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Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung

Kriterien für gute Freiarbeitsmaterialien

Im Förderbereich Geistige Entwicklung kommt es besonders stark auf gutes Unterrichtsmaterial für die Freiarbeit an. Die Materialien müssen mehrere, aufeinander aufbauende Kriterien erfüllen, um dem Leistungsniveau und den Lerntypen der Schüler gerecht zu werden.

Förderschwerpunkt  Geistige Entwicklung: Kriterien für gute Freiarbeitsmaterialien Schönes Material wirkt auf die Schüler enorm anziehend und hat einen großen Aufforderungscharakter © Woodapple - Fotolia.com

„Ich muss noch Material vorbereiten“, stöhnen viele Kollegen im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Da es sehr wenig fertiges Material zu kaufen gibt, ist es immer wieder notwendig, passendes und didaktisch anspruchsvolles Material selbst zu entwerfen bzw. zu gestalten. Und hier ist es oft nicht damit getan, ein einzelnes Material zu entwickeln, sondern ganze Lerntheken oder Stationenarbeiten mit unterschiedlichen Aufgabenformaten. Wie kann ich als Lehrkraft sicher sein, dass das von mir bereitgestellte Material den Ansprüchen ans Lernen gerecht wird?

Offene Lernformen wie Lerntheke, Freiarbeit oder Stationenarbeit verlangen vom Lehrer eine besonders genaue Passung an die Bedürfnisse und Lernvoraussetzungen der Schüler, um den individuellen Förderansprüchen zu genügen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Lehrkraft selbst kreativ werden muss. Was ist bei der Herstellung und dem Einsatz von sogenanntem Freiarbeitsmaterial zu beachten?

Der Begriff Freiarbeitsmaterial stammt aus der Montessori-Pädagogik: Maria Montessori versteht unter der „Freien Wahl der Arbeit“ nicht ein wahlloses Angebot und einen planlosen Umgang mit vielerlei Materialien. Vielmehr gibt sie mit dem Freiarbeitsmaterial dem Schüler einen Orientierungsrahmen, innerhalb dessen er experimentieren und frei bestimmen kann (vgl. Maria Montessori, Kinder sind anders, München, 1988, S. 14 ff.).

Kleinschrittiges und übungsintensives Vorgehen

Notwendige Modifizierungen und Entflechtung für den Förderschwerpunkt geistige Entwick-lung ermöglichen ein kleinschrittiges und übungsintensives Vorgehen (vgl. Artikel Omonsky, Elemente der Montessoripädagogik im FS Geistige Entwicklung, Lehrerbüro). Dies ist auch nötig, um die natürliche Streubreite innerhalb einer Klasse unterrichtlich richtig versorgen zu können. Ein genauerer Blick auf die Struktur- und Entwicklungsprinzipien des Montessori-Materials helfen uns, didaktisch ansprechendes Material selbst zu kreieren.

Innere Ordnung — anschaulich und handlungsorientiert

Das Material gehorcht einer inneren Ordnung. Im Sinn des anschaulichen und handlungsorientierten Lernens ermöglicht es dem Schüler dadurch, zu mehr „innerem Geordnetsein“ (M. M., Kinder sind anders, München 1988, S. 20 f.) zu gelangen. Dies gelingt vereinfacht gesprochen durch die Entwicklung der Sinne und die Entwicklung der Bewegung. Beide Aspekte verhelfen auf längere Sicht zur Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit im sozialen Dialog — ein Hauptziel auch in der Sonderpädagogik.

Äußere Ordnung deutlich machen

Das Material gehorcht neben der inneren auch einer äußeren Ordnung. So sollen die Materialien einen bestimmten Platz im Regal finden und in Reichweite sein. Es empfiehlt sich, die Aufbewahrungsbehälter zu beschriften und mit kleinen Verweisern zu versehen, zum Beispiel einen für diese Aufgabe typischen Gegenstand außen aufzukleben. So finden auch nicht-lesende Schüler die richtige Box. Entgegen des üblichen Ordnungssinns ist es wesentlich praktikabler, ungleiche Behälter und möglichst verschiedenartige Boxen und Schachteln zu verwenden, um das Auffinden zu erleichtern. Hilfreich sind auch solche, die durchsichtig sind und eine Ahnung über den Inhalt zulassen.

Montessori-Material: vier grundlegende Eigenschaften

Bei Montessori folgt die Logik des Materials vier grundlegenden Eigenschaften, die wir für jegliche Art selbsterstellten Materials angewendet haben und für sehr erfolgreich halten:

  1. Ästhetik im Material wirkt — nicht nur auf Schüler — enorm anziehend. Der Aufforderungscharakter von schönem Material ist jedem von uns bekannt. Tatsächlich ist es gar nicht so einfach, bei selbsterstelltem Material den Ansprüchen und Sehgewohnheiten unserer Zeit gerecht zu werden. Es hat sich gezeigt, dass Schüler mit sehr ästhetischem Material besonders sorgsam umgehen. Es wirkt einfach harmonisch in Farbe und Form und vermittelt eine bestimmte wertvolle Qualität, die anregt, gut damit umzugehen. Schüler lernen so den pfleglichen und behutsamen Umgang mit Dingen. Der Lernaspekt wird durch die sehr sorgsame Herstellung ebenfalls besonders deutlich. Ästhetisches Design erlangt leichter unsere Auf-merksamkeit, der haptische Eindruck wirkt wesentlich präziser, und die Genauigkeit in der Handhabung wird durch eine passgenaue Ausführung besonders spürbar.
  2. Das Material soll Aktivität auslösen und dem Tätigkeitsdrang der Schüler angemessen sein. Gut gestaltetes Material bietet Handlungsmöglichkeiten in verschiedener Hinsicht. Es reicht nicht aus, das Material nur ansehen zu können — es soll tatsächlich mehr sein als Anschauungsmaterial. Dieser beinahe banal klingende Punkt wird besonders wichtig, wenn es bei einfach strukturiertem Material darum geht, mehr als eine Handlungsmöglichkeit bieten zu können. Die Unterrichtsprinzipien der Schüleraktivierung und Handlungsorientierung stehen hier im besonderen Fokus.
  3. Begrenzung: Jedes Material ist in der Regel nur einmal vorhanden. Dafür benötigen die Schüler zuerst Einsicht in unterschiedliche Umgangsweisen mit verschiedenen Aufgabentypen. Diese werden nach und nach eingeführt (Klammerkarten, Quiz, Fragebogen, Arbeitsblatt, Schreibaufgaben, Leseaufgaben, Materialaufgaben usw.). Die Kompetenzen zur Bewältigung des Grundtypus sollten gut erarbeitet sein, damit die Schüler je nach Unterrichtsfach später möglichst selbstständig damit arbeiten können. Ein Aspekt dabei ist, dass die Schüler sich abstimmen und einigen müssen, wer das Material wann erhält. So wird das soziale Lernen mitbegünstigt, ohne gezielt von einer erwachsenen Bezugsperson beeinflusst zu werden. Es stellt allerdings an den Lehrer auch die Aufgabe, stets für eine ausreichende Übungsbreite zu sorgen, das heißt genügend Aufgaben bereitzustellen. Dies ist oft mit enormer Vorberei-tungszeit verbunden. Es gilt einen Mittelweg zu finden zwischen Arbeitsökonomie und pädagogischer Zielsetzung.
  4. Fehlerkontrolle ist für jede Art von Feedback außerordentlich wichtig. Wir meinen, dass die Lehrerkontrolle grundsätzlich nicht ersetzt werden kann und die Lehrkraft letztlich immer die Ergebnisse aller Schüler im Blick haben muss. Ob man dennoch eine Selbstkontrolle mit in die Materialgestaltung aufnimmt, hängt von der Leistungsfähigkeit der Schüler ab und sollte genau erwogen werden. Denn manchmal erarbeiten sich Schüler leichter Strategien, um mit der Selbstkontrolle zu Ergebnissen zu gelangen, als dass sie die eigentliche Anforderung bewältigen können. Es liegt dann in der Übersicht der Lehrkraft, den wirklichen Lernerfolg richtig feststellen zu können. Unstrittig ist der Wert echter und eingeübter Selbstkontrolle, wenn die Schüler damit angemessen umgehen können.

Lernniveaustufen berücksichtigen

Die vier Kriterien können uns helfen, Materialien sinnvoll selbst zu entwickeln. Natürlich muss der jeweilige fachdidaktische Lernaspekt eines bestimmten Materials daneben ebenfalls berücksichtigt werden. Wir haben es darüber hinaus auch als sehr zielführend erlebt, die verschiedenen Lernniveaustufen der Lernpsychologie zu berücksichtigen. Jerome Bruner formuliert drei Repräsentationsstufen:

  • Auf der enaktiven Stufe erfasst man einen Sachverhalt durch die eigene Handlung bzw. das tatsächliche Objekt. Unterrichtlich ist ein reales Material oder ein realgetreues Modell, das man wirklich in die Hand nehmen kann, hier unersetzlich.
  • Die ikonische Stufe dient zur Erfassung einer bildlichen Darstellung. Im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung werden hier je nach Leseniveaustufe auch unterschiedlich komplexe Darstellungsformen gewählt.
  • Die symbolische Stufe hilft bei der Erfassung von Sachverhalten über Zeichen und Symbole (vgl. Guy R. Lefrancois: Psychologie des Lernens, 4. überarb. u. erw. Aufl., Heidelberg 2006).

Wird der Unterricht möglichst vernetzt stets auf diesen drei Niveaustufen geführt und mit Material geleitet, so zeigt er sich erfahrungsgemäß gut an die Lerntypen angepasst und daher wirkungsvoll. Daher bietet die Verknüpfung von realem Material mit den entsprechenden Arbeitsblättern und Versprachlichungen eine aus unserer Sicht hilfreiche Mischung, um alle Lerntypen einer Klasse gut ansprechen zu können. In der Freiarbeitsphase werden demnach bei weitem nicht nur Arbeitsblätter bearbeitet. Die Verknüpfung von handelndem Tun mit Versprachlichung bzw. Verschriftlichung kann ein Schlüssel für erfolgreiche Freiarbeitsphasen sein.

Der Umgang mit dem Material wie auch die Vermittlung der didaktischen Absicht wird im engen Dialog zwischen Lehrer und Schüler geführt. Die Lehrkraft leitet zum richtigen Umgang an. Begriffsbildung und Tätigkeit, Handlungsplanung und Übersicht, Sorgfalt und Lernfreude werden nicht allein durch die Materialien vermittelt. Es soll also nicht vergessen werden, dass der gute pädagogische Bezug hierbei eine sehr große Rolle spielt, sodass gutes didaktisches Material eine wichtige, aber nicht d i e wichtigste Sache ist.

Claudia Omonsky

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