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Stationenlernen

Statt lehrerzentriertem Unterricht eigenverantwortliches Lernen

Stationenlernen als eine Form des offenen Unterrichts fördert allein schon durch die Struktur das eigenverantwortliche Lernen der Schüler und bietet gleichzeitig die Möglichkeit der Binnendifferenzierung. Ein Lernangebot, das den zunehmend heterogenen Lerngruppen in der Sekundarstufe I adäquat begegnen kann.

Stationenlernen: Statt lehrerzentriertem Unterricht eigenverantwortliches Lernen Stationenlernen ermöglicht selbstständiges und eigenverantwortliches Lernen © Woodapple - Fotolia.com

Das deutsche Bildungssystem bemühte sich lange Zeit, mithilfe von Maßnahmen der äußeren Differenzierung möglichst homogene Lerngruppen zu schaffen. Aber stellen wir uns doch einmal eine typische sechste Klasse der Haupt- oder Realschule vor — wie würde diese aussehen? — Der erste Schüler bringt ein umfangreiches Vorwissen aus der Grundschule oder von seinen älteren Geschwistern mit, ein zweiter Schüler ist grundsätzlich unruhig und unkonzentriert, ein dritter Schüler erhält keinerlei Unterstützung in schulischen Dingen von seinen Eltern, ein vierter Schüler hat eine leichte Hörschwäche, ein fünfter Schüler ist sozial auffällig und ein sechster Schüler hat eine körperliche Beeinträchtigung und damit große Schwierigkeiten beim Schreiben. In dieser Klasse sollen nun alle zur gleichen Zeit und im gleichen Tempo das Gleiche lernen? Was würde man beobachten können?

Auf jeden Fall würden die unterschiedlichen Bedürfnislagen der Schüler in einem derart „im Gleichschritt“ gestalteten Unterricht nur unzureichend berücksichtigt und effektive Lernerfolge für alle Schüler wären nur schwer erreichbar. Darüber hinaus fordern fast alle heutigen Schulgesetze Formen der individuellen Förderung. Die Lehr-Lern-Arrangements müssen sich somit zwangsläufig verändern.

Die Methode des Stationenlernens ist eine gute Möglichkeit, den pädagogischen Vorgaben, aber auch der Individualisierung des Unterrichtes gerecht zu werden, da sie aufgrund ihrer Struktur nicht nur eine Öffnung der Unterrichtsstruktur bietet, sondern sich hierbei auch relativ einfach Formen einer inneren Differenzierung implementieren lassen.

Merkmale des Stationenlernens

 „Lernen an Stationen bezeichnet die Arbeit mit einem aus verschiedenen Stationen zusammengesetzten Lernangebot, das eine übergeordnete Problematik differenziert entfaltet.“ (Lange, Dirk: Lernen an Stationen. In: Praxis Politik, Heft 3/ 2010. Braunschweig 2010, S. 4) Schon an dieser Stelle wird offensichtlich, dass für diese Methode unterschiedliche Begriffe verwendet werden. Jedem Terminus wohnt eine (mehr oder weniger) anders geartete organisatorische Struktur inne.

In den meisten Fällen werden die Begriffe „Lernen an Stationen“ und „Stationenlernen“ synonym verwendet. Hiervon werden die Lernstraße oder der Lernzirkel unterschieden. Bei diesen beiden Varianten werden in der Regel eine festgelegte Reihenfolge sowie die Vollständigkeit des Durchlaufs aller Stationen verlangt. Daraus ergibt sich zwangsläufig (rein organisatorisch) auch eine festgelegte Arbeitszeit an der jeweiligen Station. Eine weitere Unterscheidung bietet die Lerntheke, an welcher sich die Schülerinnen und Schüler mit Material bedienen können, um anschließend wieder (meist eigenständig) an ihren regulären Plätzen zu arbeiten.

Von diesen Formen soll das „Lernen an Stationen“ bzw. das „Stationenlernen“ abgegrenzt werden. Diese Unterrichtsmethode ist hier als ein unterrichtliches Verfahren zu verstehen, bei dem der unterrichtliche Gegenstand so aufgefächert wird, dass die einzelnen Stationen unabhängig voneinander bearbeitet werden können — die Schüler können die Reihenfolge der Stationen somit eigenständig bestimmen. Sie allein entscheiden, wann sie welche Station bearbeiten wollen. Damit arbeiten die Lernenden weitgehend selbstständig und eigenverantwortlich (bei meist vorgegebener Sozialform, welche sich aus der Aufgabenstellung ergeben sollte). Um der Heterogenität Rechnung zu tragen, werden neben den Pflichtstationen, die von allen bearbeitet werden müssen, Zusatzstationen angeboten, die nach individuellem Interesse und Leistungsvermögen ausgewählt werden können.

Aufgrund der Auffächerung des Gegenstandes in unterschiedliche Schwerpunkte und der Unterteilung in Pflicht- und Zusatzstationen, bietet es sich an, bei der Konzeption der einzelnen Stationen unterschiedliche Lernzugänge zu verwenden.

Leistungsanspruch und Leistungsfähigkeit berücksichtigen

Gehen wir von den zu erwartenden unterschiedlichen Fähigkeiten und Neigungen der Schüler aus, so sollte vor allem der Leistungsanspruch an der zu erwartenden Leistungsfähigkeit der Schüler der jeweiligen Schulform ausgerichtet sein. Nur so kann man dem Anspruch der grundlegenden bzw. erweiterten allgemeinen Bildung gerecht zu werden.

Verschiedene Lernkanäle und Helfersysteme nutzen

Um allen Schülern gerecht zu werden bietet sich bei der Durchführung eines Stationenlernens an, auch unterschiedliche Lerneingangskanäle als inhaltliche Zugänge zu einem Lerngegenstand zu nutzen. Gerade hier ist es sinnvoll, ein- und denselben unterrichtlichen Gegenstand beispielsweise textlich visuell, bildlich visuell, audiovisuell oder auditiv anzubieten. Der Schüler hätte in diesem Fall die Möglichkeit, das Material nach seinem individuellen Lernvermögen auszuwählen, unter der Prämisse, einen dieser Zugänge zu bearbeiten. Bei leistungsstärkeren Schülern (Realschulniveau) ist der Grad der Selbstständigkeit i. d. R. höher einzuschätzen, sodass ein Stationenlernen stärker auf Aspekte der Selbstkontrolle der Lernergebnisse aufbauen kann. Auf Hauptschulniveau muss das Augenmerk stärker auf Helfersysteme gelegt werden.

Solche Helfersysteme können einerseits die Verantwortlichkeit der Schüler stärken: Die Schüler, die eine Station schon erarbeitet haben und sich bei diesen Inhalten sicher fühlen, können sich als Unterstützer für diese Station für die Schüler anbieten, die hier Schwierigkei-ten haben. Andererseits wäre es auch denkbar, dass die Lehrkraft ergänzend unterstützende Hinweise für einzelne Stationen auslegt, die sich die Schüler holen dürfen, die Hilfe benötigen. Solche Hinweise können Begriffserklärungen, Denkanstöße, weitere Beispiele o. Ä. beinhalten. Zu berücksichtigen ist dabei auch der Umstand, dass solche Helfersysteme immer mehrere Funktionen erfüllen können und somit nicht nur fachliches, sondern vor allem auch soziales Lernen ermöglichen können.

Ablauf des Stationenlernens

Für die Gestaltung und Konzeption eines Stationenlernens ist es entscheidend, dass sich der unterrichtliche Gegenstand in verschiedene Teilaspekte aufschlüsseln lässt, die in ihrer zu bearbeitenden Reihenfolge unabhängig voneinander sind. Damit darf jedoch die abschließende Bündelung nicht unterschlagen werden. Es bietet sich daher an, eine übergeordnete Problematik oder Fragestellung an den Anfang zu stellen, welche zum Abschluss (dieser ist von der methodischen Reflexion zu unterscheiden) erneut aufgegriffen wird.

Der eigentliche Ablauf lässt sich in der Regel in vier Phasen unterteilen:

  1. Die thematische und methodische Hinführung — hier wird den Schülern einerseits eine inhaltliche Orientierung geboten und andererseits der Ablauf des Stationenlernens erklärt. Sinnvoll ist es an dieser Stelle gemeinsam mit den Lernenden die Vorteile, aber auch mögliche Schwierigkeiten der Methode zu besprechen.
  2. Hierauf folgt ein knapper Überblick über die eigentlichen Stationen — dieser Überblick sollte ohne Hinweise der Lehrperson auskommen. Rein organisatorisch ergibt es daher Sinn, den jeweiligen Stationen feste (für die Lernenden nachvollziehbare) Plätze im Raum zuzugestehen.
  3. In der sich anschließenden Arbeitsphase erfolgt ein weitgehend selbstständiges Lernen an den Stationen. In dieser Phase können — je nach Zeit und Bedarf — Plenumsgespräche stattfinden. Zur weiteren Orientierung während der Arbeitsphase sollten zusätzliche Materialien, wie Laufzettel, Arbeitspässe, Fortschrittslisten o. Ä. verwendet werden. Diese erleichtern den Ablauf und geben den Lernenden eine individuelle Übersicht über die bereits bearbeiteten und noch zur Verfügung stehenden Stationen. Bei einem solchen Laufzettel sollte auch eine Spalte für weitere Kommentare, welche später die Reflexion unterstützen können, Platz finden. Darüber hinaus kann von den Schülern ein Arbeitsjournal, ein Portfolio oder auch eine Dokumentenmappe geführt werden, um Arbeitsergebnisse zu sichern und den Arbeitsprozess reflektierend zu begleiten. Ein zuvor ausgearbeitetes Hilfesystem kann den Ablauf zusätzlich unterstützen, indem Lernende an geeigneter Stelle Hilfe anbieten oder einfordern können.
  4. Am Ende schließt sich eine Reflexionsphase auf inhaltlicher und methodischer Ebene an.

Rolle der Lehrkraft beim Stationenlernen

Als allererstes ist die Lehrperson — wie bei fast allen anderen Unterrichtsmethoden auch — „Organisator und Berater von Lernprozessen“ (ebenda, S. 6). Sie stellt ein von den Lernenden zu bearbeitendes Material- und Aufgabenangebot zusammen. Der zentrale Unterschied liegt jedoch darin, dass sie sich während des eigentlichen Arbeitsprozesses aus der frontalen Position des Darbietens zurückzieht.

Die Lehrkraft regt vielmehr an, berät und unterstützt. Dies bietet dem Lehrer viel stärker die Möglichkeit, das Lerngeschehen zu beobachten und aus der Diagnose Rückschlüsse für die weitere Unterrichtsgestaltung sowie Anregungen für die individuelle Förderung zu ziehen. „Insgesamt agiert die Lehrperson somit eher im Hintergrund. Als ‚invisible hand’ strukturiert sie das Lerngeschehen.“ (ebenda)

Vor- und Nachteile des Stationenlernens

Die Schüler übernehmen eine viel stärkere Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess und können somit (langfristig!) selbstsicherer und eigenständiger im, aber auch außerhalb des Unterrichts agieren. Diese hohe Eigenverantwortung bei zurückgenommener Anleitung durch die Lehrperson kann jedoch zu einer Überforderung oder mangelnden Mitarbeit aufgrund der geringen Kontrolle führen. Beidem muss zielgerichtet begegnet werden, sei es durch die schon erwähnten Hilfestellungen oder durch eine (spätere) Kontrolle der Ergebnisse.

Eine Stärke des Stationenlernens besteht eindeutig in der Individualisierung des Unterrichtsgeschehens — die Lernenden selbst bestimmen Zeitaufwand und Abfolge der Stationen. Darüber hinaus können die unterschiedlichen Lerneingangskanäle sowie eine Differenzierung in Schwierigkeitsgrade als Ausgangspunkt des Lernprozesses genommen werden. Die Schüler können damit die ihnen gerade angemessen erscheinende Darstellungs- und Aufnahmeform erproben, erfahren und reflektieren. Damit kann eine heterogene Lerngruppe „inhalts- und lernzielgleich unterrichtet werden, ohne dass die Lernwege vereinheitlicht werden müssen.“ (ebenda S. 6)

Stationenlernen benötigt — rein organisatorisch — als allererstes Platz: Es muss möglich sein, jeder Station einen festen (Arbeits-)Platz zuzuweisen. Die Lehrkraft benötigt darüber hinaus für die Vorbereitung im ersten Moment mehr Zeit — sie muss alle notwendigen Materialien in ausreichender Anzahl zur Verfügung stellen und das heißt vor allem: Sie benötigt Zeit für das Kopieren. Für den weiteren Ablauf ist es sinnvoll, Funktionsaufgaben an die Lernenden zu verteilen — so kann zum Beispiel je ein Schüler für eine Station die Verantwortung übernehmen: Er muss dafür Sorge tragen, dass immer ausreichend Materialien bereit liegen.

Wichtiger jedoch ist die Grundeinstellung der Schüler selbst: Viele Lernende wurden regelmäßig mit lehrerzentriertem Frontalunterricht „unterhalten“ — die Reaktionen der Schüler werden sehr unterschiedlich sein. Eine Lerngruppe wird sich über mehr Eigenverantwortung freuen, eine andere wird damit maßlos überfordert sein, eine dritte wird sich verweigern.

Daher ist es unerlässlich, die Lernenden (schrittweise) an offenere Unterrichtsformen heranzuführen. Sinnvoll ist es daher, mit kleineren Formen des offenen Unterrichts zu beginnen. Dies muss nicht zwingend ausschließlich in einem bestimmten Fachunterricht erfolgen — der Lernprozess einer Klasse sollte auch hier ganzheitlich verstanden werden. Absprachen zwischen den Kolleginnen und Kollegen sind somit auch hier unerlässlich — letztendlich kann im Gegenzug auch wieder das gesamte Kollegium davon profitieren.

In der Summe betrachtet ist die Methode des Stationenlernens somit eine sehr gut geeignete, eine heterogene Schülerschaft lernzieldifferent zu unterrichten und sie am selben Unterrichtsgegenstand arbeiten zu lassen, auch wenn sie augenscheinlich nicht dasselbe tun.

Frank Lauenburg

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