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Benotung individuell gestalten

3 Modelle für eine differenzierte Leistungsbewertung

Gerade im Bereich SoPäd differieren die Voraussetzungen der Schüler/-innen enorm. Mit gleichen Tests lassen sich keine fairen Noten erreichen. Wie lässt sich dieses Dilemma lösen? Darum geht es in diesem Beitrag. 

Benotung individuell gestalten: 3 Modelle für eine differenzierte Leistungsbewertung Schüler/-innen differenziert bewerten © Vitalii Vodolazskyi - stock.adobe.com

Kennen Sie diesen Cartoon? Ein Affe, ein Pinguin, ein Elefant, ein Goldfisch im Glas, eine Robbe und ein Hund stehen vor einem hohen Baum. Ihr Lehrer sagt: „Um eine faire Entscheidung zu treffen [sic!] muss jeder von euch die gleiche Prüfung ablegen: BITTE KLETTERT AUF DEN BAUM!“

Schöner kann man das Dilemma inklusiven Unterrichts in einer Schule, die alle Schülerinnen und Schüler über denselben Leistungskamm schert, nicht auf den Punkt bringen. Eine solche Leistungsbewertung ist zutiefst ungerecht, da sie die unterschiedlichen Voraussetzungen, die die Kinder und Jugendlichen mitbringen, völlig außer Acht lässt.

Individuelles Lernen – normierte Kompetenzerwartungen

Genau darin sieht auch Barbara Irrgang, ehemalige Grundschullehrerin im Vorstand des Grundschulverbands in NRW, einen „Grundwiderspruch“ der Unterrichtspraxis, der „durch die Inklusion zum ausgewachsenen Problem werden könnte“: „Jahrzehntelang“ wurde „überwiegend frontal und für alle Schüler weitgehend gleich der Unterricht ‚abgehalten‘“, schreibt sie in der Zeitschrift „Grundschule aktuell“. Heute jedoch gelte in allen Fächern „die Maxime, jeden Schüler individuell zu fördern“ (ebd.). Das scheitere aber bis heute daran, dass „die Bewertung immer noch vom individuellen Lernen abgekoppelt“ sei (ebd.). Und das ist frustrierend und demotivierend – vor allem für die Kinder und Jugendlichen, die aufgrund ihrer Lernvoraussetzungen normierte Kompetenzerwartungen nicht erfüllen können.

Doch wie kann eine individuelle Bewertungspraxis aussehen, die den Spagat zwischen differenzierter Leistungsbewertung und normierten Kompetenzerwartungen zumindest annähernd hinbekommt? Der folgende Beitrag stellt Ihnen drei Modelle für differenzierte Klassenarbeiten vor, die sich im Schulalltag in vielen Bundesländern bereits bewährt haben.

Klassenarbeiten differenzieren: das Grundprinzip

Bei der differenzierten Lernstands-Erfassung bekommen die Kinder ein Aufgabenangebot mit

  1. grundlegenden Anforderungen und
  2. weiterführenden Anforderungen.

Jedes Kind wählt sich daraus die Aufgaben aus, die seinem Leistungsstand entsprechen. Damit unterstützen Sie vor allem die „schwächeren Schülerinnen und Schüler“, denn diese können „zunächst im Bereich der Grundanforderungen Sicherheit (...) erwerben“. Außerdem vermeiden Sie damit, dass die schwächeren „durch den Vergleich mit leistungsstärkeren Kindern zu ‚Versagern’ (...) werden. (Vgl. dazu den lesenswerten Beitrag „Klassenarbeiten: differenziert!“ des Dortmunder Mathematikdidaktikers Prof. Dr. Christoph Selter auf der Website pikas.dzlm.de). 

1. Das Spaltenmodell

Beim Spaltenmodell ist die Klassenarbeit zweispaltig angelegt. Links stehen die Aufgaben mit grundlegenden Anforderungen, rechts vergleichbare Aufgaben, die den Kindern neben den grundlegenden auch noch höhere Anforderungen abverlangen. Die Schüler und Schülerinnen können sich nun bei jeder Aufgabe wieder neu entscheiden, ob sie die einfachere oder die anspruchsvolle Version bearbeiten möchten.

2. Das Sternchenaufgaben-Modell

Dieses Modell ist auch als Fundamentum-Additum-Modell bekannt. Dabei enthalten die ersten zwei Drittel der Klassenarbeit Aufgaben mit grundlegenden Anforderungen, während das letzte Aufgaben-Drittel weiterführende Ansprüche an die Prüflinge stellt. Wenn die Kinder die basalen Aufgaben sehr gut bewältigen und damit zwei Drittel der Gesamtpunktzahl holen, „entspricht das als Zensur der Note ‚befriedigend’“ (pikas-Beitrag, S. 1, Link s. o.), schreibt Christoph Selter. 

Problematisch sei jedoch, dass gerade schwächere oder langsamer arbeitende Kinder „nach zwei Dritteln der Arbeit aufhören, da sie denken, dass die folgenden Aufgaben für sie ohnehin zu schwierig sind oder sie keine Zeit mehr haben“ (ebd.). Bei manchen Kindern fehle es auch an der erforderlichen Konzentrationsfähigkeit, beobachtet der Mathematik-Didaktiker. 

In seinem Fach hat sich da ein „modifiziertes Sternchenaufgaben-Modell“ bewährt: Er schließt die Sternchenaufgabe einfach direkt an: Wenn die Kinder die ersten beiden grundlegenden Aufgaben gut hinbekommen, wagen sich mehr von ihnen an die schwierigere Sternchenaufgabe.

3. Aufgaben-Wahl-Modell

Hierbei dürfen die Kinder aus einem Pool von unterschiedlichen Aufgaben auswählen, zum Beispiel sechs von neun Möglichkeiten. Der Vorteil für die Kinder: Sie dürfen „die Aufgaben, die sie besonders gerne machen oder leicht lösen können, wählen“, während sie die eher unliebsamen „abwählen“ können, schreibt Christoph Selter. Die Punkteverteilung kann entweder für alle Aufgaben gleich sein oder differieren. Die unterschiedlich erreichbaren Punktzahlen müssen den Kindern jedoch unbedingt „vorab transparent gemacht werden“ (ebd., S. 5). Als Lehrkraft sehen Sie hier, welche Aufgaben die Kinder bevorzugt auswählen und womit sie eher Schwierigkeiten haben bzw. wo erhöhter Übungsbedarf besteht.

Auch differenzierte Klassenarbeiten wollen geübt sein

Christoph Selter schildert in seinem Beitrag schon einige Schwierigkeiten bei der praktischen Umsetzung von differenzierten Klassenarbeiten (vgl. dazu seinen Beitrag, ab S. 4):

  • Manche Kinder überlegen zu lange bei der Aufgabenauswahl und kommen dann mit der Zeit nicht hin.
  • Beim Spaltenmodell trauen sich einige zu wenig zu und wählen automatisch die leichtere, linke Spalte.
  • Bei anderen hapert es an der Leseflüssigkeit bzw. am Leseverständnis.
  • Wieder andere „entscheiden sich ‚willkürlich‘“ (ebd.), weil ihnen gar nicht klar ist, „worin die Schwierigkeitsunterschiede bestehen“ (ebd.).

Er schlägt daher vor, dass die Lehrkraft die Aufgaben vor der Auswahl kurz durchspricht. Leseproblemen könnten Probearbeiten oder auch „der Einsatz prinzipiell bekannter Aufgabenanforderungen“ entgegenwirken. Und die Kinder, denen es an Selbstvertrauen für die schwierigeren Aufgaben fehlt, sollte die Lehrkraft gezielt „dazu ermuntern“, immer mal auch anspruchsvollere Aufgaben zu wagen.
Mehraufwand? Halb so wild im Team!

Klar, dass solche differenzierenden Klassenarbeiten Ihnen als Lehrkraft einiges an Mehraufwand abverlangen: Schließlich müssen Sie wesentlich mehr Aufgaben vorbereiten, die dann auch noch jeweils einem bestimmten Anforderungsniveau entsprechen müssen. 

In jedem Fall ist es in puncto differenzierte Leistungsbewertung sinnvoll, mit den Kolleginnen und Kollegen an einem Strang zu ziehen und sich peu à peu einen Pool von Übungs- und Prüfungsaufgaben aufzubauen, der für alle verfügbar ist. Vielleicht findet sich im Kollegium ja eine „Taskforce“ Leistungsdifferenzierung zusammen, die dann direkt die besten Webangebote sichtet und sammelt: Für den Mathematikunterricht bietet die Website pikas.dzlm.de eine ganze Menge an „Stoff“ für heterogene Lerngruppen. Und auch hier in Ihrem Lehrerbüro finden Sie eine Vielzahl von differenzierenden Texten und Aufgaben für alle Schularten, Jahrgangsstufen und Fächer.

Martina Niekrawietz


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