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Visual Storytelling — Arbeit mit Bildern für bessere Gespräche

Durch Visual Storytelling werden Bilder zu Worten. Ob Team-, Eltern- oder Unterrichtsgespräche, Bilder können als visuelle Impulsgeber dienen, um ins Gespräch zu kommen oder via Bild etwas über sich zu erzählen.

Methoden: Visual Storytelling — Arbeit mit Bildern für bessere Gespräche Ein Stapel Buntstifte kann für jeden Betrachter anders aussehen. Daraus können sich ganz unterschiedliche Geschichten entwickeln © Claudia Omonsky

Eigentlich müsste hier jetzt ein Bild zu sehen sein – denn Sie kennen das Sprichwort: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Die meisten Menschen denken und fühlen in Bildern, die sie in Sprache übersetzen. Denn ein Bild spricht ebenso wie eine Geschichte das limbische System im Gehirn an. Hier liegen Emotionen und Erinnerungen. Eine Geschichte ist darum ideal, um Informationen mit Emotionen zu begleiten und so dafür zu sorgen, dass sie im Gedächtnis bleiben. Ein Bild funktioniert wie eine Metapher, es löst eine kleine eigene Geschichte im Kopf aus – und damit sofort Assoziationen und Gefühle. Bild und Geschichte zusammen ergeben das Konzept des Visual Storytelling, mit dem nahezu alle Werbe- und Marketingfirmen arbeiten und das uns täglich umgibt.

Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass das Gehirn visuelle Informationen 60.000 Mal schneller verarbeitet als Texte. Wenn man dazu noch weiß, dass 90 Prozent aller Informationen an das Gehirn visueller Art sind, so versteht man, wie das Internet mit seiner Flut an Bildinformationen so hervorragend funktionieren kann (vgl. Sammer, Petra & Heppel, UIrike: Visual Storytelling. Heidelberg 2015).

Bilder sprechen lassen

Nicht nur in der Werbung und im Marketing wurde die Kraft der Bilder erkannt. Auch in der Arbeit von Psychologen, Mediatoren und Fortbildnern halten immer mehr Bild-Methoden Einzug. Dabei werden in unterschiedlichen Variationen Bildkarten bereitgestellt und damit Gesprächsimpulse gesetzt. Die Teilnehmer äußern sich dann in der Regel sehr viel leichter und tiefgreifender zu einer bestimmten Thematik. Denn man spricht ja nicht in erster Linie von sich, sondern nimmt ein Foto zum Anlass, über das Bild zu sprechen, im Sinne von „über das Bild zum Sprechen zu kommen“.

Möchte man jemandem ein gutes und vielschichtiges Bild mit Sprache erklären, so bräuchte man viele Worte – darum haben wir alle ein Passbild und nicht nur eine verbale Beschreibung in unserem Pass. Während Sprache sukzessiv, also nach und nach eine Sache erhellt, kann ein Bild wesentlich schneller und quasi auf einen Blick seine Botschaft ausdrücken. Es geht jedoch nicht darum, das Bild möglichst „richtig“ zu lesen (was der Fotograf damit ausdrücken wollte), sondern darum, dass es etwas im Betrachter auslöst, das sich mitteilen lässt.

Welchen Impuls stößt ein Bild im Betrachter an, genau dieses zu verwenden, um eine bestimmte Ausgangsfrage zu beantworten bzw. sich dieser zu nähern? So wird eine Bildkarte Mittel zum Zweck, damit die Beteiligten etwas über sich erzählen können, was ihnen sonst vielleicht sehr viel schwerer gefallen wäre. Man muss nicht lange nachdenken, sondern kann direkt schildern, was das Bild mit einem macht.

Jeder Mensch gibt einem Bild seine eigene Be-Deutung

Diese Methode kann daher auch für Gespräche im schulischen Umfeld von Bedeutung sein: Teamgespräche, Fallgespräche, Elterngespräche usw. bilden einen Gutteil der täglichen Arbeit außerhalb des Unterrichts. Sogar im Unterricht selbst gibt es gute Gelegenheiten, mit den Schülern gemeinsam über Bildkarten in moderierte Gesprächsimpulse zu finden.

Literaturtipps:

Gut, Jimmy/ Kühne-Eisendle, Margit: Bildbar – 100 Methoden zum Arbeiten mit Bildern und Fotos im Coaching, Training, in der Aus-und Weiterbildung, Therapie und Supervision. Bonn 2014

Sammer, Petra & Heppel, UIrike: Visual Storytelling. Heidelberg 2015

Weidemann Bernd & Weidemann Sonja: 75 Bildkarten für Coaching und Beratung. Weinheim 2013

Das Geheimnis liegt darin, dass ein Bild für jeden eine etwas andere Bedeutung hat, für jeden eine etwas verschiedene Wirklichkeit abbildet. Jeder Mensch gibt einem Bild seine eigene Be-Deutung. Und eben diese Deutung bringt die inneren Prozesse und Denkweisen zum Ausdruck und trägt so zur besseren Kommunikation bei.

Im Artikelbild sehen einige Menschen vielleicht ein „buntes und lustiges Häuflein“, während andere „Chaos“ assoziieren. Wieder eine andere Person würde Analogien treffen wie „stumpf, alt“ oder „wacklige Angelegenheit, fragil“. – Es wird deutlich: Die jeweils individuelle Be-Deutung eines Bildes kann wahrgenommen und formuliert werden. Damit schaffen Bilder die Verbindung zwischen Unbewusstem und Bewusstem und helfen weiter, wo Sprache eher hemmend wirkt. Durch den Zugang zu eigenen Gefühlen und Erinnerungen schaffen sie auch einen Weg für die eigenen Ressourcen. Damit kann man als Moderator einen schnellen und effektiven Gesprächseinstieg finden.

Beispiele für die Arbeit mit Bildern

Postkarten: Als Einstieg für Gruppen und zum Kennenlernen geeignet kann man eine Auswahl von schönen Postkarten auf dem Tisch auslegen. Die Teilnehmer erhalten die Aufgabe, sich die Karten anzusehen und nach 20 Sekunden eine Karte zu nehmen, die sie besonders anspricht. Die Teilnehmer kennen die Aufgabe, sich anschließend anhand der Postkarte mit Namen vorzustellen und zu beschreiben, aus welcher Situation sie gerade kommen und welche Erwartungen sie an den Tag/die Veranstaltung/das Gespräch haben. Dabei sollen sie einfließen lassen, warum sie diese Postkarte dafür gewählt haben. Erfahrungsgemäß bietet diese Art des Einstiegs eine gute Möglichkeit zur Selbstoffenbarung, ohne dabei zu forsch zu fragen. Wenn jemand sehr viel von sich erzählen möchte, ist dies ebenso möglich, wie wenn jemand eher weniger preisgeben will. Man erfährt interessante Details aus dem Alltag und der momentanen Lebenssituation und kann im Gespräch daran anknüpfen. Daher eignet sich die Methode besonders gut für ganz neue Gruppen.

Drei Bilder zur Standortbestimmung und zum Warming-Up: Der Leiter wählt drei verschiedene Bilder nach dem Zufallsprinzip aus. Diese werden für alle Teilnehmer kurz gezeigt und dabei nicht kommentiert. Nun gehen die drei Karten reihum zu jedem Teilnehmer. Dieser sucht sich die treffendste Karte für seinen momentanen Zustand aus und erläutert, warum er heute diese Karte gewählt hat. Diese Methode bringt momentane Befindlichkeiten, Konfliktsituationen, Stressmomente oder Highlights meist gut ans Licht, wenn die Bildauswahl entsprechende Möglichkeiten bietet. Darum sollte man bei der Wahl der Bilder auf die eigene Intuition hören und nach positiv-neutral-negativ auswählen.

Türen: Eine Auswahl von Tür-Fotos wird ausgelegt und dient als Impuls für eine Abschlussrunde/Reflexionsrunde. Jeder Teilnehmer erläutert anhand seines gewählten Türbildes, welche Tür er wählt, um hinauszugehen (aus dem Seminar/dem Raum/der Veranstaltung) und was er dabei mitnimmt bzw. zurücklässt. Er kann ebenso erläutern, warum er ein bestimmtes Türbild gewählt hat und was er damit verbindet. (Beispiel Türen aus: Gut, Jimmy/Kühne-Eisendle, Margit: Bildbar – 100 Methoden zum Arbeiten mit Bildern und Fotos im Coaching, Training, in der Aus-und Weiterbildung, Therapie und Supervision. Bonn 2014, S. 52 f.). Die Methode ist sehr gut geeignet, um einen moderierten Abschluss mit einer Feedbackrunde zu finden, bei dem jeder Teilnehmer etwas beitragen kann.

Die Arbeit mit Bildern kann in sehr unterschiedlichen Gruppen und auch Klassen eingesetzt werden. Sie ist schnell verfügbar, wirkungsvoll und lockert Gesprächssituationen auf, die vielleicht sonst eher steif und gewollt wirken. Die Teilnehmer erhalten eine sehr gute Möglichkeit, sich zu öffnen, wenn sie dies wollen. Sie können sich aber auch zurückhalten, ohne dass es verschlossen oder abweisend wirkt. Damit stellt die Arbeit mit Bildern eine Bereicherung des methodischen Repertoires dar, die man schnell und leicht ausprobieren kann.

Claudia Omonsky

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