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Sozialkompetenz

Vergangenheit lehrt Sozialkompetenz

Das Fach Geschichte eröffnet die Möglichkeit, Menschen in ihrer Zeit kennenzulernen. Indem der Lehrer dazu anregt, das Fremde zu verstehen, kann er die Schüler unterstützen, eigene Denkweisen und Wertvorstellungen zu überdenken und einen bewussten Umgang mit sich selbst zu lernen.

Sozialkompetenz: Vergangenheit lehrt Sozialkompetenz Fragen, die sich Schüler stellen könnten: Welche Wertvorstellungen hatten die Ritter damals? © valeryegorov - Fotolia.com

Der Begriff der Sozialkompetenz wird durchaus unterschiedlich ausgelegt. Im weiteren Sinne wir hiermit ein „Komplex all der persönlichen Fähigkeiten und Einstellungen“ bezeichnet, „die dazu beitragen, das eigene Handeln von einer individuellen auf eine gemeinsame Handlungsorientierung hin auszurichten. ‚Sozial kompetentes‘ Verhalten verknüpft die individuellen Handlungsziele von Personen mit den Einstellungen und Werten einer Gruppe.“ (https://www.coaching-report.de/lexikon/soziale-kompetenz.html [Stand: 06.11.2017]) 

In diesem Sinne wird Sozialkompetenz oft mit den Begriffen Team- und Kritikfähigkeit sowie Einfühlungsvermögen und Kommunikationsfähigkeit gleichgesetzt (vgl.: https://karrierebibel.de/soziale-kompetenz/ [Stand: 06.11.2017]). Auch wenn der Begriff der Sozialkompetenz selbst in der Wissenschaft oft eher unscharf verwendet wird, so ist hiermit grundsätzlich neben einem sozial akzeptierten Umgang mit anderen eben auch ein bewusster Umgang mit sich selbst gemeint.

Bezogen auf schulische Lernprozesse wird unter dem Begriff der Sozialkompetenz das Ziel eines produktiven, zielgerichteten, friedfertigen und geregelten Miteinanders verstanden (exemplarisch dazu das Gymnasium im Schloss in Wolfenbüttel, vgl. http://www.gis-wf.de/schulprofil/konzepte/sozialkompetenz/ [Stand: 06.11.2017]). Dazu gehört auch „die Stärkung der Fähigkeit, eigene Schwächen und Stärken zu erkennen und diese in der täglichen Arbeit zu berücksichtigen“ (ebd.). In diesem Sinne wird mit Sozialkompetenz auch die Bereitschaft verbunden, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen.

Soziale Kompetenz wird somit gern auch mit sozialer Intelligenz oder sozialer Empathie gleichgesetzt. „Wer sie besitzt, ist in der Lage, bei allen sozialen Interaktionen gegenüber anderen situationsangemessen und klug zu agieren.“ (s. o. karrierebibel.de)

Geschichte als Erfahrung von Andersartigkeit

„Das Sein der Vergangenheit ist ein hintergründiges Problem.“, schreibt der Geschichtsdidaktiker Joachim Rohlfes zum Thema „Erkenntnisprobleme des Faches Geschichte“. „Für das naive Verständnis ist die Vergangenheit tot.“ (Rohlfes, Joachim: Geschichte und ihre Didaktik. 3. erweiterte Auflage, Göttingen 2005, S. 59). Schüler würden dies sicherlich anders formulieren und folglich oft meinen: „Was interessiert mich Geschichte? Das ist doch alles längst vorbei.“ Rohlfes versucht, genau dem zu begegnen, wenn er meint: „Dennoch ist sie [die Geschichte; F.L.] nicht völlig aus der Welt verschwunden, lebt sie gleichsam in Relikten, Spuren, Erinnerungen weiter.“ (ebd.) In diesem Zusammenhang mag die Frage erlaubt sein, inwiefern ein Unterrichtfach, welches sich mit vergangenen Dingen beschäftigt, dazu beitragen kann, die Sozialkompetenz der Lernenden zu fördern?

„Wer sich mit vergangenen Zeiten befasst, begegnet dem Fremden“, meint der Didaktiker Michael Sauer (Sauer, Michael: Geschichte unterrichten — Eine Einführung in die Didaktik und Methodik. 3. Auflage, Seelze-Velber 2004, S. 64). Denn „Geschichte hat stets mit […] Alteritätserfahrungen, also der Erfahrung von Andersartigkeit zu tun“ (ebd.). Sauer sieht hierin einen besonderen Reiz des Unterrichtsfaches Geschichte. Geschichte eröffne nicht nur die Möglichkeit, „dem Fremden“ zu begegnen, sondern erfordere ja gerade die Auseinandersetzung mit „dem Fremden“. In diesem Sinne, meint Sauer, sich intensiver mit Andersartigkeit auseinanderzusetzen, „eröffnet die Chance, Verständnis für andere Denkweisen und Wertvorstellungen zu entwickeln, das eigene, vermeintlich Selbstverständliche zu relativieren, aber auch zu festigen“ (ebd.). 

Handlungen und ihre Hintergründe erkunden

Fremdverstehen und Selbstverstehen gehen also Hand in Hand. Auch wenn dieses Unterfangen kein leichtes ist. Zeigen doch gerade einschlägige Untersuchungen, dass Schüler schnell dazu neigen, heutige (Wert-)Maßstäbe auch an vergangene Zeiten anzulegen und das vergangene Verhalten somit vorschnell und unhistorisch als rückständig oder grausam abzuurteilen. „Dabei kommt es gerade darauf an, sich auf die Zeit, um die es geht, ernsthaft einzulassen, gleichsam ihren Horizont zu rekonstruieren.“ (ebd.) So sollten die Handlungen nicht einfach bewertet, sondern ihre Hintergründe untersucht werden. Dazu zählen dann eben auch die unterschiedlichen Interessen und Beweggründe von Einzelnen und Gruppen, ihre Denkweisen und Überzeugungen, herrschende Weltbilder, unterschiedliche Lebensformen, zeitspezifische Verhaltensmuster und Sozialisationsprozesse. Entscheidend für historische Erkenntnisprozesse ist es somit, die „Logik“ der Zeit, genauer gesagt, die Logik des Handelns von Menschen in dieser Zeit, zu untersuchen.

Historische Situationen differenziert bewerten

Aus historischer Perspektive ist damit aber auch die Frage nach zeitgenössischen Handlungsalternativen entscheidend: Konnten Kreuzritter einen Araber überhaupt anders wahrnehmen als in Form eines Feindbildes? Warum gab es keine weitreichende Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus? „Das Zeitgenössisch-Abweichende, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen in den Blick zu nehmen, führt zu einer Differenzierung der einfachen Gegenüberstellung von früher und heute.“ (ebd.) Nur so kann eine Bewertung historischer Situationen über ein „damals war es halt so“ hinausgehen. Das setzt jedoch voraus, dass sich die Lernenden dem „historisch Anderen“ (ebd. S. 65) tatsächlich öffnen.

Sie müssen entsprechende Situationen und Verhaltensweisen für sich gedanklich erproben und versuchen, die Perspektive „des Fremden“ für sich zu übernehmen. Erst dann können beispielsweise Fragen wie „Warum hat der Nationalsozialismus unter der Bevölkerung so große Zustimmung gefunden?“ oder „Warum konnte sich 1918 in einigen Teilen der europäischen Bevölkerung eine positive Kriegsstimmung entwickeln?“ differenziert beantwortet werden. „Fremdverstehen hieße hier, die Situation und die mentalen Dispositionen der Menschen zu rekonstruieren, nach Gründen für ihre Verführbarkeit zu suchen – und damit auch sich selbst als prinzipiell verführbar aufzufassen.“ (ebd.)

Das Fremde und sich selbst verstehen

Aus historischer Perspektive beinhaltet die Auseinandersetzung mit „dem Anderen“ aber auch eine politisch-kulturelle Dimension. Bildete doch gerade die Abgrenzung zwischen „uns“ und „den anderen“, den „Deutschen“ und „den Fremden“ ein wichtiges Merkmal der Identitätsfindung und -entwicklung vor allem im 19. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. So wurden Stereotypen, Konflikte und Feindbilder historisch unterfüttert und legitimiert, sei es durch die „Erbfeindschaft“ gegenüber den Franzosen oder dem Überlegenheitsgefühl gegenüber Polen, „den Russen“ oder „den Afrikanern“. „Insbesondere Schule und Geschichtsunterricht waren […] geradezu eine Fabrikationsstätte von Feindbildern“ (ebd.), resümiert Michael Sauer.

Heute hingegen ist gerade die reale Begegnung mit „dem Anderen“ Teil unseres Alltags. „Dem Fremden“ begegnen wir durch Medien, auf Reisen, aber vor allem auch im eigenen Land. So sind multiethnische Lerngruppen keine Seltenheit mehr. Somit müssen auch die Lernenden — aber durchaus auch die Lehrenden — lernen, mit „dem Fremden“ umzugehen, ja Toleranz und Einfühlungsvermögen zu entwickeln und somit ihre „persönliche kulturelle ‚Identitätsmischung‘“ (ebd.) zu finden. Der Geschichtsunterricht kann dazu mit dem Prinzip des historischen Fremdverstehens beitragen und dadurch auch mithelfen, die Sozialkompetenz der Lernenden zu entwickeln und zu fördern.

Frank Lauenburg

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