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Tipps für Elternarbeit

Inklusive Elternarbeit (nicht nur) an einer Brennpunktschule

Inklusive Schulen beziehen auch die Eltern mit ein. Wie das in einer Brennpunktschule mit 99 Prozent Migrationsanteil gelingen kann, zeigt die Nordmarkt-Schule in Dortmund.

Tipps für Elternarbeit: Inklusive Elternarbeit (nicht nur) an einer Brennpunktschule Eine Schule für alle: Kinder UND Eltern © oksix - stock.adobe.com

Alma Tamborini leitet die Nordmarkt-Schule in der Dortmunder Nordstadt, einem „Zuwanderungsstadtteil seit jeher“ (ebd.), sagt sie in einer Video-Präsentation ihrer Schule. Ihr Kollegium betreut 419 Kinder aus 34 Nationen mit 99 Prozent (!) Migrationsanteil. 

Etwa die Hälfte der Kinder kommt nur unregelmäßig zur Schule, oft sind „Grundbedürfnisse nicht erfüllt“, die Kinder haben z. B. Hunger oder keine witterungsangemessene Kleidung. 93,3 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben keine oder nur rudimentäre Deutschkenntnisse. Viele Eltern nehmen „nicht am Schulleben teil“, und überhaupt ist die Kommunikation mit ihnen „sehr herausfordernd“, etwa wegen Sprachbarrieren oder „Schwellenängsten der Familien“, d. h., dass sie „Schulen eher ungern betreten“, erzählt Frau Tamborini. 

Und trotz dieser schwierigen Voraussetzungen lautet die Devise „Eine Schule für alle Kinder UND für alle Eltern“. Doch wie kann das gehen? Die Leuchtturmschule hat probate Antworten gefunden, wie der folgende Beitrag zeigt. 

Vorschulgruppen: Eltern möglichst früh hereinholen

Das Kollegium der Schule versucht, die Eltern „nach Möglichkeit schon vor Schuleintritt“ ihrer Kinder „an die Schule [zu] holen“. Das gelingt am besten mithilfe von attraktiven Betreuungsangeboten für die Kleinen und Kleinsten. Sie entlasten die Eltern und können zwanglos genutzt werden: Für Kinder von 1 bis 4 Jahren gibt es die sogenannte „Kinderstube“, wo die Kleinen von Tagesmüttern beaufsichtigt werden. Und die Kinder, die mit fünf Jahren keinen Kindergartenplatz haben, besuchen eine der beiden „Pinguingruppen“. So werden die oft drei, vier oder fünf Kinder einer Familie komplett in einer der Vorschulgruppen und/oder in den Schulklassen betreut. Auf diese Weise haben die Kinder einen guten Start, und Eltern und Kollegium lernen sich über die Jahre immer besser kennen und ziehen an einem Strang.

Erst essen, dann lernen

Nur wenn die Grundbedürfnisse gestillt sind, können Kinder lernen. Doch oft fehlt es den Kindern der Nordmarkt-Schule am Nötigsten. Viele der Kids bekommen z. B. in der Schule zum ersten Mal eine eigene Zahnbürste und lernen Zähneputzen. Damit kein Kind hungern muss, gibt es morgens für alle ein Frühstück und mittags ein warmes Essen. „Und wenn sie nichts anzuziehen haben oder nur in Sandalen im Winter kommen sollen, dann kommen sie nicht“, so die Erfahrung von Alma Tamborini. Deswegen hat die Schule im Keller neuerdings einen ganzen Raum mit Kleidung für jede Witterung. „Und wenn ein Kind morgens in Sandalen kommt, dann gehen wir runter in den Raum und statten das Kind aus“. Wenn es nötig ist, übrigens auch mit Schulsachen.

„Ein ganz intensives Elternprogramm“

Viele der Eltern haben selbst keine Schule besucht. Deshalb wissen sie oft gar nicht, was Schule ist, wie sie funktioniert, und welche Erwartungen an sie, die Erziehungsberechtigten, gestellt werden. Um diese Lücke zu schließen zu können, sollten die Eltern möglichst regelmäßig in die Schule kommen. An der Nordmarkt-Schule gibt es deshalb ein Elternprogramm mit täglichen Veranstaltungen im „Treffpunkt Café“. „Das ist ein Ort vorne im Forum der Schule, direkt hinter der Eingangstür“, sagt die Schulleiterin, von außen einsehbar, schlicht eingerichtet mit einem Tisch, mit Stühlen und einem Kaffeewagen. Da können Eltern kurz reinkommen, mit Schulsozialarbeiterin einen Kaffee trinken, und so lange bleiben, wie sie möchten. Mit dabei ist – wechselnd an den verschiedenen Wochentagen – jeweils eine Person, die entweder Rumänisch, Arabisch oder eine der weiteren Sprachen spricht, die an der Schule vertreten sind. Ziel ist es dabei ganz einfach, die Eltern mit einem „ganz niederschwelligen“ Angebot dazu zu ermutigen, das Schulgebäude überhaupt auch nur zu betreten. 

Parallel zu diesen zwanglosen Treffen findet täglich auch ein einstündiges Beratungsangebot statt, wo die Eltern beispielsweise beim Ausfüllen von Formularen fürs Jobcenter unterstützt werden oder bei einem Schreiben an den Stromanbieter, der den Strom wegen einer unbezahlten Rechnung gesperrt hat. Danach bietet die Schule Kurse an, die die Eltern auf freiwilliger Basis wahrnehmen können: Montags machen „Sprachmittler“, Angebote in den Familiensprachen. Dienstags und freitags gibt es Deutschkurse, wo die Eltern genauso Deutsch lernen, wie ihre Kinder, zum Beispiel mit Piktogrammen. Am Mittwoch steht ein Deutschkurs nur für Frauen auf dem Programm und donnerstags ein Nähkurs. Später am Mittwoch folgt auch noch ein Alphabetisierungskurs.

METACOM: Elternkommunikation mit Bildsprache

Elternbriefe helfen nichts, wenn – wie an der Dortmunder Nordmarkt-Schule – 30 Prozent der Eltern Analphabeten sind. Besser ist da die Bildsprache, die schulintern mittlerweile gang und gäbe ist. Wenn ein Kind neu eingeschult wird, bekommt etwa jede Familie eine Tasche, unter anderem mit der Telefonnummer der Schule. Sie wird mit Handy-Piktogramm plus Nummer kommuniziert, laminiert und mit Kühlschrankmagnet verteilt. 

Auch die Botschaften von Elternbriefen werden mit Bildsprache rübergebracht: Wenn etwa das Schulessen ab sofort kostenfrei ist, sieht man ein Piktogramm mit Teller, Fleisch und Beilagen, daneben ein Trinkglas und einen Geldschein und zwei Münzen rot durchkreuzt. Die Bilder stammen aus dem Software-Programm „METACOM“, das man für 80 Euro erwerben kann, erzählt die Schulleiterin. „Dort findet man für alle Dinge dieser Welt Piktogramme. Für jedes Wort“, sagt sie. Und weil die Schule in der Dortmunder Nordstadt sehr gut vernetzt ist, arbeiten dort mittlerweile sehr viele Institutionen mit diesen Bildern. Mit der Zeit kennen die Eltern die Piktogramme, was die Kommunikation im Stadtteil erleichtert. 

Die Schule passt sich an 

Inklusion bedeutet, dass die Schule sich an die Schülerinnen und Schüler anpasst. Die Nordmarkt-Schule nimmt darüber hinaus die Eltern und die ganze Familie in den Blick. Und das Kollegium weiß, dass die Kinder – ganz anders als in den meisten deutschen Durchschnittsfamilien – mithelfen müssen. Zum Beispiel wenn sie morgens auf ihre kleinen Geschwister aufpassen müssen und deshalb nicht zur Schule kommen können. Oder wenn sie ihre Eltern morgens zu Behördengängen begleiten und übersetzen müssen. Oder nachts um 1 Uhr noch auf dem Nordmarkt für die Familie einkaufen müssen. Zudem schlafen die Kinder oft mit Geschwistern in einem Bett in sehr beengten Verhältnissen. Das dauert dann, bis die Kinder zur Ruhe kommen, sagt Frau Tamborini (ebd.).

Die Schule hat deswegen den Unterrichtsbeginn von 7:45 Uhr auf 8:30 Uhr verlegt. So ist alles einfacher. Für Eltern und Kinder.

Hingehen!

Obwohl durch die geänderten Anfangszeiten vieles besser geworden ist, fehlen immer noch viele Kinder, wenn morgens der Unterricht beginnt. Dann ist vor allem eines sinnvoll: „Immer nachhause zu den Familien gehen“, sagt Frau Tamborini, „und das machen wir (...) ganz, ganz regelmäßig jeden Tag: Wir gehen hin, wir holen die Kinder ab morgens, wenn sie nicht zur Schule kommen, wir fragen (....), warum kommst du denn nicht, und wenn das Kind dann sagt ‚Ich hab keinen Wecker‘, dann verschenken wir einen Wecker, und den stellen wir sogar schon auf die richtige Uhrzeit, denn ganz oft können die Familien die Uhr einfach nicht lesen.“ 

Die Nordmarkt-Schule ist in vieler Hinsicht ein Extrem-Beispiel. Doch sie zeigt eines ganz klar: Mit den Eltern ins Gespräch kommen bedeutet in sozialen Brennpunkten, die richtige Balance zu finden: zwischen den oft schwierigen Lebensumständen der Familien und den Bedürfnissen und Rechten von Kindern UND ihren Eltern. 

Martina Niekrawietz


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