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Intensiver Förderbedarf

Die Würde behinderter Menschen respektieren

Schüler im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung haben intensiven Förderbedarf. Es ist gerade im oft anstrengenden Alltag wichtig, die Würde dieser Menschen zu achten und sie mit Respekt zu behandeln.

Intensiver Förderbedarf: Die Würde behinderter Menschen respektieren Auch Schüler im Förderbereich Geistige Entwicklung haben Wünsche und Bedürfnisse im Unterricht, die man ernst nehmen sollte © philidor - Fotolia.com

Viele Schüler im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung weisen einen stark erhöhten Förderbedarf in unterschiedlichen Bereichen auf, sodass wir von intensivem Förderbedarf oder auch schwerer Behinderung sprechen. Sie fordern uns als Lehrkräfte in besonderer Weise heraus, passende und meist hoch differenzierte Lernangebote zu machen. Immer wieder fühlen sich Kollegen davon aber auch überfordert, denn aus den förderdiagnostischen Beobachtungen müssen sinnvolle, zeitnahe und sehr individuelle Lernaktivitäten entwickelt werden. Meist gibt es dazu nur sehr wenig Literatur oder gar Materialien. Viele Angebote werden eigenständig entwickelt, um sie an die Themen der Gesamtgruppe mit anbinden zu können. Das stellt sicher, dass der individualisierende Unterricht für diese Schüler nicht zu stark in eine Vereinzelung führt und die soziale Angebundenheit an die Klasse gewährleistet bleibt. „Das Konzept der Teilhabe meint das Einbezogensein einer Person. Es geht um den Zugang zu den Lebensbereichen, ausgerichtet an den Wünschen und Bedürfnissen des Einzelnen.“ (Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, Unterricht und Förderung von Schülern mit schwerer und mehrfacher Behinderung, München 2010,  S. 35)

Konfliktträchtig: hoher Bedarf an Einzelzuwendung

Die gemeinte Schülerschaft ist sehr heterogen, es gibt nicht d e n Schüler mit intensivem Förderbedarf. Die schwere Behinderung betrifft immer die ganze Person und ist eine Mehrfachbehinderung. Sie ist oft mit Krankheitszuständen verbunden und braucht in der Regel lebenslange pflegerische Hilfe. Oft können die Vitalbedürfnisse nicht oder nur eingeschränkt selbst erfüllt oder sogar signalisiert werden. Daher besteht neben der oben beschriebenen Fachlichkeit in der Unterrichtsplanung auch ein hoher Bedarf an Einzelzuwendung und Anpassung der Umgebung. Bei den vielfältigen Aufgaben der Lehrkräfte an Förderzentren fällt es manchmal leider schwer, diese Einzelzuwendung, die passende Lernzeit und die Optimierung der Umgebung bereitzustellen.

Auch das Verhalten mancher Schüler mit intensivem Förderbedarf stellt zudem eine sehr hohe Anforderung an die Geduld der Lehrkräfte. „Es sind die betreuenden Personen und Lehrer, die an ihre Grenzen des Verständnisses, des Einfühlungsvermögens und der Kommunikationsfähigkeit stoßen“ (Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, Unterricht und Förderung von Schülern mit schwerer und mehrfacher Behinderung, München 2010,  S. 38). Die Konflikthaftigkeit dieser Situation liegt auf der Hand.

Literaturtipp:

Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, Unterricht und Förderung von Schülern mit schwerer und mehrfacher Behinderung, München 2010

Bedürfnisse und Wünsche aller Beteiligten berücksichtigen

Das Nachdenken über die grundsätzlichen Bedürfnisse und Wünsche aller Beteiligten kann helfen, sich wieder etwas mehr auf die Asymmetrie und damit verbundenen Verantwortung in der Beziehung Lehrkraft — Schüler mit intensivem Förderbedarf zu besinnen. Die dahinter liegenden zwischenmenschlichen Werte mögen auf den ersten Blick sehr hochgegriffen klingen. In ihrer ganz alltäglichen, pragmatischen Betrachtung werden sie wertvoll und greifbar für den täglichen Umgang miteinander und die Art der Begegnung von Mensch zu Mensch.

Artikel 1 Grundgesetz „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ — das geht uns wie selbstverständlich von den Lippen. Wie kann dies für den Schüler mit intensivem Förderbedarf konkretisiert werden, um für den Alltag Bedeutung zu erfahren?

Das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung Bayern (ISB) formuliert und konkretisiert acht pädagogische Leitsätze, die sich aus dem Artikel 1 GG ableiten lassen (vgl. Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, Unterricht und Förderung von Schülern mit schwerer und mehrfacher Behinderung, München 2010):

  1. „Jeder Mensch hat ein Recht auf die Sicherung seiner vitalen Grundbedürfnisse“: Das bedeutet, dass der Bedarf an Pflege hinsichtlich Essen, Trinken, Bewegungs- und Lagerungsangebote wie auch Hygiene angemessen erfüllt wird.
  2. „Jeder Mensch verdient Respekt und Wertschätzung“:  Mit diesem pädagogischen Leitsatz achten wir die Würde des Menschen mit Behinderung beispielsweise im Bereich der Hygiene und Intimsphäre. Die Wahrung privater Grenzen wie auch der respektvolle Umgang innerhalb derer ist für die Begleitpersonen handlungsleitend.
  3. „Jeder Mensch hat das Recht auf Kommunikation“: Angemessene und altersgemäße Ansprache, das passende Kommunikationsmittel wie auch die Akzeptanz der geäußerten Wünsche und Bedürfnisse stehen hier im Vordergrund. Die Begleitpersonen sprechen mit und nicht über den Menschen mit Behinderung.
  4. „Jeder Mensch braucht Beziehungen und Einbindung in die Gemeinschaft“: Menschen mit Behinderung sollen sich nicht als beständige Last erleben müssen. Sie werden als selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft anerkannt und erhalten angemessene Aufgaben, mit denen sie einen Beitrag leisten können, der sie in das Miteinander integriert — in der Klasse, der Familie und anderen Teilbereichen der Gesellschaft.
  5. „Jeder Mensch möchte sein Leben aktiv und selbstbestimmt mitgestalten“: Allzu leicht übernehmen die Begleitpersonen unbewusst jegliche Verantwortung für den Menschen mit Behinderung und entmündigen ihn damit ein Stück weit. Jeder möchte die Möglichkeit haben, selbst zu wählen, nicht alles Fremdbestimmte akzeptieren zu müssen und in den eigenen Entscheidungen respektiert zu werden.
  6. „Jeder Mensch möchte in seiner Individualität akzeptiert werden“: Die Übernahme von Verantwortung und Fürsorge führt manchmal leicht dazu, dass die eigenen Wertvorstellungen und Normen übertragen werden. Je schwerer die Behinderung einen Menschen trifft, umso mehr ist er darauf angewiesen, dass man seine eigenen Wünsche, Rhythmen und Vorlieben erkennt und akzeptiert.
  7. „Jeder Mensch hat das Recht, auf seine Weise zu lernen“: Schüler mit Behinderungen benötigen wie alle Schüler die passenden Lernangebote, um sich gut weiterentwickeln zu können. Um die passenden Angebote zu finden und entsprechend machen zu können, bedarf es einer sehr guten individuellen Diagnostik und Förderung. Es reicht nicht aus, den Schüler im sozial-emotionalen Umfeld integrieren zu können, er soll die Möglichkeit zum Lernen und Wachsen erhalten.

Claudia Omonsky

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