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Voll krass! - Was Jugendliche auf dem Smartphone haben

Es ist schockierend, was Kinder und Jugendliche in den Sozialen Medien zu sehen bekommen. Silke Müller, Schulleiterin und Digitalbeauftragte in Niedersachsen, thematisiert es und lässt ihre Schule damit nicht allein: In der Social-Media-Sprechstunde an ihrer Schule können sich die Kids Belastendes und Beängstigendes von der Seele reden und bekommen Beratung und Hilfe.

: Voll krass! - Was Jugendliche auf dem Smartphone haben Wissen Sie, was in den Chats Ihrer Klassen geschrieben wird? © Fabio Principe - stock.adobe.com

Veröffentlicht am 30.01.2024 – Es ist einfach ein himmelweiter Unterschied, ob man auf medienpädagogischen Seiten wie „klicksafe“ oder „Schau hin, was deine Kinder machen“ z. B. liest, dass die Kinder in den Sozialen Medien Gefahren wie Cybergrooming, Cybermobbing, extremistischem Gedankengut und besonders auch pornographischen Inhalten ausgeliefert sind, oder ob man mit eigenen Augen sieht, was Kinder sehen: Erschreckende und manchmal auch verstörende Bilder, die auch Erwachsene so schnell nicht wieder loslassen und Kinderseelen irreversibel schädigen können.

 

Silke Müller zeigt diese Bilder. In Interviews, in ihrem Buch „Wir verlieren unsere Kinder!“, das im Sommer 2023 die Bestsellerlisten erklomm, oder auch bei Vorträgen, z. B. in Wien am 17.10.2023. Dabei nimmt die Schulleiterin und Digitalbeauftragte in Niedersachsen ihr Publikum mit in die digitale Welt auf den Smartphones der Kinder und Jugendlichen: In eine Welt voller Grausamkeit, Gewalt, (Kinder-)Pornographie und Menschenverachtung in allen Facetten, in der sich die Jugendlichen tagtäglich stundenlang aufhalten.

Wer dem Vortrag der Medienpädagogin folgt, versteht sofort, wie wichtig es ist, die Jugendlichen vor derart belastenden Inhalten in Klassenchats und Sozialen Medien zu schützen. Deshalb hier gleich ein Vorschlag für den alljährlichen Safer Internet Day am 7. Februar 2024: Zeigen Sie Silke Müllers Vortrag den Erziehungsberechtigten und überlegen Sie gemeinsam, wie Sie mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch kommen. Und besprechen Sie mit Ihrem Kollegium, welche Präventionsmaßnahmen an Ihrer Schule sinnvoll sind und wie sich die medienpädagogische Begleitung der SuS verstetigen lässt. Silke Müller steuert dazu eine richtig gute Idee bei, die wir Ihnen am Schluss dieses Textes vorstellen: eine Social-Media-Sprechstunde an der Schule .

Wo sind Kinder und Jugendliche unterwegs?

Zu Beginn ihrer Präsentation (im oben verlinkten Vortrag ab min. 14:35) fasst Silke Müller kurz zusammen, welche Apps bzw. Social-Media-Plattformen die Kinder aktuell nutzen. So werden beispielsweise YouTube und WhatsApp mehr und mehr von TikTok und Snapchat verdrängt (Stand Januar 2024). Solche Entwicklungen bilden die regelmäßigen Studien zum Medienverhalten von jungen Usern (vgl. JIM- oder KIM-Studien) meist nur mit zeitlicher Verzögerung ab: Oft ist dann der Abstand zwischen den Studien (KIM erscheint alle 2 Jahre) oder auch nur zwischen Befragung und Publikation der Auswertung (bei der jährlichen JIM-Studie) so groß, dass die Jugendlichen längst ganz andere Apps oder Social-Media-Plattformen nutzen, wenn die Studie erscheint. Das erschwert es Lehrkräften und Erziehungsberechtigten, rechtzeitig auf mögliche Gefahren durch diese Plattformen und Apps zu reagieren.

Deshalb ist es aus medienpädagogischer Sicht auch wichtig, bezüglich der tatsächlich genutzten Sozialen Medien auf dem Laufenden zu bleiben. Zum Beispiel indem Lehrkräfte die aktuellen Trends an der Schule erfragen oder Eltern ihren Kindern beim Surfen im Netz über die Schultern schauen.

Riskante Momentaufnahmen mit Snapchat und BeReal

Snapchat ist laut Müller bei Kindern der weltweit beliebteste Messenger-Dienst, über den sie kommunizieren und Bilder und Videos hin- und herschicken, die sie mit Filtern und Effekten verfremden können. Doch Achtung! Hier können Kinder auch direkt von Fremden angeschrieben werden, wenn die entsprechenden Sicherheitseinstellungen nicht vorgenommen wurden. Wie das geht und worauf Eltern bei der Einrichtung achten sollten, fasst dieser Beitrag bei [!] SCHAU HIN zusammen.

BeReal ist eine App zum Austausch von Momentaufnahmen, zu denen die Nutzenden einmal pro Tag zu einem nicht festgesetzten Zeitpunkt per Benachrichtigung aufgefordert werden: „Mach JETZT ein Foto, egal, wo du bist!“ Das Foto muss dann innerhalb der nächsten zwei Minuten geschossen werden. Die Kamera löst dabei vorne und hinten aus, d. h., man sieht das Selfie und gleichzeitig die Umgebung bzw. den Ort, wo es aufgenommen wurde. „Es ist so krass, dass Kinder ganz plötzlich auf die Toilette müssen im Unterricht. Unmerklich das Handy nehmen (...) und wollen dann dieses Foto machen“, sagt Silke Müller. Es sei eine regelrechte Sucht. „Dadurch entstehen (...) ganz viele Toilettenfotos grade von Schultoiletten, weil man da ja heimlich fotografieren kann“, da helfe auch kein Handyverbot in der Schule.

Starker Tobak: REALE Gewalt auf TikTok & Co.

Die Medienpädagogin warnt hier besonders vor TikTok, für sie das „schlimmste Netzwerk“ und eine „Riesenkatastrophe“ (ab min 17:41). Viele der Kurzvideos seien „nicht mehr normal“: „Das ist menschenverachtend, das ist grausam, das ist brutal, es ist oftmals sehr, sehr pornografisch, und es gleicht auch teilweise Folter“, so die Medienpädagogin.

Jugendliche müssen solche Inhalte nicht zwingend aktiv suchen, sondern stoßen womöglich in den sogenannten „For-You-Feeds“ darauf: Der Algorithmus erfasst eine Vielzahl von Faktoren des Verhaltens der Nutzenden und macht auf Grund dieser Vorschläge zu mehr Videos. Weitere Faktoren für die Auswahl sind auch Trend-Themen und welche Videos in der Peer-Group bereits konsumiert worden sind.

Dabei ist es nicht unüblich, dass die kurzen Videos schneller viral gehen, als dass sie von der Plattform moderiert werden können. Wobei die Moderation von Social-Media-Inhalten ein eigenes problematisches Thema darstellt.

Dadurch werden Kindern und Jugendlichen auch Kurzvideos über aktuelle Ereignisse angezeigt, z. B. dem Überfall der Hamas auf Israel am 7.10.2023. Die Videos sind schockierend und gewaltsam. Man kann kaum glauben, dass sie echt sind.

Kinder sehen (Kinder-)Pornografie – und verbreiten sie!

Ab min 18:47 zeigt Silke Müller den „klassischen WhatsApp-Verlauf einer 8. Klasse“. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt von Postings, die innerhalb von zwei Minuten im Chat verteilt wurden. Hier sieht man

  • rassistische und einem homophobe Memes
  • ein Foto mit einem nackten Mann, dessen erigierter Penis in einem Kürbis steckt
  • ein Foto mit einer kinderpornographischen Gewaltszene

Dieser WhatsApp-Verlauf sei „symptomatisch für Schülerinnen oder Schüler[-Chatgruppen, Anm. d. Red.], egal in welcher Schulform, egal von welchem Bildungsgrad und egal, wie man denkt, mein Kind ist da nicht von betroffen“, betont Silke Müller in ihrem Vortrag.

Und wer glaubt, dass Pornografie für Kinder noch kein Thema ist, liegt falsch: „Sexuelle Ersterfahrungen bei Kindern und Jugendlichen beginnen ganz oft schon im frühkindlichen Alter und bevor die ersten Erfahrungen körperlicher Natur im Kinderzimmer gemacht wurden“, erläutert die Medienpädagogin. Für die Kinder ist es schwer, sich dem zu entziehen, denn oft werde pornographischer Content von Gleichaltrigen verteilt: „Die meisten derer, die im Moment kinderpornographisches Material verteilen, das sind Kinder selber“, sagt Silke Müller, und das ist ein schwerwiegender Straftatbestand. Der diesjährige Safer Internet Day steht unter dem Motto „Let’s talk about Porno“ und bietet Gelegenheit, und direkt übernehmbare Unterrichtsmaterialien, um vielfältige Aspekte dieses in den Sozialen Medien omnipräsenten Themas aufzugreifen.

Social-Media-Sprechstunde für die Kinder

Cybermobbing in einer neuen Dimension, z. B. durch KI-Tools, mit denen sich ganz leicht Fotos faken lassen. Pädophile Erwachsene, die sich als Gleichaltrige tarnen und z. B. die Kinder dazu nötigen, Nacktbilder zu verschicken oder bei einer Blümchen-Unterhosen-Challenge aufreizend zu tanzen, Tipps, wie man am besten Selbstmord begeht oder an Ecstasy kommt; das und vieles mehr schildert Silke Müller in ihrem Vortrag. Da einige Jugendliche den Lehrkräften zeigten, was da so zu sehen war, und auch mehrere Lehrkräfte in den sozialen Medien unterwegs sind, verstand das Kollegium frühzeitig, welch großes Gefährdungspotenzial diese Plattformen für die SuS mit sich bringen. Und so hat Silke Müller mit ihrem Team an ihrer Schule eine Social-Media-Sprechstunde etabliert, wo die Kinder über ihre belastenden Erlebnisse bei TikTok, WhatsApp & Co reden und sich Rat und Hilfe holen können.

Im ganzen Schulhaus hängen viele Plakate, die diese Social-Media-Sprechstunde bewerben, erzählt Silke Müller im Wiener Stadtgespräch (ab min 50:53): Da steht dann z. B. „Oh Gott, ich hab was gesehen, ich kann davon nicht schlafen“ oder „Boah, es gibt Dinge, die ich meinen Eltern niemals sagen kann“, und drunter die Einladung zur wöchentlichen Sprechstunde mit Ort und Zeit. Die Kinder können sich dann z. B. per E-Mail zu einem vertraulichen Gespräch mit dem beratenden Lehrer anmelden. „Und das machen die Kinder“, erzählt Silke Müller, „die nehmen es sehr, sehr dankbar an, weil sie hilflos sind, zum Teil mit dem, was sie sehen“ oder auch weil sie nicht weiter wissen wegen etwas, was sie selbst gemacht haben.

Mit den Jugendlichen über ihr Nutzungsverhalten und über ihre negativen Erlebnisse im Netz ins Gespräch kommen und mit dem Kollegium und Eltern die Einführung einer schuleigenen Social-Media-Sprechstunde anstoßen, wäre das nicht auch eine überaus sinnvolle Aktivität für den Safer Internet Day 2024?

Martina Niekrawietz


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