricht erfordert ein breites Spektrum von Kernkompetenzen.  Dabei geht es nicht nur um fachliches Wissen, sondern auch um Sozialkompetenz. Der Unterricht gibt dem Lehrer Gelegenheit, Partnerarbeit und Teamgeist zu schulen.

Methodenkompetenz: Mit Sozialkompetenz zur Fremdsprache In wechselnden Teams können die Schüler im Fremdsprachenunterricht ihre Kommunikationsfähigkeiten trainieren © Rawpixel.com - Fotolia.com

Leon und Paul sitzen im Englischunterricht. Partnerarbeit. Beide kennen sich seit Ewigkeiten. Die Aufgabe lautet: Beschreibe das Verhalten einer literarischen Figur. Leon beginnt: „She like helping other peoples.“ Paul antwortet: „Yes, I think so“. Dann machen sich beide daran, den nächsten Schritt des Arbeitsauftrages anzugehen: „Was hast du gestern Abend noch gemacht?“

Das grundlegende Problem in dieser Situation: „Partnerarbeit“ als Sozialkompetenz fördernde Arbeitsmethode verkommt ohne Zielführung zu einem völlig sinnbefreiten Zeitvertreib. Sozialkompetent zu arbeiten, bedeutet nämlich auch — und das ist ein wichtiges Kriterium — seinem Partner ein Feedback zu geben. In diesem Fall könnte Paul antworten: „Yes, I think so, too, but you forgot the third-person-s and it has to be people and not peoples — that means ‚Völker’.“ Schüler müssen in der sozialen Form lernen, sich gegenseitig zu fördern und zu fordern — und das in sozialkompetenter Art und Weise.

Sozialkompetenz als Kernkompetenz fördern

Zunächst sei bemerkt, dass unser klassisches Verständnis von „Fördern und Fordern“ hier nicht im Rahmen der Binnendifferenzierung benutzt wird. Vielmehr — und dies werde ich im Folgenden ausführen — lassen sich Methoden nach dem gleichen Prinzip schulen.

Jeder von uns weiß, dass Schüler mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen in ihr Schulleben starten. Lehrer sprechen gern von Leistungsheterogenität. Dass sich dies auf die schulischen Leistungen der Schüler auswirkt, wissen wir auch. Jedoch bezieht sich dieser perspektivische Ansatzpunkt in der Regel hauptsächlich nur auf eine der Kernkompetenzen, nämlich auf die Fachkompetenz. 

Fach- und Sozialkompetenz sind keine Gegensätze

Beginnen wir mit einem ganz konkreten, alltäglichen Beispiel aus dem Unterricht: In dem eingangs erwähnten Text kommen zwei Figuren vor. Die Schüler sollen sie charakterisieren und ihr Verhalten beschreiben. Jedem Schüler wird eine der Figuren zugeordnet. Zunächst wird die Figur in Einzelarbeit  bearbeitet. Anschließend sollen sich die Schüler in der Zielsprache austauschen und ihre Ergebnisse vorstellen.

Die erste Überlegung des Lehrers wird sein: Wie stelle ich die Paare zusammen? Am einfachsten ist es meistens, wenn Sitznachbarn zusammenarbeiten. Und genau hier setzen wir an. „Sozial kompetent“ zu sein, bedeutet, dass Menschen in verschiedenen Situationen mit verschiedenen Menschen zusammenarbeiten können, dabei Rücksicht aufeinander nehmen und versuchen, gemeinsam zu einer Lösung des gestellten Problems oder der gestellten Aufgabe zu gelangen. Diese Kompetenz ist nicht nur für die Klassengemeinschaft wichtig, sondern vor allem auch für die Entwicklung des Kindes.

Erneut gilt es darauf hinzuweisen, dass manche Kinder bereits im Elternhaus lernen, wie das funktioniert, jedoch bei Weitem nicht alle. Wir können hier durchaus von einer Sozialkompetenzheterogenität sprechen. Entscheidet sich der Lehrer also für Partnerarbeit mit dem Sitznachbarn — um z. B. Unstimmigkeiten zu vermeiden und möglichst schnell in den Arbeitsauftrag zu starten — muss ihm bewusst sein,  dass auf diese Weise nur die Zusammenarbeit mit einer bereits bekannten, meist auch vertrauten Person geschult wird.

Für das Erreichen der Fachkompetenz, also einer vermeintlichen Gewährleistung von Effektivität und Lerntempo, rückt die Schulung von Sozialkompetenz in den Hintergrund. Das Kind lernt hier nicht, mit jemandem, den es vielleicht nicht so gern mag, zusammenzuarbeiten, obwohl dies eine völlig normale Situation in fast jedem Arbeitsalltag darstellt. Und dass Kinder durch ein solches Vorgehen auch nicht in Dialog miteinander treten, ist selbstevident. 

Partnerarbeit richtig organisieren 

Besonders für das Fach Englisch ist dieser Punkt maßgeblich. Leon und Paul, beide schon seit der vierten Klasse befreundet, sitzen nebeneinander und sprechen Englisch. Es ist völlig normal und verständlich, dass die beiden Freunde einander nur sehr bedingt Fehler zurückmelden und wenig darauf fokussiert sind, in der Zielsprache Englisch miteinander zu kommunizieren. Sicherlich mag es Idealsituationen geben, aber im Regelfall schafft eine solche Partnerarbeit kein Fördern und Fordern von Methodenkompetenz. Die Schüler bleiben in ihrem gewohnten Umfeld und lernen methodisch nichts dazu.

Was können wir nun also tun? Der einfachste und beste Weg ist, dass bereits in der Erprobungsstufe (oder Orientierungsphase) eine ständige Fluktuation forciert wird. Dies kann z. B. erreicht werden, indem die Schüler mit dem anderen Geschlecht zusammenarbeiten müssen. Es ist auch denkbar, dass der Lehrer den Schülern Nummern zuordnet und dann willkürlich Zahlen nennt, um so Paare zu schaffen. Ein großer Vorteil für den Lehrer ist, dass er die Fäden in der Hand hält. So kann er z. B. — ohne dass andere Schüler dies bemerken — lernlangsame an die Seite von lernschnelleren Schülern stellen. Er kann auch extreme Streithähne voneinander fernhalten oder aber genau deren Zusammenarbeit forcieren. 

Konsequenz bei der Teambildung

Je früher eine stets fluktuierende Teambildung durchgesetzt und gefordert wird, desto leichter und effizienter wird sich eine Automatisierung einstellen. Und je automatischer das Suchen von Teams ohne zwangsläufige persönliche Vorlieben geschieht, desto mehr entwickelt sich die Sozialkompetenz der Kinder.

Fordern Sie von den Kindern, sich sozial zu engagieren, in den Dialog zu treten und sich untereinander zu verbessern. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass dies in einem Raum und Rahmen geschieht, in dem die Kinder davor keine Angst oder Hemmungen haben. Dies wird nicht von allein geschehen und mit Sicherheit das eine oder andere graue Haar produzieren. Dennoch: Bleiben Sie konsequent.

Konsequenz ist in diesem Kontext von nicht zu überschätzender Wichtigkeit. Aussagen wie „Ich mag den aber nicht“ oder „Boah, kein Bock auf die“ dürfen keine Rolle spielen. Hier ist Geduld und Unnachgiebigkeit gefragt. Fordern Sie von den Kindern ein, dass sie Hemmungen fallen lassen, dass sie ohne egoistische Motive Gruppen bilden. Und fördern Sie die Kinder, wenn sie entsprechende Leistungen vorgebracht haben. Fördern und wertschätzen Sie, wenn sich eine Verbesserung in der Willensbereitschaft erkennen lässt. 

Sozial kompetente Kinder sind die besseren Lerner

Wenn Kinder es schaffen, ihr Lerntempo an einen stets variierenden Lernpartner anzupassen bzw. sich entsprechend zusammenzureißen, um es zu erreichen, wird es ihnen immer leicht fallen, Teamfähigkeit, Empathie und Rücksicht zu zeigen. Das wirkt sich nicht nur auf das  Lernklima und die Klassengemeinschaft positiv aus, sondern vor allem auch auf die individuelle Entwicklung.

Wir alle leben in einer Gesellschaft, in der Rücksichtnahme und Zusammenarbeit nicht mehr selbstverständlich sind und stark gefördert werden müssen und sollten. Wenn es der Normalfall ist, dass der kleine Peter mit der kleinen Lisa ein Team bildet, oder mit Ömer oder mit Luisa, dann braucht er nicht darüber nachzudenken, ob er dazu eigentlich Lust hat oder nicht. Entsprechend werden die Kinder auch später nicht nach Unterschieden suchen, an denen sie sich festhalten, sondern sich gegenseitig bereichern, kulturelle Hürden abbauen und soziales Engagement zeigen. Und ist es nicht das, was wir Kindern beibringen wollen? Es ist das oben angesprochene Prinzip von „Fördern und Fordern“, das den Kindern den Weg dahin ebnet. 

Leon  und Paul werden also während ihres Englischunterrichts „gezwungen“, ihre Sprechpartner regelmäßig zu tauschen. Dies führt nicht nur zu einem verbesserten Sprachenverständnis und zu einer besseren Sprechkompetenz, also auch zu einer verbesserten Fachkompetenz, sondern gleichermaßen auch zu einer größeren Bereitschaft, mit „unbekannten“ Personen zusammenzuarbeiten und in „unbekannten“ Teams zu einer Lösung zu gelangen. Und so wird dann auch bei Leon und Paul die Sozialkompetenz in großem Maße geschult und Kinder lernen das selbstständige und gemeinsame Lernen.

Tim Heidemann

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