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Schulwechsel sanft gestalten

Inklusion: Die Grundschulzeit ist aus und du bist raus!

Durch den Schulwechsel nach der vierten Klasse ist für viele Kinder das gemeinsame Lernen vorbei. Besonders eines macht ihnen Angst. Was das ist und wie Lehrkräfte helfen können, lesen Sie hier.

Schulwechsel sanft gestalten: Inklusion: Die Grundschulzeit ist aus und du bist raus! Trauer beim Schulabschied lässt sich mit wenigen Tipps vermeiden © Joaquincorbalan - stock.adobe.com

Beim Wechsel von der Grundschule zur weiterführenden Schule stellen sich oft schon die Weichen für die Zukunft der Schülerinnen und Schüler. Prof. Dr. Brigitte Kottmann, Sonderpädagogin an der Universität Paderborn, beschreibt diesen Übergang „als eine zentrale Gelenkstelle in der schulischen Bildungskarriere“ (vgl. dazu ihren Beitrag in: „Grenzen. Gänge. Zwischen. Welten. Kontroversen - Entwicklungen - Perspektiven der Inklusionsforschung.“ Bad Heilbrunn, 2022, S. 165).

Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF) haben bei diesem im europäischen Kontext extrem frühen Schulwechsel am meisten zu verlieren. Brigitte Kottmann beleuchtet in ihrem Aufsatz, warum das so ist und wie die Kinder sich dabei fühlen. Der folgende Beitrag fasst ihre Ergebnisse zusammen und zeigt, wie Sie als Lehrkraft (nicht nur) Ihre Inklusions-Kinder in dieser schweren Umbruchszeit stärken können.

Ein Übergang mit vielen Risiken 

Bildungsübergänge bergen für Kinder generell „ein erhöhtes Risiko, etikettiert und gegebenenfalls selektiert zu werden“. Das gilt noch viel mehr für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die überdurchschnittlich oft aus sozial benachteiligten Milieus kommen. So stammen etwa 80 bis 90 Prozent der Kinder an Förderschulen für Lernbehinderte aus Familien mit geringem Einkommen (vgl. dazu hier die Zusammenfassung einer Studie der Bertelsmann Stiftung zum Thema „Inklusion in Deutschland“). Sie sind oft quasi schon von (Eltern-)Haus aus bildungsbenachteiligt. Der Übergang birgt für sie die Gefahr „vom Gemeinsamen Lernen [=inklusiven Unterricht] (...) ausgeschlossen und einer Förderschule zugewiesen zu werden“, so Brigitte Kottmann in ihrem oben verlinkten Beitrag (S. 165). Und weil „der Anteil der inklusiv beschulten Kinder und Jugendlichen“ tatsächlich ab der fünften Klasse „deutlich nachlässt“, bezeichnet sie den Übergang 4–5 als „(Soll-)Bruchstelle des Gemeinsamen Lernens“ (ebd.).

Institutionelle Benachteiligung der Kinder mit SPF

Dass die Kinder mit SPF beim Übergang 4–5 oft besonders benachteiligt sind und ihre Wahlmöglichkeiten gegen Null gehen, erläutert Brigitte Kottmann am Beispiel Nordrhein-Westfalen: Hier fällt die Vorentscheidung praktisch bereits nach Klasse 3, wenn die Schulämter abfragen, „bei welchen Kindern in der Klasse 5 mit einem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung zu rechnen ist“. Direkt danach würden auch schon auf Verwaltungsebene „die Bedarfe, Ressourcen und Förderorte geklärt“, so Kottmann (ebd., S. 166). Kindern „mit formal festgestelltem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung“ haben dann laut Schulministerium zwar Anspruch auf die Aufnahme in die „wohnortnächste Schule der gewünschten Schulart, an der Gemeinsames Lernen eingerichtet ist“, die Kinder und Eltern dürfen bei der Schulwahl jedoch in der Regel nicht mitentscheiden. „Das vermeintliche Recht des Kindes auf sonderpädagogische Förderung“ wiege folglich „höher als das elterliche und kindliche Interesse an einer wohnortnahen, gut erreichbaren Schule, (...) sowie dem persönlichen Wohlbefinden des Kindes durch den Erhalt von Peer-Beziehungen“, kritisiert Brigitte Kottmann (ebd., S. 167). Oft würde den Kindern eine Schule vorgeschlagen, an die kein anderes Kind wechselt, an der sie niemanden kennen. – Eine enorme Belastung für die Kinder, die sich praktisch ohne Peers und vertraute erwachsene Bezugspersonen ganz allein in einer Situation zurechtfinden müssen, in der alles neu ist: der Schulweg, die Mitschülerinnen und Mitschüler, die Lehrkräfte, die Räumlichkeiten, die Organisation des Schultages usw.

Wie sehen die Kinder den Übergang 4–5?

Diese Frage kommt nach Auffassung vieler Sonderpädagoginnen und -pädagogen viel zu kurz. Brigitte Kottmann startete deswegen ein Forschungsprojekt, bei dem die Perspektive der Jungen und Mädchen im Fokus stand. Bei einer ersten Befragung mit „einer überschaubaren Stichprobe“ von 83 Viertklässlern, wovon 7 einen ausgewiesenen SPF hatten, wollte sie wissen, mit welchen Emotionen die Kinder dem Schulwechsel entgegensehen:

  • Alle Kinder freuten sich überwiegend auf die neue Schule, wohl, weil „mit dem Übergang auch ein Imagewechsel verknüpft“ ist und sie „dann ‚zu den Großen‘“ gehören.
  • Auf die Frage „nach dem schulischen Wohlbefinden“ auf einer Skala von 1 bis 10 gaben 64 Prozent 8–10 an. 
  • 32,5 Prozent äußerten allerdings „ein weniger ausgeprägtes Wohlbefinden und 15,7 % weniger Vorfreude“.
  • Nahezu ein Drittel der Kinder stimmte der Aussage „Ich habe Angst vor dem Wechsel“ zu („stimmt“) oder weitgehend zu („stimmt ziemlich“).
  • Die Aussage „Ich möchte vor allem mit meinen Freundinnen und Freunden zusammenbleiben“ bejahten 72,3 Prozent der Gesamtgruppe und 100 Prozent (!) der Kinder mit SPF. Überhaupt zeigte die Befragung, dass „vertraute Gesichter einen hohen Stellenwert haben“, so Brigitte Kottmann (ebd., S. 169).
  • Denn auch ihre Lehrerinnen und Lehrer würden die meisten Kinder, 67,5 Prozent der Gesamtgruppe, am liebsten behalten. Bei denjenigen mit SPF ist dieser Wunsch mit noch ausgeprägter: Hier möchten sich 85,7 Prozent (praktisch alle bis auf ein Kind) nicht von ihrer Lehrerin trennen. 

„Wie geht es dir mit dem bevorstehenden Schulabschied?“

Der Schulwechsel ist für die meisten Ihrer Schülerinnen und Schüler in den letzten Wochen der Grundschulzeit das alles beherrschende Thema. Gut wäre es, wenn dieses Thema immer wieder im Unterricht aufgegriffen wird. Als Aufhänger könnte eine kleine Befragung mit ein paar einfachen Fragen dienen: Wie geht es dir gerade? Mit wem sprichst du über den Schulwechsel? An welche Schule würdest du gerne wechseln? Worauf freust du dich in der neuen Schule? Wenn du drei Wünsche frei hättest, was würdest du dir von der neuen Schule wünschen? Wen oder was wirst du in der alten Schule am meisten vermissen? Wenn du an den Schulwechsel denkst, wie fühlst du dich dann? usw.

Durch diese Befragung, die Sie auch immer wieder einmal mit unterschiedlichen Aspekten an den Anfang einer Stunde stellen könnten, bekommen Sie ein Stimmungsbild Ihrer Klasse. Sie sehen, wo die Kinder Hilfe und Unterstützung brauchen und welche Aspekte dabei besonders wichtig sind. Auf der anderen Seite spüren die Kinder, dass sie mit ihren Gefühlen und Wünschen gesehen und ernst genommen werden. 

Die Kinder begleiten, Selbstwirksamkeit fördern

Gesehen und ernst genommen werden ist ein erster Schritt. Dazu gehört natürlich auch, den Kindern zu vermitteln, dass es völlig okay und ganz normal ist, wenn ihnen der bevorstehende Übergang Sorgen bereitet, sie verunsichert oder Ängste auslöst. Sich diese Gefühle bewusst zu machen und sie auszuhalten ist eine echte Herausforderung.

Einigen Unwägbarkeiten und Ängsten, die mit dem Schulwechsel verbunden sind, kann man auch aktiv entgegentreten, indem man mit der neuen Schule auf Tuchfühlung geht. Sobald feststeht, auf welche Schule die Kinder wechseln, könnte man einen Begegnungs-Tag in der neuen Schule vereinbaren. Dabei könnten die Kinder schon einmal die neuen Lehrkräfte kennenlernen, die Räumlichkeiten besichtigen, für ein oder zwei Stunden in den Unterricht „hineinschmecken“ oder auch schon Mitschülerinnen und Mitschüler treffen, die später für die „Neuen“ eine Patenschaft übernehmen. Vielleicht besteht ja auch vonseiten der aufnehmenden Schule der Wunsch, solche Schnuppervisiten zu verstetigen und auf diese Weise für einen etwas „sanfteren“ Übergang für alle Beteiligten zu sorgen.

Wie auch die Befragung von Brigitte Kottmann ergeben hat, belastet die Kinder besonders der Abschied von den Peers. Hier könnte man mit den Kindern nach Möglichkeiten suchen, Freundschaften und die Verbindung zueinander trotz des Wechsels auf verschiedene Schulen aufrecht zu erhalten, z. B. 

  • einen festen monatlichen Freundschaftstag implementieren,
  • Freundesgruppen mit coolen Namen in Messengerdiensten (Signal etc.) einrichten,
  • gemeinsame Ausflüge in den Ferien planen,
  • Termine für Treffen in der alten Schule vereinbaren,
  • ein gemeinsames Sport- oder Party-Event planen usw.

Die Kinder erleben dadurch, dass sie dem Abschiedsschmerz nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern aktiv dazu beitragen können, dass die Situation für sie erträglicher wird – ein tolles Gefühl!

Die Resilienz der Kinder stärken 

Zu diesem wichtigen Thema haben Psychologen an der Leuphana-Universität Lüneburg einen umfangreichen Material-Pool entwickelt: das sogenannte MindMatters-Programm, das bereits bundesweit viele Schulen nutzen. Die Unterrichtskonzepte für den förderpädagogischen und den Primarbereich finden sich im Ordner „Gemeinsam(es) Lernen mit Gefühl“ (im Folgenden abgekürzt mit GLmG): Der Artikel „Eine Schule zum Wohlfühlen für alle“ hier im Lehrerbüro stellt Ihnen das ganzheitliche Programm vor, das nicht nur die sozial-emotionalen Kompetenzen der Kinder stärkt, sondern auch auf die Entwicklung einer „guten gesunden Schule“ zielt. Vielleicht arbeiten ja auch manche der aufnehmenden Schulen Ihrer Schülerinnen und Schüler bereits mit diesem Programm – das wäre schon einmal ein möglicher Anknüpfungspunkt für einen schulübergreifenden Eisbrecher-Tag in den letzten Wochen des Schuljahres.

Inklusions- und transitionssensible Strukturen schaffen

Im Interesse einer inklusiven Schulentwicklung sollten 

  1. Kinder und auch ihre Eltern stärker bei der Übergangsentscheidung partizipieren, 
  2. die „negativen Auswirkungen des Übergangs“ verringert werden, besser noch
  3. „gänzlich“ abgeschafft werden, 

fordert Brigitte Kottmann in Ihrem oben verlinkten Beitrag (S. 170). Den Übergang abschaffen – das liegt natürlich nicht in der Hand der einzelnen Lehrkraft. Und auch eine echte Partizipation von Eltern und Kindern müsste erst einmal auf Landes- bzw. Schulverwaltungsebene gewollt und umgesetzt werden – derzeit beides nicht in Sicht. Das einzige, was Sie tun können, ist, die Eltern beim Übergang 4–5 dort zu beraten, wo Erziehungsberechtigte mitentscheiden dürfen. Das könnte zum Beispiel im Rahmen eines Elternabends sein, bei dem Sie mit den Eltern auch gleich über die emotional belastende Ausnahmesituation sprechen können, in der ihre Kinder gerade stecken. Indirekt hilft auch das den Kindern, wenn ihre Eltern verstehen, was sie gerade beschäftigt und was sie brauchen: Verständnis und Liebe. 

Martina Niekrawietz


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