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Freie Wahl der Arbeit

Elemente der Montessoripädagogik im FS Geistige Entwicklung

Offene Lernformen, Freiarbeit — es gibt sehr viele moderne Unterrichtsansätze und Methoden, um der immer größer werdenden Heterogenität in einer Klasse gerecht werden zu können. Elemente der Montessoripädagogik lassen sich gut im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung integrieren.

Freie Wahl der Arbeit: Elemente der Montessoripädagogik im FS Geistige Entwicklung Je früher die Freiarbeit als Methode eingeführt wird, umso leichter gelingt die Verankerung im Schulalltag © bowcordes - Fotolia.com

Die Freiarbeit hat inzwischen einen festen Platz im Unterricht erhalten, wird  jedoch jeweils völlig unterschiedlich umgesetzt. Manchmal ist gar Vorsicht geboten, damit der Begriff der „Freien Wahl der Arbeit“, wie ihn Maria Montessori geprägt hat, nicht in einer Wahllosigkeit im Angebot von Lernmaterialien endet.

Montessori meint mit der Freien Arbeit nicht den grenzenlosen Umgang mit willkürlich herangezogenem Material, sondern vielmehr das Agieren innerhalb eines systematisch vorgegebenen Orientierungsrahmen. „Hilf mir, es selbst zu tun“ ist ihr bekannter Leitspruch und der Grundgedanke ihrer Pädagogik (vgl. Maria Montessori, Kinder sind anders, dtv Verlag München, 1988, S. 14 ff.). Die Lehrerin führt die Lernmaterialien nach und nach ein, zeigt den sachgerechten Gebrauch und überlässt dann lediglich die Auswahl des konkreten Materials innerhalb dieses Lernfeldes dem Schüler.

Kleinschrittigkeit und Entflechtung

Im Sinn der Kleinschrittigkeit und Entflechtung braucht es für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung manche Modifizierung und Anpassung, um dieser Vorstellung nahe zu kommen. Denn sonst wäre die Freiarbeit im engeren Sinn häufig eine Überforderung. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit Modifizierungen gemacht, die sich zunächst auf jeweils nur ein Unterrichtsfach beschränken. So werden in der Freiarbeitsphase beispielsweise erst einmal nur Materialien aus dem Fach Mathematik angeboten, keine Mischung aus Mathematik, Deutsch und Sachunterricht. Erst wenn die Schüler damit sehr gut umgehen können, kann man eine Ausweitung auf weitere Fächer in Betracht ziehen.

Die anthropologische Grundhaltung einer Lehrkraft hierzu unterstellt größtmögliche Achtung, Wertschätzung und Vertrauen zum Schüler als „Meister seiner selbst“. Hier ist weise Zurückhaltung der Lehrperson gegenüber den individuellen Entwicklungsfortschritten gemeint. Dafür benötigt die Lehrerin genaue Kenntnis der kindlichen Entwicklung, genaue Beobachtungsgabe, Feinfühligkeit und pädagogisches Geschick.  

Vorbereitete Umgebung

Eine Besonderheit der Montessori-Pädagogik stellt die sogenannte Vorbereitete Umgebung dar. In diesem Bewegungs- und Erlebnisraum darf der Schüler aktiv werden und kann grundlegende Erfahrungen gewinnen. Die Umgebung soll einfach sein und den Maßen eines Kindes angepasst werden, sodass es sich frei darin bewegen kann, ohne einen Schonraum zu erhalten. Das bekannte Lern- und Entwicklungsmaterial Montessoris dient dann zur Erschließung der Umwelt. Es gliedert sich in fünf Bereiche auf, die jeweils eine bestimmte Hauptaufgabe verfolgen. Das Material ist sehr stark strukturiert und in sich geordnet.

Die fünf Bereiche im Montessori-Material:

1. Übungen des täglichen Lebens Hauptaufgabe Bewegung
2. Sinneserziehung Hauptaufgabe Wahrnehmung
3. Sprache Hauptaufgabe Verständigung
4.  Mathematik Hauptaufgabe Ordnung
5. Kosmische Erziehung Hauptaufgabe Verantwortung

(vgl. Ingrid Geßlein, Skript zur Montessori-Ausbildung, Marktbreit 1999)

Im Laufe der Zeit wurden dem Material zahlreiche heilpädagogische Varianten und Übungsformen hinzugefügt. Dies bereichert einerseits die Palette an Möglichkeiten hinsichtlich der Übungsbreite, hilft aber auch dabei, länger auf einem Übungsniveau zu verweilen und dabei trotzdem Varianten anbieten zu können (vgl. Omonsky, Claudia/Seidel, Bettina: Lernpalette Mathematik. Buxtehude 2012, 5. Aufl.).

Heilpädagogisches Ergänzungsmaterial

Mit heilpädagogischem Ergänzungsmaterial können unterschiedliche Förderschwerpunkte besonders gut einbezogen werden. Die Fördermöglichkeiten sind aufgrund der systematischen Grundstruktur besonders im Bereich der Wahrnehmungsförderung herausragend. Für die Sonderpädagogik besteht durch die Weiterentwicklung von Ergänzungsmaterial ein stärker lebensbedeutsamer Bezug, der dem Originalmaterial in seiner ursprünglichen Form fehlt, da Montessori in der Regel nur ein einzelnes Merkmal pro Material geübt hat.

Viele sonderpädagogische Unterrichtsprinzipien finden sich im Vergleich auch in den Montessori-Prinzipien wieder. Insbesondere die Handlungsorientierung, Differenzierung und Individualisierung, aber auch die Rhythmisierung und das vielsinnige Lernen scheinen als Kerngedanken auch im Montessori-Material auf (vgl. Akademie für Lehrerfortbildung Dillingen, Materialgeleitetes Lernen. München 1993, S. 9 ff.).  

Insofern hilft die Montessori-Pädagogik mit ihrem Leitprinzip der Freien Wahl der Arbeit als methodische Grundüberlegung auch gut weiter, wenn es um Fragen der gemeinsamen Beschulung und Inklusion geht. Die Nutzbarmachung der Montessori-Prinzipien als methodisches Vorgehen für einen individualisierenden Unterricht ergänzt und erweitert andere bewährte Unterrichtskonzepte und ermöglicht so einen zeitgemäßen und effektiven Unterricht.

Einstieg in die Freiarbeit

Damit der Einstieg in die Freiarbeit gut gelingt, sollte man einige Erfahrungswerte berücksichtigen:
Überlegungen zur pädagogisch-didaktischen Gestaltung: Je früher die Freiarbeit als Methode eingeführt wird, umso leichter gelingt die Verankerung im Schulalltag. Hierbei empfiehlt es sich, mit kurzen Zeitabschnitten zu beginnen, zum Beispiel mit einer Vorviertelstunde, einer kurzen Einheit nach dem Morgenkreis oder nach der Pause. Erst dann können die Schüler auch längere Zeitabschnitte wie ganze Schulstunden in Freiarbeit bewältigen.

Auf geeignete Unterrichtsstunden kann evtl. bereits in der Stundenplangestaltung Rücksicht genommen werden. Hierzu ist ein Gespräch mit der Schulleitung nötig. Auch der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen über Fragen der Ausstattung von Lehr- und Lernmitteln, der Nutzung von Räumen wie auch der kooperativen Zusammenarbeit innerhalb der Methode ist hilfreich. Informieren und aktivieren Sie auch die Eltern. Eine grundsätzliche Zustimmung und sogar Mithilfe bei der Erstellung von Materialien wirkt sich sicherlich positiv auf den Bezug zur Elternschaft aus.

Gestaltung des Klassenzimmers

In der Gestaltung des Klassenzimmers gilt es einige grundsätzliche Entscheidungen zu treffen. Wenngleich die Regale und Ordnungssysteme bei Montessori offen sind, so bietet sich dies im sonderpädagogischen Bereich nicht immer an – je nach Förderbedarf ist es wesentlich besser, geschlossene Schränke zu nutzen, um möglichst wenig Zusatzreize bzw. Wahrnehmungsinformationen zu haben.

Die Aufbewahrung des Materials in durchsichtigen oder sehr markanten (unterschiedlichen) Behältern hat sich bewährt. Beschriften Sie diese mit Schwarzschrift und mit einem kleinen Gegenstand, der auf den Inhalt der Box hinweist (sog. Verweiser). So können sich auch nichtlesende Schüler selbstständig im Regal orientieren.

Der Klassenraum sollte bestimmte funktionale Ecken aufweisen, in denen unterschiedliche Lernangebote stattfinden, zum Beispiel Leseecke, Forscherecke, Lernregale usw. Halten Sie stets einige freie Flächen offen, um Schülerarbeiten gut ablegen oder um zeitweise bestimmtes Material ausstellen zu können. Ein runder großer Teppich zeigt eine symbolische Mitte an, in der alle Gemeinschaftsaktivitäten stattfinden. Er dient auch als Arbeitsfläche und Begrenzung.

Erfahrungsmaterial für die Kinderhand

Das Montessori-Material ist Erfahrungsmaterial für die Kinderhand. Die Schüler lernen nach und nach, angemessen damit umzugehen. Das Herrichten und Wegräumen wie auch der sachgerechte Umgang mit dem Einzelmaterial wird jeweils mit allen Schülern eingeschult und geübt. Da jedes Material nur einmal vorhanden sein soll, ermöglicht es die Selbsttätigkeit der Schüler mit gleichzeitigem kooperativen Austausch. Im Umgang mit den Materialien finden die Schüler zu Konzentration und Geschicklichkeit.

Die Schüler sollten einige grundlegende Arbeitstechniken beherrschen. Es fällt Schülern oft schwer, sich für ein Material zu entscheiden, sodass die Lehrkraft zunächst nur aus zwei auswählen lassen kann. Erst im Lauf der Zeit kann ein Schüler dann aus einem reichhaltigeren Angebot selbstständig auswählen.

Das Herrichten und Aufräumen des Arbeitsplatzes wie auch das Auf- und Rückbauen der Aufgaben sollte zuverlässig geübt werden. Schüler mit Störungen der Handlungsplanung bzw. Dyspraxie benötigen hier besondere Schulung und differenzierende Hilfen, um die übertragenen Aufgaben zuverlässig erfüllen zu können. Nicht nur, weil das Herstellen des Materials eine sehr arbeitsaufwendige und teils auch kostenintensive Angelegenheit ist, werden Sie als Lehrkraft Augenmerk auf den sachgerechten und pfleglichen Umgang legen. So lernen die Schüler auch eine Kultur der Mitverantwortung für ihre Umwelt.

Wenn Sie die Aktivitäten und Ergebnisse der Schüler in der Freiarbeit ernst nehmen, schaffen Sie eine Atmosphäre der Wertschätzung. Genaues und regelmäßiges, ehrliches und konstruktives Feedback verhelfen langfristig zu Lernerfolg und Lernfreude.

Claudia Omonsky

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