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Schüler/-innen aus den Kriegsgebieten beschulen

Ukrainekrieg: Konflikten in der Klasse vorbeugen!

Was passiert, wenn Sie die ersten Flüchtlinge in Ihrer Klasse unterrichten? Das kann Konflikte mit sich bringen. Wie können Sie als Lehrkraft damit umgehen? Hier erhalten Sie Tipps für die Praxis.

Schüler/-innen aus den Kriegsgebieten beschulen: Ukrainekrieg: Konflikten in der Klasse vorbeugen! Konflikte als Folge vom Krieg lassen sich vermeiden © Antipina - stock.adobe.com

Jugendliche aus den Kriegsgebieten haben es in der gegenwärtigen Situation nicht leicht. Diejenigen mit ukrainischen Wurzeln erleben, wie von einem Tag auf den anderen nichts mehr ist, wie es war: Es herrscht Krieg und damit Verwüstung, Tod und Leid. Viele verlieren Verwandte und ihre Heimat und müssen fliehen.

Auch für Schülerinnen und Schüler mit russischem Hintergrund ist die Situation nicht einfach, berichtet Hendrik Haferkamp. Er unterrichtet an einer Schule in Gütersloh, wo es relativ viele Schülerinnen und Schüler mit russischem Hintergrund gibt. Sie seien in eine „defensive Haltung“ geraten, erzählt der Lehrer in einer Expertenrunde der Robert-Bosch-Stiftung zum Thema „Über den Ukrainekrieg reden“. Einerseits sei da „ein bisschen Scham“, andererseits hätten sie „Angst, ausgegrenzt zu werden“. Er habe daher „sehr deutlich angesprochen“, dass auch diese Kinder oder Jugendlichen „Opfer des Krieges sind“.

Wie können Sie als Lehrkraft möglichen Konflikten vorbeugen? Die Praxistipps im folgenden Beitrag helfen Ihnen bei dieser Herausforderung.

Bullying verhindern!

Auch der Kinder- und Jugendpsychologe Julian Schmitz nimmt an der Expertenrunde der Robert Bosch Stiftung teil (Link s. o.). Er rät, man sollte verstärkt aufpassen, dass Schüler und Schülerinnen mit russischem Background nicht „Ziel von Ausgrenzung und Bullying werden“. Mobbing kann sehr subtil ablaufen. Doch manchmal ist es auch mehr als offensichtlich. Das kann so weit gehen, dass Opfer bespuckt oder sogar mit Müll beworfen werden. Ein solches Bullying geht natürlich nicht.   

Genau hinsehen und differenzieren!

Das ist das Gebot der Stunde. Wichtig ist es in diesem Zusammenhang auch, sich in puncto Wortwahl zu sensibilisieren, rät der Journalist Mirko Drotschmann, ein weiterer Teilnehmer der Expertenrunde: Nicht etwa „die Russen“ oder „Russland“ greifen die Ukraine an, sondern – richtiger – „die russische Armee“. Doch selbst diese Aussage trifft nicht wirklich zu, da anscheinend einige der russischen Soldaten und Soldatinnen noch nicht einmal wussten, dass sie in einen Krieg ziehen und nicht nur eine militärische Übung absolvieren müssen. Viele von ihnen weigern sich auch offenbar, gegen die ukrainische Bevölkerung vorzugehen, was einer Desertation gleichkommt. Auch in der Zivilbevölkerung protestieren viele Russen und Russinnen gegen Putins Krieg und bringen sich damit selbst in größte Gefahr.

Sind „Konflikte im Klassenraum vorprogrammiert?

Schon jetzt sind die ersten geflüchteten ukrainischen Familien mit schulpflichtigen Kindern in Deutschland eingetroffen. Wenn dann ukrainisch- und russischstämmige Kinder und Jugendliche im Klassenraum aufeinandertreffen, könnten zwischen beiden Lagern Konflikte aufkommen. Wie können Sie als Lehrkraft damit umgehen? Klaus-Peter Hammer von der GEW Rheinland-Pfalz gibt dazu im SWR praktische Empfehlungen:

Bei Jugendlichen sei es sinnvoll, „den Krieg (...) im Politik- oder Geschichtsunterricht zu thematisieren und zu analysieren“.
Im Unterricht mit Kindern könne es „hilfreich sein“, sich dem sensiblen Thema über einschlägige Kinderbücher oder mit einem Friedenslied oder -gedicht zu nähern.
Seitens der Lehrkraft ist „Fingerspitzengefühl“ gefragt, etwa wenn verschiedene Emotionen wie Scham, Wut oder Angst aufkommen. „Das Leid und die persönliche Betroffenheit kann man durchaus thematisieren, und sollte es auch tun“, so Hammer.
Gut informiert sein und sachlich diskutieren

Bei „erkennbaren Spannungen“ wegen „differenter Sichtweisen“ solle man „sachbezogen reagieren“. Unterschiedliche Positionen sollte man „gemeinsam beleuchten und diskutieren“ – OHNE „moralische Überheblichkeit der einen oder anderen Seite“(ebd.).

Wie das gehen kann, zeigt beispielhaft das ein-minütige Video „Warum Putin Soldaten in die Ukraine schickt“. Es erklärt in leichter Sprache und mit einfachen Illustrationen die Beweggründe Putins für den Einmarsch in die Ukraine: Es beginnt mit dem kalten Krieg zwischen dem westlichen Bündnis um Amerika und den Staaten des Warschauer Pakts. Als dann Ende 1991 die Sowjetunion und damit der Warschauer Pakt auseinanderbrach, bestand die NATO weiter, und das westliche Bündnis nahm viele ehemalige Staaten des Warschauer Pakts auf. Die NATO wuchs und wuchs. „Fachleute sagen, der russische Präsident Putin fühlt sich dadurch immer stärker bedroht“, so die Erklärung, er wolle „verhindern, dass noch mehr Länder aus der ehemaligen Sowjetunion bei der NATO mitmachen und die NATO so noch größer und mächtiger wird.“ Außerdem fühle er sich noch immer als Chef derjenigen Länder, „die mal zur Sowjetunion gehört haben“, so die Einschätzung der Fachleute. Sie glaubten auch, Putin wünscht sich wieder mehr Macht und mehr Mitbestimmung in der Welt.

Trotzdem: Die meisten westlichen Kommentatoren und politischen Sachverständigen sehen in diesem Krieg eindeutig Putin als Aggressor, und das darf und muss auch benannt werden. Die große Brutalität seines Vorgehens lässt sich durch nichts rechtfertigen, und selbst langjährige Putin-Versteher/-innen sehen den Autokraten gegenwärtig in einem ganz neuen Licht.

Medienkompetenz fördern

Die „Informationskanäle“, die die Kids bzw. ihre Familien nutzen, spielen eine wichtige Rolle. Es gibt ja zahllose Beispiele für gezielte Desinformation in den Staats- und sozialen Medien durch Russland. Und auch eine unabhängige Berichterstattung durch freie, unabhängige Medien in Europa ist durch das neue Mediengesetz aus Moskau fast gar nicht mehr möglich. Vor diesem Hintergrund ist es schwierig, „das Geschehen einzuordnen und zu ‚bewerten‘“, wie es Jochen Ring, der Pressereferent des Philologenverbands Rheinland-Pfalz, fordert (ebd.). Trotzdem ist es wichtig, mit Blick auf kontroverse Sachverhalte auch die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Sie könnten ihnen z. B. seriöse Alternativen zu den oft tendenziösen oder gefakten News in den einschlägigen Bubles vermitteln, wie die russisch-sprachigen Nachrichtenangebote von WDR und Deutscher Welle.

Tradierte Konflikte vs. reale Konflikte

Neben einer differenzierten Sicht wirkt es gerade bei kulturell tradierten Konflikten auch immer entschärfend, wenn die Kinder und Jugendlichen verstehen und verinnerlichen, dass sie selbst ja gar keinen realen Konflikt mit den Kindern und Jugendlichen der jeweils anderen Seite haben. Besonders eindrücklich lässt sich das übrigens am Beispiel von Israelis und Palästinenser/-innen mit einer Unterrichtseinheit zum Film „Kaddisch für einen Freund“ vermitteln.

Martina Niekrawietz


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