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Spiele

Mehr Spielraum in der Sekundarstufe

Spiele sind mehr als der reine Spaß. Sie fördern die Sozialkompetenz, können Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein unterstützen und helfen beim Üben, Vertiefen und Anwenden von Lerninhalten. Lauter gute Gründe, mit den Schülern auch in der Sekundarstufe öfter einmal eine Spielstunde zu gestalten.

Spiele: Mehr Spielraum in der Sekundarstufe Durch Spiele — auch Wissensspiele — lassen sich Unterrichtsinhalte spielend festigen © samjonah - Fotolia.com

Spielen bereitet Freude, man vergisst die Zeit und konzentriert sich ganz auf sein Tun. Der Flow, der dabei entstehen kann, sorgt für intrinsische Motivation bei den Schülern. Gleichzeitig heißt Spielen, sich handelnd, also aktiv und nicht nur wahrnehmend, mit anderen Personen oder dem Spielgegenstand auseinanderzusetzen. Das Spiel ist ein „Handeln ganz besonderer Art“, das in einer „‚eingebildete[n]‘ Situation: eine[r] neue[n] Realitätskonstruktion“ stattfindet (Oerter, Rolf: Psychologie des Spiels: ein handlungstheoretischer Ansatz. München, 1993. [S. 1, S. 9]). Eine nicht existierende, aber durchaus wirkliche Scheinwelt wird also für das Spiel erschaffen und bietet damit den Rahmen für spielerische, zweckfreie Handlungen. Spielre-geln sorgen dafür, dass alle Beteiligten die gleichen Rechte und damit die gleichen Bedingungen haben. Trotzdem bleibt der Ausgang des Spiels offen. So beschreiben Wissenschaftler das Spiel.

Viele dieser Merkmale treffen auch auf Spiele in der Schule zu. Der Einsatz eines Spiels im Unterricht sollte natürlich zielgerichtet sein, d. h. die Lehrkraft möchte damit „zur Entwicklung der sozialen, kreativen, intellektuellen und ästhetischen Kompetenzen der Schüler“ (Meyer, Hilbert, a.a.O. [S. 344]) beitragen. Es handelt sich in der Schule also vielmehr um eine Art „spielorientierten Lernens“ (Heimlich, Ulrich: Einführung in die Spielpädagogik. Bad Heilbrunn, 2015³ [S. 179]). Wobei der Ausgang des Spiels nicht immer offen sein muss. Bei spielerischem Üben ohne Wettbewerbscharakter tritt das Merkmal der Offenheit in den Hintergrund. Doch selbst wenn nicht immer alle Merkmale hundertprozentig erfüllt sind, hat das Spiel seine Berechtigung im Unterricht.

Es gibt viele gute Gründe, Spiele im Unterricht einzusetzen

Das Spiel bietet Raum, um soziale Kompetenzen zu fördern. Es ist ein „Medium sozialer Lernprozesse“ (Heimlich, Ulrich, a.a.O. [S. 52]). Schüler handeln und treten miteinander in Interaktion, innerhalb des Spiels (Rollenspiele, Teamspiele) und auf der Metaebene (Spielregeln durchsetzen bzw. abändern, gemeinsam Strategien entwerfen). Dabei werden besonders „Empathie, Rollendistanz, Ambiguitätstoleranz und Identitätspräsentation“ (Heimlich, Ulrich, a.a.O. [S. 53]), sowie kommunikative Kompetenzen und Misserfolgstoleranz entwickelt.

Außerdem fördert das Spielen die Selbsttätigkeit der Schüler und damit ihre Selbstständigkeit und ihr Verantwortungsbewusstsein. Spielend stehen die Schüler im Fokus: Jedes einzelne Ich muss oder hat Gelegenheit sich einzubringen. Wenn die Lehrkraft mitspielt, wird der Aufbau einer wertschätzenden Beziehung unterstützt, welche sich langfristig wiederum positiv auf das Unterrichtsklima und den Lernerfolg auswirkt.

Spiele bieten zudem die Möglichkeit zur gezielten Schülerbeobachtung durch die Lehrkraft. Aber auch einzelne Schüler können als angeleitete Beobachter den Blick für bestimmte Situationen schärfen. Und danach gezieltes Feedbackgeben und -nehmen trainieren.

Schließlich bieten sich im Spiel vielfältige Möglichkeiten zum Üben, Vertiefen und Anwenden von Kenntnissen und Fertigkeiten. Dabei kann es sich nach Ulrich Heimlich um Reproduktion (z. B. Puzzel, Quizspiele), Reorganisation (z. B. selbstentwickelte Brettspiele, Rollenspiele) oder um Transferleistungen (z. B. Simulations- und Planspiele) handeln. Hier findet auch die Kreativität ihren Entwicklungsspielraum (Heimlich, Ulrich, a.a.O. [S. 186 ff.]).

Ordnung in der Spielzeugkiste: eine Kategorisierung

Die Vielfalt der Spiele ist grenzenlos: Hilbert Meyer erstellt einen umfassenden Überblick der verschiedenen Spielarten. Er unterscheidet drei Kategorien: Interaktionsspiele, Simulations-spiele und szenisches Spiel (Meyer, Hilbert, a.a.O. [S. 346 ff.]).

  1. Interaktionsspiele: Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass es nur Mitspieler und keine Zuschauer gibt. Dabei sind Regeln teils weniger wichtig (z. B. Spielen mit Spielzeug oder auf dem Spielplatz), teils jedoch sehr wichtig (z. B. Sport- und Mannschaftsspiele, Gesellschaftsspiele). Lernspiele, die in allen Unterrichtsfächern zu finden sind, gehören in diese Kategorie.
  2. Simulationsspiele: Sie lassen sich in Rollen- und Planspiele unterteilen. Während die ersten an Haltungen und Einstellungen arbeiten, verlangen die zweiten Entscheidungen von den Spielern. Der Aspekt des Handelns in einer Scheinwelt tritt besonders in den Vordergrund und damit die Möglichkeit, Verhaltensweisen auszuprobieren und deren Wirkung zu testen. Hier ist möglich, was in der Realität ohne folgenschwere Konsequenzen nicht denkbar ist: Grenzen übertreten, anecken. Besonders Jugendliche in der Adoleszenz profitieren von diesen Spielen, da sie die Entwicklung eines eigenen Selbstbildes, Wertvorstellungen und Rollenverhaltens — also einer eigenen Identität — unterstützen.
  3. Szenisches Spiel: Grundlegendes Merkmal für das szenische Spiel ist das Vorhandensein von Zuschauern. Damit finden sich alle Arten von Aufführungen, wie beispielsweise Bühnentheater, Musicals oder Hörspiele in dieser Kategorie. Besonders die Unterrichtsfächer Deutsch, Fremdsprachen und Musik machen gern von diesen Spielen Gebrauch. 

Literaturhinweise:

Flitner, Andreas: Spielen — Lernen, Praxis und Deutung des Kinderspiels. Weinheim, Basel 1998(11)

Heimlich, Ulrich: Einführung in die Spielpädagogik. Bad Heilbrunn 2015 (3)

Meyer, Hilbert: Unterrichtsmethoden Praxisband. Berlin 1987

Müller-Hoffmann, Sandra: 66 Spielideen Erdkunde. Augsburg 2015

Oerter, Rolf: Psychologie des Spiels: ein handlungstheoretischer Ansatz. München 1993

Von S—XL: Von der Spielphase zur Theateraufführung

So flexibel das Spiel an sich ist, so flexibel ist auch der Einsatz. Die Unterteilung in Spielphasen, -stunden und -projekte  sowie Pausenspiele, Spielhofgestaltung und Spielfeste, wie sie Ulrich Heimlich trifft, gibt einen sinnvollen Gliederungsrahmen (Heimlich, Ulrich, a.a.O. [S. 183 f.]).

  1. Größe S: Spielphasen: In allen Unterrichtsphasen können spielerische Methoden zum Einsatz kommen. Spielerische Einstiege führen besonders motivierend an Unterrichtsin-halte heran. In Erarbeitungs-, Sicherungs- und Übungsphasen können ebenfalls Spiele eingesetzt werden. Spielerische Hausaufgabenstellungen sind ebenso möglich wie spielerische Transfer- und Anwendungsphasen. Eine kurze Spielphase kann aber auch als Auflockerung oder zur Konzentrationsförderung den eigentlichen Unterrichtsablauf bewusst unterbrechen. Hierfür eignen sich u. a. Energizer (Bewegungs-, Konzentrations-, Entspannungsspiele) und in der 5. und 6. Jahrgangsstufe bzw. im Fach Musik das Singen von Liedern.  
  2. Größe M: Spielstunden: Neben dem Sportunterricht, in dem Spielstunden selbstverständlich dazugehören, sind diese auch in allen anderen Fächern denkbar. Übungsstunden können z. B. mit Lerntheken oder Stationen, bestehend aus verschiedenen Spielen, kurzweilig gestaltet werden. Eine weitere Möglichkeit, eine ganze Unterrichtsstunde mit Lernspielen zu füllen, besteht darin, die Schüler selbst Spielideen entwerfen zu lassen und diese dann auszuprobieren (Quizspiele, Rätsel). Rollenspiele, aber auch szenische Spiele, wie z. B. Standbilder, sind ebenfalls über 45 oder 90 Minuten planbar.
  3. Größe L: Spielprojekte: Typische Spielprojekte, die über mehrere Unterrichtsstunden gehen, sind Rollen- und Planspiele sowie Aufführungen. Manchmal bietet es sich an, Ergebnisse in einer weiteren Unterrichtsstunde ausführlich zu präsentieren. So wird z. B. aus einem Mystery ein Spielprojekt.  
  4. Größe XL: Pausenspiele, Spielhofgestaltung, Spielfeste: Diese Spiele sprengen den Klassenrahmen und stehen Schülern der ganzen Schule zur Verfügung. Beispiele sind die Bewegte Pause, Tischtennisplatten oder Schachflächen im Pausenhof oder Musical- und Schultheateraufführung.

Auswahl  und Vorbereitung von Spielen im Unterricht

Nicht alle Spiele eigenen sich für alle Unterrichtsinhalte und -phasen oder für alle Jahrgangsstufen. Die Vorbereitungs- und Durchführungsdauer eines Spiels muss im Vorfeld bedacht werden ebenso wie die gezielte Auswahl für die jeweilige Klasse.

Spielunerfahrene Lerngruppen (und auch Lehrer) dürfen nicht mit komplexen Anweisun-gen und Regeln überfordert werden. Je mehr Selbstdisziplin die Schüler zeigen, desto weniger Spielführung und mehr Spielraum verträgt die Klasse.

Besonders praktisch ist der Einsatz von Spielen, die keinerlei Vorbereitung oder Material benötigen, wie es z. B. bei vielen Energizern der Fall ist. Meistens ist es aber notwendig, dass die Lehrkraft im Vorfeld Spiel- oder Rollenkarten, Arbeitsblätter, Bilder, Würfel etc. bereitstellt. Spielanleitungen müssen gut bedacht und eventuell sogar gedruckt werden, Spielregeln sollten einfach sein und es darf nur wenige geben (optimal: nicht mehr als drei Regeln). Wenn Gruppen gebildet werden müssen, können diese per Zufall, von den Schülern selbstständig nach Sympathie oder von der Lehrkraft geplant zusammengesetzt werden. Es gibt viele verschiedene Gruppenbildungsmethoden, die kurzweilig sind, Spaß machen und oftmals Energize-Charakter aufweisen.

Organisation und Durchführung der Spiele

Sitzordnung und Raumeinteilung sollten ebenfalls nicht dem Zufall überlassen werden. Viele Spiele bedürfen einer besonderen Sitzkonstellation oder es wird viel Freiraum benötigt. In diesem Fall kann es einfacher sein, auf dem Gang, im Hof oder in der Aula zu spielen, anstatt alle Bänke und Stühle zur Seite zu räumen. Schüler verlassen das Klassenzimmer üblicherweise sehr gern, da es eine Abwechslung vom Alltag ist.

Kommentare im Lehrerzimmer:

Spielen gehört nicht in die Schule — und schon gar nicht in die Sekundarstufe!
Spielen ist nur Zeitvertreib!
Spielen wird mit der Zeit auch langweilig!
Vor den Weihnachtsferien kann man ja mal spielen!
Spielen schafft Chaos!
In Spielstunden macht eh jeder, was er will!

Erst nachdem der Lehrer das Spiel, die Regeln und den Ablauf erklärt hat, werden Gruppen gebildet, die Sitzordnung verändert und Material ausgeteilt. Bei komplexen Spielen ist es hilfreich, die Regeln — auch während der Spielphase — zu visualisieren. Ein kurzer Sicherheitscheck schließt Un- oder Missverständnisse aus: Wer weiß nicht genau, was er nun tun muss? Ein Schüler kann daraufhin den Spielablauf in eigenen Worten wiederholen. Bei komplexen Spielregeln bzw. jüngeren Kindern ist es vorteilhaft, nicht alle Regeln vor Beginn zu klären, sondern diese peu à peu im Spiel zu ergänzen.  

Die Teilnahme an einem Spiel sollte immer freiwillig erfolgen, da unter Zwang nicht gespielt werden kann. Wenn Schüler auch nach Ermutigung nicht mitspielen wollen, so sollte diese Entscheidung respektiert werden. Sicher gibt es Möglichkeiten, diese Kinder zwischenzeitlich mit sinnvollen Aufgaben zu beschäftigen. Sie können auch eine Beobachterrolle (mit konkretem Beobachtungsauftrag) einnehmen und nach dem Spielablauf der Klasse Feedback geben. Und: Der Lehrer spielt, wenn irgend möglich, mit.

Präsentation und Reflexion

Produktorientierten Spielen sollte unbedingt eine Präsentationsphase folgen. Der Stolz auf ein kreatives Ergebnis und die Anerkennung, die dafür erfahren wird, tragen zur Stärkung des Selbstwertes bei und verstärken die gesamte Spielphase positiv. Dass sich dafür spielerische Präsentationsmethoden besonders gut eignen, versteht sich von selbst.

Jedem Spiel sollte eine Reflexionsphase folgen. Dabei ist deren Ausführlichkeit von der Spieldauer und dem Spieleinsatz abhängig. Einem kleinen Energizer leistet eine kurze „Daumenprobe“ (dieses Spiel gefällt mir/nicht: Daumen hoch/runter) Genüge; ein Spielprojekt fordert ein ausführliches Feedback durch die Teilnehmer ein. Dafür können z. B. Fragebögen zur schriftlichen Beantwortung, spielerische Feedbackmethoden oder aber ein fragengeleitetes Unterrichtsgespräch eingesetzt werden. Folgende Schlüsselfragen können dabei hilfreich sein:

  • Hat dir dieses Spiel gefallen? Begründe.
  • Möchtest du dieses Spiel wieder einmal spielen? (Daumenprobe oder Ampelkarte)
  • Beschreibe Abläufe, die dir leicht gefallen sind.
  • Was hast du Neues gelernt oder über dich erfahren?
  • Beschreibe Beispiele guter Zusammenarbeit.
  • Wann wurde es schwierig? Nenne Ursachen dafür. Wie hast du dich/die anderen sich in dieser Situation verhalten?

Spielverderber: Disziplinprobleme

Auch Spielen im Unterricht will gelernt sein, deswegen ist es sinnvoll, spielerische Methoden langsam, mit einfachen, kurzen Spielen einzuführen. Neben den Spielregeln sorgen Verhaltensregeln für einen geordneten Ablauf. Diese können vorab visualisiert und bei jeder Spielphase erneut in Erinnerung gerufen werden.

Die Lehrkraft sollte der Klasse erklären, dass der Einsatz von Spielen keine Notwendigkeit im Unterricht ist, dass der Lehrer gern verschiedene Spiele einsetzen, dies aber nur in einer produktiven, wertschätzenden Atmosphäre tun möchte. Dementsprechend müssen Spiele abgebrochen werden, wenn es zu disziplinären Schwierigkeiten kommt. Den Schülern muss im Nachhinein klar sein, welches Verhalten dazu geführt hat. Ursachen für das störende Verhalten sollten hinterfragt werden. Zwischengespräche haben oft einen nachvollziehbaren Grund, wie z. B. eine unklare Spielanweisung oder eine ungeeignete Spielauswahl. In einer der folgenden Unterrichtsstunden wird erneut gespielt, aber nicht ohne vorher eine klare Verhaltenserwartung zu definieren.

Ein zügiger, dynamischer Spielablauf und die Bekräftigung von positivem Schülerverhalten durch wertschätzende Rückmeldungen wirken Disziplinstörungen bereits präventiv entgegen.

Sandra Müller-Hoffmann

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